1.

Der Turm

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Diese verdammten Kopfschmerzen! Sie waren nun schon seit Monaten da und schienen einfach nicht nachzulassen. Ganz im Gegenteil... Sie wurden immer stärker. Micha konnte sich kaum noch konzentrieren – weder auf seine Arbeit noch auf seine Umgebung. Alles wurde immer mehr zu einem grauen Einerlei. Der Himmel war grau. Die Pflanzen waren grau. Sogar die Menschen waren grau – grau und gesichtslos. Alle gleich und sie murmelten pausenlos die selben Worte. „Such den Turm. Such den Turm...“

Der Turm. Jede Nacht träumte er von ihm. Jede Nacht sah er an dem großen schwarzen Bauwerk empor, das übermächtig in den wolkenverhangenen Sternenhimmel ragte. Doch wo oder was dieser Turm eigentlich war, wusste er nicht. Er tippte auf einen alten Industrieschornstein, war sich aber nicht sicher. Es war allerdings auch unwichtig, was der Turm war. Das Wo war um einiges interessanter, doch hatte Micha in diesem Punkt keine blasse Ahnung. Er wusste weder von so einem Turm in der Umgebung noch wie er den Turm aus seinen Träumen finden könnte. Diese Frage beschäftige ihn Tag und Nacht. Er war überzeugt, dass der Turm real war und dass er ihn unbedingt finden musste. Nur wie? Er konnte einfach nicht mehr richtig denken. Diese verfluchten Kopfschmerzen!

Micha starrte verzweifelt auf seine Tastatur. Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, wobei er sich die Schläfen rieb.

„Sie sehen gar nicht gut aus. Wollen Sie nicht lieber nach Hause fahren? Sie sehen so aus, als würden Sie was ausbrüten.“

Was auch immer sein Chef da gerade gesagt haben mochte, Micha hatte nur „Gehen Sie! Suchen Sie den Turm!“ verstanden.

Seine Augen brannten. Er musste den Turm finden. Dann würde es ihm besser gehen. Micha griff nach seinem Autoschlüssel und schlurfte auf den Parkplatz. Es regnete in Strömen, doch das nahm er gar nicht wahr. Es war einfach nur grau. Wie immer. Er stieg in sein graues Auto, das eigentlich blau war. Fuhr durch das graue Tor, das eigentlich rot war, und auf der grauen Straße zur dunkelgrauen Autobahn.

Seine Augen tränten. Alles verschwamm zwischen Tränen, Regen und den Scheibenwischern, die hektisch über die Frontscheibe huschten.

So gut wie blind raste Micha über die nassen Straßen. Viel zu schnell, doch die Straßen waren leer. Niemand unterwegs. Nur er.

Es wurde immer dunkler. Wie lange fuhr er überhaupt schon? Völlig egal. Er kam dem Turm näher. Er spürte es. Nur der Turm zählte. Alles andere war egal.

Der Regen ließ nach. Doch die Wolken blieben. Da! Gleich war er da! Michas Herz schlug wie wild vor Euphorie. Gleich war die Suche vorbei.

Diese Hochgefühl, dieses Glück als er das Auto auf einer zugewachsene Zufahrt zum Stehen brachte und ausstieg. Die Luft war klar und frisch. Er atmete tief durch. Gleich würde alles in Ordnung kommen.

Micha eilte dem Turm entgegen. Nur noch fünfzig Meter. Gleich! Er stolperte. Noch drei Meter. „In der Realität ist er viel höher,“ dachte Micha.

Nun stand er direkt davor. Er berührte den kalten Backstein, aus dem der Turm erbaut worden war. Dann schaute er hinauf und sah wie die Metallsprossen im schwachen Licht glänzten. Hinauf! Genau, da musste Micha hin. Nur zum Turm reichte nicht. Er musste hinauf damit alles Gut werden würde. Er erklomm langsam die Sprossen. Nur noch wenige Augenblicke musste er durchhalten.

Je näher er der Spitze kam, desto windiger wurde es. Doch Micha kletterte unbeirrt weiter. Nur noch wenige Zentimeter. Seine Hände griffen über den Rand. Endlich! Er war oben.

Zufriedenheit und Ruhe machten sich in ihm breit. Endlich! Micha breitete die Arme aus. Jetzt war alles Gut! Seine Augen leuchteten, als er sich kopfüber in die Tiefe stürzte.