Teil 1 | Kapitel 1 | Charlotte

Aus der Zeit gefallen - Thórsteinn vs. Charlotte Teil 1

Teil 1 | Kapitel 1 | Charlotte

Links, rechts. Links, rechts. Links, rechts. Die Scheibenwischer zucken über die Frontscheibe, exakt im Gleichtakt mit dem aggressiven Beat, der aus den Lautsprechern schreit und die Türverkleidungen zum Vibrieren bringt. Doch so heftig die Gummilippen auch gegen den strömenden Regen da draußen anwischen, sie versagen kläglich im Kampf gegen die Schlieren vor meinen Augen –Tränen vermögen sie nicht wegzuschieben.

»Now, that you are gone«, kreischt die Stimme des Leadsängers, und ich brülle seine Worte mit, während ich mit den Fingern aufs Lenkrad trommele. »I finally realize that you were the goddess of my life.«

Gut, der Blick in den Rückspiegel auf mein verheultes Gesicht, das im Licht der vorüberhuschenden Straßenbeleuchtung von Fleckeby kurz aufleuchtet wie die Fratze eines Gespenstes, beweist mir, dass ich das schiere Gegenteil einer Göttin bin: Der streng geschnittene, lackschwarz gefärbte Bubikopf mit violetten Strähnen bemüht sich vergeblich, meine Pausbacken zu kaschieren, auch wenn Mums Edel-Coiffeur diese Wirkung noch so heftig beteuert hat. Und so verrotzt und rotgeheult wie ich im Moment aussehe, hasse ich den Anblick der viel zu kleinen Stupsnase noch mehr als sonst, die mitten in der Katastrophe prangt, die mein Gesicht darstellt.

Ich presse die Lippen aufeinander. Immerhin, ich habe Schluss gemacht, nicht er. Und auch wenn ich, wie ich gerade feststellen musste, kein bisschen von einer Göttin habe, zu hoffen, dass er sich in den Allerwertesten beißt, weil er mich verloren hat, wird man ja wohl noch dürfen!

›Kosel 1 km‹ steht auf dem Straßenschild, das im Licht meiner Scheinwerfer grellgelb aufleuchtet, ich haue den linken Blinker rein und bremse den Mini runter. Kaum abgebogen, jage ich das Auto in den 3., 4. Gang hoch, nur um vor dem Ortsschild erneut auf 50 km/ h zu verzögern. Nicht, dass hier irgendjemand nachts um halb zwölf unterwegs wäre, erst recht nicht, wenn es wie aus Eimern schüttet – aber so sterbenslangweilig, wie ich nun einmal bin, kann ich nicht einmal dann eine Geschwindigkeitsübertretung begehen, wenn es keine Sau juckt!

Da vorne ist auch schon das letzte Haus von Kosel. Auf der freien Strecke gebe ich Gas, und augenblicklich schiebt sich jener Anblick vor mein inneres Auge, der Schuld daran trägt, dass ich mitten in dieser komplett verregneten Juninacht auf der Flucht bin: Aleks’ nacktes, im grellen Licht meiner LED-Taschenlampe fahl aufleuchtendes Hinterteil.

›Wie kannst du die mitnehmen, Charly?‹, ertönt sein vorwurfsvolles Tadeln in meinem Kopf. ›Die ist nicht mal ansatzweise zeitgerecht!‹

Fast schaffe ich es, mich über seine Spitzfindigkeit aufzuregen, doch dann sehe ich wieder, wie sein blankgezogener Arsch sich in rhythmischen Bewegungen über dem beneidenswert schlanken Körper meiner besten Freundin Konstanze abrackerte.

Meiner vormals besten Freundin, korrigiere ich mich und trete das Gaspedal noch ein Stück weiter durch. Die liebe Maike hat schlussendlich doch recht behalten: Ich passe einfach nicht in die hanseatisch-kühle Gesellschaft, weder zu Aleks mit seinem Reenactment-Fimmel, dem zu Liebe ich in dem elendig schweren Kettenhemd stecke, dessen Glieder bei jeder Lenkbewegung leise klirren, noch zu Konstanze, die mit ihren Modelmaßen und dem unaufgeregten Stilgefühl viel eher als Mums Tochter durchginge als ich.