Irgendwohin

die Vagabundin

Irgendwohin

Der Morgen ist grau und bedeckt. Kein idealer Tag.

Träge und benommen steigt sie aus ihrem Schlafsack und schnürt ihn zu einem festen Paket zusammen. Sie befestigt ihn am Rucksack, der ihr locker über einer Schulter hängt.

Die Träger sind viel zu lang und unpraktisch, ausserdem ist er ziemlich abgewetzt und verschlissen. Hier und dort ziehrt ihn eine Schramme, die notdürftig zusammen genäht wurde. "Das verleiht ihm mehr Charakter.", sagt sie grinsend, wenn sie jemand danach fragt.

Sie hatte nicht viel eingepackt. Wie hätte sie auch die Zeit dafür gefunden? Schliesslich war es ein Aufbruch ohne Plan, ohne Sinn oder Verstand gewesen. Der Aufbruch zu einer Reise ins Chaos, ins fantastische, romantische Chaos der Wirklichkeit.

Sie geht ein paar Schritte auf dem Asphalt entlang, hinüber zu den Waschräumen. Dort wartet sie geduldig, bis eine Dame ein- und bald darauf auch wieder austritt. Blitzschnell wie eine Katze huscht sie hinein, bevor die Tür hinter ihr zuschlägt. Für so etwas Banales hatte sie nun wirklich kein Geld.

Entschlossen beugt sie sich übers Waschbecken und wäscht ihre Haare. Das Wasser ist eiskalt. Wie ein nasser Hund schüttelt und wirbelt sie ihr langes Haar herum und lässt es langsam wieder zur Ruhe kommen. Eine Angewohnheit aus einer längst vergessenen Zeit.

Gleichgültig der Nässe und Kälte auf Kopf, Schultern und Rücken, verlässt sie den Waschraum wieder und stapft hinüber zu einer Parkbank. Sie zieht eine unförmige, alte Jacke aus ihrem Rucksack und streift sie sich über. Ihre Hand gleitet in die Tasche und hervor kommt eine kleine, weisse Schachtel. Sie steckt sich eine der Zigaretten in den Mund und zündet sie an.

Verträumt beobachtet sie die Menschen, die vorüber gehen. Es sind nicht viele, es ist schliesslich noch früh Morgens. Sie stellt sich vor, woher sie wohl kommen und wohin sie gehen. Gehen sie an einen glücklichen Ort, oder kommen sie wohl von einem? Sind sie auf der Flucht oder rennen sie Etwas entgegen?

"Vielleicht auch beides...", denkt sie sich und bläst sachte den Rauch aus.

Langsam tänzelnd steigt er empor und verschwindet im grau des Tages. "Vielleicht ja auch beides."

Mit einer geübten Bewegung schnippt sie das kümmrige Überbleibsel dessen weg, was einmal ihre Zigarette gewesen war, schwingt sich von der Parkbank hinunter und läuft richtung Strasse.

Eine ganze Weile schlendert sie ihr entlang. Dann dreht sie sich um, streckt ihren Daumen weit in die Welt hinaus und wartet. Wartet darauf, dass sie Jemand mitnimmt. In ein neues Abenteuer, in eine neue Welt. Irgendwohin, wo der Tag farbenfroher beginnt.