Das Auge des Tigers

Im Zeichen des Tigers

Das Auge des Tigers

Wer eine starke Gabe hat, wird sie auch benutzen.

Es war spät, und Zoe musste sich beeilen. Sie durfte nicht zu spät kommen, wenn sie keinen Ärger bekommen wollte. Sie fing an zu rennen, obwohl es ihr schon fast die Lunge zu zerreißen schien. Nur noch 500 Meter. Sie hörte ein Pfeifen, das den herannahenden Zug ankündigte. Nur noch 400 Meter, die Bremsen quietschten. Nur noch 300 Meter, die ersten Leute kamen ihr entgegen, gleich würde sie ausweichen müssen. Nur noch 200 Meter, sie hörte das Signal, kurz bevor die Türen schließen. Nur noch 100 Meter... sie sah, wie der Zug aus dem Bahnhof fuhr.

Dass man sie gleich hatte feuern müssen, empfand Zoe als furchtbar ungerecht. Ja, sie war schon zum dritten Mal zu spät, aber ansonsten hatte sie ihre Arbeit echt super gemacht. Im Gegensatz zu den anderen Tussen, die sich zu fein waren, mal mit anzupacken. Aber egal, sie würde sich etwas Neues suchen müssen. Auf Dauer wäre das ohnehin nichts für sie gewesen, Bedienung in einem Restaurant, das sich allein durch die Tatsache, dass man sein Essen nicht an der Theke abholen musste, von einem Schnellimbiss unterschied.

Sie lief ziellos durch die Stadt, Zeit hatte sie ja nun zur Genüge. Nur nutzte ihr das nichts, weil sie sich nichts hätte kaufen können, sie war restlos pleite. Den mickrigen Lohn, den man ihr zum Abschied bar in die Hand gedrückt hatte mit der Bemerkung, dass man sie bloß nie wieder sehen wolle, würde gerade so für die Miete ausreichen. Und die musste sie pünktlich zahlen, sonst drohte der Rausschmiss. Was für eine elendige Misere!

Als sie sich im luxuriös gestalteten Schaufenster eines Juweliers spiegelte, musste sie lachen. Das sah wirklich zum Schießen aus, sie mit ihren abgewrackten Klamotten, ausgeblichenen blauen Haaren und den ausgelatschten Springerstiefeln, vor einem glitzernden Funkelberg an hoffnungslos überteuertem Bling-Bling Geraffel. Unterschiedlicher konnten ihre Welt und die der Kunden dieses Geschäftes nun wirklich nicht sein. Da fiel ihr Blick auf einen Anhänger, der sich von der 08/15-Glitzerware abhob. Es war ein schlichtes Tigerauge, gefasst in einen silbernen Ring der aussah, als sollte er eine Schlange darstellen. Cool. Sie hatte eigentlich nicht viel für Schmuck übrig, aber dieser Anhänger war faszinierend. Er schimmerte in den üblichen dunkel- und hellbraunen Streifen, und wenn sie den Kopf bewegte, schien der Glanz ihr fast zu folgen. Sie bewegte sich langsam auf ihn zu, bis sie frontal vor dem Schmuckstück stand. Es war fast, als würde der Stein sie magisch anziehen. Sie fixierte ihn ein Zeit lang und wollte sich gerade abwenden, als sie das Gefühl hatte, ihr Kopf würde explodieren. Es war ein kurzer, aber heftiger Schmerz, der sich von ihren Augen ausgehend bis in das Zentrum ihres Schädels ausbreitete um dann ebenso plötzlich wieder zu verschwinden. Sie hatte vor Schreck kurz die Augen geschlossen- Als sie wieder bei sich war, war das Tigerauge verschwunden. Sie blickte sich, um, aber es war niemand in ihrer Nähe und auch im Geschäft war alles ruhig. Wie konnte das sein? Hatte sie sich bewegt, stand sie jetzt anders? Nein, die Schmuckstücke in der Nähe des Tigerauges waren noch an ihrem Platz, nur das eine Teil fehlte. An seiner Stelle klaffte eine deutlich sichtbare Lücke. Verunsichert machte Zoe sich auf den Weg nach Hause.

Sie überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte. Klar, sie bräuchte auf jeden Fall einen neuen Job, auch wenn sie überhaupt keinen Bock hatte, irgendwas zu tun und schon gar nicht, sich was Neues zu suchen. Sie würde erst mal drüber schlafen. Aber heute Abend musste sie sich irgendwie ablenken. Am besten, sie ging zu Tom, der hatte sicher noch was zu Trinken da. Und er hatte normal nie was dagegen, wenn sie ihn anschnorrte. Er wusste ja, wenn sie irgendwann wieder mehr Kohle hätte, würde sie sich revanchieren. Nicht, dass das je vorgekommen wäre.

Tom war zuhause, wie sie erwartet hatte. Er war ja eigentlich immer zuhause, manchmal fragte sie sich schon, ob er überhaupt je sein Zimmer verließ. Vermutlich nur, um Bier zu kaufen. Er hatte gerade irgendein stupides Ballerspiel gezockt, das er jetzt notgedrungen unterbrach. Sie warf ihren Rucksack, ein speckiges grünes Teil, das sie in einem Armeeladen gefunden hatte, aufs Bett und ließ sich dann daneben fallen. "Mann, ist das warm hier!" Ächzend schälte sie sich aus ihrem dicken Pullover. Als sie ihn achtlos neben den Rucksack werfen wollte, fiel etwas glänzendes auf den Boden. Stirnrunzelnd bückte sie sich und ließ das Teil fast wieder fallen, als sie erkannte, was es war. "Wie um alles in der Welt..."

"Hast du den geklaut? Der ist doch sicher viel zu teuer für dich." unterbrach Tom sie mitten im Satz. "Ich hab keine Ahnung, wo der herkommt." Sie legte die Kette vorsichtig in ihre linke Hand und strick mit der rechten vorsichtig über das Tigerauge. "Nee, ist klar. Mann, mir musst du doch keinen Quatsch erzählen, ist schon in Ordnung. Ich find's nicht gut, aber wenn du ihn unbedingt haben wolltest..." Tom wirkte verlegen, so als wüsste er nicht, wie er reagieren sollte. Als Zoe nichts erwiderte, ging er in die Küche. Sie saß unverändert da, als er mit zwei geöffneten Bierflaschen zurückkehrte und ihr eine vor die Nase hielt. Mechanisch griff sie zu und wandte endlich den Blick von der Kette ab. Sie prosteten einander zu und jeder nahm einen großen Schluck.

"Ich hab den echt nicht geklaut." Zoe beschrieb, was vor dem Schaufenster passiert war und Tom hörte ihr entgeistert zu. "Ich find's ja selber total seltsam, aber irgendwie ist es doch auch cool." Sie grinste bis über beide Backen. "Stell dir vor, was ich alles machen könnte, wenn das immer funktionieren würde." Tom sah sie zweifelnd an und schüttelte den Kopf. "Das will ich mir lieber gar nicht so genau vorstellen."

Der nächste Tag