3 Blitz, Donner und der Windhund

Celias Reise

3 Blitz, Donner und der Windhund

Celia folgte der Springmaus, bis sie in weiter Ferne ein Gebirge entdeckte. „Der Berg sieht aus, als bestünde er aus Schokolade.“, stellte sie belustigt fest und tatsächlich stieg ihr der Duft von Kakao in die Nase. „Ein Schokogipfel mit etwas Mehl auf der Spitze.“

„Was redest du nur für einen Unsinn!“, entgegnete die Maus aufbrausend, „Das ist Puderzucker auf der Spitze. Und selbstredend ist der Berg aus Schokolade. Woraus sollte er sonst bestehen?“

„Heißt das, ich könnte den Berg essen?“, fragte Celia ungläubig. Schon lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt wie hungrig sie nach der langen Schneeballschlacht gegen die Eiskobolde war. Die Maus musterte sie skeptisch. „Nein, das ganze Gebirge wäre zu groß. Da bräuchte ich schon einen riesigen, dicken Bauch, wenn ich so viel Schokolade essen wollte. Und die Spitze ist so hoch am Himmel, dass ich sie mit meinen kurzen Armen kaum erreichen kann. Ach, wäre der Berg nur etwas kleiner…“ Sie machte einen Schritt rückwärts, besann sich dann eines Besseren und hüpfte, wie es die Springmaus angeordnet hatte. Dann stellte sie sich auf die nackten Zehenspitzen, streckte eine Hand aus und brach die Spitze des Gebirges ab. Ein Grummeln und Grollen erfüllte das Tal. Die Erde erzitterte leicht.

„Was soll denn das?“, schrie die gestiefelte Springmaus.

„Das schmeckt vorzüglich.“ Celia bot ihr ein Stück Schokolade an, denn wann immer sie unzufrieden war, besserte Schokolade ihre Laune auf. Und die Springmaus schien ihr eine allzu unzufriedene Persönlichkeit zu sein.

„Schokolade ist doch nicht zum Essen da!“

„Ach nein? Was isst du denn, wenn du hungrig bist?“

„Hungrig? Ich bin nicht Hungrig, ich bin die gestiefelte Springmaus, das weißt du doch.“

„Aber du musst doch etwas essen.“

„Mäusespeck. Das ist Speck für Mäuse.“

„Ich dachte, du wärst ein Vegetarier.“

„Nein, beim Steppenden Einhorn! Ich bin die gestiefelte Springmaus. Wieso bloß kannst du dir das nicht merken?“

Celia leckte die Schokoladenreste von ihren Fingerspitzen und musste niesen, als eine aufkommende Windböe ein süßes Wölkchen aus Puderzucker in ihr Gesicht wehte. Der Himmel verdunkelte sich und die Luft wurde deutlich frischer.

„Oh nein!“, rief die Springmaus alarmiert, „Die Gebrüder Blitz und Donner sind im Anmarsch.“

Es war, als hätten die beiden auf ihre Ankündigung gewartet: Hoch über ihnen erschien ein hageres Wesen mit wild abstehendem, gelben Haar und kantigen Konturen, das in Zickzackbewegungen durch die Luft raste. Nur eine Sekunde später gesellte sich sein kugelrunder, kurz geratener Bruder zu ihm, um schwerfällig über das Firmament zu rollen. In einem rasanten Tempo schlug Blitz, der lange Gelbe mit den spitzen Zähnen, schrill lachend in die höchste Stelle des Schokogebirges ein . Es begann, warme Schokoladentropfen zu nieseln. Die Springmaus kreischte und versteckte sich hinter Celia, die den Kopf in den Nacken warf und ihren Mund weit öffnete, um den klebrig leckeren Regen aufzufangen. Donner hielt sich den dicken Bauch und sein ohrenbetäubend grollendes Lachen kehrte bald als Echo von den Bergen zurück. Alles bebte. Plötzlich durchschnitt gleißendes Licht den Himmel und mit einem ratschenden Geräusch klaffte dort oben ein Riss auf. Einige blaue Fetzen segelten wie Stücke eines zerrissenen Seidentuches zu Boden. Ein Kläffen ertönte und zusammen mit einem sturmartigen Windstoß sauste ein zotteliger Hund durch das Loch im Himmel. Er trabte durch die Luft als hätte er festen Boden unter den Pfoten und mit jedem lang gezogenen Heulen nahm die Stärke des peitschenden Windes zu.

