2 Eine launische Bekanntschaft

Celias Reise

2 Eine launische Bekanntschaft

Celia bewegte sich auf eine klirrende Kristallblume zu, um sie aus der Nähe zu betrachten. Doch anstatt ihr näher zu kommen, wurde die Blume nur immer größer und größer, bis sie schließlich über Celia hinweg ragte. Verwundert legte das Mädchen den Kopf in den Nacken: Fast schon berührte die gläserne Blüte das Blätterdach. Wie hatte sie so schnell wachsen können?

„Ob es eine Zauberblume ist?“, fragte sich Celia.

„Pass doch auf, wo du hintrittst!“, hörte sie eine verärgerte Stimme piepsen. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. Als sie erneut versuchte, der hübschen Zierpflanze näher zu kommen, hörte sie das Piepsen wieder. „Was machst du da überhaupt?“

„Ich gehe.“, antwortete sie zögernd.

„Ohne dich vom Fleck zu rühren?“

Celia hielt inne. Die Stimme hatte Recht: Sie stand noch immer auf der kleinen Anhöhe. Alles, was vor ihr lag, war gewachsen und hinter ihr war alles geschrumpft, doch sie selbst verweilte nach wie vor an derselben Stelle. Immer wieder war sie in dasselbe Paar Fußstapfen getreten.

„An was für einem seltsamen Ort bin ich denn hier gelandet?“, wunderte sie sich.

„Unverschämtheit“, wetterte die hohe Stimme, „Stellt sich nicht vor, aber dafür die dümmsten Fragen!“

„Wie bitte?“

„Sind das Augen oder Glasmurmeln in deinem Kopf?“

„Augen, aber…“

„Dann siehst du doch, dass du im Regenwald stehst.“

„Das kann nicht sein. Der Regenwald liegt in den Tropen. Da ist es warm und es gibt Palmen und Affen.“, wandte Celia ein, doch dann kam ihr ein anderer Gedanke. „Bist du ein Affe?“

„Papperlapapp! Das hier ist ein Wald, in dem es regnet. Also ein Regenwald.“ Dem Argument hatte Celia nichts entgegenzusetzen. „Und ich bin eine gestiefelte Springmaus!“

Erst jetzt bemerkte sie das winzige, regenwolkengraue Wesen zu ihren nackten Füßen, das zornig zu ihr hinauf blickte. „Eine Maus bist du, das sehe ich, aber wo sind deine Stiefel?“

„Die hat mir diese grässliche Marmormieze geklaut, als sie mich aus dem Käsepalast verjagt hat!“, schrie die gestiefelte Springmaus aufgebracht.

„Und warum springst du nicht, wenn du eine Springmaus bist?“

„Na, weil ich keine Stiefel habe!“, entgegnete sie wütend, „Springen ohne Stiefel, das ist wie Pusteblumenpudding ohne Pfefferminzsauce oder... oder eine Partie Schach ohne Badekappe.“ Celia, die sich weder mit den Essgewohnheiten noch der Freizeitgestaltung von sprechenden gestiefelten Springmäusen auskannte, nahm diese Vergleiche mit einem höflich-gutmütigen Nicken zur Kenntnis. Sie beschloss, der schlechtgelaunten Maus zu helfen: „Wo finde ich diese Marmorkatze? Man sollte ein ernstes Wort mit ihr reden.“

„Marmormieze“, verbesserte die gestiefelte Springmaus ohne Stiefel, „Im Steingarten, aber das ist ein langer Weg. Früher wohnte dort Fürst Koloss der Hund. Er war ein guter Herrscher, immer gerecht und friedfertig. Aber irgendwann verschwand er und seitdem regiert statt ihm das sture, stiefelstehlende Katzenvieh und versetzt jeden hier in Angst und Schrecken... Bist du Celia?“, fragte die Maus.

„Woher kennst du denn meinen Namen?“

„Ich kenne viele Namen“, entgegnete die Springmaus, „Aber nicht viele Menschen. Wenn du Celia bist, ist das da für dich.“ Mit ihren langen, spitzen Krallen deutete sie auf einen Punkt über Celias Kopf.

Dort hing ein dünner Ast, der sich von ganz oben herunter gebeugt hatte und an dessen Spitze ein grünes, aus Blättern geflochtenes Kleid baumelte. Es raschelte im Wind. Am Saum hing tatsächlich ein Schildchen mit ihrem Namen.

