Vielleicht

Vielleicht

Vielleicht

Sie hätte die Rosen gießen sollen.

Die vertrockneten Blütenblätter schienen sie vorwurfsvoll durch die Gardinen anzustarren. Sie stand am Küchenfenster und betrachtete bei ihrer sonntäglichen Tasse Tee ihren Vorgarten. Auch der Rasen hatte, wie sie eben bemerkte, ein ungesundes Gelb angenommen.

Genau wie die Rosen hatte der Vorgarten lange kein Wasser gesehen.

In den letzten Tagen — nein, Wochen — war es ungewöhnlich heiß gewesen, selbst für Mitte August. So heiß, dass die Klimaanlage bereits zwei Mal gestreikt hatte und sie jemanden zur Reparatur hatte rufen müssen. Es hatte sie jedes Mal ein kleines Vermögen gekostet, als ob die Elektriker nur auf solche kleinen Katastrophen warteten um dann ihre Preise exorbitant anzuheben und ihr Jahreseinkommen mit hilflosen Frauen wie ihr zu verdienen.

Da war sie sich sicher.

Wenn er noch hier wäre, dann hätte sie niemanden rufen müssen. Die Klimaanlage war, genauso wie die Rosen und der Vorgarten, seine Aufgabe gewesen.

Die Rosen, der Vorgarten und der Müll. Oh, der verdammte Müll.

Wenn er nur den Müll rausgebracht hätte.

Aber aus irgendeinem Grund hatte er das mit dem Müll nicht auf die Reihe bekommen. Erst hatte er ihn nur ab und zu vergessen und sie hatte sich darum gekümmert. Aber mit der Zeit wurde aus ‚ab und zu‘ eben ‚fast jede Woche‘ und später dann ‚immer‘.

Einmal hatte sie sich geweigert und der Müll hatte fast zwei Monate unter der Spüle gestanden und Mutter Natur Nährboden für eine Vielzahl von bisher sicher noch unentdeckten Kreaturen geboten. Er hatte sich entschuldigt. Natürlich hatte er sich entschuldigt. Er hätte es ‚vergessen‘.

Als ob man vergessen könnte, dass man ein kleines Biotop in der Küche züchtet.

Jetzt war das mit dem Müll ihre Aufgabe und sie brachte ihn jede Woche raus. Schluss mit den Streitereien, den Anspielungen, dem Stress.

Doch während sie ihren Teebeutel in den frischen Müllbeutel warf, musste sie sich eingestehen, dass die Rosen und der Vorgarten und die Klimaanlage jetzt auch ihre Aufgabe waren.

Ihr war nicht bewusst gewesen, dass das die Entscheidung war, die sie getroffen hatte. Dass sie sich zwischen nur dem Müll oder eben dem Müll und dem ganzen anderen technischen Kram entscheiden musste.

Hätte sie gewusst, dass es so ausarten würde, hätte sie ihre Entscheidung anders gefällt.

Sie hätte den Müll ohne Diskussion jede Woche, wenn nötig auch zwei Mal die Woche rausgebracht. Sie hätte ihm seine Vergesslichkeit verziehen, wenn er nur ihre Rosen gegossen hätte.

Dann hätte sie vielleicht nicht gedacht, dass das mit dem Arsen so eine gute Idee sei.

Vielleicht.