Kapitel 1

Liv & Leif. Die Wurzeln des Schicksals

Kapitel 1

Der Traum lag schwer auf ihrer Brust, drückte sie fest in die Matratze. Immer tiefer. Regungslos lag sie da. Wie von ihrer Decke gefesselt, der Kopf auf dem Kissen fixiert. Ihr Atem ging flach und kratzte im Hals. Sie war durstig und fror. Ihr Körper war steif, die Muskeln kalt. Sie war gelähmt und die Zeit schien stillzustehen. Würde sie sich jemals wieder aus diesem Bett erheben? Der Druck auf ihren Körper verstärkte sich, presste die Luft aus ihrer Lunge. Sie glaubte, das Holz ihres Bettes knacken zu hören. Dann wurde sie losgelassen. Sie sackte plötzlich nach unten, fiel und entkam durch den Sturz endlich der Schwere auf ihrer Brust. Entkam sogar der Schwerkraft, bis –


Liv erwachte mit den Flusen ihres Teppichs im Mund. Sie lag auf ihrem tauben linken Arm, hatte den rechten hinter dem Rücken verdreht, die Beine in der Decke verfangen. Stöhnend und blinzelnd strampelte sie sich frei, kam erst auf den Bauch und dann auf die Knie. Kurz glaubte sie, im Türrahmen eine Gestalt stehen zu sehen, doch die Tür war geschlossen und davor hing nur ihr schwarzer Regenmantel. Sie griff nach dem Bettpfosten und zog sich daran hoch. Warum schlief sie nicht gleich auf dem Boden? Sie erwachte ohnehin immer hier unten.

Liv taumelte mit halb geschlossenen Augen ins Bad und ließ ihr Nachthemd auf den Boden fallen. Während das warme Wasser auf ihre Schultern trommelte, summte sie eine Melodie und versuchte, sich daran zu erinnern, zu welchem Lied sie gehörte. Dann schlüpfte sie in Shorts und T-Shirt und stellte in der Küche das Radio an. Sie grinste, als der Refrain eines Liedes erklang, das sie aus einem Hörspiel kannte. „It’s so cosy in hell. Wondering about the things she tells …“, sang sie und angelte den Orangensaft aus dem Kühlschrank. Fast leer. Typisch.

Ihre Mutter hatte eine Notiz auf dem Küchentisch hinterlassen. Ihre Handschrift war seltsam gestaucht. Wahrscheinlich war sie wie jeden Morgen in Eile gewesen. Prospekte liegen vor der Haustür. Vergiss den Tierarzttermin nicht. 11 Uhr. Hab dich lieb.

Liv warf einen Blick auf ihr Handy und verschluckte sich an ihrem Saft. 10:15 Uhr. „Verfluchter Mist“, hustete sie, während sie hektisch ihren Rucksack packte. Hatte ihr Wecker nicht geklingelt? Sie erinnerte sich, von einem eigenartigen Piepen geträumt zu haben. „Emma!“, rief sie und stopfte sich ein Stück Toast in den Mund. Emma tauchte nicht auf. „Wir haben keine Zeit für diese Spielchen. Du brauchst deine Impfung. Emma!“ Liv polterte die Treppe hoch und wieder runter. Keine Spur von ihrem Golden Retriever. Da hörte sie ein Fiepen aus dem Gästebad und öffnete die Tür. Emma stürmte ihr entgegen und warf sie fast um vor Freude. Schwanzwedelnd ließ sie sich auf den Rücken fallen, damit Liv ihren Bauch kraulen konnte. „Wie bist du denn da reingekommen? Hast du dich selber eingesperrt?“ Kopfschüttelnd legte Liv ihr das Halsband an und die beiden verließen eilig das Haus. Draußen schraubte sie den Anhänger an ihrem Fahrrad fest und befüllte ihn mit den Prospekten.

„Schau nicht so vorwurfsvoll. Ein bisschen Bewegung tut dir gut. Auf dem Rückweg darfst du im Anhänger sitzen“, versprach sie. Emma war faul und ein wenig zu dick, aber Liv fand, das stand ihr im Rentenalter zu. Seit Livs erstem Schultag war Emma an ihrer Seite und der lag nun immerhin schon fast zehn Jahre zurück. Es tat ihr leid, dass sie die alte Hündin heute hetzen musste, doch die Prospekte hätten bis 10 Uhr ausgeteilt sein sollen. Also trat Liv kraftvoll in die Pedale und überschlug sich fast vor Eile, wenn sie absprang und durch die Vorgärten sprintete, um die Prospekte in die Briefkästen zu stopfen. Emma wartete hechelnd am Fahrrad und stierte sehnsüchtig auf den Anhänger.

Um 11:15 Uhr hatte sie endlich den Tierarzt erreicht, der auf der Hälfte ihrer Strecke lag. Liv hoffte, in wenigen Minuten mit ihrer Arbeit fortfahren zu können, und atmete zunächst erleichtert auf, als sie sah, dass das Wartezimmer bis auf eine Person komplett leer war. Zu ihrem Pech hatte der seltsame Kauz mit dem Hawaii-Hemd und der Sonnenbrille jedoch einen halben Zoo mitgebracht. Er teilte Liv ungefragt mit, an welch kuriosen Erkrankungen seine Haustiere litten und sparte nicht an Details. Liv hatte das Gefühl, von den Augen hinter der Sonnenbrille fixiert zu werden. Der Typ erzählte lebhaft von einem Hamster mit Arthritis, einer Schlange, die einen Autoschlüssel verschluckt hatte, einem Kater, der eine Allergie gegen sich selbst entwickelte, und einem Papagei, der unter chronischem Schluckauf litt. Liv nickte geduldig, weil ihr nichts anderes übrigblieb, und starrte auf die dunkel glänzenden Gläser seiner Brille. Sie überlegte im Stillen, warum Leute überhaupt Hawaii-Hemden trugen. Außerhalb Hawaiis zumindest. Gab es Menschen, an denen sie gut aussahen? Sie hatte jedenfalls noch keine getroffen. Als der Bericht des Mannes schließlich doch ein Ende fand, erkundigte er sich nach Emma.

