Prolog

Emily Bloomfield

Prolog

                             

1870. Es war warm und sonnig wie an jedem Tag, den sie bisher an diesem traumhaften Ort verbracht hatte. Während sie mit nackten Füßen durch den Garten schritt, sog sie die blumige Luft tief ein, doch der Duft der Rosen vermochte sie nicht zu beruhigen. Sorgenvoll hatte sie die Arme vor ihrem Bauch verschränkt. Ihre linke Hand hielt den Schlüssel fest umklammert.


Seit sie hier war, hatte sie nicht mehr geschlafen. Tag für Tag war sie rastlos umher gewandelt. Weder in der Bibliothek, noch im Musikzimmer hatte sie Zerstreuung gefunden. Und besonders nachts, wenn die Ruhe des Tages sich in undurchdringliche Stille verwandelte, blieb ihr nichts weiter übrig, als zu zählen. Denn jede Sekunde, die verstrich, brachte sie dem verabredeten Tag näher. Heute war es soweit. Bereits zum zweiten Mal.


Sie war dankbar für den kühlen Windhauch, der durch ihr verschwitztes Haar strich. Sie fühlte sich krank. Vergangenes Mal war niemand hindurch gekommen. Was sollte sie tun, wenn sie auch heute alleine blieb?


Als sie ihr Ziel erreicht hatte, verbrachte sie einige Minuten damit, die Zeiger ihrer Taschenuhr zu beobachten. Dann straffte sie die Schultern und streckte ihren linken Arm nach dem Schloss aus. Mitten in der Bewegung hielt sie jäh inne und sackte mit einem erschrockenen Aufschrei zusammen. Sie krümmte sich unter den Schmerzen und versuchte vergeblich, sich wieder aufzurichten. „Hilfe“, keuchte sie und als die starken Hände zweier Hausmädchen ihr aufhalfen: „Zu früh...“


Sie wehrte sich, als die Mädchen sie fortführen wollten. „Nein. Ich muss... das Tor...“, doch sie konnte sich den Griffen nicht entwinden. „Lasst mich!“, schrie sie und kreischte, als eine neue Welle des Schmerzes durch ihren Körper flutete. Jede Sekunde, die sie aufgehalten wurde, brachte sie weiter fort vom verabredeten Zeitpunkt. Sie riss sich mit letzter Kraft los, drehte den Schlüssel und öffnete mit zitternden Händen das Tor.


Niemand stand auf der anderen Seite.

1 Die wohlbekannte Melodie