Kapitel 1

Wächter der Elemente

Kapitel 1

Ich atme tief ein. Ich liebe die frische, immer noch eiskalte Morgenluft. Der Winter ist noch nicht ganz vorüber, aber schon bald werden die ersten zarten Blüten zu sehen sein. Die Berge in weiter Ferne scheinen über dem Morgennebel zu schweben, der sich wie eine Decke über den Wald gestülpt hat. Ich kann es kaum erwarten endlich die Welt außerhalb der Stadtmauern zu sehen.

Noch muss ich mich damit zufriedengeben einfach nur zu beobachten wie die Außenwelt erwacht. Ahanu und Ahiga fressen auf der kleinen Lichtung vor der Stadt. Sie sind so wunderschön, majestätisch geradezu. Mir geht jedes Mal das Herz auf wenn ich sie sehe. Ihr dunkelbraunes Fell schimmert wie Samt in der nun langsam aufgehenden Sonne.

Meine beiden Hirsche.

Genaugenommen sind es nicht meine Tiere. Wir dürfen uns wilden Tieren nicht nähern. Jeglicher Kontakt zwischen Mensch und Tier ist verboten. Ich halte mich selbstverständlich daran. Das ist normalerweise auch nicht sonderlich schwer, haben wir in Makha doch bloß ein paar Vögel und Nagetiere die sich zu uns verirren.

Ich sitze auf der Stadtmauer in sicherer Entfernung. Ich würde nie wagen die Stadt ohne Erlaubnis zu verlassen und in den umliegenden Wäldern umherzuspazieren, obwohl die Sehnsucht mich manchmal fast wahnsinnig macht. Um Ärger und Diskussionen zu vermeiden gehe ich nur im Schutz der Morgendämmerung zur Stadtmauer. So sieht mich niemand und ich bleibe ungestört. Einzig Tamina weiß das ich mich oft hierher schleiche. Ich frage mich wie die Welt hinter den Mauern aussieht, abseits der Bahnschienen. Ich möchte so gern nachschauen wo Ahanu und Ahiga den Rest ihrer Tage verbringen. Bald werde ich hoffentlich die Chance dazu bekommen. Wenn ich daran denke werde ich ganz kribbelig. Es ist nicht so, das ich nicht gern in Makha lebe, aber die Berge und der Wald ziehen mich magisch an. Ich habe das Gefühl sie rufen mich förmlich.

Ich habe Makha bislang nur wenige Male verlassen dürfen, zu Exkursionen in die anderen Städte, und das auch nur im Zug. Besser als gar nichts sollte man meinen, aber das reicht mir einfach nicht. Ich habe wie gebannt am Zugfenster geklebt, doch viel sehen konnte ich nicht. Zu Fuß dürfen wir die Städte nicht verlassen, angeblich ist das noch immer zu gefährlich. Das dürfen nur die erfahrenen Erdmenschen, die wissen wo die unsichtbaren Gefahren lauern. Die Zugstrecken führen nur durch sichere Gebiete. Die Schienen verbinden die fünf Städte die übriggeblieben sind.

Die Wächter sagen, wir haben die Erde beinahe komplett vernichtet. Wir haben das Meer verseucht und den Boden vergiftet, genauso wie uns selbst. Das Fortschreiten der Technologie und die Industrialisierung sind ein zweischneidiges Schwert. Wenn Gier und Machthunger dazukommen ist das eine fatale Mischung. Die Ressourcen wurden immer knapper. Daraus entstanden letztendlich erbitterte Kriege. Die ohnehin schon gebeutelte Menschheit wurde dann durch den Einsatz von Atomwaffen beinahe komplett ausgelöscht. Aber die Wächter gaben uns noch eine Chance. Sie haben uns gerettet. Sie haben die ersten Generationen nach den Kriegen gelehrt verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen und auch miteinander, damit es nie wieder zu solch schrecklichen Ereignissen kommt.

Die Wächter gaben uns eine neue Ordnung, die Elementenlehre. Diese schreibt ein friedliches Miteinander von Mensch und Natur vor. Ein Leben im Einklang mit den fünf Elementen: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Geist. Jeder Mensch ist gleich. Keiner besitzt mehr als der andere. Alle leben unter den selben Bedingungen. Zwar gibt es einen Senat in jeder Stadt mit dem Bürgermeister als Oberhaupt, dennoch wird alles demokratisch in Volksabstimmungen entschieden. Senat und Bürgermeister arbeiten, wie jeder andere auch, auf den Feldern oder in den Anlagen mit. Silas sagt immer sie sind quasi nur das Sprachrohr der Bürger.

Zuerst sorgten abgeordnete Wächter persönlich für die Einhaltung dieser neuen Gesetzte, sie zogen sich aber nach und nach zurück und überließen uns wieder uns selbst. Wir sind die fünfte Generation nach den Kriegen. Die Wächter sind, zu meinem Bedauern, schon lange nicht mehr unter uns. Ich wünschte ich hätte wenigstens einen von ihnen persönlich kennenlernen dürfen.

