꧁Ankunft꧂

Das Mädchen aus Glas #newpipertalent

꧁Ankunft꧂

Als ich letzte Woche erfahren hatte, dass sie mich loswerden wollten, habe ich mich gefragt, wie sie selbst die sechs Stunden Autofahrt zusammen aushalten wollten. Daran hatten sie wohl nicht gedacht, denn während mein Dad und ich die Koffer in den Kofferraum verstauten, lief Mom nervös auf und ab. Einzig und allein das Klickern der Absätze ihrer innig geliebten Sandaletten war zu hören.

Auch die nächsten Stunden im Auto wurden nicht besser. Statt zu streiten, so wie es in den letzten Wochen oft der Fall gewesen war, herrschte stundenlang eine unangenehme Stille, aus der ich am liebsten sofort flüchten wollte.
Deswegen kramte ich mein Handy aus meiner Tasche und versuchte mich damit abzufinden, dass nur der linke Stöpsel meiner Kopfhörer richtig zu funktionieren schien und mir somit nichts anderes übrig blieb, als die Stimme von Bon Jovi auf volle Lautstärke zu drehen.

Doch mein Leben schien zu denken, dass es mich wohl noch nicht genug damit bestrafte, dass ich meinen Sommer irgendwo im nirgendwo verbringen sollte, denn nach drei Stunden Fahrt wurde mein Handydisplay schwarz und Bon Jovi brach mitten im Refrain ab. Mein Handyakku war leer und innerlich verfluchte ich mich, dass ich vergessen hatte, mein Handy über die Nacht zu laden.
So war ich wohl oder übel wieder der unheimlichen Stille und somit meinen vielen Gedanken ausgeliefert.


Dad sah angestrengt auf die Straße und Mom auf ihre Schuhe. Auch die Aussicht hatte nichts zu bieten.
Einzig und allein grau-grüne Streifen zogen an mir vorbei und ließen mich nicht im Geringsten erahnen, wo wir uns genau befanden.

„Ich muss mal auf Klo“, unterbrach ich schlussendlich die Stille.
Ich log. Denn weder meine Blase, noch das Bedürfnis mit meinen Eltern eine Konversation aufzubauen, verleiteten mich dazu, den Mund zu öffnen. Einzig und allein wollte ich herausfinden, ob sie bei dem ersten Geräusch – abgesehen von dem Rauschen des Highways – zusammenzucken würden.
Dad jedoch nickte nur und fuhr auf den nächsten Rastplatz. Normalerweise hätte Mom mich ermahnt, dass ich auf meine Ausdrucksweise achten sollte und es 'Toilette' hieß, doch wie es in letzter Zeit oft der Fall gewesen war, vernachlässigte sie ihre Aufgaben als überengagierte Mom und blieb still. Sie starrte einfach weiterhin auf ihre Füße und leise seufzte ich auf, als ich die Autotür öffnete. Vielleicht wuchs ein Geldbaum zwischen ihren Zehen und deswegen konnte sie mir nicht mehr in die Augen sehen.

 

Selbst nach meinem vorgetäuschten Toilettenbesuch, verlief der Rest der Fahrt schweigend und ich verbrachte meine Zeit damit, mir vorzustellen wie mein Sommer aussehen würde. Ich wusste bisher nur, dass ich die nächsten acht Wochen bei einer Frau namens Mrs. Downhill unterkommen würde.
Als meine Eltern vor ein paar Tagen diese Bombe haben platzen lassen, versuchten sie mir sofort verständlich zu machen, dass es keine Fremde war, zu der sie mich abschieben wollten.