„Hypochondrie“, behauptete Liv. „Sie kommt jede Woche mit neuen Symptomen hierher. Letztes Mal war es ein Tinnitus, davor Schweißpfoten, davor Haarausfall. Einmal hatte sie Wahnvorstellungen und dachte, sie sei ein Hamster mit Arthritis.“

Liv rechnete damit, dass der Fremde verärgert, beleidigt oder zumindest verständnislos reagierte. Stattdessen erschien ein breites weißes Grinsen in seinem Gesicht, fast als freue er sich, dass sie sein kleines Spiel begriffen hatte. In diesem Moment wurde sein Name aufgerufen und er eilte mit seinen Käfigen und Boxen aus dem Raum. Liv kraulte Emma hinter dem Ohr und flüsterte: „Der Typ hat einen Vogel. Damit meine ich nicht den Papagei.“ Emma gähnte und rollte sich zu Livs Füßen zusammen.

Liv blätterte lustlos in einigen Magazinen und rutschte auf ihrem Stuhl herum. Zweifellos bekam die Tierärztin gerade ebenfalls die Lebensgeschichten der Tiere zu hören. Es war bereits fast zwölf Uhr und sie hatte die Hälfte der Prospekte noch nicht ausgeteilt.

„Blöder Ferienjob …“, grummelte sie und begann, Angry Birds zu spielen. Bis vor ein paar Tagen war ihr Smartphone kaputt gewesen und hatte sich nicht mehr anschalten lassen. Jetzt funktionierte es auf einmal wieder einwandfrei. Liv hatte die technologische Wiederauferstehung mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Sie war erstaunlich gut ohne ihr Handy zurechtgekommen. Schließlich waren ihre Mutter und ihre besten Freunde immer in Rufweite. Erst jetzt, wo sie es zurück hatte, fiel ihr auf, wie viel Zeit sie tatsächlich damit verbrachte. Wenn sie sich auf ihren Touren verfuhr, was unerklärlicher Weise noch immer vorkam, fragte sie Google nach dem Weg. Verhasste Wartezeiten überbrückte sie mit Musik oder einem Spiel. Und wenn sie Glück hatte, schrieb ihr –

Das Handy gab einen Gong-Ton von sich und Liv stieß vor Überraschung einen spitzen Schrei aus. Emma hob irritiert den Kopf. „Jonathan hat geschrieben“, wisperte Liv aufgeregt. Sie hatte verknallte Mädchen immer albern und anstrengend gefunden, bis sie selbst eines geworden war. Mit hämmerndem Herzen öffnete sie die Nachricht. Die Prospekte und der Zeitdruck waren vergessen.

Hey, Mäuschen! Ich hab mir etwas ganz Besonderes für unser Treffen heute Mittag überlegt.

Liv grinste. Er hatte sie Mäuschen genannt. Das war natürlich ein ziemlich blöder Kosename. Nicht gerade kreativ oder individuell. Trotzdem konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass ihre Mundwinkel nach oben wanderten und ihr Magen flatterte.

Sei um 14 Uhr hungrig am Brunnen im Park. J

Livs Lächeln erstarb. Das waren nur noch zwei Stunden und auch diese schmolzen immer weiter dahin. Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken und heute zerrte das Warten ganz besonders an ihren Nerven. Als sie die Praxis mit Emma endlich verließ, blieben ihr noch genau siebzig Minuten.

„Ich weiß, du bist müde. Aber ich will dieses Date wirklich nicht verpassen. Er hat ein Picknick für mich vorbereitet und er hat mich Mäuschen genannt.“ Emma blickte unbeeindruckt zu ihr auf. Liv bückte sich und kraulte mit beiden Händen ihren Kopf. „Das bedeutet, dass er mich heute fragen wird, ob ich seine feste Freundin werde. Ganz offiziell.“ Ihre Stimme bebte vor Freude und sie räusperte sich. „Also muss ich ordentlich in die Pedale treten, um rechtzeitig zu diesem bedeutenden Ereignis zu kommen. Und du musst …“

Emma schob schwanzwedelnd mit ihrer Schnauze einen Stapel Prospekte zur Seite und kletterte auf den Anhänger.

„Oh. Ich vermute, das geht auch. Dann strample ich wohl doppelt so stark. Danke für dein Verständnis.“ Emma bellte und legte sich wie ein Puzzlestück zwischen die Papierstapel.

Nach zwanzig Minuten war Liv nassgeschwitzt. Ihre Waden brannten und sie röchelte, als die Straße anstieg. Das Shirt klebte und ihre schulterlangen Haare kräuselten sich, sodass kleine braune Löckchen in ihr Sichtfeld lugten. Sicherlich waren ihre Wangen bereits mit roten Flecken übersät. So konnte sie unmöglich zu dem wichtigsten Rendezvous ihrer baldigen Beziehung erscheinen. Natürlich wusste Jonathan aus dem Sportunterricht, wie sie aussah, wenn sie sich körperlich anstrengte. Und natürlich kannte er ihre Angewohnheit, zu jeder Verabredung zu spät zu sein. Schließlich waren sie schon in der Grundschule befreundet gewesen. Er wusste Bescheid über jede ihrer Macken und Fehler und er hatte sich dennoch in sie verliebt. Es gab also keinen Grund, sich Gedanken über ihr Auftreten zu machen. Dennoch hatte Liv das Bedürfnis, für ihn perfekt zu sein. Oder zumindest nicht schweißtriefend und verspätet.

Sie beschloss, die letzten drei Straßen heute ausfallen zu lassen, um eine Abkürzung zu nehmen. Vielleicht konnte sie zu Hause noch kurz duschen oder zumindest ihr Oberteil wechseln. Ob ihre Mutter damit einverstanden wäre, wenn sie sich die rote Bluse auslieh? Im Gegensatz zu den meisten ihrer Klassenkameradinnen hatte Liv bereits eine recht weibliche Figur. Durch ihre Kurven sah sie in ihren gerade geschnittenen T-Shirts allerdings ein wenig pummelig aus. Die rote Bluse jedoch zeigte, wie schmal ihre Taille tatsächlich war, und der Farbton passte gut zu ihren braunen Augen …

