Kapitel 3

Die Macht der Bücher

Kapitel 3

„Kommst du gleich mit runter in die Stadt?“

Lächelnd setzte Elisabeth sich von ihrem Bett auf und schaute zu Anja hinüber: „Nein, ich hab doch heute die Einweisung.“

„Ach ja“, nickte ihre Freundin: „Hatte ich direkt wieder vergessen. Wobei ich mich ja frage, was Frau Walkowiak dir eigentlich erzählen will, was du noch nicht weißt.“

Elisabeth zuckte mit den Schultern: „Naja, ich denke mal, vor allem so Dinge, die man von außen nicht sieht. Wie man Bücher im Computer verbucht oder zurücknimmt und so.“

Monika, die gerade selbst noch in die Lektüre eines Buches vertieft gewesen war, richtete sich träge auf: „Darfst du dann eigentlich auch außerhalb der Öffnungszeiten in der Bibliothek sein?“

„Keine Ahnung“, gab Elisabeth nachdenklich zurück: „Aber ehrlich gesagt, ich hoffe es. Ich meine, es ist eher selten wer da, aber vollkommen alleine in der Bibliothek zu sein, ist einfach magisch. Wäre super, wenn ich abends noch eine Stunde länger bleiben könnte.“

„Sollen wir dir was aus der Stadt mitbringen?“

Mit einem schiefen Grinsen schaute Elisabeth zu Anja hinüber: „Wir sind gerade eine Woche hier. Was soll ich denn bitte brauchen?“

Die schüttelte nur ihre braunen Locken: „Was weiß ich? Ich hab mal wieder Lust auf dumme Teenie-Hefte mit irgendwelchen Dating-Tests und so.“

Kichernd warf Monika einen Stift nach ihr: „Du hast immer Lust auf Teenie-Hefte.“

Gespielt beleidigt verschränkte Anja die Arme vor der Brust: „Tu bloß nicht so, du machst doch auch immer mit!“

Mit einem Blick auf die Uhr erhob sich Elisabeth von ihrem Bett und griff nach ihren Schuhen: „Ich mach mich schon mal auf den Weg. Schadet sicher nichts, wenn ich ein bisschen früher dran bin.“

Sie schnappte sich das Buch über Meerjungfrauen, das sie am Vorabend ausgelesen hatte, winkte ihren beiden Freundinnen kurz zu, die noch immer spielerisch darüber stritten, ob die Tests in Zeitschriften irgendeinen Mehrwert hatten, und verließ dann fröhlich ihr Zimmer. Sie hatte zwar damit gerechnet, dass sie als Bibliotheksassistentin ausgewählt werden würde, aber als sie vor zwei Tagen die Nachricht darüber erhalten hatte, war sie trotzdem glücklich und erleichtert gewesen.

Als sie die große Eingangshalle durchquerte, sah sie, dass eine Gruppe von Jungs aus ihrem Jahrgang sich offenbar auch gerade fertig machten, um in die Stadt zu gehen. Elisabeth ermahnte sich, nicht nach Benjamin Ausschau zu halten, doch als sie rein zufällig doch erblickte, änderten ihre Füße wie von selbst die Richtung.

„Hey“, sagte sie vorsichtig, da sie nicht wusste, ob er gerade in der Stimmung war, mit ihr zu sprechen.

„Ah, Lilly“, begrüßte er sie offen, „kommst gerade richtig. Willst du mit uns in die Stadt?“

Mit einem Mal verfluchte sie ihren Termin mit Frau Walkowiak. Es kam so selten vor, dass Benjamin von sich aus fragte, ob sie Zeit miteinander verbringen wollten, und ausgerechnet jetzt musste sie ablehnen. Mit roten Wangen schüttelte sie den Kopf: „Ne, ich bin auf dem Weg zu Bibliothek. Einweisung. Hab doch die Stelle bekommen.“

Michael, seinen besten Freund Frederick im Schlepptau, stellte sich zu ihnen: „Stimme, hab gehört, dass du dieses Jahr die Büchermaus wirst.“

Empört hob Elisabeth eine Augenbraue: „Büchermaus?“

Frederick grinste sie breit an: „Was, du kennst den Spitznamen für die Bibliotheksassistentin nicht? Ausgerechnet du?“