Eine Bekannte von früher, hatte Mom hastig gemeint, während Dad davon berichtete, dass sie in Alabama wohnen würde. Aber wo genau dort, konnten sie mir nicht sagen, weil sie irgendwo zwischen den hintersten Ländereien wohnte. Als ich darauf nichts geantwortet hatte, hatte Mom sich beeilt zu sagen, dass Mrs. Downhill im Sommer ein paar ihrer Zimmer zur Vermietung anbot und in den letzten Jahren auch viele Jugendliche dort ihre Zelte aufgeschlagen hätten und ich deswegen sicherlich Freunde finden würde.
Ich hatte dafür jedoch nur ein verächtliches Schnauben übrig, denn so wie immer vergaß Mom, dass ich nicht der Typ Junge war, dem es leicht fiel, Freundschaften zu schließen.
Zwar hatte ich Zuhause zwei, drei Bekanntschaften mit denen ich die Mittagspause in der Schule verbrachte und notgedrungen Referate ausarbeitete, aber bevor man dieses erzwungene Aufeinandertreffen Freundschaft nennen könnte, würde ich eher auf die Bezeichnung von Leidensgenossen zurückgreifen.
Dies sollte keinerlei so wirken, als wäre ich das Opfer der Highschool, denn genau genommen war ich nur wie jeder andere durchschnittliche Schüler und ging in der Masse unter. Doch ich hatte meinen Platz gefunden und war zufrieden damit. Ich brauchte keine geheuchelten Freunde um mich herum, denen man nach der Highschool eh aus dem Weg gehen würde, weil man bemerkt hatte, dass man nur so lange miteinander ausgekommen war, weil die Mathematikklausuren so um einiges leichter zu bewältigen waren.

So war die Sache mit den anderen Jugendlichen als Gesellschaft nicht gerade ein Lichtblick. Es würde mir schon genügen, wenn ich bis mittags schlafen durfte, ein McDonald’s in erreichbarer Nähe war und ich bis in die Nacht PlayStation spielen durfte. Genau das habe ich auch versucht, meinen Eltern verständlich zu machen, doch wie es den Anschein hatten, schienen sie von meiner Einstellung nicht sonderlich erfreut. Denn während ich von Seiten Moms nur einen traurigen Blick und einen Seufzer geerntet hatte, hatte Dad sich beklagt, dass ich es nicht noch schwerer machen sollte, als dass es sowieso schon wäre.
Er hatte davon gesprochen, dass sie bereits genug Probleme hätten, um die sie sich kümmern müssten und ohne nachfragen zu müssen, wusste ich, dass diese Probleme dafür verantwortlich waren, dass ich nun meine innig geliebten Sommerferien irgendwo im Nirgendwo verbringen durfte.

 

Irgendwann verließen wir den Highway und fuhren auf einer einsamen Landstraße weiter. Nachdem sich auch nach mehreren Minuten die Landschaft in keiner Weise veränderte, sank meine Hoffnung, einen McDonalds oder etwas Vergleichbares zu finden. Meine Laune sank immer weiter dem Keller entgegen.


Nach weiteren 30 Minuten fingen Mom und Dad an zu streiten, welcher Weg der richtige wäre. Das Navi hatte schon vor einiger Zeit „Sie haben ihr Ziel erreicht" von sich gegeben, doch weit und breit war nichts als eine Landstraße und eine Einöde, die mir scheinbar zu versprechen schien, dass mein Sommer genauso langweilig werden würde, wie es hier aussah.
Es stellte sich schlussendlich heraus, dass Mom nur den Namen der Landstraße, nicht jedoch den genauen Standort des Hauses, kannte und wir somit auf gut Glück weiterfahren mussten.

„Bitte wenden sie und fahren sie 200 Meter zurück", näselte die Navistimme, während Dad kurzerhand nach links auf einen Schotterweg fuhr. Doch auch dagegen hatte Mom Einwände und eine hitzige Diskussion entstand zwischen ihnen. Nach mehrminütiger holpriger Fahrt endete der Weg mitten in einem Feld. Statt einfach zu wenden, schlug Dad fluchend auf das Lenkrad, während er einen Schwall von Vorhaltungen von Seiten Moms über sich ergehen lassen musste.
 Ich wusste nicht ob die Stille oder die Streiterei unangenehmer war.

