Kapitel Eins

The Change of Everything - Lucys Reise

Kapitel Eins

Hinter mir ertönt die Musik aus den offenen Fenstern meines Autos. Heute ist 90er Jahre Tag im Radio, und ich werde nicht lang genug bleiben.

Ich gehe den staubigen Kiesweg zum See hinunter und lausche dem Knirschen, das meine Füße auf den kleinen Steinen machen. Heute ist ein schöner Tag, so einen schönen Tag hatten wir schon sehr lange nicht mehr. Meine Blicke gleiten durch die Natur, doch trotz des schönen Wetters kann ich ihr heute nichts abgewinnen. Manchmal sitze ich stundenlang zu Hause, starre aus dem Fenster und beobachte das kleine Eichhörnchen, das sich für den Winter vorbereitet. Doch heute nicht. Heute habe ich ein ganz anderes Ziel.

Von weitem kann ich die Stimmen der anderen bereits hören. Ich höre wie aufgeregt sie sind, und sie haben auch jedes Recht dazu, denn heute ist der letzte Tag, den wir als unschuldige Kinder verbringen werden. Heute ist unser letzter Tag in Freiheit, bevor wir morgen eine lange Reise zu uns selbst beginnen. Für einige ist schon seit einiger Zeit klar, für welchen Weg sie sich entscheiden werden, welches Ziel am Ende auf sie warten wird, doch nicht für alle. Für mich ergibt sich aus alldem kein Reim, ich weiß nicht, wer ich bin. Doch ich hoffe, dass ich es heute, morgen oder im Zuge meiner Reise erfahren werde.

Unten angekommen, klopfe ich mir den Staub von meinen nackten Beinen. Trotz des nahenden Endes des Herbstes, ist es heute wirklich warm, aber das muss an einem solchen Tag wohl so sein, damit wir noch einmal unsere Kindheit genießen dürfen. Ich lasse meinen Blick durch die Gruppe schweifen, natürlich sind alle da, die sich morgen ebenfalls auf die Reise begeben werden.

„Luce!“, ruft ein Mädchen in einem hellblauen Sommerkleid. Sie ist fast schon eine Frau und trägt ihr langes blondes Haar heute in Korkenzieherlocken. Niedlich sieht sie aus. Sie läuft auf mich zu und lacht, sodass auch mir das Herz aufgeht. Eigentlich hatte ich schon den ganzen Tag keine Lust auf diese Veranstaltung, aber manchmal muss man Dinge tun, die einem nicht unbedingt behagen.

„Du hast dir aber Zeit gelassen!“ Ihr Name ist Melinda und wir kennen uns schon unser ganzes Leben. Melinda ist jemand, der ganz genau weiß, wohin ihre Reise führen wird.

Ganz im Gegensatz zu mir.

„Ja, entschuldige. Ich habe mich noch an der Natur satt gesehen.“ Natürlich eine glatte Lüge. „Besonders die Bäume am unteren Wegesrand sind so herrlich. Sie…“

„Ach, jetzt hör schon auf!“, unterbricht sie mich lachend. Melinda hat sich noch nie für die Natur interessiert, aber immerhin könnte sie ja für einen kurzen Moment so tun als ob. In einer perfekten Welt würden wir uns alle mehr respektieren und akzeptieren. In einer perfekten Welt müsste ich morgen allerdings auch keine Reise antreten, sondern könnte leben wie ich möchte und müsste mich in keiner Kategorie unterordnen.

Melinda zerrt mich zu den anderen. Sie lacht und ist unheimlich ausgeglichen. So habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen, aber vielleicht ist sie auch nur so, weil sie schon entschieden hat, wohin ihre Reise geht: Melinda und Langdon werden morgen bekannt geben, dass sie füreinander bestimmt sind. Das Gremium wird dem zustimmen, da schon seit einigen Jahren alle Zeichen darauf hindeuten, dass die beiden zusammengehören. Nicht, dass ich es ihr nicht gönnen würde. Ich selbst weiß nur einfach nicht, wer ich bin und was ich will.

Mein eigentliches Ziel bestand ursprünglich darin, dass ich einmal in die Medien gehe. Ich möchte schreiben, denn das ist es, was ich am besten kann. Allerdings darf ich mich erst für einen Beruf entscheiden, wenn ich meine Reise beendet habe, denn erst dann ist entschieden, welche Berufe mir generell zur Wahl stehen.

„Du bist so abwesend. Was ist los?“ Das ist nicht mehr Melinda, das ist jemand, den ich nicht kenne. Er muss von einer anderen Schule sein, doch auch heute ist sein letzter Tag ohne aktive Grenzen. Ich schüttele den Kopf und strecke ihm meine Hand entgegen, doch er lächelt nur nachdenklich. „Mein Name ist Lucy“, sage ich. Meine Hand hängt immer noch nutzlos zwischen uns.