Elisabeth spürte, wie ihre eh schon roten Wangen noch dunkler wurden: „Anscheinend nicht.“

„Schade, dass du nicht mitkommen kannst“, meinte Michael versöhnlich, „aber die Pflicht ruft dich. Wollen ja nicht, dass du den Zorn von Walkowiak auf dich ziehst.“

Mit diesen Worten schlenderten sie lachend zur großen doppelflügeligen Tür, die aus der Eingangshalle heraus führte. Benjamin blieb bei ihr stehen, schüttelte aber missbilligend den Kopf: „Was hab ich dir gesagt, Lilly? Jeder macht sich über dich lustig, weil du diesen Streber-Job angenommen hast.“

Schwach lächelte sie zu ihm hoch: „Aber es macht mir halt Spaß. Das weißt du doch.“

Liebevoll wuschelte er ihr durch die Haare: „Ich weiß das, Lilly. Ich sag ja auch gar nichts darüber. Aber die anderen reden über dich, das siehst du doch.“

„Ich kann halt nicht aus meiner Haut. Ich will das machen, Benni. Wenn die anderen das doof finden, muss ich damit leben.“

Wieder schüttelte er nur den Kopf: „Manchmal frag ich mich, ob ich dich für deine Ignoranz bewundern soll oder mir Sorgen machen sollte.“

Unsicher zuckte Elisabeth mit den Schultern. Beides war ihr recht, doch das sagte sie ihm nicht. Es war erst ein halbes Jahr her, seit sie ihm das letzte Mal ihre Liebe gestanden hatte. Sie musste ihn nicht so schnell wieder mit ihren Gefühlen belästigen. Außerdem wirkte es nicht so, als hätte sich seine Einstellung zu ihr geändert. Sie winkte ihm zum Abschied zu, dann eilte sie davon und zur Bibliothek.

Was kümmerte es sie, dass die anderen nicht verstanden, wie sehr sie Bücher liebte? Jungs wie Michael und Frederick waren vielleicht beliebt, aber ihre Noten ließen zu wünschen übrig. Wollte sie sich wirklich an deren Niveau anpassen, nur um besser in der Stufe anzukommen? Sie hatte sich diese Frage gestellt, seit sie an das Internat gewechselt war, und sie hatte sie stets mit nein beantwortet. Immerhin ließ man sie in Ruhe. An ihrer alten Schule war sie für ihre Lernbegeisterung genug gemobbt worden.

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„Ich sehe, Sie sind überpünktlich“, begrüßte die Bibliothekarin Elisabeth mit einem breiten Lächeln.

„Ich freue mich auf meine neuen Aufgaben.“

„Das freut mich zu hören“, erwiderte Frau Walkowiak: „Da wir von nun an ein Jahr lang zusammen arbeiten werden, würde ich dir gerne das Du anbieten. Ich bin Johanna.“

Schlagartig besserte sich Elisabeths Laune: „Danke, das mache ich gerne.“

„Sehr schön. Wir fangen am besten damit an, dass ich dir die Schlüssel erkläre. Du wirst ab sofort abends immer zuschließen und aufräumen.“

Freudig folgte Elisabeth der Bibliothekarin. Sie merkte sich, welcher Schlüssel zur Haupteingangstür gehörte und wie sie den Hinterausgang, der als Notausgang diente, kurzfristig vom Alarm abkoppeln konnte, um die Außentür abzuschließen. Auch die diversen Nebenräume, die normalerweise abgeschlossen waren, weil dort wertvolle Bücher lagerten oder Papier für die Drucker, erklärte Frau Walkowiak ihr. Nur eine Tür ließ sie aus.

„Ich muss nie in den Technikraum?“, fragte Elisabeth, als sie an der Tür aus dunklem Holz vorbeigegangen waren.

