Kapitel Eins

The Change of Everything - Corins Reise

Kapitel Eins

Ich lasse meinen Wagen in eine der wenigen noch freien Parklücken rollen. Beim Einlegen der Parkbremse frage ich mich noch einmal, warum ich mich auf diese Party eingelassen habe. Der Abschied von der Kindheit? Wir sind doch schon längst keine Kinder mehr. Kurz blitzt wieder diese Idee in meinem Hinterkopf auf, ohne die anderen wieder nach Hause zu fahren, doch in meinem uralten Auto ist es viel zu warm und in einigen Hundert Metern Entfernung sehe ich den See, der eine Abkühlung verspricht.

„Mann, Corin, jetzt mach dich mal locker!“ Tony, der während der Fahrt hinter mir saß, packt mit der einen Hand fest meine Schulter und versucht mich zu schütteln, um meine verkrampfte Haltung zu lösen.

„Du musst ja kein Fan dieser Veranstaltung sein, aber der See, Musik, alle aus unserem Jahrgang... Alkohol!“ Er zwinkert mir durch den Rückspiegel zu und öffnet die Tür, um endlich aus dieser Sauna auszusteigen. Die anderen, Harvey und Jasper, tun es ihm wortlos gleich. Ich möchte sie gerade aus dem offenen Fenster heraus daran erinnern, den Bierkasten selbst mitzunehmen, aber Tony geht von alleine an den Kofferraum und nimmt ihn heraus.

„Ich komme gleich nach“, sage ich daher nur.

„Ja, ja“, antwortet er und geht mit den anderen in Richtung des Strandes, wo schon viele Jungen und Mädchen in unserem Alter versammelt sind und offenbar begeistert feiern. Dann dreht sich Tony noch einmal um: „Wenn du in zehn Minuten nicht auch da unten bist, komme ich dich holen.“

Ich nicke, was er wahrscheinlich nicht sieht, und denke: In zehn Minuten könnte ich längst über alle Berge sein, wenn ich nicht mehr hier sein wollte. Ich habe ein Auto. Du nicht.

Ich schaue noch einmal auf mein Telefon, auf dem natürlich keine Nachrichten sind. Es sind ja alle hier, und haben ihre Telefone entweder im Wagen gelassen oder irgendwo in den Sand geworfen. Ich stecke meins ins Handschuhfach und steige endlich aus.

Es tut verdammt gut, die Luft zu spüren – ich atme tief ein. Obwohl der Winter schon so nah ist, atme ich heute Sommerluft, in der nur ein Hauch von abendlicher Frische steckt. Ich mache mir nicht die Mühe, den Wagen abzuschließen, sondern mache mich auch auf den Weg zum Strand.

Aus einem der Autos dröhnt lautstark Musik. Unüberhörbar, dass heute der 90er Jahre Tag im Radio ist. Wäre das Auto nicht genauso verlassen wie die anderen, würde ich den Besitzer fragen, ob ich einsteigen darf. Vielleicht gehören wir ja zusammen, wenn kaum jemandem in unserem Jahrgang 90er Jahre Musik gefällt, uns aber schon. Wer weiß das schon. Ich frage mich, warum man die Musik in seinem Auto laufen lässt, denn ich denke, dass man da unten kaum noch etwas davon hört.

Ich nähere mich den anderen und einige winken mir zu. „Hey, Corin! Was läuft?“, wird mir von woanders zugerufen. Ich nicke, lächle allen zu und hoffe, dass sie sich zufriedengeben.

Verdammt, ich weiß nicht, was mit mir läuft. Ich gehöre in diese Gruppe und normalerweise hänge ich gern mit allen ab. Aber ich kann mit dieser Heuchelei, die heute alle betreiben, nichts anfangen.

Morgen ist unser Tag der Reife – und danach soll eine Reise für uns beginnen. Eine Reise, während der wir zu uns selbst finden sollen. Doch was, wenn wir uns selbst vielleicht schon längst gefunden haben, während der Reise aber trotzdem keine Antwort finden können?

Manche von uns finden es doof, dass uns diese Reise vorgeschrieben wird. Früher, da war das alles anders, sagen sie. Die Menschen waren frei und haben sich selbst während des Alltags oder selbst gewählten Reisen gefunden. Nun wird uns die Reise aufgezwungen. Wir wollen Freiheit!

Warum gehen wir dann heute alle zur gleichen Party? Ich nehme an, sie würden sagen: Weil wir sie selbst gewählt haben. Aber im Endeffekt machen wir heute trotzdem alle das Gleiche – Genauso, wie bei unserer Reise. Ist eines von beiden dann wirklich mehr oder weniger frei?