„Verdammt“, keuchte Liv und bremste abrupt. Sackgasse. Hinter ihr gab Emma ein Grummeln von sich. „Mist. Ich hätte da hinten rechts abbiegen müssen“, jammerte sie und manövrierte das Rad und den Anhänger ungeschickt hin und her, bis sie in der schmalen Straße gewendet hatte. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und stöhnte. Es war 13:30 Uhr und ihr Chef hatte versucht, sie zu erreichen. Liv raste die Straße entlang zurück, bog schwungvoll links ab und hoffte, dass sie nun wieder auf dem richtigen Weg war. Sie schaute kurz nach hinten, um nach Emma zu sehen. Der Hund hatte seinen Kopf auf den letzten Papierstapel gebettet und blinzelte mit halb geschlossenen Augen zufrieden in den Fahrtwind. Liv lachte und drehte sich wieder nach vorne – gerade noch rechtzeitig, um der über einen Gehstock gebückten Gestalt auszuweichen, die plötzlich vor ihr auf der Straße aufgetaucht war. Der Anhänger machte hinter ihr einen gefährlichen Schlenker, fing sich aber wieder. Livs Herzschlag pochte gegen ihren Hals und drückte ihr auf die Kehle. Das wäre fast schiefgegangen. Sie bremste ab, um vorsichtig wieder auf die richtige Straßenseite hinüber zu ziehen. In diesem Moment schoss links ein Moped aus der Seitenstraße. Liv schrie auf und riss den Lenker herum. Der Fahrer war so schnell unterwegs, dass er in der Kurve ebenfalls beinahe im Gegenverkehr fuhr und Livs Anhänger an der rechten Seite nur streifte. Dennoch reichte die Stoßwirkung, um den ins Schleudern geratenen Anhänger umzuwerfen. Liv hörte Emma jaulen, während sie selbst auf den Asphalt zuraste. Sie fiel hart auf die linke Seite und wurde unter ihrem Rad begraben. Der Anhänger brach aus seiner Halterung und flog über sie hinweg. Emma landete heulend in einem Gebüsch. Benommen lag Liv auf dem Boden, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ihr Atem raste und in den Ohren rauschte das Blut. Die aufgeheizte Straße drückte kleine Steinchen in ihr Gesicht. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, in der sie sich nicht rühren konnte.

Ein Paar grauer Turnschuhe trat in ihr Blickfeld. Sie drehte den Kopf und schaute an einer schlanken, hochgewachsenen Person empor. Ein Junge, dessen Kopf von der Mittagssonne überstrahlt wurde. Er beugte sich vor und sein Gesicht tauchte aus dem flimmernden Licht heraus. Ein hübsches Gesicht, von hellem Haar gerahmt, das weiß leuchtete wie ein Heiligenschein. Seine Haut war blass, die Gesichtszüge ebenmäßig und etwas kantig. Eckige Brillengläser blitzten und offenbarten zwei hellblaue Augen, deren durchdringender Blick Liv erschaudern ließ. Er kam näher, öffnete den Mund.

Oh formten Livs Lippen, doch ihre Stimme versagte.

„In Deutschland herrscht Rechtsverkehr.“ Die Worte waren sachlich und leise. Dennoch trafen sie Liv mit voller Wucht.

„W-was?“ Statt ihr hoch zu helfen richtete sich der Junge wieder auf. „Zum Glück hat mein Moped keinen Kratzer abbekommen.“

Liv war sprachlos und starrte stutzig ins Licht. Da klarten ihre Gedanken endlich auf und sie trat das Fahrrad hektisch von sich, bis sie darunter hervorkriechen konnte. „Emma! Oh mein Gott! Em-“ Sie stieß mit ihrem Kopf gegen Emmas feuchte Nase. Der Hund stand schwanzwedelnd vor ihr, leckte ihr quer über das Gesicht und ließ sich freudig in die Arme schließen. „Ein Glück …“, murmelte Liv in ihr Fell hinein und merkte, dass sie kurz davor war, zu weinen. Ihr ganzer Körper zitterte, doch Emma schien es gut zu gehen.

„Ich muss weiter …“, sagte der Junge träge und Liv sprang auf. „Du!“, rief sie und drückte ihm den Zeigefinger gegen die Brust. Ihr war etwas schwindelig und sie musste sich kurz sammeln.

„Ich …?“, fragte er mit gespielter Langeweile. Jetzt, wo sein Gesicht nicht mehr engelsgleich erstrahlte, erkannte Liv ihn. Er war drei Stufen über ihr, obwohl er erst ein oder zwei Jahre älter war. Ein Überflieger und Sportler. Sie wusste, dass er wie Jonathan viel Zeit in der Kletterhalle verbrachte. Die Mädchen waren alle in ihn verliebt, aber die Jungen konnten nichts mit ihm anfangen. Soweit sie wusste, hatte er nicht sonderlich viele Freunde, doch die brauchte er auch nicht, um bewundert und angehimmelt zu werden. Er hatte einen seltsamen Namen, eine alberne Alliteration. Er hieß …

„Leif Lind!“, rief sie und er hob die Augenbrauen.

„Kennen wir uns?“

Heiße Wut brodelte in Livs Magen. „Du hättest mich und meinen Hund beinahe umgebracht.“ Seine Mundwinkel zuckten und sie ballte die Fäuste. „Das ist nicht lustig. Wir hätten uns ernsthaft verletzen können.“

„Oh“, sagte er und blickte mit einem Mal besorgt drein. Er fokussierte eine Stelle über ihrer Schläfe und seine Augen weiteten sich.

„Was?“, fragte Liv alarmiert. Ihr fiel auf, dass sie keinerlei Schmerzen spürte. Das lag wahrscheinlich am Adrenalin. Hatte sie sich unbemerkt eine schwere Verletzung zugezogen?

„Scheiße …“, murmelte Leif.

„Was ist da?“ Liv schielte panisch nach oben, doch sie konnte nichts erkennen.

„Halt still.“ Leif beugte sich vor und fuhr sachte mit seinem Zeigefinger an ihrem Haaransatz entlang. Liv hielt den Atem an. Die Berührung kitzelte, doch sie wartete voller Anspannung auf den Schmerz. Leifs Gesicht schwebte direkt vor ihrem und sie starrte angstvoll in seine kühlen Augen, während seine Hand quälend langsam über ihre Schläfe fuhr und sich zu ihrer Stirn bewegte. Trotz der Hitze breitete sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper aus. Was geschah hier gerade?

