Keine Antwort. Nur atmosphärisches Rauschen ...

Aus der Zeit gefallen - Thórsteinn vs. Charlotte Teil 1

Keine Antwort. Nur atmosphärisches Rauschen ...

Keine Antwort. Nur atmosphärisches Rauschen, das ein wenig wie das genervte Räuspern von Aleks klingt, wenn ich wieder einmal einen Bock geschossen habe.

Aber wieso denke ich an ihn? Er ist ja nicht am Apparat. »Maike?«, frage ich abermals, nun etwas unsicher geworden. »Das bist doch du, oder? Nicht wahr?« Ich lausche, doch erneut keine Wortmeldung. »Hab ich dich etwa aus dem Bett geklingelt, Maike? Das täte mir echt leid, aber … Ich brauche dich jetzt, Maike. Ehrlich! Aleks hat mich betrogen, ich hab‘ ihn in flagranti erwischt. Alles, was du je über diesen Mega-Arsch gesa…«

»Nur, um das klarzustellen«, dröhnt Aleks’ Stimme aus dem Lautsprecher. »Ich habe sicherlich einen furchtbaren Fehler gemacht und dich über die Maßen verletzt, liebste Charlie – aber ich bin kein Mega-Arsch!«

Wie, dreimal verkackte Scheiße, kommt Aleks an Maikes Telefon? Ich versuche vergeblich, mir einen Reim daraus zu machen, während sich mein Mundwerk schon selbsttätig in Bewegung setzt. »Bist du doch!«, schnappt es. »Und zwar ein Mega-mega-mega-Arschloch, um genau zu sein!«

»Aber Charlie, hör mi…«

»Und wie oft, du gehirnamputierter Teilzeit-Wikinger«, unterbreche ich ihn, »muss ich dir noch sagen, dass mein Name Charlotte Louise Friederike lautet, für Freunde Lotte, aber niemals, hörst du, niemals Charlie?«

Er seufzt. Übertrieben, wie immer, aber was überrascht mich daran? »Lottchen, Liebes i…«

»Lotte, nicht Lottchen!«, kläre ich ihn mühsam beherrscht auf und blinke links, um von der L27 zur L283 in Richtung Lindau abzubiegen. »Und auch das nur für Freunde.«

»Schätzchen, Liebes, ich bin doch dein Freund«, beharrt er, und ich werde noch wütender, weil er das Aussprechen meines Taufnamens so hinterhältig umgeht. »Auch, wenn ich zugeben muss, dass ich einen furchtbaren Fehler gemacht habe und es kaum wagen darf, auf deine Vergebung zu hoffen. Aber ich liebe dich! Ich werde dich immer lieben, und ich bin mir sicher, sobald du dich etwas abgeregt hast, wirst du das erkennen, mir verzeihen und übernächste Woche an Papas Geburtstag meinen Heiratsantrag annehmen.«

Aha. Daher weht also der Wind. »Meinst du wirklich?«, frage ich mit angestrengt auf Besonnenheit bedachter Stimme.

Das Getriebe des Minis ächzt, als ich am Ende der langgestreckten Geraden herunterschalte und scharf nach rechts abbiege, nur um dem weiten Radius der sich anschließenden Linkskrümmung zu folgen.

»Aber natürlich!« Aleks‘ Erleichterung ist durch die Freisprecheinrichtung förmlich zu greifen.

»Natürlich?«, schreie ich und zucke selbst zusammen, weil sich meine Stimme überschlägt. »Nein! Natürlich nicht! Ich hasse dich, du verkacktes Arschloch! Dich und deine verfickte … « Meine Augen richten sich auf die regennasse Fahrbahn, die über den Damm zur Lindaunisbrücke führt. Verdammt! Was ist das?

Im Licht meiner Scheinwerfer taucht eine Gestalt auf, taumelt, stolpert, fängt sich. »Ach du grüne Scheiße!«

Ich umklammere das Lenkrad und trete das Bremspedal bis zum Anschlag durch. Was macht der mitten auf der Straße?

Das ABS ruckt und bockt, die Scheibenwischer fahren wie in Zeitlupe über die Frontscheibe, die Gestalt kommt näher. Noch näher.

Scheiße! Ich werde den totfahren!