1 Der geheimnisvolle Fund

Celias Reise

1 Der geheimnisvolle Fund

Celia kniff angestrengt die Augen zusammen und starrte in den Schnee. Die Sonne war gerade untergegangen und im Halbdunkeln erkannte sie nicht viel, aber eben hatte dort etwas geglitzert. Sie war sich ganz sicher.

„Celia!“, rief ihre Mama aus der Ferne. Es war Zeit, heim zu kommen. „Du trödelst schon wieder, junges Fräulein.“

Da! Es hatte erneut gefunkelt. Celia blinzelte eine Schneeflocke fort, die sich in ihren Wimpern verfangen hatte, und kniete sich auf den gefrorenen Boden. Seit sie Mr. Jack den Schneemann gebaut hatte, waren ihre bunten Wollhandschuhe und die dicke Winterhose sowieso durchnässt. Wieder rief ihre Mama, doch das Mädchen hatte den Ursprung des mysteriösen Glitzerns nun im Visier und streckte ehrfürchtig eine Hand danach aus. Es war ein kleiner bronzener Gegenstand…

„Celia!“, hallte eine tiefe Stimme von der Haustür zu ihr herüber. Das war Papa. Hastig stopfte sie ihre unbekannte Entdeckung mitsamt einer Hand voll Schnee in die Hosentasche und sprang auf. „Gute Nacht, Mr. Jack.“, rief sie dem neuen Freund zu, der ihr traurig aus tiefschwarzen Knopfaugen nachschaute und seine orange leuchtende Karottennase missbilligend kraus zog. Sie rannte zu dem kaminroten Klinkersteinhäuschen am Ende der Straße.

Bibbernd und zähneklappernd wurde sie von ihren Eltern in Empfang genommen. „Du bist ja völlig durchgefroren.“ Ihre Mama zog besorgt die Augenbrauen zusammen.

„Du solltest doch ins Haus kommen, wenn dir kalt wird.“, fügte ihr Vater tadelnd hinzu.

„Ich konnte nicht früher zurückgehen. Mr. Jack und ich mussten die Eiskobolde in die Flucht schlagen. Die haben nämlich eine gemeine Schneeballschlacht angezettelt, um unsere Festung in Besitz zu nehmen. Aber dann…“

Ihr Vater lachte. „Dieses Kind hat wahrlich eine lebhafte Fantasie.“ Und ihre Mutter schob sie sanft in Richtung Badezimmer. „Du kannst uns die Geschichte beim Abendessen erzählen, Liebling. Jetzt ist es an der Zeit für ein warmes Bad.“

„Aber setz' nicht alles unter Wasser wie letztes Mal.“, mahnte ihr Papa.

„Das war nicht meine Schuld. Die Wassernixen haben den Abfluss zugedreht.“, rief Celia, während sie die Treppe hinauf sprang.

„Träum' bitte nicht herum und beeil' dich. Das Essen ist gleich fertig.“ Doch da hatte Celia die Badezimmertür schon hinter sich zugezogen.

Sie stellte das Wasser an. Augenblicklich erfüllte ein angenehmes Rauschen die Luft und wenig später waberte warmer Wasserdampf durch den Raum. Geschwind schlüpfte das Mädchen aus ihren nassen Kleidern und wollte in die Wanne steigen, in der sich bereits ein beachtlicher Schaumberg türmte, da hörte sie etwas klirrend zu Boden fallen. Sie bückte sich und hob aus einer kleinen kalten Pfütze einen metallisch schimmernden Gegenstand auf. Er war ungefähr so lang wie ihr Zeigefinger und wog schwer in ihrer zierlichen Hand. Viel konnte sie nicht erkennen, denn er war zu einem großen Teil mit Dreck verkrustet.

Also hielt sie ihren Fund unter den warmen Wasserstrahl und säuberte ihn sorgfältig mit etwas Seife. „Ein Schlüssel!“, stellte sie begeistert fest. Sie liebte Schlüssel, denn Schlüssel öffneten verschlossene Türen. Und jeder wusste, dass verschlossenen Türen immer etwas Verbotenes, Aufregendes und Geheimnisvolles verbargen. Dieser Schlüssel war dazu noch besonders hübsch. Er hatte ein eingraviertes Muster aus Bögen und Blümchen und dort stand in geschwungenen Buchstaben sogar ein Wort. Lesen konnte Celia schon recht gut, aber diese Schrift war seltsam und es dauerte eine Weile, sie zu entziffern. Schlüssel stand dort. „Schlüssel?“, fragte Celia ärgerlich, „Ich sehe doch, dass das ein Schlüssel ist.“

Etwas enttäuscht wusch sie ihre Haare und schloss die Augen, während sie das Erdbeershampoo heraus spülte. Ihr war tatsächlich kalt gewesen, das hatte sie im Eifer des Gefechts kaum gemerkt. Jetzt konnte sie die nervenaufreibende Schneeballschlacht vergessen und sich entspannen. Die Eiskobolde hatten Hals über Kopf das Weite gesucht und Mr. Jack würde auf die Festung Acht geben. Ihre Gedanken schweiften ab...

Plötzlich wurde der gleichmäßige Wasserstrahl zu vielen dicken Tropfen, die immer härter und kälter auf sie einprasselten. Die dunstige Luft wurde kühler, klarer und roch auf eigenartige Weise süßlich. Irritiert öffnete Celia erst ein Auge, dann das zweite, und blickte sich staunend um: Die Wanne war verschwunden! Und sie war auch nicht mehr umgeben von weißen Fliesen. Stattdessen war alles grün. Sie hockte auf einem mit weichem Moos überzogenen Boden, aus dem gigantische knorrige Baumstämme hervorbrachen. Wie ein nasser Schwamm fühlte sich das unter ihren Füßen an. Die weiten Blätterdächer hoch, hoch über ihr verdeckten den Himmel und schüttelten leicht fröstelnd kühles Wasser von sich. Das Prasseln der Regentropfen klang beinahe wie eine angeregte Unterhaltung. Zwischen den riesigen Stämmen, die mit elf Kinderschritten kaum zu umschreiten waren, sah sie Blumen in ganz außergewöhnlichen Formen und Farben, die zaghaft zitternd den Kopf vom Regen abwandten und dabei sanft läuteten. Die strahlenden Blütenblätter waren halb durchsichtig wie gefärbtes Glas und schimmerten geheimnisvoll. Glitzernd perlte der Regen von ihnen ab. Celia kam sich vor, als stünde sie mitten in der mit grünem Samt ausgeschlagenen Schmuckschatulle einer Riesin.

2 Eine launische Bekanntschaft