Leifs Hand kam auf der Mitte ihrer Stirn an und mit dem Zeigefinger tippte er mehrmals feste dagegen und lachte. „Seltsam. Klingt gar nicht hohl.“

„Blödmann!“, fauchte Liv und schlug nach seiner Hand. Er zog sie jedoch rechtzeitig zurück und sie verpasste sich somit einen Schlag auf die eigene Stirn.

Leif lachte noch lauter, verstummte jedoch, als Emma ihn anknurrte. Das hatte sie noch nie getan. „Ganz ruhig. Ignoriere den Idioten“, flüsterte Liv und kraulte Emmas Ohr. Der Hund löste den Blick von Leif, schaute zu ihr auf und legte den Kopf schief. „Ich werde schon mit ihm fertig“, versicherte Liv und Emma trottete ein paar Meter über den Gehweg, bis sie sich im Schatten eines Baumes niederließ. Leif starrte sie noch immer an.

„Du hast doch nicht etwa Angst vor ihr?“

„Quatsch.“ Er zog einen Zettel aus seiner Hosentasche. „Bevor du mich verklagst, melde dich wegen der Reparaturkosten.“

„Dann gibst du zu, dass du an dem Unfall schuld bist?“

„Ich gebe zu, dass ich keine Lust habe, mich weiter mit dir zu unterhalten, Olga.“

Olga?“

„So heißt du doch, oder nicht?“

„Olivia! Aber alle nenne mich –“

„Wie auch immer. Falls du dich dazu entschließt, Stützräder anbauen zu lassen, komme ich gerne für die Kosten auf. Das ist mein Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr.“ Sein Grinsen verschwand unter dem Motorradhelm.

„Du unverschämter, arroganter …“ Liv war froh, dass ihre Beschimpfung im Motorengeräusch seines Mopeds unterging. Ihr wäre ohnehin kein passendes Nomen eingefallen. Leif ließ den Motor aufheulen und die Reifen quietschen. Dann war er fort.

Liv setzte sich zu Emma in den Schatten, um sie zu untersuchen. Erfreut darüber, dass sie Livs Aufmerksamkeit nicht mehr mit einem Fremden teilen musste, rollte sie sich auf den Rücken und ließ sich den Bauch streicheln. „Komischer Kerl. Wer hat denn bitte einen Zettel mit der eigenen Nummer in der Hosentasche?“, brummte Liv. Als sie sichergestellt hatte, dass ihrem Hund nichts fehlte, faltete sie den Zettel auseinander. Leifs neue Nummer, stand dort, gefolgt von einer Zahlenreihe. Sie hätte den Zettel am liebsten zerrissen, doch sie wollte die Schäden an ihrem Rad nicht von ihrem eigenen Gehalt bezahlen. Das Vorderlicht war gesprungen und im hinteren Rad war eine Acht. Außerdem war die Halterung des Anhängers gebrochen. Also speicherte Liv die Nummer in ihrem Handy ein, unter Vollidiot, und zerriss den Zettel danach.

Der Weg nach Hause dauerte ewig. Liv schob mit der einen Hand ihr Rad und zerrte mit der anderen den Anhänger hinter sich her. Emma trabte neben ihr, schaute sie aber nicht an. Sie war beleidigt, weil sie nicht mehr im Anhänger sitzen durfte.


Leif fuhr nach Hause und stellte sein Moped in der Einfahrt ab. Er begutachtete es erneut und fuhr mit der Hand über den Lack, um sicherzustellen, dass er keinen Kratzer übersehen hatte. Nichts. Da hatte die dumme Gans wirklich Glück gehabt. Am liebsten würde er sie auf den Reparaturkosten sitzen lassen. Wer war auch so dämlich, auf der falschen Straßenseite zu fahren und noch nicht einmal nach vorne zu schauen? Zugegeben, er war von der Fliege in seinem Helm etwas abgelenkt gewesen. Die Schuld an dem Unfall lag dennoch ganz klar bei ihr. Nur würden seine Eltern ihm das nicht glauben. Er fuhr ständig zu schnell und sie warteten nur auf einen Vorwand, um ihm das Moped wegzunehmen. Also würde er bezahlen, damit sie seinen Eltern nichts erzählte. Das Leben in einer Kleinstadt konnte manchmal echt ätzend sein.

„He, Leif!“ Ein Junge aus der Boulder-AG kam mit den Händen in den Hosentaschen auf ihn zu geschlendert und Leif sah sich in seinem letzten Gedanken wieder einmal bestätigt. „Alles klar?“

„Was willst du?“ Er konnte den Typen nicht ausstehen. Wie war noch gleich sein Name? Erst vor Kurzem war Leif mit ihm in eine handfeste Auseinandersetzung geraten, wie der beinahe verblasste Schatten des Veilchens unter seinem Auge verriet. Leif hatte gehofft, der Hieb ins Gesicht würde ihm den nervigen Zehntklässler endlich vom Leib halten. Was zur Hölle wollte er von ihm?

„Hab gehört, du hattest einen Unfall.“

„Wer sagt das?“

„Olivia Winter ist ein ganz schöner Schussel, was?“

„Du musst es ja wissen“, gab Leif ungerührt zurück. Jeder in der Schule kannte die Geschichte der beiden.

Der Junge grinste schief und Leif musste die Zähne zusammenbeißen, um ihm nicht wieder eine reinzuhauen. „Ich hab hier ihre Nummer.“ Er streckte Leif einen Zettel entgegen.

Leif verschränkte die Arme. „Was soll ich damit?“ Es war ihm ein Rätsel, warum der Typ nun Botengänge für Liv übernahm. Er hätte nicht gedacht, dass die zwei noch etwas miteinander zu tun hatten …

„Sie anrufen. Wegen der Reparatur“, erklärte er fröhlich.

„Wenn sie Geld von mir will, soll sie sich selber melden.“

„Sie hat deine Nummer verloren.“

„Ich hab sie ihr doch erst vor zehn Minuten gegeben“, erwiderte Leif gereizt.

„Liv ist ein Schussel“, wiederholte er und grinste. „Aber sie hat auch ihre Vorzüge.“ Sein Grinsen wurde überheblich.