 

Schließlich war es keiner der beiden Wege, die Mom und Dad als den einzig wahren deuteten und ich machte meine Eltern auf einen dritten, einspurigen und asphaltieren Weg aufmerksam, welcher schließlich zu unserem Ziel führte, auch wenn das Navi mit der näselnden Frauenstimme uns konsequent befahl, umzukehren und drei Kilometer zurück zu unserem Ziel zu fahren. Stattdessen fuhren wir jedoch durch ein hübsches Waldstück und dann an einem Feld vorbei auf eine Kieseinfahrt.

Und dann sah ich zum ersten Mal das Haus.
Oder vielmehr das Anwesen.  
Denn die Bezeichnung dieses Gebäudes als ein Haus war definitiv eine Beleidigung und Untertreibung in einem.
Es erstreckte sich in imposanter Höhe und wirkte mit dem kleinen Türmchen am Ostflügel und den vielen Erkern nahezu majestätisch.
Vor der überdachten Haustür, die man nur über breite Steinstufen erreichen konnte, befand sich ein Springbrunnen, der fröhlich Wasser in die Luft spie.
Efeu und Rosen räkelten sich an den Wänden bis in die zweite Etage und kleinere Blumenbeete waren in penibler Perfektion angelegt.
Ich hatte zwar nicht so viel Ahnung von Gartenarbeit oder dergleichen, doch so konnte ich trotzdem auf einem Blick erkennen, dass dieses Grundstück verdammt viel Arbeit erforderte.

„Nun komm schon“, sprach meine Mom schließlich und drehte sich zu mir um, „lass uns aussteigen.“

Ich nickte nur und als ich die Autotür öffnete, konnte ich immer noch nicht meinen Blick von diesem Anblick abwenden. Hier sollte ich also meinen Sommer verbringen... 
Dad war bereits dabei, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu hieven und ich beeilte mich, ihm zu helfen. Mom hielt unschlüssig meinen Rucksack in der Hand und schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte.
Ich wusste es genauso wenig, deswegen sahen wir uns für einen kurzen Moment nur stumm an, bevor ich meinen Blick wieder auf das Anwesen schwenkte.
Ich schirmte etwas meine Augen mit meiner  freien Hand ab, um gegen die Sonne anblinzeln zu können.
Ich fing bereits an zu schwitzen. Es war Mittagszeit und die Temperaturen stiegen eindeutig über 30 Grad Celsius.

„Na dann“, meinte mein Dad und sah sich um, „Delores müsste auch jeden Moment kommen."
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, öffnete sich bereits die riesige doppelflügelige Eingangstür und eine ältere Frau erschien am Rande der Steinstufen. Sie winkte uns zu und von Weitem konnte ich erkennen, dass über das ganze Gesicht strahlte.
Mom und Dad winkten kurz zurück und sahen dann wieder zu mir. Sofort wusste ich, dass der Moment des Abschieds gekommen war. Sie konnten sich genauso wenig wie ich gut verabschieden.

„Sollen wir noch mit reinkommen?“, fragte Mom unsicher nach, doch ich schüttelte den Kopf. So oder so würde ich hier die nächsten Wochen verbringen, da würde es nicht viel ändern, wenn sie mir die ersten zehn Minuten hier Gesellschaft leisten würden.
„Okay, dann... dann hab‘ mal viel Spaß hier, Max.“
Sie schenkte mir ein Lächeln, doch ich wusste, dass es erzwungen war. Deswegen war ich nicht gerade motiviert, es zu erwidern.
Mit den Schultern zuckend drehte ich mich von ihr ab. „Ja, ich denke, ich versuche mich nicht von den Mücken aussaugen zu lassen.“
Dad räusperte sich und aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Mom ihn auffordernd ansah.

