Das Spiel mit dem Wolf

Das Spiel mit dem Wolf #herstory

Das Spiel mit dem Wolf

*Du stehst mir im Weg


*Tu’ ich das?


*Verarsch’ mich nicht.


*Tu’ ich nicht.


*Lass mich vorbei!


Der zerbrechliche Körper des Mädchens bebt, während der Wolf, dessen weißes Fell im Mondlicht glänzt, genüsslich gähnt, ein Mal um die eigene Achse trottet und sich wenige Meter vor dem Mädchen auf dem Waldboden niederlässt. Sein muskulöser Körper ruht quer auf dem schmalen Weg.

Das Mädchen ballt die Hände zu Fäusten.


*Dieses Spiel wird langweilig, Wolf.


*Dann ändere die Regeln, Mädchen.


*Wie wär’s wenn du sie änderst?


*Warum sollte ich?


*Weil du spielen willst, nicht ich.


*Ist das so.


*Du stellst dich mir in den Weg. Nacht für Nacht.


*Du kehrst um, Nacht für Nacht.


*Was soll ich deiner Meinung nach sonst tun? Mich zerfleischen lassen?!


*Dummes Mädchen. Glaubst du nicht, ich hätte es längst getan, wenn ich das wollen würde?


--


*Außerdem glaube ich dir nicht, dass du wirklich diesen Wald durchqueren willst.


*Was soll das heißen?


*Viele Wege führen nach Rom.


*Ich will nicht nach Rom.


*Sei nicht kindisch. Du weißt, was ich meine.


*Nein, weiß ich nicht. Es gibt keinen anderen Pfad, der durch den Wald führt.


*Das stimmt.


*Was zur Hölle willst du mir mitteilen, du verdammtes Orakel?


*Du hältst mich für den bösen Wolf, doch das bin ich nicht. Ich bin es nur für dich. 


*Ach ja?


*Sag, wohin willst du?


*Was geht dich das an.


*Du könntest auch um den Wald herum laufen...


*Halt’ die Schnauze.


*... aber nein, du kommst jede Nacht hier her und hoffst, dass ich dich irgendwann passieren lasse...


*... Ich bin dir keine Antwort schuldig.


*Ich finde du bist mir durchaus eine Antwort schuldig, Liebes. Immerhin belästigst du mich durch deine nächtlichen Besuche - stehst hier, zitternd wie Espenlaub, jammerst, bettelst, flehst, schreist. Ich denke, dein böser Wolf hat eine Antwort verdient!


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*Also: Wohin willst du?


Mit diesen Worten erhebt sich der Wolf. Das Mädchen weicht zurück, als er sich knurrend und mit gefletschten Zähnen anpirscht. Wenige Pfotenlängen vor dem Mädchen bleibt das majestätische Tier stehen.

Seine Augen funkeln, die Krallen graben sich in den Boden - jede Faser seines Körpers bereitet sich auf den Sprung vor, der das Schicksal des Mädchens besiegeln wird.

Das Mädchen weiß, wenn es jetzt nicht redet, ist es vorbei. Zitternd beginnt es zu sprechen.


*Ich ... Wo ich hin will ... das ist kein Ort. Ich will ... Ich suche ein Gefühl, einen Zustand, etwas, das ich verloren habe, vor langer Zeit. Etwas, das ich brauche wie die Luft zum Atmen. Doch ich habe vergessen, was es ist und wie es sich anfühlt, ich weiß nur, dass ich es wiederfinden muss. Ich kann es nicht beschreiben, habe keine Worte dafür, aber ich kann ohne es nicht länger Leben.


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*Du meintest, ich könne um den Wald herum laufen, um zu meinem Ziel zu gelangen. Das habe ich getan. Wieder und wieder. Doch ich habe es nicht gefunden, mein Ziel, dieses Gefühl, das Namenlose wonach ich suche. Ich glaube... Ich spüre, dass ich diesen Wald durchqueren muss. Für mich führt kein Weg daran vorbei.


Die Anspannung weicht aus dem Körper des Wolfes, seine Miene entspannt sich und das Mädchen glaubt zu sehen, wie seine Lefzen zucken und ein Lächeln das mächtige Maul umspielt.


*Schon besser. Spielen wir mit offenen Karten.


*Soll das heißen, du lässt mich durch?


*Nein.


In diesem Augenblick geschieht es.

Der unbändige Zorn, wieder und wieder geschürt durch endlose, nervenaufreibende Debatten mit dem Wolf in zahllosen, ewig währenden Nächten und das Gefühl am eigenen Leibe eine himmelschreiende Ungerechtigkeit zu erleben, der sehnlichste Wunsch des Mädchens endlich das Ziel zu erreichen und das zu finden, was ihm gebührt - all’ das verdichtet sich und lässt das Mädchen dem Wolf einen Satz entgegenschleudern, den es in den vorangegangen Nächten nicht einmal denken konnte, geschweige denn aussprechen. Weil das Mädchen noch nicht so weit war. Es ist ein Satz, der dem Mädchen in diesem Moment völlig selbstverständlich erscheint, ein Satz, der die Spielregeln ändert, ein Satz, der das Mädchen leiten und zum Ziel führen wird.


*Wenn du den Pfad nicht freigibst, finde ich meinen eigenen Weg durch den Wald und du wirst mich nicht davon abhalten.


Der Wolf rührt sich nicht. Wie festgenagelt steht er dort und starrt das Mädchen an, welches sich entschlossen nach rechts wendet. Doch kurz bevor es die Grenze des Pfades überschreitet, um seinen Weg durch den dichten, dunklen Wald zu suchen, vernimmt das Mädchen die sonore Stimme das Tieres in ihrem Rücken.


*Wehe...


Das Mädchen zögert, lässt sich jedoch nicht beirren und als es den Fuß jenseits der Grenze des Pfades auf den bemoosten Waldboden setzt, weiß es plötzlich, dass es angekommen ist.

Bei sich.

Bei dem Gefühl innerer Sicherheit.

Und das Mädchen weiß, sie ist fort, die Angst. 

Der böse Wolf ist fort.

Das Mädchen lächelt und macht sich auf den Weg. In die Zukunft. Und es schwört sich, von nun an sich selbst treu zu bleiben und das Heulen der bösen Wölfe zu ignorieren. 

Wie verrückt, denkt das Mädchen: Indem es vom Weg abkommt, ist es im Begriff sich selbst zu finden. Ja, das Mädchen ist auf dem Weg eine starke Frau zu werden.