„Verschwinde von meinem Grundstück.“

„Ihre Muffins sind der Hammer.“

„Ernsthaft“, sagte Leif mit betont ruhiger Stimme, „Du entfernst dein Backpfeifengesicht jetzt aus meinem Blickfeld. Ansonsten …“

„Okay, okay. Chill mal“, lachte sein ungebetener Gast und hob beschwichtigend die Hände. „Ich lasse dir die Nummer hier. Für alle Fälle.“ Er ging in die Knie und legte den Zettel auf den Boden. Dann verließ er rückwärts und noch immer mit erhobenen Händen die Einfahrt und verschwand endlich.

Leif atmete tief durch. Was hatte dieser ganze Zirkus zu bedeuten? Warum verhielten sich in letzter Zeit alle Menschen wie Idioten? Er hob den Zettel auf und betrachtete die gestauchten Zahlen. Dann tippte er sie seufzend in sein Handy ein und speicherte den Kontakt unter dumme Gans.


In ihrem Kopf wiederholte Liv die Konfrontation mit Leif immer wieder. Sie verzog das Gesicht, wenn sie daran dachte, wie sie sich versehentlich selbst geschlagen hatte. Sie überlegte sich wortgewandte Antworten auf seine unverschämten Kommentare und wünschte sich, dass er den Weg nach Hause auch zu Fuß hätte zurücklegen müssen. Erst als sie sich erschöpft auf ihr Bett fallen ließ, lösten sich ihre Gedanken zum ersten Mal seit dem Zusammenstoß wieder von Leif und sie erinnerte sich an die Verabredung mit Jonathan.

„Nein!“, stöhnte sie und schaute ungläubig auf ihr Handy. „Verdammter Mist! Das kann doch nicht wahr sein …“ Es war schon fast halb drei. Sie rief Jonathan an, doch er nahm nicht ab. Dann tippte sie eine überschwängliche Entschuldigung und machte sich eilig zu Fuß auf den Weg zum Park. Emma hatte keine Lust, sie zu begleiten. Liv war nicht überrascht, dass am Brunnen niemand auf sie wartete. Dennoch machte sich Enttäuschung in ihrem Brustkorb breit. Frustriert lief sie zurück und gab sich wieder ihrer Wut auf Leif hin. Er hatte ihr wichtigstes Date versaut. Wegen ihm war sie nun offiziell noch immer Single. Und würde es vielleicht auch bleiben, wer wusste das schon? Mit jeder Stunde, in der Jonathan nicht auf ihre Nachricht antwortete, wurde ihr Zorn auf Leif größer. Beim Abendessen entlud er sich, als ihre Mutter nach ihrem Tag fragte. Während Liv den Unfallhergang beschrieb, redete sie sich immer weiter in Rage und endete schließlich in einer Schimpftirade über Leif.

„Ganz offensichtlich hält er sich für etwas Besseres. Er denkt, er kann sich alles erlauben. Wahrscheinlich kann er das sogar, weil er intelligent und sportlich ist und weil seine Familie Geld hat und seine Eltern im Vorstandsrat der Schule sind und sein Bruder–“

„Genug, Olivia Winter.“

„Mama, nenn mich bitte nicht so. Du willst schließlich auch lieber mit Marie statt Marianne angesprochen werden. Hab ich dir eigentlich erzählt, dass er mich Olga genannt hat? Das war natürlich Absicht. Er weiß genau, wie ich heiße. Man sollte meinen, dass jemand namens Leif Lind sich nicht über die Namen anderer lustig macht.“ Sein spöttisches Lächeln kam ihr in den Sinn und obwohl sie nach wie vor sauer auf ihn war, musste sie widerwillig zugeben, dass es ihm gut stand.

„Du solltest aufhören, über ihn nachzudenken.“ Marie Winter schob sich eine Gabel voll Spaghetti in den Mund und spülte mit einem Schluck Rotwein nach. Dann schenkte sie ihrer Tochter ein verschmitztes Lächeln. „Hast du dich heute mit Jonathan getroffen?“

„Nein und das ist auch Leifs Schuld. Wenn er nicht –“

Livs Mutter ließ ihr Besteck scheppernd auf die Fliesen fallen. „Huch, tut mir leid. Du weißt ja, dass du dein Ungeschick von mir geerbt hast.“ Sie lachte und verschwand unter dem Tisch. Als sie wieder auftauchte sagte sie: „Ich bin mir sicher, dass Jonathan heute Abend noch vorbeikommt.“

„Bestimmt nicht. Wahrscheinlich ist er sauer. Zurecht natürlich. Ich hab ihn ja schließlich versetzt. Er hat noch nicht mal angerufen.“ Missmutig schob Liv ihren halbvollen Teller von sich und musste lachen, als Emma mit großen Augen neben ihrem Stuhl herumtänzelte. Zwei Speichelfäden hingen von ihren Lefzen.

„Emma, geh auf deinen Platz“, kommandierte Marie und der Hund trottete widerwillig zu seinem Korb, um die Spaghetti von dort aus sehnsüchtig anzustarren. „Natürlich hat er dich nicht angerufen. Dein Handy ist doch kaputt.“

Liv schüttelte den Kopf und wollte ihrer Mutter gerade berichten, dass ihr Smartphone wieder funktionierte. In diesem Moment klingelte es an der Tür. „Meinst du, das ist er?“, fragte sie aufgekratzt und war schon auf halbem Weg zur Tür.

„Macht nicht zu lange, sonst verschläfst du morgen wieder“, hörte sie ihre Mutter noch sagen.

Sie riss die Tür auf und da stand tatsächlich Jonathan vor ihr. Erleichtert fiel sie ihm um den Hals. Er roch unglaublich gut. Nach Mandeln und Vanille. Behutsam erwiderte er ihre Umarmung und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Ein wohliges Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus und ihr Gesicht wurde heiß.

„Mein Onkel hat mir dein Gehalt für heute mitgegeben.“ Er schob die Scheine in ihre Hosentasche und sie lachte übermütig. Sein Atem kitzelte an ihrem Ohr. „Er sagt, morgen musst du keine Prospekte austeilen.“

„Gut …“, murmelte Liv, ihr Gesicht in seinem Shirt vergraben. „Ich muss nämlich mein Rad reparieren lassen.“ Der Gedanke spülte die behagliche Wärme fort und sie löste sich von Jonathan. „Du kennst doch diesen arroganten Schnösel–“ Plötzlich lagen seine Lippen auf ihren. Liv riss die Augen auf, besann sich dann eines Besseren und schloss sie. Ihr Herz polterte, ihre Lippen kribbelten und sie spürte, wie ihre Hände schwitzten. Viel zu schnell war es vorbei. Liv schnappte nach Luft und lächelte unsicher. Jonathan grinste. „Willst du mich nicht hereinbitten?“

Er hatte Schokolade und eine DVD mitgebracht und machte es sich auf Livs Couch bequem, während sie ihre Zimmertür schloss. Hier hatten sie bereits als Kinder gesessen und Karten gespielt. Sie waren seit der Grundschule beste Freunde und insgeheim hatte Liv schon früh ein Auge auf ihn geworfen. Kaum zu glauben, dass ihre Beziehung sich nun tatsächlich in diese neue Richtung entwickelt hatte.

