Maike. Einen Moment lang überlege ich ...

Aus der Zeit gefallen - Thórsteinn vs. Charlotte Teil 1

Maike. Einen Moment lang überlege ich ...

Maike.

Einen Moment lang überlege ich, ob ich es wirklich wagen kann, bei ihr angekrochen zu kommen, nachdem ich sie in den letzten Monaten links liegen gelassen habe. Doch ich muss zugeben, ich ziehe nicht wirklich ernsthaft in Erwägung, umzukehren und Mums bis aufs i-Tüpfelchen stilgerecht sanierte Gründerzeitvilla in Borgwedel anzusteuern, in der ich aufgewachsen bin –und erst recht nicht mein Apartment im Schleswiger Wikingturm.

Schließlich besitzt Aleks einen Schlüssel dazu und wenn, wird er mich dort als erstes suchen.

Wie aufs Stichwort klingelt mein Handy, und im Display des Navis leuchten die Worte ›Anruf von: Aleks‹ auf.

»Denkst du, ich bin blöd, du schwanzgesteuerter Hirni?«, schreie ich das grinsende Antlitz seiner online-Visitenkarte an. Ich drücke den Anruf weg und wähle rasch, bevor er erneut durchklingeln kann, Maikes Telefonnummer.

»Hallihallo, hier ist die Maike-Box«, tönt es aus dem Lautsprecher. »Maike kann gerade nicht ans Telefon, drum quatsch deinen Text nach dem Pieps auf meine Speichereinheit!« Maikes Kichern ertönt, dann das angekündigte Piepen, und ich hole Luft.

»Hi, Maike, hier ist Lotte«, sage ich und folge dem Straßenverlauf, den ich blind kenne, so oft, wie ich in den vergangenen zehn Jahren hier langgefahren bin. Erst mit dem Rad, dann mit dem Roller und schließlich mit dem Mini: Immer, wenn die Kacke am Dampfen war, fand ich auf dem Hof von Maikes Eltern im herrlich verschlafenen Ketelsby Unterschlupf. »Ich bin auf dem Weg zu dir. Aleks … Deine Vorhersage ist eingetroffen.« Ich schniefe lautstark, ehe ich weiterspreche. »Der Arsch hat mich betrogen. Ausgerechnet mit Konstanze und ausgerechnet auf dem blödsinnigen Mittsommerfest in diesem blödsinnigen Wikinger-Museum, für das ich mir diese blödsinnige A-plus-Gewandung gekauft habe.«

Das Grellgelb eines Ortseingangsschilds leuchtet in den Kegeln meines Fernlichts auf, und ich bremse ab.

»Ich fahre eben durch Rieseby«, informiere ich Maike. »In einer Viertelstunde bin ich bei dir. Bis dann.« Unter geräuschvollem Hochziehen meiner Nase drücke ich die Auflegen-Taste am Lenkrad und gebe, kaum dass ich das Ortsende erreicht habe, erneut Gas. Ehrlich, ich könnte viel schneller fahren, wenn mein linker Ellenbogen nicht bei jeder Lenkbewegung mit dem Knauf des Schwerts kollidieren würde, das in dem aus originalgetreu grubengegerbtem Leder gefertigten Schwertgehänge steckt. Originalgetreu! Ich schwöre, ich werde dieses Adjektiv ebenso aus meinem aktiven und passiven Wortschatz löschen, wie ich das Schwert und den ganzen übrigen Kram entsorgen werde.

Aber auf die paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an. Klar, ich könnte anhalten und es abnehmen, aber wer wäre schon so blöd, bei diesem Wolkenbruch auszusteigen? Nicht einmal ich!

Erneut klingelt mein Handy, ich schiele aus dem Augenwinkel auf das Display und schnaufe erleichtert auf, als ich ›Anruf von: unbekannt‹ entziffere.

Das muss Maike sein, denn niemand sonst, den ich kenne, telefoniert mit unterdrückter Rufnummer.

Ich drücke auf die Taste zum Annehmen. »Maike?«, rede ich drauflos, ohne auf ihr Melden zu warten. »Ich bin’s, Lotte. Hab dir eben auf die Mailbox gequatscht, aber die hast du bestimmt noch nicht abgehört. Bin gerade auf dem Weg zu dir. Du bist doch zu Hause, oder?«