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Broken Chains #herstory

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Ich starrte aus dem Fenster. Die Sonne malte goldene Flecken auf das Gras des Gartens und Vögel zwitscherten ihr allabendliches Lied.

Die Schatten der Blätter tanzten im Wind und der kleine, kristallklare Bach, der den Garten wie ein Band aus flüssigem Diamant durchzog, plätscherte fröhlich vor sich hin.


Wie gerne wäre ich jetzt dort draußen, doch das bruchsichere Glas meines Zellenfensters hielt mich davon ab. Um nicht verrückt vor Sehnsucht, nach dem Gefühl des Grases unter meinen Füßen, zu werden, wandte ich den Blick vom Fenster ab und blickte mich in meinem Gefängnis um.


Zugegeben es war ein schönes Gefängnis.

Lichtdurchflutet und sehr geräumig.

Ich hatte ein Schlaf-, Bade-, Ankleide- und ein Wohnzimmer für mich ganz alleine.

An den Wänden hingen Bilder von berühmten Künstlern in leuchtenden Farben, die mit den unzähligen, frischen Blumen auf den dunklen Holztischen, Kommoden und Fensterbänken um die Wette strahlten.

Alle Einrichtungsgegenstände waren wunderschön und erlesen, denn Dad hatte sie extra für mich anfertigen lassen. Die Sonne fiel durch die riesigen, verschlossenen Fenster und zeichnete Muster auf Möbel, Decke und Wände. Aber auch wenn es sehr schön war, war es dennoch ein Gefängnis.


Zwei Jahre hatte ich diese Zimmer nicht mehr verlassen. Natürlich, ich hatte ein Telefon und einen Computer um mit der Außenwelt und vor allem mit Aren Kontakt zu halten, doch ich sehnte mich danach den Wind auf meiner blassen Haut und in meinem schwarzen Haar zu spüren, am meisten jedoch wollte ich Arens Lippen auf meinen spüren.


Seit dem Attentat war aber all das nicht mehr möglich. Ich konnte mich sehr genau an diesen Tag erinnern, denn er hatte mein Leben verändert. Ich hatte Dad, wie eigentlich immer, bei einer Parade begleitet. Wir saßen in dem wunderschönen Cabrio, dass wir immer für die Paraden benutzten.

Zu meiner linken saß mein Vater und rechts von mir saß Aren, der seine Finger mit meinen verschränkt hatte. Die jubelnde Menge rief und winkte uns zu. Ich lächelte zuerst Dad, dann Aren glücklich an und Aren drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Zu dem Zeitpunkt waren wir seit zwei Jahren ein Paar und noch immer verliebt, wie am ersten Tag.

Vor wenigen Tagen hatte ich Papa gebeten endlich diese schreckliche, menschenverachtende Sekte zu verbieten und er hatte es durchgesetzt. Schließlich war er der Präsident.


Dann fiel ein Schuss und meinen Arm durchzuckte ein schrecklicher Schmerz. Mein cremefarbenes Etuikleid färbte sich langsam rot.

Dad sah mich entsetzt an. Die ersten Menschen fingen an zu schreien, als ich in seine Arme sank und die weißen Ledersitze mit meinem Blut tränkte. Das Dach des Cabrios wurde geschlossen und der Wagen beschleunigte. Aren beugte sich über mich und umfasste mein Gesicht mit beiden Händen. All das nahm ich wie durch eine dicke Glaswand abgeschirmt war. Ich sah, wie Arens Lippen sich bewegten, sah das Entsetzen und die Angst in seinen Augen, aber ich verstand seine Worte nicht. Das Letzte, was ich sah, waren Leibwächter, die den Schützen aus der Menge zerrten. Danach wurde mir schwarz vor Augen.


Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte ich ein hitziges und langes Gespräch mit Dad.

Er war krank vor Sorge und hatte den Plan mich wegzusperren bereits gefasst und umgesetzt.

