1 Die wohlbekannte Melodie

Emily Bloomfield

1 Die wohlbekannte Melodie

                             

Richard saß im Schatten eines Sonnensegels. Die schwüle Luft roch nach Kaffee und schwirrte von den Geräuschen der Stadt. Stimmen, Gabeln auf Porzellan, klirrende Gläser, in der Ferne Autolärm, Glockengeläut und aus allen Himmelsrichtungen der entfernte Klang von Straßenmusik. Kurz fragte er sich, ob ihm Rom früher gefallen hätte, wenn er als junger und gesunder Mann hierher gekommen wäre. Doch zu jener Zeit hatte die Stadt sicherlich noch ein anderes Gesicht getragen. Die Frage war ohnehin irrelevant, also ließ er sie fallen.

Er starrte auf das unberührte Wasserglas auf dem Tisch und auf die leere Cappuccinotasse daneben. Ein angebissenes Plätzchen lag auf der Untertasse. Der Aschenbecher enthielt den Überrest einer einzigen Zigarette. Sein Informant war schon lange fort, doch Richard schien wie festgeklebt an seinem Stuhl. Er versuchte, sich zu fokussieren, einen klaren Gedanken zu fassen, eine Entscheidung zu treffen. Was würde er als nächstes tun?

Dass die Spur ins Leere geführt hatte, war für ihn weder ein Schock noch eine Überraschung gewesen. Den Luxus solcher Emotionen besaß er schon lange nicht mehr. Doch nun, da er jedem Hinweis gefolgt war, befand er sich in einer perspektivlosen Lage. Und Perspektivlosigkeit war sein schlimmster Feind, denn sie lähmte seine Gedanken. Jede Idee schien abwegig, jede Frage irrelevant. Noch nicht einmal das Vorhaben, aufzustehen und in sein Hotelzimmer zurückzukehren, konnte er zu Ende denken und so blieb er sitzen. Schließlich war es egal, ob er hier oder in seiner Suite saß und vor sich hinstarrte. Vielleicht sollte er Joe anrufen...?

„ Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Signore?“

Das amüsierte Lächeln erstarb im Gesicht der Kellnerin, als Richard den Kopf hob. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Furcht. Er kannte diese Reaktion. Joe hatte ihn neu eingekleidet, um ihn weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Tatsächlich sorgten die hellgrüne Lederjacke, der violette Zylinder und die schwarz-weiß karierten Handschuhe häufig für schmunzelnde Blicke und Gekicher. Doch das hielt nie lange an.

Richard erwiderte den angstvollen Blick der Kellnerin ungerührt. Früher wäre es ihm unangenehm gewesen, einer jungen Frau in diesem Aufzug zu begegnen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ihm die Mädchen für sein gutes Aussehen und sein Modebewusstsein aufreizende Blicke zugeworfen hatten. Zu jener Zeit hätte er Joe schon alleine für den Vorschlag, eine leuchtend grüne Jacke zu tragen, ein Ohr abgeschnitten. Heutzutage jedoch stand er über diesen Dingen. Es rührte ihn nicht mehr, ob man ihn fürchtete, anhimmelte oder respektierte – solange es seinem Ziel nicht im Wege stand. Selbst den nutzlosen Informanten hatte er ziehen lassen, ohne ihm ein Haar zu krümmen. Der Aufwand, sich eines Mannes zu entledigen, mit dem er ohnehin nie wieder etwas zu tun haben würde, wäre eine nicht zu entschuldigende Energieverschwendung gewesen. Richard musste sorgfältig mit seinen Kraftreserven umgehen. Er würde sie brauchen, sobald er beschlossen hatte, was als Nächstes zu tun war. Er ging stets von der Prämisse aus, dass es etwas gab, das er tun sollte. Er ging davon aus, dass eine seiner Taten zu dem gewünschten Ergebnis und somit auf lange Sicht irgendwann zum Ziel führen würde. Auch wenn die Statistik der vergangenen Jahrzehnte diese Annahme zu widerlegen schien, hielt Richard daran fest. Die Alternative, den Zweck seines Daseins und all seines Handelns zu negieren, erschien ihm nicht logisch.