 

Ich gehe nah ans Wasser und setze mich in den Sand. Ich werde mich später bestimmt noch unter die Menge mischen, aber momentan brauche ich noch etwas Zeit für mich. Ich kicke die Sneakers von meinen Füßen und strecke die Beine aus, gerade so, dass das Wasser immer mal wieder an meine Fußsohlen kommt.

Ich sehe mich in alle Richtungen um und bin fasziniert, wie glücklich alle feiern. Vielleicht sollte ich nachher einfach ein Bier trinken, um auch etwas aufzutauen. Normalerweise fällt mir das nicht schwer – ich habe schon ganz andere Dinge getan.

Plötzlich läuft Basil aus der Menge heraus und in meine Richtung. Ein Mädchen geht ihm hinterher und ich frage mich, was er dieses Mal gemacht hat, damit sie ihm folgt, obwohl sie sich vermutlich nicht mal kennen. Das Mädchen ist sicher nicht von meiner Schule, Basil sehr wohl. Er war zwar nur selten an den gleichen Tagen da wie ich, aber wenn ich eines weiß, dann, dass man über ihn so gut wie nichts weiß. Es hat Jahre gedauert, bis ich überhaupt seinen Namen herausgefunden habe. Davor war er nur der komische Typ mit den weißen Haaren. Eigentlich ist er zwar blond, aber meistens sehen seine Haare völlig weiß aus. Mit den schmalen grünen Augen und dem kantigen Gesicht hat Basils Anblick fast schon etwas Einschüchterndes.

Das Mädchen tritt näher an ihn heran und sagt etwas zu ihm. Kaum jemand spricht Basil an. Gerne würde ich wissen, wer sie ist. Natürlich kann ich nicht verstehen, worüber sie sprechen, aber nach ein paar Sätzen tut Basil das, was er meistens mit anderen Menschen tut – er lässt sie einfach stehen. Doch etwas war ungewöhnlich: Bevor er ging, flüsterte er ihr etwas ins Ohr. So etwas Romantisches hätte ich Basil gar nicht zugetraut. Trotzdem ist das Mädchen jetzt wieder alleine.

Die Idee, aufzustehen und zu ihr zu gehen drängt sich in mein Bewusstsein, doch plötzlich lässt sich jemand neben mir in den Sand plumpsen.

„Hey, Corin!“, sagt Jasper und klopft mir auf die Schulter. Er streckt seine Füße auch zum Wasser hin, seine Schuhe hat er wohl schon vorher irgendwo zurückgelassen.

„Du hängst hier ganz alleine rum? Es ist echt witzig, mit den anderen.“ In Jaspers Stimme schwingt noch irgendetwas mit, doch ich glaube ihm, dass er Spaß hat.

„Ja, ja. Ich komme bald zu euch. Du weißt ja, dass ich mir von der Reise nicht viel erwarte. Dass ich dachte, dass...“ Ich spreche nicht weiter. Jasper wird schon wissen, worauf ich hinauswill.

„Ich weiß, ich weiß, aber...“ Jasper nickt, nur um wenige Augenblicke später doch den Kopf zu schütteln. „Ich meine... Abenteuer sind gut, und... Wir hatten viel Spaß, richtig?“ Ich nicke.

„Aber, Corin... Bei dieser Reise hast du nicht nur die Möglichkeit, viele andere kennenzulernen, sondern auch dich selbst und alles, was zu dir gehört. Ist das nicht total cool?“

„Ich weiß nicht“, sage ich zögernd.

„Mann, jetzt mach dir mal keinen Kopf!“ Er legt seinen Arm um mich und zieht mich etwas zu sich heran. „Natürlich vermisse ich manchmal auch, was wir hatten...“, sagt er zunächst leise. „Aber... Manchmal wird es einfach Zeit für Veränderung. Diese Reise wird bestimmt auch für dich super cool!“

Von seinem eigenen Elan gepackt springt Jasper plötzlich auf. Er dreht sich schon zum Gehen um, setzt dann aber hinzu: „Wir warten auf dich, klar?“

Ich nicke. Nachdem sich Jasper einige Meter entfernt hat, sehe ich mich nach dem Mädchen von vorhin um, aber sie ist nirgends mehr zu sehen.

Ich stehe auf und ziehe meine Schuhe wieder an. Aber nicht, um zu den anderen zu gehen, sondern um mich unauffällig zu entfernen. Das Auto, aus dem vorhin noch die Musik dröhnte, ist verschwunden.

Kapitel Zwei