Ich versuchte alles um ihn umzustimmen. Ich schrie, tobte, weinte und erinnerte ihn an meine Liebe zu Aren, doch es nutzte alles nichts. Bodyguards sollten mich auf mein neues Zimmer geleiten und als ich mich weigerte, hoben sie mich kurzerhand hoch und trugen mich weg. Ich kämpfte wie eine Löwin, jedoch war aller Widerstand vergebens und so saß ich nun seit zwei Jahren in diesen hermetisch abgeriegelten Räumen.

Seitdem hatte ich kein Wort mehr mit meinem Vater gesprochen.


Ich hatte rebelliert, aber es änderte sich nichts. Ich unternahm mehrere Fluchtversuche, doch meine Bewacher waren stets aufmerksam.


Jetzt saß ich auf meinem Designersofa und ging unseren Plan noch einmal durch. Aren und ich hatten ihn gefasst, bei unserem allabendlichen Telefongespräch und den unzähligen schriftlichen Nachrichten, die wir uns in den zwei Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten, geschrieben haben.

Bei meinem ersten Fluchtversuch hatte ich es bis zum Waffenlager geschafft und dort eine Pistole und Munition gestohlen. Ich hatte als Tochter des Präsidenten natürlich Schießen, Karate und diverse andere Kampfsportarten erlernt. Ich versteckte die Pistole in einem Geheimfach, dass ich in einem Sekretär entdeckt hatte. Ich unternahm noch zwei weitere Versuche zu fliehen, aber beide scheiterten.

Dann bat ich Aren um Hilfe und zusammen entwickelten wir einen Plan. Nach dem dritten Versuch verhielt ich mich ruhig. Las viel, zeichnete und wiegte alle in Sicherheit.


Mittlerweile rechnete niemand mehr mit einer Flucht meinerseits. Ich studierte heimlich Gebäudepläne, die Aren mir mailte und merkte mir die Zeiten, zu denen ich Essen bekam.


Ich erhob mich nun und zog mich um. Vorher trug ich ein rotes Kleid, das ich nun durch ein schwarzes T-Shirt und einer schwarzen Short ersetzte. Ich zog meine Pumps aus und zog bequeme Turnschuhe an.

Dann band ich meine schwarzen Haare zu einem Zopf zusammen. Anschließend holte ich meine Pistole hervor und lud sie. Ich schraubte einen Schalldämpfer auf und entsicherte sie. Ich ergriff meine bereits gepackte Tasche, in die schon im Vorfeld alles gestopft hatte, was ich brauchen würde. Alle meine Hosen und T-Shirts. Die Kleider würde ich zurücklassen. Auch hatte ich alle Medikamente eingepackt, die ich von Krankheiten übrig und bei meinen zahlreichen vorgetäuschten Krankheiten bestellt hatte.


Jetzt stellte ich mich hinter die Tür und wartete. Als um Punkt sieben das Zimmermädchen an die Tür klopfte und vorsichtig herein kam, trat ich an sie heran.

Sie versuchte zu schreien, doch ich hielt ihr den Mund zu und die Pistole an den Kopf. „Ganz ruhig, keinen Ton und keine falsche Bewegung.“

Sie tat mir leid, weil sie zitterte, aber für meine Freiheit mussten Opfer gebracht werden. „Du wirst dich jetzt ganz langsam auf diese Couch setzen und keinen Laut von dir geben. Ich werde jetzt gehen. Wenn in einer halben Stunde das Wachpersonal anklopft, gibst du das Klopfzeichen für, 'Ich bin noch nicht fertig mit dem Essen, alles in Ordnung, ich behalte das Tablett bis morgen'. Also einmal lange, fünfmal schnell, verstanden? Los jetzt!“


Sie schaute mich völlig verstört an, tat aber was ich sagte. Ich hielt die Pistole weiterhin auf sie gerichtet, während ich rückwärts zu meiner Tasche und aus der Tür hinaus ging. Vorsichtig schloss ich die Tür hinter mir und sperrte sie ab. Ich schaute mich aufmerksam in dem leeren Gang um und wandte mich dann nach links. Ich huschte durch die Gänge, jede Deckung nutzend, jeden Gang mit der Pistole im Anschlag betretend. Plötzlich tauchte vor mir ein Schrank von einem Mann auf.