Richard musterte das Braun der geweiteten Augen der Kellnerin. Er glaubte sich daran zu erinnern, dass ihm dieser Farbton früher besonders gut gefallen hatte, und suchte in seinem Innern nach dem Hauch einer Gefühlsregung, um diese Vermutung zu belegen. Er fand nichts. Noch bevor er seine Aufmerksamkeit dem Mund, den Haaren oder dem Körperbau der Frau widmen konnte, war sein Interesse an ihr verflogen.

Sie holte Luft, um eine zittrige Wiederholung ihrer Frage hervor zupressen. In diesem Moment schoss ein Windstoß durch die Straße, der an den Sonnensegeln zerrte, einen Teller zu Bruch gehen ließ, Richards Zylinder von seinem Kopf fegte und die Klänge der angrenzenden Piazza mit sich brachte. Geigenklänge. Eine Melodie aus einem anderen Leben. Richard hatte das Stück als junger Mann gekannt.

Es kam nicht oft vor, dass Richards Geist und auch sein Körper ihm gehorchten, ohne mit Tatsachen und logischen Argumentationsketten überredet werden zu müssen. Die Kellnerin taumelte zur Seite, als er aufsprang, und stieß dabei einen Kollegen zu Boden. Der Lärm des scheppernden Bestecks und der zerspringenden Gläser übertönten die Musik und Richard spürte ein Gefühl in sich aufsteigen, das sich fast wie Ärger anfühlte. Sehr gut. Er rannte auf die Piazza zu. Er rannte. War das möglich? Wann war er das letzte Mal gerannt? Sicherlich nicht in diesem Jahrtausend.

Sowohl die belustigten Blicke, als auch die wütenden Ausrufe und ängstlichen Entschuldigungen entgingen seiner Aufmerksamkeit, als er sich den Weg durch eine Touristengruppe bahnte. Er hastete auf den Platz und sah sich um. Die Melodie war verstummt, doch der Musiker konnte noch nicht weit weg sein. Richard kannte den Komponisten des Stückes. Er konnte sich noch gut daran erinnern, seine Leiche verscharrt zu haben. Natürlich nicht eigenhändig.

Er war kein Musikliebhaber, doch er war in der Welt herumgekommen und hatte einiges gehört. Nichts war dieser Melodie jemals nahe gekommen. Es gab für diesen Fall zwei Hypothesen, von denen Richard ausgehen konnte. Entweder hatte ein fremder Musiker diese alte und einzigartige Melodie wiederentdeckt oder der Komponist, dessen leblosen Körper Richard persönlich untersucht hatte, lebte noch. Wie so oft stand die Wahrscheinlichkeit nicht auf Richards Seite. Doch welchen Sinn hätte es ergeben, von jener Hypothese auszugehen, die Richard seiner neu entdeckten Willenskraft und Energie berauben würde? Er hatte in seinem Leben Vieles erlebt, was unmöglich erschien. Tricks und Illusionen, aber auch sogenannte Wunder. Also beschloss er, dass der Komponist noch lebte. Das war eine gute Nachricht. Er hatte zwar am Tage ihrer ersten Begegnung bereits beschlossen, ihn umzubringen, doch vor seinem verfrühten Ableben hätte der Junge Richard noch von Nutzen sein sollen. Das könnte er nun nachholen.

Der Geigenspieler war fort. Richard spürte den Zorn, der vom Kopf in die geballten Fäuste schoss. Er genoss das Gefühl, hielt es fest und bestärkte sich darin. Es war, als würde Elektrizität durch seine Adern fließen und sich bis in den letzten Winkel seines Körpers ausbreiten. Seine kribbelnden Füße verlangten nach Bewegung, seine Mundwinkel zuckten, sein Kopf wurde geflutet von Gedanken, Ideen, Plänen. Er wusste, was zu tun war.

2 Emily Bloomfield