Liv stopfte die Geldscheine in ihr Sparglas und blieb dort einen Moment stehen, um ihren Freund heimlich zu betrachten. Sie war sich plötzlich sicher, dass er sie noch heute fragen würde, ob sie mit ihm zusammen sein wollte. Also so richtig. Die Einladung zum Picknick und der beinahe stürmische Begrüßungskuss hatten schließlich für sich gesprochen. Sie wusste nicht, weshalb sie sich überhaupt sorgte. Jonathan hatte ihr nie einen Grund gegeben, an seiner Zuneigung zu zweifeln. Und dennoch wartete sie sehnsüchtig auf die große Frage. Oder ein Ich liebe dich. Irgendetwas, das ihre Beziehung offiziell werden ließ. Ganz so, als würde erst dadurch die Gefahr gebannt, sie könne jederzeit aus diesem wunderbaren Traum erwachen. Das war natürlich Blödsinn, doch manchmal fragte sie sich, warum ein so attraktiver Junge wie - Ohne Vorwarnung blitzte Leifs Gesicht vor ihrem inneren Auge auf. Sie sah sein helles Haar, das in der Sonne leuchtete, blaue Augen, die sie kühl musterten, schmale Lippen, die sich zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Die Erinnerung an seinen Anblick ließ ihr Herz schneller schlagen. Jedoch nicht vor Wut über den Unfall oder seine unverschämten Kommentare. Das hier war ein anderes Gefühl, etwas Neues … Liv schüttelte ärgerlich den Kopf. Leif hatte darin nichts zu suchen. Besonders jetzt, da sie den Abend mit jemandem teilte, der ihre Aufmerksamkeit viel mehr verdiente.

Jonathan war in den Text der DVD-Hülle vertieft und sah aus, als würde er für das Cover einer Modezeitschrift posieren. Er hatte sich zurückgelehnt und die langen Beine locker überschlagen. Heute trug er enge Jeans und über dem schwarzen T-Shirt ein dunkelrotes offenes Hemd. Sein grünäugiger Blick war konzentriert, die Stirn leicht gerunzelt. Er hatte einen Bluterguss im Gesicht, der beinahe verblasst war und ihn irgendwie verwegen wirken ließ. Der stammte von einem Unfall in der Kletterhalle. Liv wusste nicht, was genau passiert war. Jonathan hatte die Angelegenheit mit einem Schulterzucken abgetan. Seine vollen Lippen murmelten vor sich hin und Liv wünschte sich, sie gleich noch einmal küssen zu dürfen. Jonathans Haar war wie immer ungeordnet und lag trotzdem perfekt. Die schwarzen Strähnen hingen in seine Stirn und verliehen seinem Aussehen etwas Stürmisches. Er blickte auf und grinste schief. Liv liebte dieses Grinsen. Es ließ ihre Knie weich werden. Dann jedoch huschte ein irritierter Ausdruck über seine Züge, als sein Blick zu dem Glas in ihrer Hand schweifte. Seit dem Beginn der Sommerferien hatte Liv schon etliche Prospekt-Touren mit dem Rad auf sich genommen, um das Glas zu füllen. Mit einem Edding hatte sie SYDNEY darauf geschrieben, damit sie immer vor Augen hatte, wofür sie sich abrackerte. „Ich habe schon fast die Hälfte zusammen“, verkündete sie stolz, „Nächstes Jahr um diese Zeit habe ich den Flug bereits hinter mir.“

Jonathans Miene verfinsterte sich und ihr fiel ein, dass sie sich noch nicht entschuldigt hatte. „Bist du sauer? Weil ich dich im Park versetzt habe?“

Für einen Moment wirkte er verwirrt, dann wurde sein Gesichtsausdruck blank und schließlich strahlte er sie an. „Vergeben und vergessen.“

„Hast du lange gewartet?“

„Keine Ahnung. Kann mich nicht erinnern.“ Er zwinkerte und griff nach Livs Hand, um sie auf die Couch zu ziehen.

„Weiß du, das war nicht meine Schuld. Ich hatte einen Unfall wegen diesem bescheuerten Leif Lind. Den kennst du doch vom Klettern?“

„Bouldern heißt das, aber ist auch egal. Was bringt es, sich darüber aufzuregen? Lass uns einfach einen schönen Abend miteinander verbringen.“

Liv zögerte. „Willst du denn gar nicht wissen, was passiert ist?“

„Es ist doch alles gut gegangen.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und schaltete den DVD-Player an. Liv kaute nachdenklich an ihrer Unterlippe. Sie fand es seltsam, dass sowohl ihre Mutter als auch Jonathan sich dagegen sträubten, über Leif zu reden. Was stimmte nicht mit diesem Jungen, abgesehen davon, dass er ein Arschloch war? Sie nahm sich vor, morgen mit Penny darüber zu sprechen. Sie hatte ihre beste Freundin in letzter Zeit ohnehin vernachlässigt und befürchtete, dass sie sich ausgeschlossen fühlte. Das wäre nicht verwunderlich, denn Jonathan, Liv und Penny waren seit der ersten Klasse ein festes Dreiergespann. Penny hatte Liv zwar ermutigt, mit Jonathan auf ein erstes Date zu gehen, und sie hatte sich für sie gefreut, als sie ihr vor einigen Wochen von ihrem ersten Kuss berichtet hatte, doch in letzter Zeit verbrachte Liv jeden Vormittag mit Arbeit und die Abende mit Jonathan. Seit ihr Handy zu Beginn der Ferien kaputtgegangen war, hatte sie gar nichts mehr von ihrer besten Freundin gehört, obwohl sie nur drei Häuser weiter lebte. Als sie nun schuldbewusst auf ihr Display schaute, blieb dieses schwarz. Blöder Akku.