Verblüfft schaute er mich an, was mir die Zeit gab, den Lauf der Pistole auf sein Gesicht zu richten.


Zu meinem Erstaunen begann er schallend zu lachen. „Leg die Pistole weg, kleines Mädchen, sie wird dir ohnehin nichts nützen.“ „Geh aus dem Weg!“, befahl ich mit fester Stimme. „Und warum sollte ich das tun?“, fragte er, noch immer prustend. „Dann eben nicht.“ Mit einer blitzschnellen Bewegung schoss ich ihm in beide Kniescheiben und sah zu, wie er in sich zusammensank.


Ich ging weiter, durchquerte die Bibliothek und nahm den Geheimgang, den ich als Fünfjährige entdeckt hatte. Nun kam die größte Herausforderung, die Eingangshalle. Dort wimmelte es von Sicherheitsleuten.


Ich schlüpfte hinter der großen Vase, aus chinesischem Porzellan, hervor und begann mir den Weg freizuschießen.


Bevor überhaupt bemerkt wurde, was vor sich ging, hatte ich die Tür erreicht und war die Treppe herunter gesprungen.

Jetzt brach hinter mir der Tumult aus. Ich schaute über die Schulter und sah eine Horde von Sicherheitsleuten auf mich zustürmen. Dann kam auch mein Vater die Treppe herunter.


Ich begann zu rennen, meine Pistole in der Linken, die Tasche in der rechten Hand. Ich musste nur Aren erreichen, der mich mit seinem Hubschrauber erwartete, um mich in die Freiheit zu fliegen.


Ich bog um die Ecke des Gebäudes und sprintete zu unserem privaten Landeplatz. Just im selben Augenblick setzte Arens rot-schwarzer Hubschrauber auf, die Tür der Kabine wurde aufgerissen und dort war er, der Mann, den ich liebte.

Seine dunkelblonden Haare waren windzerzaust, aber in meinen Augen sah er bezaubernd aus.


Er lächelte, als er mich entdeckte und brüllte etwas, aber über den Lärm der Rotoren konnte ich ihn nicht verstehen.

Als ich endlich bei ihm ankam, waren die Sicherheitsleute schon so nah, dass Aren nicht starten konnte. Ich warf ihm meine Tasche zu und drehte mich um. Dann begann ich in die Menge zu schießen. Aren war unbewaffnet, weshalb von ihm keine Hilfe zu erwarten war.


Ich versuchte darauf zu achten, niemanden zu töten, aber ich konnte mir nicht sicher sein, ob ich mit meinem Vorhaben Erfolg hatte. Als ich es soweit geschafft hatte, dass alle in Deckung gegangen waren, drehte ich mich erneut zu dem Hubschrauber.

Ich beeilte mich hineinzuklettern. Zum einen wollte ich Aren endlich wieder nah sein und meine Freiheit zurück, zum anderen wollte ich endlich wieder fliegen.


Seit ich angeschossen worden war, durfte ich nicht mehr fliegen, aber vor dem Anschlag war ich eine leidenschaftliche Pilotin gewesen.

Fast jede freie Minute hatte ich in der Luft verbracht, in meinem eigenen Hubschrauber oder in unserem Privatjet. Meist war ich mit Aren geflogen, da wir unsere Leidenschaft teilten.


Die Handgriffe waren mir in Fleisch und Blut übergegangen und es war das, was ich nach Aren am meisten vermisst hatte. Jetzt hüpfte mein Herz vor Freude endlich wieder in dem Cockpit einer Maschine zu sitzen und das auch noch mit meinem Freund.


Ich drehte mich zu der einladend geöffneten Tür, dem angespannten Gesicht Arens zu, und direkt vor der Tür der Kabine stand Papa. Er sah mir in die Augen, schaute mich nur an.


„Geh mir aus dem Weg, Victor!“ „Jean, erstens nenn' mich Dad, denn das bin ich und du kannst es nicht leugnen. Zweitens werde ich das nicht tun“, antwortete er mit leiser, brüchiger Stimme.

Ich schaute über seine Schulter zu Aren, der unmerklich den Kopf schüttelte und mir so bedeutete, dass wir nicht fort konnten, solange Dad da stand.