„Technikraum?“

Lilly blieb stehen und deutete auf die Tür: „Sie … Du meintest du mal zu mir, dahinter liegt ein Technikraum. Du hast mir alle Räume und ihre Funktionen erklärt, außer den hier.“

Kurz meinte Elisabeth, einen dunklen Schatten auf dem Gesicht der Bibliothekarin wahrzunehmen, doch sofort war er verschwunden und das gewohnte, fröhliche Grinsen kehrte zurück: „Aber nein, was wollen wir denn da? Für die Technik sind die Hausmeister zuständig, wir ignorieren das einfach.“

Misstrauisch folgte Elisabeth der älteren Dame zurück zum Büro. Irgendwie konnte sie nicht so recht glauben, dass sich dahinter wirklich nur ein Technikraum verbarg. Nachdem sie gerade erfahren hatte, welche Schätze hinter einigen der anderen Türen lagerten, beschlich sie der Verdacht, dass in dem verbotenen Raum in Wirklichkeit außergewöhnlich wertvolle Bücher waren, von denen die Bibliothekarin niemandem etwas erzählen wollte. Oder zumindest keiner einfachen Schülerin.

Mäßig interessiert, aber dennoch aufmerksam, folgte Elisabeth den Ausführungen über das interne Buchungssystem. Dass sie stets den Barcode und Nutzerausweis einscannen musste, um Bücher ausleihen zu können, war für sie keine Neuheit Trotzdem machte sie sich fleißig Notizen zu allen Erläuterungen, um im Zweifelsfall noch einmal nachschauen zu können.

„Natürlich haben wir auch Mahngebühren“, erklärte Johanna, „aber die darfst du leider nicht kassieren. Wenn also jemand ein Buch zu spät zurück bringt, hol mich, dann kassiere ich ihn ab. Falls ich nicht da bin, machst du einen Ausdruck von seinem Benutzerkonto und notierst die Summe, die er zu zahlen hat. Glaub mir, das kommt öfter vor, als man meinen sollte.“

Elisabeth musste ein Lachen unterdrücken: „Ich glaube ja, die meisten Bücher, die zu spät zurückgegeben werden, wurden von ihren Leihern nie aufgemacht. Bei manchen meiner Klassenkameraden stapeln sich Bibliotheksbücher, aber sie wirken nicht so, als hätten sie je einen Blick reingeworfen.“

Naserümpfend stemmte die Bibliothekarin die Fäuste in die Hüften: „Na, das ist ja noch schöner. Wozu leihen sie die dann aus? Ich wünschte, ich dürfte eine schwarze Liste führen und allen, die Bücher dreimal zu spät zurückgegeben haben, die Ausleihe verweigern.“

Dazu sagte Elisabeth lieber nichts. Sie hatte selbst im Trott schon oft genug Bücher einfach vergessen und dann zu spät zur Bibliothek zurückgebracht. Sie hatte es gar nicht böse gemeint, aber manchmal gingen zwei Wochen in einem Schuljahr schneller um, als sie blinzeln konnte. Offenbar hatte die Bibliothekarin aber wirklich keine Strichliste für solche Vergehen, sonst wäre ihr wohl aufgefallen, dass ihre neue Assistentin in der Hinsicht auch nicht völlig zuverlässig war.

„Es ist gleich sieben Uhr durch, also schließen wir. Du machst das heute Abend alleine, aber ich warte hier und überprüfe danach, ob du auch an alles gedacht hast, okay?“

Begierig nickte Elisabeth. Die Aussicht, künftig jeden Abend alleine in der Bibliothek sein zu können, um alles abzusperren und wieder in Ordnung zu bringen, gefiel ihr sehr gut. Sie nahm sich den Schlüsselbund und steuerte als erstes auf die Tür, die zum Notausgang führte, zu. Mit dem Pin, den sie sich zuvor gemerkt hatte, setzte sie die Alarmanlage, die normalerweise diese Tür sicherte, außer Kraft, schloss die dahinter liegende Außentür ab und aktivierte den Alarm danach wieder. Fröhlich pfeifend kletterte sie eine Wendeltreppe zur Galerie hinauf, um zu überprüfen, ob jedes Fenster verschlossen war, ob alle Arbeitsplätze aufgeräumt und die Lampen gelöscht waren, ehe sie auf der anderen Seite eine Wendeltreppe wieder hinunter stieg. Dann bewegte sie sich durch die Regalreihen, überprüfte alle Arbeitsplätze unten und stellte sich, dass alle Nebenräume immer noch abgeschlossen waren.