Liv schaffte es gerade noch, den Entschluss zu fassen, Penny morgen früh zu besuchen, als sie auch schon in den Bann des Filmes gezogen wurde. Es war ein guter Film, voller Wortwitz und unerwarteter Wendungen. Die meisten von Livs Lieblingsdarstellern spielten mit. Es blieb ihr ein Rätsel, wie Jonathan immer wieder geniale Filme auftrieb, von denen sie noch nie etwas gehört hatte.

Während der Abspannmusik küssten sie sich und Liv schwebte auf Wolke sieben. Jonathans Lippen waren weich und seine Finger spielten mit ihren Haarsträhnen, sodass sich von ihrem Kopf aus eine Gänsehaut über Livs Rücken ausbreitete. Endlich war es ihr gelungen, die ärgerlichen Ereignisse des Tages aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie dachte an gar nichts mehr und ihr gesamter Körper prickelte. Es gab nur noch Jonathan und sie. Liv wünschte sich, er würde niemals gehen, doch schon erhob er sich vom Sofa.
„Ich muss meinem Onkel morgen früh im Garten helfen.“ Er gestikulierte entschuldigend und stieß dabei das SYDNEY Glas um, das sich samt Inhalt krachend und splitternd auf dem Boden verteilte. Einige Münzen kullerten noch geräuschvoll über den Boden. Dann war es still.

„Macht nichts!“, rief Liv, noch bevor Jonathan um Verzeihung bitten konnte. „Lass die Scherben liegen. Ich räume sie gleich weg.“

„Bist du sicher? Ich bin echt ungeschickt.“

„Keine Sorge. Es war ja nur ein langweiliges Glas, auf dem … irgendetwas drauf stand.“

Jonathan lächelte erleichtert und ließ sich von ihr zur Haustür begleiten. Sie verwickelte ihn noch in ein kurzes Gespräch, in der Hoffnung, er würde sie nun endlich offiziell fragen, ob sie seine Freundin sein wollte. Doch sie musste sich mit einem herrlichen, aber viel zu kurzen Abschiedskuss auf den Mund zufriedengeben. Er schmeckte nach Schokolade. Liv wusste, dass es keinen rationalen Grund gab, der sie davon abhielt, selbst den nächsten Schritt zu wagen. Allerdings war da dieses seltsame Gefühl, das sich immer dann in ihrer Magengegend ausbreitete, sobald sie mit dem Gedanken spielte, Jonathan zu fragen. Es war eine lähmende Mischung als Angst, Sorge und Verletzlichkeit, die sie weder in Worte fassen, noch begründen konnte.

Auch über Jonathan musste sie morgen mit Penny sprechen. Sie wollte sich nicht ausschließlich auf die Ratschläge ihrer Mutter verlassen, deren Beziehungen grundsätzlich niemals länger als ein Jahr dauerten. Livs Vater war der kürzeste Flirt von allen gewesen. Marie hatte ihn während eines Theaterprojektes in der Oberstufe kennen gelernt, wo er das Bühnenbild mitgestaltet hatte. Er hatte zu einer Austauschgruppe aus England gehört und war nur für zwei Wochen zu Besuch gewesen. Diese kurze Zeitspanne hatte jedoch ausgereicht, um die Existenz von Liv Winter in die Wege zu leiten. Ihre Mutter beharrte stets darauf, dass es die wahre Liebe gewesen war. Sie hatte es jedoch nie mit Sicherheit herausfinden können, denn noch bevor sie ihre Schwangerschaft bemerkte, kam ihr Freund durch einen Autounfall daheim in England zu Tode. Es musste eine schwere Zeit gewesen sein, aber wenn sie davon erzählte, sprach sie immer nur von der Unterstützung durch ihre Lehrer und den Zusammenhalt ihrer Stufe. Bei der Aufführung spielte Marie trotz ihres Babybauches mit und Liv wurde schließlich nach Shakespeares Olivia benannt.

Die Scherben des Glases waren bereits verschwunden, als sie zurück in ihr Zimmer kam. Ihre hart erarbeiteten Scheine und Münzen waren sorgsam auf dem Couchtisch platziert worden. Vielleicht sollte sie dazu übergehen, ihr Geld zur Bank bringen, wie andere Menschen auch. Doch das Glas hatte ihr Motivation gegeben. Wann immer sie ihren anstrengenden Ferienjob an den Nagel hängen wollte, schaute sie es an und schöpfte neue Kraft. Bis jetzt zumindest. Sie würde sich eine neue Kraftquelle suchen müssen. Beim Gedanken an Jonathan musste sie schmunzeln. Der Abend war das kaputte Glas in jedem Fall wert gewesen.

Liv nahm ein Dekoglas aus ihrem Regal, stellte die Kerze zurück und betrachtete den Sand darin. Dann zuckte sie mit den Schultern und stopfte das Geld hinein. „Wie neu“, verkündete sie, hatte aber das Gefühl, dass irgendetwas fehlte. Sie nahm den Edding von ihrem Schreibtisch, überlegte einen Moment und schrieb dann Weiter so, Liv!

„Mhmm, nicht sehr überzeugend.“ Das alte Glas hatte sie aus irgendeinem Grund mehr motiviert. Liv ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen und spielte mit ihrem Handy, dessen Akku nun seltsamerweise wieder halbvoll war. Irgendetwas stimmte mit dem Ding nicht. Ihr waren schon fast die Augen zugefallen, als der Gong-Ton sie zusammenfahren ließ. Das Handy rutschte ihr aus der Hand und fiel auf ihr Gesicht.

„Au …“ Sie rieb sich die Nase und las.

1 Neue Nachricht von: Vollidiot. Stirnrunzelnd öffnete sie diese: hund oK?

Sie lachte bitter auf. War das seine Vorstellung von einer Entschuldigung? Liv war nun wieder hellwach. Sie setzte sich auf und tippte eifrig vor sich hin, bastelte an ihrer Antwort herum, bis sie zufrieden war.

1. Woher hast du meine Nummer?

2. Dir scheinen ein Verb, ein Possessivpronomen sowie das Gespür für Groß- und Kleinschreibung abhandengekommen zu sein. Ich hoffe, du findest sie bis zu den Abiklausuren im Frühjahr wieder.

