1 Sonntag - Kurz vor Sonnenaufgang

Deadmoon #my2018

1 Sonntag - Kurz vor Sonnenaufgang

Der kahlköpfige Constable verschränkte die Arme über dem ausladenden Bauch und sah mich mit hochgezogener Braue an. Er wirkte wie ein Mann, der bereits alles gesehen hatte und den nichts mehr überraschen konnte. Der jüngere Kollege stand mit grimmigem Gesicht in der Tür und füllte den Rahmen fast vollständig aus. Er hatte die Beine gespreizt und hielt die Hände neben dem Gürtel, in dem Schlagstock und Dienstwaffe steckten. Wie ein Cowboy, der sich zum Duell aufgestellt hatte. Sein Blick war abweisend, beinahe feindselig, wofür es meiner Meinung nach keinen Grund gab. Tapfer verdrängte ich die Panik, die mich überkommen wollte, seit die beiden hereingekommen waren. Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln.

»Ich war das nicht!«

Der Hausmeister schnaubte. »Diese Blutsaugerin lügt. Sie hat ihren Freier getötet.«

»Was?«, rief ich. »Also, hören Sie mal, ich bin doch keine … und das ist auch nicht mein, äh, … Freier. Was erlauben Sie sich eigentlich!«

Offenbar teilte der ungepflegte Portier meine Empörung nicht, denn er funkelte mich siegessicher an, als wäre der Fall für ihn bereits geklärt. »Trotzdem ist er tot.«

»Ich war das nicht«, wiederholte ich, obwohl ich mir nicht hundertprozentig sicher war.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, wie ich dorthin gelangt und was vergangene Nacht passiert war – geschweige denn, warum zum Kuckuck ein nackter Toter im Bett hinter mir lag! Blankes Entsetzen hatte mich nach dem Aufwachen gepackt und ich hoffte noch immer, dass alles nur ein Scherz war. Ein ziemlich misslungener, zugegebenermaßen. Sicherlich würde sich alles schnell aufklären und ich konnte nach Hause gehen.

»Sonst war ja keiner hier«, sagte der Hausmeister, der mir zusehends unsympathischer wurde. »Ich hab euch selbst die Schlüssel gegeben. Dir und diesem unschuldigen jungen Mann. Eine Schande ist das! Verfluchte Blutsauger.«

»Nun hören Sie schon auf, mich immer so zu nennen!«, blaffte ich ihn an, auch wenn so ein Benehmen sonst nicht meine Art war.

Mit einem unguten Gefühl blickte ich dem dicklichen Polizisten hinterher. Er hatte eine fachmännisch teilnahmslose Miene aufgesetzt und inspizierte erst das Zimmer mit dem abgenutzten Achtzigerjahre Mobiliar und danach das angrenzende Badezimmer. Was er da zu finden hoffte, erschloss sich mir nicht. Der Hausmeister sah ihm ebenfalls nach, wohingegen der Cowboy mich mit blassblauen Augen fixierte. Auch er hielt mich für schuldig. Ich räusperte mich und versuchte ein Lächeln, obwohl ich mich schrecklich fühlte und mich am liebsten verkrochen hätte. Ich sollte einen Mann umgebracht haben? Ausgerechnet ich? Allein bei der Vorstellung zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen. Ein Kunststück, da er sich seit Erscheinen der drei bereits wie ein riesiger Klumpen Eis anfühlte.

»Ich war auf meinem Junggesellinnenabschied. Ich werde nämlich nächste Woche heiraten, wissen Sie, Constable … äh …. Ich bin weder eine … eine Prostituierte, noch eine Mörderin.«

Der Hausmeister in dem speckigen Unterhemd schnaubte. Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Der dicke Polizist kam zurück. Er hatte sich ein paar Chirurgenhandschuhe angezogen und lüftete die Bettdecke, unter der der nackte Mann lag, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.

»Lassen Sie uns nachsehen … Mir scheint, als wäre der Gute friedlich einge­schlafen. Ich kann keine Spuren eines Kampfes erkennen und auch keine äußerliche Gewalteinwirkung. Ah, aber hier sind mehrere bereits verheilte und frische Biss­wunden.« Er richtete sich behäbig auf und zog das Laken mit einem Ruck ganz fort. »Oh, und da sogar noch mehr.«

Er wies zwischen die Beine des Nackten, und ich sog erschrocken die Luft ein.

»Sie denken doch nicht, dass ich das war?«

»Wer denn sonst?« Er erschien mir recht umgänglich, vor allem im Gegensatz zu seinem Clint-Eastwood-Kollegen im Türrahmen. Dennoch schien auch er keinen Zweifel daran zu hegen, dass ich diesen Mann umgebracht hatte. Ich hatte gleich geahnt, dass der Abend böse enden würde, den die verrückte Paige für mich geplant hatte. Ich, Melissa Connor, Tochter aus gutem Hause, der Vater Bürgermeister, der Bruder Priester, hatte Geschlechtsverkehr mit einem Wildfremden und wurde nun beschuldigt, ihn getötet zu haben! Was schlichtweg unmöglich war! Ich verabscheute Gewalt und kannte den Kerl nicht einmal!

»Das ist ja wohl Ihre Aufgabe, das herauszufinden, und nicht meine«, erwiderte ich. »Niemals würde ich einen Fremden dort unten … also … Nein, ich kann das nicht gewesen sein!«

Der dicke Ordnungshüter musterte mich mit gerunzelter Stirn. »Dann hatten Sie einen Komplizen? Wer war es?«

»Ich hatte auch keinen Komplizen! Hören Sie, Constable, hier muss ein Missverständnis vorliegen«, erklärte ich und bemühte mich, ruhiger zu sprechen. »Ich bin keine Prostituierte. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wie ich hierher gekommen bin. Ich war mit ein paar Freundinnen in einem Stripclub. Es war ein Scherz, den sich meine Freundin ausgedacht hat, weil ich so verklemmt bin.« Ich sah den drei Männern an, dass sie mir kein Wort glaubten, und zog nervös den Saum des Kleides hinunter.

Auch das hatte Paige ohne meine Zustimmung für mich ausgesucht. Es war knallrot, zu kurz, zu eng und viel zu tief dekolletiert. Sprich: eine Katastrophe. So wie die ganze Unternehmung.

»Anscheinend war ich dann doch betrunkener, als ich gedacht hatte«, sagte ich. »Wie auch immer, als ich aufwachte, lag dieser Mann ausgezogen neben mir. Wir haben wohl in der vergangenen Nacht … äh … Ich habe ihn auf keinen Fall umgebracht!«

»Aber Sie sind ein Vampir?«

Ich erstarrte und fuhr ertappt mit der Zunge über meine neu gewachsenen Vampirzähne.