Vor der Tür aus dunklem Holz blieb Elisabeth stehen. Die Bibliothekarin hatte nicht gesagt, dass sie diese Tür nicht überprüfen musste, aber irgendetwas sagte ihr, dass sie die Klinke nicht austesten sollte. Eilig warf sie einen Blick hinter sich. Vom Büro aus war sie nicht zu sehen, zu viele Regalreihen standen zwischen ihnen. Was sollte schon geschehen, wenn sie die Klinke ausprobierte? Sie machte ja nur ihren Job. Zögernd legte sie die Hand auf den edlen Türgriff.

Das Wispern, das Elisabeth schon am Anfang der Woche gehört hatte, kehrte plötzlich zurück. Mit aufgerissenen Augen starrte sie die Tür an. Das konnte unmöglich Zufall sein. Und sie konnte es auch nicht wieder auf das Rauschen des Blutes in ihren Ohren zurückführen. Es war definitiv ein Wispern, das sie hörte. Sie konnte beinahe die Worte hören, aber nicht wirklich. Da war etwas, etwas hinter der Tür, das wollte, dass sie hindurch ging.

Entsetzt ließ Elisabeth die Klinke wieder los. Sie war ja verrückt. Vermutlich befand sich wirklich bloß Technik hinter der Tür und was sie gespürt hatte, war die Elektrizität, die die Instrumente ausstrahlten. Das konnte schon mal merkwürdige Geräusche verursachen, die man mit den Ohren kaum mehr wahrnehmen konnte. Kopfschüttelnd und über sich selbst verärgert machte sie sich auf den Rückweg zum Büro. Was sie sich nur einbildete. Was sollte denn hinter der Tür liegen? Ein magisches Portal in eine fremde Welt? Sowas fand sich gewöhnlich in großen, alten Kleiderschränken, wenn man der fantastischen Literatur Glauben schenken durfte, aber doch nicht in einem Technikraum in einer gewöhnlichen Schulbücherei. Überhaupt: Sie war zu alt, um an übernatürliche Erscheinungen zu glauben.

Während sie durch die Regalreihen zurückging, ließ sie beinahe unbewusst ihre Finger über die Buchrücken fahren. Seit sie denken konnte, hatte sie diese Angewohnheit, doch seit sie aus den Sommerferien zurück ins Internat gekommen war, hatte sie das Gefühl, dass es ihr wirklich half. Wie andere beim Meditieren zu Ruhe und Kraft kamen, so fühlte sie sich erfrischt, wenn sie ein paar Minuten lang einfach nur diese Bücher berührte, ganz alleine, auf sich selbst konzentriert.

Als sie bei Frau Walkowiak wieder angekommen war, hatte sie den Vorfall mit der Klinke bereits vergessen. Zurück blieb nur das Gefühl, endlich wirklich an einem Ort, den sie zu Hause nennen konnte, angekommen zu sein. Sie fühlte sich zufrieden, ausgeruht und auf eine merkwürdige Art selbstbewusst.

Für ein paar Minuten noch tauschte sie freundliche Worte mit der Bibliothekarin, dann schlossen sie gemeinsam die Haupteingangstür ab. Johanna gab ihr einen Schlüssel für die Tür, so dass sie künftig unabhängig von ihr die Türen verschließen konnte. Mit beschwingten Schritten kehrte Elisabeth in ihr Zimmer zurück.

Anja und Monika waren offenbar noch in der Stadt, doch da alle Schüler bis spätestens acht Uhr wieder im Internat sein mussten, würde sie sicher nicht lange warten müssen, ehe ihre beiden Freundinnen wieder da waren. Sie freute sich auf das Wochenende, auch wenn sie einen Berg an Hausaufgaben erledigen musste. Sie hatte sogar Lust, mit Anja zusammen ein paar dumme Tests aus irgendwelchen billigen Zeitschriften zu machen. Vielleicht sagten die Sterne ihr ja, dass sie es dieses Jahr endgültig schaffen würde, sich von Benjamin loszusagen und ihre eigene, echte Liebe zu finden. Das wäre schön.

Kapitel 4