Wenn ich nicht schlafen kann, was momentan recht häufig vorkommt, gehe ich oft sogar mitten in der Nacht zur Stadtmauer. Die Aussicht auf die Berge und den Wald haben eine fast gespenstisch beruhigende Wirkung auf mich. Ich fühle mich geborgen. Heute bin ich noch früher aufgewacht als sonst. Ich habe oft den selben Traum. Ich sehe meine Eltern auf unserem Feld stehen, doch ihre Gliedmaßen sind merkwürdig verbogen. Sie haben keine Gesichter, aber ich weiß, es sind meine Eltern. Meiner Mutter ragt ein Pfeil aus der Brust. Mein Vater sagt etwas, in einer Sprache die ich nicht kenne, aber dennoch verstehe. „...hab keine Angst wenn es anfängt. Hab vertrauen in ihn." Das ist alles was ich verstehe. Nur weiß ich leider nicht was das bedeuten soll. Ich habe mir schon so oft den Kopf darüber zerbrochen, ohne Ergebnis. Ich kann es mir einfach nicht erklären. In letzter Zeit habe ich diesen Traum mehrmals die Woche. Er fühlt sich jedes Mal bedrohlicher an.

Ahanu schreckt plötzlich hoch, er scheint etwas gehört zu haben. Auch ich erstarre und lausche. Er schaut mich neugierig an, dann laufen beide Hirsche blitzschnell davon.

Es wird Zeit zurückzugehen. Die Schule fängt bald an. Mein letzter Schultag. Endlich ist dieser lang ersehnte Tag gekommen, und doch mischt sich ein wenig Furcht in die Freude darüber. Ich klettere schnell die Stadtmauer herunter. Ich will unter die Dusche bevor Tamina aufwacht und das Badezimmer blockiert. Ich brauche gute 20 Minuten für den Heimweg, wenn ich schnell, und durch die Gärten laufe. Ich schleiche mich gewohnt vorsichtig durch die Reihen der kleinen Holzhäuser.

Zu Hause angekommen lege ich als erstes Holz im Ofen nach, damit es für die anderen schön warm ist wenn sie aufstehen. Dann schleiche ich mich hoch ins Badezimmer. Die Holztreppe die nach oben führt knarrt bei jedem Schritt wenn man nicht aufpasst.

Ich schließe die Badezimmertür und werfe einen prüfenden Blick in den Spiegel. Heute ist mein Geburtstag. Jetzt bin ich 18 Jahre alt. Erwachsen. Und ich darf heute mein Element wählen! Darauf habe ich mich schon seit Monaten, wenn nicht sogar Jahren gefreut. Endlich kann ich die Schule abschließen, keine langweiligen Mathematik- und Technikstunden mehr. Nur noch mein Element. Die Erde. Und wenn ich mich anstrenge und zügig lerne darf ich vielleicht schon bald Fea und Tanerra zu einer Expedition in die Berge begleiten.

Ich schlüpfe aus meiner Leggings und dem dicken gestrickten Pulli und steige unter die Dusche. Das kalte Wasser läuft über meinen kahlen Kopf. Ja, ich habe keine Haare. Als ich jünger war hat mich das sehr gestört. Alle anderen Mädchen hatten so schöne Haare, lange geflochtene Zöpfe, Tamina auch. Ich dagegen hatte nichts, außer meinen kahlen Kopf. Tamina sagte immer ich sehe aus wie eine Krieger-Prinzessin, um mich aufzuheitern, doch wir beide wissen das ich weder stark noch klassisch schön bin. Ich bin nicht einmal sonderlich wortgewandt oder schlagfertig. Ich bin einfach nur ich.

Die fehlenden Haare waren für mich immer schlimmer als meine blass-blauen, milchig-trüben Augen. Nicht jedoch für meine Mitmenschen. Geisterauge. So haben die Kinder mich früher genannt. Die Kindergärtnerin hat den anderen Kindern häufig erklärt warum einige von uns anders aussehen und das dies ganz natürlich ist. Jeder Mensch ist einzigartig, und doch sind wir alle gleich. Nur leider haben das nicht alle verstanden. Die Sticheleien wurden zwar weniger, aber die Blicke blieben die selben.

Merkwürdigerweise machen meine Augen den Leuten mehr Angst als meine fehlenden Haare.

Diese optischen Anomalien sind Spätfolgen der radioaktiven Strahlung die durch die Bomben freigesetzt wurde. Ich habe mich damit abgefunden. Viele Bewohner der Neuen Welt weisen noch Anomalien auf, große Feuermale, verschiedenfarbige Augen, fehlende Haare, um nur die harmlosen Folgen zu nennen. Von den fehlenden oder missgebildeten Gliedmaßen und den geistigen Behinderungen ist unsere Generation zunehmend verschont geblieben. Es gibt immer weniger Muties. Viele Menschen weisen gar keine Mutationen mehr auf, so wie Tamina. Sie stürmt ins Bad, ihre lange blonden Haare wirbeln um ihr Gesicht.