„Ich muss dich nicht berühren, um in deine Seele blicken zu können“, erwidert er bloß und legt seinen Kopf schief. Er hat hellblondes, fast schon weißes Haar und grüne Augen.

Ich runzle die Stirn. „Das ist aber nicht sonderlich höflich, sich nicht ebenfalls vorzustellen.“

Er lacht. Er lacht mich tatsächlich aus und geht. Er geht einfach. Einfach so, mitten im Gespräch. Ich hoffe, dass dieser Typ eine lange und qualvolle Reise erleben wird, an deren Ende kein Ziel auf ihn wartet.

Ich ärgere mich über den seltsamen Typen, und weiß gar nicht so recht wieso, und dennoch folge ich ihm. Er geht am Ufer des Sees entlang und blickt nachdenklich über das Wasser. Fast schon verfliegt mein Ärger, denn diesen Blick kenne ich nur zu gut. Ob auch er nicht weiß, wohin es ihn verschlagen wird? Ob es noch mehr verzweifelte Seelen wie mich gibt?

„Nun bist du an der Reihe, abwesend zu sein, oder?“, frage ich ihn leise und trete neben ihn, den Blick nicht vom See abgewandt.

Er seufzt und blickt zu mir herunter. „Weißt du, dass du ganz schön nerven kannst? Ich kenn dich nicht mal und du folgst mir unaufhörlich.“

„Unaufhörlich?“ Jetzt bin ich doch wieder verärgert. „Entschuldige mal, aber du hast mich zuerst angesprochen und ich… du sahst so einsam aus.“

„Ich und einsam?“ Er lacht wieder. Warum lacht er eigentlich ständig? Vielleicht hat er es doch nicht so schwer wie ich. „Ich begebe mich morgen auf eine lange Reise. Da werde ich vermutlich sehr einsam sein, doch jetzt bin ich umgeben von vielen jungen und wunderhübschen Menschen. Wie kann ich da einsam sein?“

„Man kann mitten in einer Gruppe stehen und dennoch einsam sein. Das ist die schlimmste Art von Einsamkeit“, zitiere ich einen bekannten Autor.

Er beugt sich langsam zu mir herunter und blickt mir dabei in die Augen. Ganz sanft flüstert er mir ins Ohr: „Erkenne ein Kompliment, wenn es dir gegeben wird.“ Dann zwinkert er mir zu und lässt mich stehen, schon wieder. Verwundert schüttele ich erneut den Kopf. Es gibt also auch seltsame Figuren in unserem Jahrgang.

Die anderen feiern noch immer, nun stehen sie in einem Kreis um ein Lagerfeuer herum – wann auch immer sie dieses gemacht haben – und halten Stöcke hinein. Nachdenklich gehe ich zu den anderen zurück. Eigentlich möchte ich gerne mit Melinda über alles sprechen, über den Typen von gerade eben und auch über morgen. Sie weiß nicht, dass ich nicht weiß, was ich tun soll, aber sie ist gerade viel zu beschäftigt, um mich zu beachten. Seufzend wende ich allen den Rücken zu. Ich möchte heute nichts mehr mit diesen Leuten zu tun haben, die wissen, was sie wollen. Auch wenn der Abend noch jung ist, gehe ich den Kiesweg wieder hinauf und fahre mit meinem Auto, aus dem noch immer die Musik der 1990er Jahre tönt, zurück nach Hause.

 

Ich habe in den letzten Tagen sehr viel nachgedacht über das, was uns morgen erwarten wird. Heute noch sind wir freie Wesen, doch morgen begeben wir uns auf eine Reise, um unser wahres Ich zu erkunden. Doch was ist unser wahres Ich?

Im Zuge der Vorbereitung habe ich sehr viel recherchiert und in uralten Schriften gelesen. Dabei habe ich etwas über eine Zeit gelernt, zu der alles anders war. Früher, so hieß es in den Schriften, entdeckte man seine wahre Bestimmung, seine Zugehörigkeit im Laufe des Erwachsenwerdens. Es gab keine spezielle Reise so wie heute, sondern man fand es einfach mitten im Alltag heraus. Stattdessen war es den Menschen damals wichtiger, einen passenden Beruf zu finden. Vermutlich haben wir uns genau deswegen von diesem System abgewandt und finden auf unserer Reise heraus, was wir wirklich wollen – oder besser, wen wir wirklich wollen.

Wenn ich so über unser System nachdenke, ist es eigentlich gar nicht so verkehrt. Mit Beginn des Reifetages, der morgen für uns sein wird, entdecken wir langsam und Schritt für Schritt welchen Weg wir einschlagen möchten und welches Leben auf uns warten wird. Das ist eigentlich viel besser als alles dem Zufall zu überlassen. Ich bin mir allerdings noch immer nicht ganz sicher, ob ich mich auf die Reise freue, denn ich habe keinen Schimmer, wen oder was ich lieben soll.

Kapitel Zwei