3. Ja.

Liv grinste breit und wartete neugierig auf seine Antwort. Als diese nicht kam, schnaufte sie verächtlich. „War ja klar, dass er sofort beleidigt ist. Austeilen kann er, aber einstecken anscheinend nicht.“ Da gongte ihr Handy und sie kicherte überrascht, als sie sah, dass er einen ganzen Roman zurückgeschrieben hatte.

Liebe Olga,

verzeih, wenn dich meine saloppe Nachricht gekränkt hat. Bitte sei versichert, dass bezüglich der Klausuren im März kein Grund zur Sorge besteht. Deine Nummer gab mir einer deiner Freunde. Hast du über das Angebot mit den Stützrädern nachgedacht? LL

P.S.: Es freut mich, dass Emma wohlauf ist.

Seine Unverschämtheit brachte Liv zum Lachen. Es war eine seltsame Mischung aus Wut und Amüsement.

Ihren Namen kannst du dir also merken?, tippte sie und drückte auf Senden. Dann fiel ihr noch etwas ein und sie schickte hinterher: Welcher Freund?

Leifs Antwort kam postwendend: J. der spinner aus meiner boulder AG. hat behauptet, du heißt Olivia. ist das überhaupt ein richtiger name? lässt das standesamt so was zu?

Liv stutzte. J? „Jonathan?“ Das war äußerst unwahrscheinlich. Emma kam in ihr Zimmer getrottet und kletterte auf ihr Bett. Das durfte sie eigentlich nicht, doch Liv ließ sie gewähren. Sie brauchte jetzt jemanden zum Reden. „Wieso gibt Jonathan diesem Leif meine Nummer und sagt es mir dann nicht? Ich habe doch sogar von ihm erzählt.“ Emma schaute sie großäugig an und fiepte leise. „Du hast recht. Das muss eine Verwechslung sein. Wer aus der Kletter-AG hat sonst noch meine Nummer und einen Namen, der mit J beginnt? Mal überlegen …“ Sie kuschelte sich an Emma und grübelte vor sich hin, bis sie einschlief. Der Gong ihres Handys riss sie aus einem eigenartigen Traum heraus, doch die Erinnerung daran war sogleich verflogen. Emma brummte missmutig. „Sorry“, murmelte Liv verschlafen. Sie stellte den Ton aus und schaute auf das leuchtende Display.

Vollidiot: noch wach?

Es war schon nach Mitternacht. Jetzt wieder. Danke.

Vollidiot: gern

Liv schüttelte ärgerlich den Kopf und wartete auf eine weitere Nachricht. Als keine kam, tippte sie: Langeweile?

Vollidiot: immer

Wieder kam keine weitere Erklärung. Schreibst du mir nur, um mich zu nerven?

Vollidiot: funktioniert es?

Gute Nacht.

Vollidiot: nein, im ernst. funktioniert es?

????

Vollidiot: das ist ein test. normalerweise sind ständig alle angepisst von mir

Kann ich mir gar nicht vorstellen.

Vollidiot: in letzter zeit kann ich sagen, was ich will. niemand ist beleidigt oder sauer

Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen …“, überlegte Liv und schrieb: Ich bin sauer! Zufrieden?

Es dauerte einen Moment, bis ihr Bildschirm wieder aufleuchtete.

Vollidiot: keine ahnung

Vollidiot: hast du morgen früh zeit?

„Ähm … Was für ein abrupter Themenwechsel.“ Liv wollte erst aus einem eigenartigen Impuls heraus bejahen, entschied sich dann aber dagegen, schließlich hatte sie einen festen Freund. Auch wenn es noch nicht ganz offiziell war. Dann erst kam ihr der offensichtliche Gedanke, ihn nach dem Grund für das Treffen zu fragen. Schließlich verlor sie sich in Grübeleien darüber, ob sie ihn überhaupt treffen wollte. Die Antwort war weniger eindeutig, als sie gehofft hatte. „Eigentlich nicht, aber irgendwie schon“, gestand sie sich ein. „Nur warum?“ Und aus welchem Grund wollte er sich mit ihr verabreden? Sie tippte die Frage in ihr Handy, löschte sie und formulierte sie neu. Es ärgerte sie, dass sie sich von Leif dermaßen aus dem Konzept bringen ließ. Sie war gerade im Begriff, ein simples Warum? abzuschicken, als Leif ihr mit seiner Antwort zuvorkam.

Vollidiot: ein freund von mir hat einen ferienjob in einer fahrradwerkstatt. du sollst dein rad morgen um 10 vorbei bringen. er repariert es umsonst. falls er ersatzteile in rechnung stellen muss, bezahle ich die

„Oh.“ Liv stellte verwundert fest, wie Enttäuschung sie durchströmte. Was hatte sie erwartet? Dass Leif Lind ein Date mit ihr wollte? Je länger sie darüber nachdachte, desto tiefer sank ihre Stimmung. Wieder leuchtete der Bildschirm auf.

Vollidiot: die stützräder natürlich auch

Liv konnte sich nicht gegen ein Grinsen wehren und schrieb: Glaubst du, der Witz wird besser, wenn du ihn nur oft genug wiederholst?

Sie wartete vergeblich auf eine Antwort. Die ganze Nacht lang wälzte sie sich im Bett herum. Ihre Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Sie fragte sich, ob er eingeschlafen war. Vielleicht war auch sein Handy ausgegangen. Oder er hatte das Interesse an ihrer Unterhaltung verloren. Jemand mit so einem großen Mundwerk hatte sich doch wohl kaum von ihrer letzten Nachricht beleidigen lassen? Sie versuchte zu begreifen, warum es sie frustrierte, dass er sich gar nicht mit ihr hatte treffen wollen.

Sie wollte an etwas anderes denken, doch die Wörter aus den Nachrichten flimmerten unablässig vor ihrem inneren Auge herum. hund oK, Nummer, Olga, J …, wach?, test, stützräder, wiederholst … Liv fühlte sich fiebrig. Ihr Kopf war schwer und heiß. Sie hatte Druck auf den Ohren und hörte ständig den Gong ihres Handys. Doch als sie im Halbschlaf darauf schaute, hatte sie keine neue Nachricht.

„Vollidiot …“, nuschelte sie und ließ das Handy auf den Teppich fallen.

Kapitel 2