Tag X

Tag X

Tag X

Der Tag war perfekt für mein Vorhaben. Meine Mom war über das Wochenende mit einem Arbeitskollegen auf einem Kongress in der Schweiz (Arbeitskollege? Wirklich? Wir wussten doch alle, was die beiden eigentlich taten.) und Dad verbrachte den Tag wie immer in seinem winzigen, vollgestopften Raum unter dem Dach und fraß seine Gefühle in sich hinein (Er nannte dieses Kabuff Arbeitszimmer, aber er versteckte sich dort nur, um uns allen aus dem Weg zu gehen.). Mich hatte also in der Küche am Morgen nichts empfangen außer dem leeren Kühlschrank und schmutzigem Geschirr vom Vortag, das im Spülbecken vor sich hin miefte und sämtliche Fliegen im ganzen Haus anlockte. Ich war kurz entschlossen nach oben gesprintet und hatte meinen Geldbeutel geholt, um mich in mein Lieblingscafé an der übernächsten Straßenecke zu setzen. Dabei war mein Blick an den kahlen Wänden und leeren Regalen hängen geblieben. Mein Zimmer sah aus, als wohnte niemand darin. So viel würde sich also nicht daran ändern. Es gab keine Poster von Boybands oder fröhliche Fotos, auf denen ich meine besten Freundinnen umarmte. Ich hatte keine festen Freundschaften. Ein paar Leute aus der Schule, mit denen ich ab und zu zusammenarbeitete, kannten vermutlich meinen Namen, aber es gab niemanden, dem ich fehlen würde. Keine langen Trauerreden, kein ,,Ich wünschte, ich hätte gewusst, was in ihr vorgeht". Ich war schon immer unsichtbar gewesen, ein Gesicht, das in der Masse verschwamm, und man würde mich schnell vergessen. Vielleicht war es so am besten. Vielleicht gehörte ich einfach nicht in diese Welt, in dieses Leben. Vielleicht war ich einfach nicht dafür gemacht.
Ich genoss also mein Frühstück im Café an der übernächsten Straßenecke, las in einem nicht besonders spannenden Magazin über das Leben von einigen pseudoberühmten Menschen und war ganz ruhig. Die letzten Tage war ich sehr nervös gewesen, unsicher, ob ich das Richtige tat, denn danach war es vorbei und ich würde keine Gelegenheit haben, es rückgängig zu machen. Heute jedoch, am lange vorausgeplanten Tag X, war ich ruhig. Ich hatte meine Wahl getroffen und inzwischen war mir alles andere egal. Ich würde keine Lücke hinterlassen. Und für mich war es eine Erlösung, denn ich konnte einfach nicht mehr. Ich wollte kein ganzes Leben so verbringen.
Ich bezahlte und ließ meinen Geldbeutel dann einfach auf dem Tisch liegen. Ich würde ihn schließlich nicht mehr brauchen.

Die Brücke, die ich mir ausgesucht hatte, war leer, genauso wie die Ufer an den beiden Seiten des Flusses. Ich war froh darüber, denn so konnte es zu keinen dramatischen Szenen kommen, in denen irgendwer versuchte, mich aufzuhalten. Ich kletterte gemächlich über das Geländer und hielt mich rückwärts daran fest, während ich nach unten sah. Es war wirklich hoch. Der Fluss sah kalt und grau aus und ich zitterte schon jetzt, obwohl ich mit all meinen Klamotten hier oben stand. Ich würde sie anlassen, damit sie mich nach unten zogen, falls der Sprung alleine mich nicht sofort tötete. Ich fröstelte. Das war es also. Meine letzten Sekunden waren angebrochen. Was würde ich aus diesem Leben mitnehmen? Eine Reihe langer, grauer Tage, die mich ermüdet und zermürbt hatten und an diesen Ort gebracht. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal richtig fröhlich gewesen war. Der Sprung würde das Ende sein und gleichzeitig der Anfang von etwas neuem.
Und mit diesem Gedanken ließ ich das Geländer los und flog. Ich war frei für den Bruchteil einer Sekunde und es war wunderschön. Kurz bevor ich auf das Wasser aufkam, sah ich am Ufer einen Jungen, der wie wild winkte und schrie. Wie hatte ich ihn übersehen können? Das Wasser schlug über mir zusammen und zog mich tiefer in die Strudel, aus denen ich mich nicht mehr lösen konnte. Ich fühlte mich ganz betäubt von dem kalten Wasser, doch als ich die Augen öffnete und nach oben blickte, sah ich Sonnenstrahlen durch das Wasser brechen. Benommen beobachtete ich kleine Luftbläschen beim Aufsteigen und sank tiefer und tiefer, bis auf den Boden des Flusses.
Kurz bevor ich das Bewusstsein verlor, dachte ich an den Jungen. Bestimmt war er nur zufällig hier. Er würde vielleicht derjenige sein, der mich aus dem Wasser zog und den Notarzt rief, obwohl er wusste, dass es schon zu spät war. Ich wollte nicht, dass er mich fand. Er hatte mit dieser Sache nichts zu tun. Ich wollte nicht, dass er mit mir in Verbindung kam und für sein Leben, sein stinknormales, schönes Leben, traumatisiert war. Und außerdem...wollte ich dieses Leben auch. Verdammt, was hatte ich mir nur bei dieser hirnrissigen Aktion gedacht. Vorhin hatte ich darin noch den einzigen Ausweg gesehen, doch jetzt...ich musste hier raus. Mit letzter Kraft stieß ich mich vom Boden ab und kämpfte mich an die Oberfläche. Meine Lungen schrien nach Luft und ich merkte erst jetzt, wie sehr mein Hals brannte, weil ich so viel Wasser geschluckt hatte. Mit letzer Kraft tauchte ich auf und schnappte hustend nach Luft. Ich spuckte Wasser und schlug wie wild um mich, um nicht wieder nach unten gezogen zu werden, doch das war verdammt schwierig. Meine Kleidung war voll Wasser und zog mich unerbittlich zurück. Ich ruderte wie eine Verrückte mit den Armen in Richtung Ufer. Ich musste hier raus. Verdammt! Ich kam vorwärts, aber zu langsam. Ich konnte schon den ekelhaften Flussschlamm zwischen den Zehen spüren, als mich die Kraft endgültig verließ und ich ohnmächtig wurde.

Das Nächste, was ich wahrnahm, war der kalte, halbgefrorene Boden unter meinem Rücken und eine aufgeregte Stimme viel zu nah an meinem brummenden Schädel. Mühsam schlug ich meine Augen auf und blickte in den kalten grauen Novemberhimmel, ohne fähig zu sein, irgendetwas zu denken. Die Stimme neben mir verstummte abrupt und jemand kniete sich schwer atmend an meine Seite. Es war der Junge von vorhin, mit durchnässten Klamotten und hektischen roten Flecken im Gesicht.
,,Du bist wach!", stellte er fest und schien ziemlich überfordert mit der Situation. ,,Bleib jetzt einfach ganz ruhig liegen, ein Krankenwagen ist unterwegs, okay?"
Er legte seine Hand auf meine, was wohl beruhigend wirken sollte, aber anhand der Tränen, die über sein Gesicht liefen, nicht besonders überzeugend war.
,,Ich wollte mich umbringen.", flüsterte ich heiser und sprach es damit zum ersten Mal richtig aus.
,,Und ich bin froh, dass du es nicht geschafft hast.", gab er zurück und entlockte mir damit ein schwaches Lächeln, während im Hintergrund ein Martinshorn immer näher kam. Und irgendwie war ich auch froh.