„Sie haben einen Windhund!“, rief die gestiefelte Springmaus entsetzt. Die Böen wurden stärker, kamen von allen Seiten und zerzausten Celias Haar. Die Springmaus musste sich bereits an Celias Blätterkleidsaum festkrallen, um nicht davon gefegt zu werden.

„Ich mag Hunde. Meinst du, ich darf ihn streicheln?“, fragte Celia hoffnungsvoll.

Die Maus piepste erschrocken: „Mit Blitz und Donner ist nicht zu spaßen und bei diesem Windhund erfasst selbst die fiese Marmormieze das Grauen. Er ist ein entfernter Verwandter von Fürst Koloss dem Hund. Aber weniger gutmütig.“

„Ist denn dieser Fürst Koloss so etwas wie ein König? Dann sollte er diesen randalierenden Rabauken doch Einhalt gebieten.“

„Ja, der Fürst hat hier früher den Ton angegeben, aber seit er verschwunden ist, macht jeder, was er will. Manche sagen, er sei beim Kochen in die Bernsteinsoße geplumpst. Andere behaupten, sein Wecker sei verreist und er hielte deshalb seit Wochen einen Mittagsschlaf... Schnell, wir müssen einen Unterschlupf finden!“ Die letzten Worte der Maus wurden vom tosenden Wind davon getragen. In schwarzen Lettern wirbelten sie durch die Luft und Celia konnte sie gerade noch lesen, bevor die Buchstaben durcheinander gerieten und in einem wilden Haufen zu Boden fielen.

Es blitzte und donnerte um sie herum, der Boden wackelte und der Windhund jaulte, doch Celia blieb ruhig. Sie liebte Schauspiele wie dieses, denn vor Gewittern hatte sie schon lange keine Angst mehr. Genau genommen hatte sie vor nichts und niemandem Angst, doch der Springmaus zuliebe schaute sie sich nach einem Zufluchtsort um. Auf einem nahen Hügel stand eine kleine Kapelle.

„Da können wir nicht rein gehen.“, widersprach die gestiefelte Springmaus ohne Stiefel entschieden, als Celia auf das helle Bauwerk zuwandelte, „Das ist das Heim der greinenden Gerippe!“

„Greinend?“

„Ein übereifriger Raumeinrichter hat sie vor Jahren säuberlich sortiert und weggeschlossen. Seitdem hören sie nicht auf zu weinen.“

Celia rüttelte an der hohen Tür der Kapelle, doch sie ließ sich nicht öffnen. „Abgeschlossen.“, stellte sie ernüchtert fest.

„Wir sollten anderswo hingehen.“, jammerte die Springmaus, doch Celia wollte erst das bronzene Schloss unter die Lupe nehmen. „Da ist etwas eingraviert… Schloss. Herrje, das sehe ich selber.“

„Also für mich sieht das nicht wie ein Schloss aus. Es hat keine Türmchen und Zinnen und keinen Burggraben…“, entgegnete die Springmaus, „Ohne den Schlüssel kommen wir nicht hinein und soweit ich weiß, haben die Eiskobolde ihn irgendwo verloren. Lass uns weiterziehen.“

„Warte. Ich habe einen Schlüssel.“ Celia hielt ihren Fund hoch. „Glaubst du, er passt?“

„Natürlich passt er. Er ist der Schlüssel und das hier ist das Schloss.“

Tatsächlich: Mit einem gedehnten Knarren schwang die Pforte auf und sogleich mischten sich Donners Lachen und das Heulen des Windhundes mit einem vielstimmigen Trauergesang.