Da bist du ja Neva! Ich wünsche dir von Herzen alles Gute zum Geburtstag." Sie drückt mir einen Kuss auf und will mich gar nicht mehr loslassen.

„Ok, ok, danke Tam!" Ich muss lachen. „Ich gehe schon mal raus und bereite das Frühstück vor." Sage ich während ich mir meinen Pullover schnappe.

„Aber das wollte ich doch machen." Murmelt Tamina und pellt sich umständlich aus ihrem Schlafanzug.

„Dann müssen wir ja noch zwei Stunden warten." Necke ich sie. „Nein, du machst dich schnell fertig, und ich mache das Frühstück."

Ich lebe bei Taminas Familie seit ich denken kann. Meine Eltern hatten einen Unfall auf unserem Feld als ich zwei Jahre alt war. Beide kamen um. Die Erinnerung an sie verblasst immer mehr. Taminas Eltern wurden zu meinen Eltern. In der Küche warten Silas und Tanerra bereits. Sie strahlen mich an, genauso wie am ersten Tag. Offen und freundlich haben sie mich damals aufgenommen. Sie haben mich nicht mitleidig angesehen, das arme kahlköpfige Waisenkind. Nein, sie haben mir immer ein Gefühl von Normalität vermittelt, was unheimlich wichtig für mich war und immer noch ist.

Alles Gute zum Geburtstag mein großes Mädchen."

Silas schließt mich in seine starken Arme als ich in die Küche komme. Sein Bart kitzelt mein Ohr. Ich versinke fast in seiner Umarmung.

„Wir freuen uns schon sehr auf deine Elementzeremonie. Es ist alles abgesprochen, danach feiern wir alle zusammen."

„Ich bin so stolz auf dich Neva." Tanerra lächelt mich an. „Und jetzt lass' sie los damit ich sie auch drücken kann, Silas."

Ich habe beide unheimlich gern. Sie haben mich so herzlich in ihre Familie aufgenommen. Sie waren eigentlich keine engen Freunde meiner Eltern, nur Nachbarn die ab und an mal über Belangloses geredet haben. Aber mit Tamina habe ich mich sofort angefreundet. Ihr waren meine Anomalien vollkommen egal. Noch bevor wir richtig sprechen konnten hat sie mich vor den anderen Kinder verteidigt wie eine Löwin, wenn sie mich wieder ausgegrenzt haben. Meine Tamina. Ich wäre ziemlich aufgeschmissen gewesen ohne sie.

Zum Frühstück gibt es frisches Kräuterbrot, Tanerras Familienrezept. Ich liebe allein den Geruch. Es riecht nach zu Hause und Geborgenheit. Ich schneide mir eine große Scheibe ab als Tamina gerade in die Küche poltert. Unter dem Arm hat sie ein riesiges Paket.

Das ist unser Geburtstagsgeschenk für dich." Strahlt sie. „Pack es schnell aus bevor wir los müssen."

Zaghaft greife ich nach dem Paket und öffne es vorsichtig. Alle starren mich erwartungsvoll an. Ich fühle mich unwohl dabei. Ich nehme den Deckel des Kartons hoch und zum Vorschein kommt türkisfarbener Stoff, mintgrüne Spitze. Ich berühre den Stoff ehrfürchtig nur mit den Fingerspitzen. Ein Kleid für meine Elementzeremonie. Es ist traumhaft schön. Mir stockt der Atem und ich merke wie Tränen in meinen Augen aufsteigen. Oh nein, bloß nicht anfangen zu heulen. Es ist genauso wie ich es mir immer gewünscht habe.

Mom hat es genäht, und ich habe geholfen. Was sagst du? Ist es nicht atemberaubend schön?" Ich glaube Tamina ist fast noch aufgeregter als ich.

„Es ist perfek." Flüstere ich.

Ich weiß, es sollte eigentlich grün sein, passend zu deinem Element, aber an dem Stoff konnte ich nicht vorbeigehen. Er passt so gut zu deinen Augen." Tanerra zwinkert mir zu und ich falle ihr in die Arme.

„Danke! Ich weiß gar nicht was ich sagen soll."

Na komm, du sentimentale Heulsuse." Lacht Tamina. „Wir müssen los. Die Pflicht ruft."

Sie weiß wie ungern ich im Mittelpunkt stehe und rettet mich. Sie ist ohne Zweifel die beste Schwester die man sich wünschen kann.

Ihr seid bitte um zwei wieder hier, nicht später. Dann könnt ihr euch in Ruhe umziehen und wir gehen zusammen zur Zeremonie."

Silas schiebt uns liebevoll Richtung Haustür. Er kennt seine Tamina zu gut. Noch immer trödelt sie wie ein kleines Mädchen wenn man sie nicht im Auge behält.

Kapitel 2