„Wie entzückend!“, rief sie freudig und wollte danach greifen, als ihr auffiel, dass das Naturgewand viel zu groß für sie war. Da passte sie ja zweimal hinein. Sie überlegte kurz, dann machte sie zwei ausgiebige Schritte rückwärts und beobachtete gespannt, wie das Kleid zusammenschrumpfte. Schließlich griff sie danach und warf es über. „Passt wie angegossen. Vielen Dank!“ Der Ast verbeugte sich leicht und zog sich zurück. Solch einem freundlichen Baum war Celia noch nie begegnet.

„Zuerst einmal müssen wir aus dem Regenwald herausfinden.“, beschloss sie und wandte sich wieder der Springmaus zu, „Nur wollen meine Füße mich einfach nicht weg von hier tragen.“

„Füße?“, piepste die Springmaus, „Füße sind zum Springen da und nicht zum Laufen.“ Im nächsten Moment verschwamm sie und war verschwunden. Verblüfft musterte Celia den Fleck im satten Moos, auf dem ihre neue Bekanntschaft eben noch gestanden hatte.

„Trödel nicht herum!“, schrie jemand und sie entdeckte den grauen Nager, der einige Meter entfernt die Pfoten gegen die Hüften stemmte. Die Konturen der Maus flimmerten erneut und nun war sie noch weiter weg.

„Warte auf mich!“, rief Celia und rannte los, doch sie kam nicht von der Stelle. Sie lief schneller und schneller, bis ihr die einst so winzige gestiefelte Springmaus zwei Meter über den Kopf ragte.

„Was tust du denn da?“, knurrte diese ärgerlich, „Mach das sofort rückgängig. Wie soll ich so in mein Mäuseloch passen? Und wenn du deine Füße schon benutzt, dann spring wenigstens!“

„Oh...tut mir leid.“, entschuldigte Celia sich kleinlaut. Sie sprang ein paarmal nach hinten, bis die Springmaus auf ihre alte Größe – oder besser: ihre alte Winzigkeit – geschrumpft war.

„Ich komme nicht von der Stelle.“, jammerte Celia.

„Ich weiß nicht, von was für einem verrückten Ort du stammst, aber hierzulande bewegen wir uns durch Traumwandeln fort. Wenn wir nicht gerade den Nebelexpress nehmen. Der fährt allerdings nie durch den Regenwald, weil er nicht wasserfest ist.“

„Traumwandeln? Wie funktioniert das?“

„Ganz einfach: Du gehst in Gedanken.“, erklärte die Maus ungeduldig. Celia zögerte. „Hast du denn gar keine Fantasie?“, fragte die Springmaus gereizt. Der Verlust ihrer Stiefel schien ihr sehr auf das Gemüt zu schlagen. Je schneller sie diese Marmormieze fanden, desto besser. Celia schloss die Augen und konzentrierte sich.

„Nicht doch! Auf diese Weise läufst du noch gegen einen Baum.“ Darauf hätte sie natürlich selber kommen können. Peinlich berührt versuchte sie es erneut – dieses Mal mit geöffneten Augen – und siehe da: Es war gar nicht so schwer. Im Nu lag der Regenwald hinter ihnen und Celia schüttelte ihr durchnässtes Haar, damit es besser trocknen konnte.

„He!“, kreischte die gestiefelte Springmaus. Sie hatte einen dicken Tropfen abbekommen und ihre Barthaare hingen triefend zu beiden Seiten herunter. „Verzeihung, das war keine Absicht.“

Die Maus grummelte etwas Unverständliches und begann mit finsterer Miene, ihren Bart auszuwringen. Celia nutzte die Gelegenheit, um einen letzten Blick auf den Regenwald zu werfen, der bald hinter dem Horizont verschwinden würde. Tatsächlich hingen nur über den Bäumen regenschwere dunkle Wolken, während der Rest des Himmels in einem leuchtenden Blau erstrahlte.

„Was sind denn diese goldenen Dinger da oben?“, fragte sie die Springmaus neugierig.

„Du meinst auf den Baumköpfen?“ Sie nickte. „Kronen natürlich! Was denn sonst?“, antwortete die Maus harsch. Sie war wirklich kein besonders freundlicher Zeitgenosse, aber daran störte Celia sich nicht weiter.

„Kronen? Wofür brauchen Bäume Kronen?“

„Na, was wäre denn ein Baum ohne Baumkrone? Da würde doch ein Teil fehlen.“, empörte sich die Maus und führte ihren Weg fort.