Der Zauber der Einzigartigkeit

Der Zauber der Einzigartigkeit

Der Zauber der Einzigartigkeit

Manchmal fühle ich mich einsam. Gefangen zwischen all den Gruppierungen, in die ich nicht
hineinpasse. Isoliert in meinem kleinen Zwischenraum.
„Du hast ja noch gar nichts aufgeschrieben, Lina“, wundert sich mein Deutschlehrer beim
Blick auf mein leeres Blatt Papier. „Fällt dir denn wirklich nichts ein?“ Automatisch suche ich
nach einer möglichst diplomatischen Antwort. Dabei höre ich das spöttische Kichern meiner
Mitschüler. „Doch, doch! Ich weiß nur noch nicht, wie ich es ausdrücken soll“, antworte ich
schließlich. Als ihn meine Lüge zum Weitergehen veranlasst, verschwindet mit ihm die
Anspannung aus meinem Körper.
Nur das Kratzen der Stifte meiner Mitschüler ist zu hören, während ich gedankenverloren aus
dem Fenster schaue. Immer wieder sage ich innerlich die Aufgabenstellung auf. Ordne dich
einer der fünf Gruppen zu und begründe deine Entscheidung: Künstler, Sportler, Anführer,
Trendsetter, Wissbegieriger. Dennoch komme ich zu keinem Schluss, egal wie lange ich über
meine Kompetenzen nachdenke. Alle meine Zeichnung gleichen überfahrenen Katzen, beim
Laufen breche ich nach wenigen Metern fast zusammen, ich lasse mich wegen meiner
Schüchternheit nicht als Kandidat zum Klassensprecher aufstellen, jeden Tag besteht mein
Outfit grundsätzlich aus einem Oberteil sowie einer Jeans und von unendlichem Wissensdurst
kann man bei mir meiner Meinung nach auch nicht sprechen. Fünf Gruppen und doch passe
ich in keine hinein.
Das schrille Klingeln der Schulglocke reißt mich aus meinen Gedanken und lässt alle um
mich herum fluchtartig aufstehen. Aus Sorge vor einem weiteren Gespräch mit meinem
Lehrer, stopfe ich alle Sachen in meinen Rucksack und eile ebenfalls zur Tür. Dabei vernehme
ich beiläufig, dass die Präsentationen am Montag gehalten werden sollen.
„Lina, warte mal!“, ruft ein Junge aus meiner Klasse draußen nach mir. Dennoch halte ich
meinen Kurs und wende mich ihm nicht zu. Hinter mir knirschen seine Schritte und die seiner
Freunde auf dem Sand des Hofes, weshalb ich meinen Gang beschleunige. Kurz bevor ich das
Gelände verlassen kann, zieht mich einer von ihnen am Handgelenk zurück. „Was ist denn, Erik?"

Ehe ich mich versehe, entleert er den Inhalt seiner Plastikflasche über meinem Kopf und
grinst mich breit an. Kaum habe ich mir das Wasser aus den Augen gewischt, fängt die
Gruppe hämisch an zu lachen. In einem Moment der Unachtsamkeit reiße ich mich von
meinem persönlichen Teufel los und ergreife wortlos die Flucht. „Ach Mensch, jetzt bedank
dich wenigstens für die Abkühlung!“ Die letzten Worte verlieren sich in seinem hässlichen
Lachen.
Nach wenigen Minuten verlässt mich allerdings meine Kondition, sodass ich stehen bleibe,
um durchzuatmen. Schwer atmend stütze ich mich mit meinen Händen auf den Knien ab,
während ich beide Augen zukneife. Meine nassen Haare kleben in meinem Nacken und
vereinzelt rinnen mir Wassertropfen über das Gesicht. Deshalb gelingt es mir nicht, meine
Tränen von ihnen zu unterscheiden.
Kurze Zeit später erreiche ich mein Zuhause, wo ich direkt ins Badezimmer gehe. Im Spiegel
betrachte ich ein blasses Mädchen, dessen Augen blutunterlaufen sind. Einen Fön benötige ich
dank der warmen Sommersonne nicht mehr. Dafür versuche ich, mir selbst etwas Mut zu
machen: „Wenigstens war es nur Wasser.“
Vor meinen Eltern lasse ich mir von dem Vorfall nichts anmerken und spreche auch das
Referat nicht an. Stattdessen ziehe ich mich für die folgenden 48 Stunden fast vollständig in
mein Zimmer zurück, wo ich fieberhaft nach Inspiration für den Vortrag suche. Aber egal was
ich tue, das Blatt bleibt leer.
Das Wochenende vergeht zu schnell, sodass ich mich am Sonntagabend verzweifelt auf
meinem Bett wieder finde. Auf dem Rücken liegend halte ich mit ausgestreckten Armen den
Zettel nach oben und fixiere ihn mit angespanntem Blick. Als es an der Tür klopft, lasse ich
die Arme auf meinen Brustkorb sinken.
„Lina, darf ich reinkommen?“ Meine Mutter betritt mein Zimmer und nimmt neben mir auf
der Matratze Platz. „Ich wollte dir nur eine gute Nacht wünschen, meine einzigartige Maus“,
sagt sie. Da kommt mir eine Idee.

Am nächsten Tag berichten manche von ihrer Lieblingssportart, einige zeigen ihre
selbstgeschaffenen Gemälde und wieder andere zählen all die Bücher auf, die sie in ihrem
Leben schon gelesen haben. Meine Finger trommeln kaum hörbar auf der Tischplatte, wobei
darunter einer meiner Füße auf und ab wippt. Ich werde schließlich als Letzte aufgerufen.
Aufrecht stehe ich vor der Klasse, um mir einen Überblick über meine Mitschüler zu
verschaffen. Wie die Jäger auf ihre Beute warten sie darauf, dass ich zu sprechen anfange und
mich bestenfalls vollkommen bloßstelle. Also atme ich tief durch, halte ihnen den Zettel
entgegen und beginne mit meinem Vortrag:
„Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler,
mein Blatt ist leer. Zerreißt euch ruhig die Münder über meine nicht existenten Stärken,
während ihr alle mit Sportlichkeit, Kreativität und sonstigen Fähigkeiten prahlt. Aber so ein
Mensch bin ich nicht und möchte es auch nie werden. Warum?
In einem Jahr werden wir unseren Abschluss machen und unseren eigenen Weg finden
müssen. Dementsprechend weigere ich mich dagegen, in eine dieser fünf Schubladen gesteckt
zu werden. Denn in meinen Augen entspricht keine davon meinem Charakter. Ich bin anders
und besitze damit eine Eigenschaft, die mich einzigartig macht. Individualität.
Lacht über mich, schüttet euer Wasser über meinem Kopf aus oder lästert hinter meinem
Rücken. Natürlich tut das weh, es zerreißt mir sogar fast das Herz. Aber gerade deswegen
konnte ich einen Zwischenraum finden, der nur mir gehört. Und darauf bin ich stolz.
Danke für eure Aufmerksamkeit.“
Ohne auf eine Reaktion zu warten, gehe ich zu meinem Platz, um mich zu setzen. Doch bevor
ich dazu komme, beginnt jemand zu klatschen. Die gesamte Klasse stimmt mit ein, woraufhin
ich mit überraschtem Blick im Applaus bade. Ich habe das Gefühl, als würde ein Zauber den
gesamten Raum erfüllen und ihn zum Leuchten bringen. Nach langer Zeit trage ich wieder ein
Lächeln im Gesicht. Noch nie hat es so gut getan, die Wahrheit zu sagen.