„Geh mir aus dem Weg!“ Meine Stimme war ruhig, aber klirrte vor Kälte.

Ich sah wie etwas in seinem Blick schrumpfte, immer kleiner wurde und verblasste, wie der sterbende Tag oder eine Fackel, die in einem schwarzen Teich versank.

„Jean, ich bitte dich. Es war doch nur zu deinem Besten.“ Er flehte mich an, flehte mich an zu bleiben, bat seinen kleinen Vogel darum in seinen goldenen Käfig zurück zu flattern.

Aber der kleine Vogel war erwachsen geworden und hatte zudem die Freiheit gekostet und ein Vogel, der den süßen Geschmack der Freiheit kannte, würde nie freiwillig in den Käfig zurückkehren.

„Geh mir aus dem Weg!“, sagte ich etwas schärfer und richtete die Pistole auf seine Brust, direkt auf sein Herz.

Ein erschrockener Ausdruck trat auf sein Gesicht und er wich einige Schritte zurück, bis er gegen die metallische Außenhaut des Hubschraubers stieß. Über uns drehten die Rotoren ihre Kreise.


„Das...tust du nicht. Sogar du bist nicht so skrupellos. Ich bin dein Vater.“ „Du hast recht, sogar ich bin nicht so skrupellos.“

Ich richtete die Pistole auf meinen eigenen Kopf. Das Ende des Schalldämpfers drückte gegen meine Schläfe und mein Finger lag am Abzug.

Die Gesichtszüge meines Vaters und die Arens hinter ihm entglitten ihnen. Das blanke Entsetzen lag in Dads Augen. Ich wusste, dass ich ihn damit packen konnte. Er war schon immer sehr fürsorglich gewesen, wahrscheinlich weil Mum bei meiner Geburt gestorben war.

„Nein“, keuchte er. „Bitte, Jean, nein!“ Seine Stimme brach, Tränen traten in seine Augen. Es machte ihn älter als er war. Ließ ihn aussehen wie einen alten Mann, obwohl er erst vierzig Jahre alt war.

„Geh mir aus dem Weg Victor, oder ich drücke ab.“

Ich hatte keine Angst vor dem Tod, die hatte ich noch nie gehabt. Außerdem war alles besser, als der hübsche, goldene Käfig aus dem ich gerade entflohen war. Schließlich würde ich den Tod immerhin selbst wählen, was auch eine Art der Freiheit ist.

Er zitterte. Er wusste, wenn er zur Seite treten würde, würde er mich verlieren und wenn er es nicht tat, würde er mich für immer verlieren.

Zögernd, trat er zur Seite und warf mir einen unsicheren Blick zu, als wollte er sich versichern, dass ich nicht trotzdem abdrücken würde. Ich ließ die Pistole sinken und kletterte zu Aren in das Cockpit. Ich gab ihm einen intensiven Kuss, in den ich all das versuchte hineinzulegen, was mir gefehlt hatte.

Dann setzte ich mich auf den Sitz aus weichem Leder, neben ihm. „Wo fliegt ihr hin?“ Dad schaute mich traurig an. „Ich weiß es nicht. Aber wir werden auf jeden Fall das Land verlassen“, antwortete Aren mit seiner tiefen, samtigen Stimme an meiner Stelle, während ich meinen Kopfhörer aufsetzte und mich an ihn schmiegte.


Er drückte auf einige Knöpfe und legte mehrere Hebel um. Noch einmal schaute ich zu meinem Vater. „Danke“, formte ich mit meinem Lippen. Er konnte mich nicht hören können, der Hubschrauber war viel zu laut, aber er verstand dennoch.

Aren zog den Heli hoch und ich ließ die Tür neben mir einrasten. „Mach das nie wieder“, hörte ich ihn sagen. „Versprochen“, meinte ich lächelnd und legte meinen Kopf an seine Schulter. Ein letztes Mal blickte ich auf den abendlichen Garten, den Bach, die Schatten der Blätter, Dad und meine, immer noch erstaunten Bewacher, bevor wir in meine neue Freiheit flogen.