„Du schlägst dich schon durch, Max“, brachte er schlussendlich hervor. Ich verdrehte die Augen und meinte: „Durch die Einöde hier oder was?"

Da anscheinend keiner von den beiden eine Antwort darauf wussten, schlossen sie mich kurz in eine krampfhafte Umarmung, bevor sie mich losließen und winkend wieder ins Auto stiegen. Innerhalb einer Minute waren sie in einer Staubwolke verschwunden.
Und somit bemerkte ich eine Minute zu spät, dass Mom mir meinen Rucksack nicht gegeben hatte und dieser somit wieder auf dem Weg in die Heimat war.
Ich starrte den Kiesweg hinunter und wünschte mir, genauso wie mein Handy, den zwei Chipstüte und meinen mehr schlecht als recht funktionierenden Kopfhörern, wieder auf dem Nachhauseweg zu sein.

 

Nun war es Zeit sich meinem Schicksal zu stellen.
Langsam drehte ich mich auf meinen Absatz um, griff nach meinen beiden Koffern und begab mich in die Richtung des Anwesens.
Die ältere Frau hüpfte bereits von einem Bein auf das andere, als ich sie endlich erreichte, nachdem ich mich die wenigen Treppen hochgequält hatte.

 „Oh hallihallo mein Großer! Ach ganz der Vater mit dem braunen Haar. Aber die Augen hast du von deiner Mutter! Ach wie sehr ich mich freue, Max! Komm mit, ich zeige dir dein Zimmer. Ich bin übrigens Mrs. Downhill, aber nenn mich doch bitte Delores!"

Aufgeregt deutete sie mir, ihr zu folgen und überraschend flott lief sie los.
Vom nahen sah sie nicht ganz so alt aus, wie ich sie eingeschätzt hatte. Ihre Haut war trotz der immensen Sonneneinstrahlung, die hier anscheinend zu herrschen schien, schneeweiß schwarz-graue Haare, die sie zu einem eigenartig wirren Knoten zusammengebunden hatte, zierten ihren Kopf. Ihre Augen waren riesig und der Eindruck wurde von der runden Brille nur verstärkt.

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen und leicht verdattert versuchte ich mit ihr Schritt zu halten. Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte oder überhaupt in solch einer Situation konnte.

Die marmorierte Eingangshalle durchquerten wir zielstrebig, doch bevor ich mich staunend umsehen konnte, hatte Delores bereits den Weg eine Treppe hoch eingeschlagen.

„Ach, ich freue mich so sehr, dass du hier bist! Dann ist Dean nicht mehr der einzige Junge hier im Haus. Denn Zara und Amy sind sicherlich nicht immer einfach.“ Sie lachte, als sie mir über die Schulter hinweg zuzwinkerte.
Dean, Zara, Amy? Ich runzelte die Stirn und gerade, als ich überlegte, nachzufragen, plapperte sie bereits weiter: „Ich liebe den Sommer, ist es nicht die schönste Jahreszeit? Man kann so viele wunderschöne Sachen unternehmen und außerdem kommen in den warmen Sommermonaten mehr Gäste.“ Sie seufzte auf, ließ mir jedoch keine Zeit, zu antworten. „Weißt du, in so einem großen Anwesen zu leben und es nicht teilen zu können, hat mich jahrelang nicht glücklich gemacht, umso mehr freue ich mich, wenn ich Besucher habe.“

Ununterbrochen quasselte sie weiter und viele Gänge und eine weitere Treppe später, glaubte ich, an Atemnot sterben zu müssen. Ich hätte weniger Gepäck mitnehmen sollen und gerade als ich überlegte, einen Koffer einfach auf den Gang stehen zu lassen und ich später einfach zu holen, blieb Delores vor einer Tür stehen und meinte mit einem strahlenden Lächeln: „Das ist dein Zimmer, Max.“

 Leicht verunsichert lächelte ich zurück. Sie machte eine auffordernde Kopfbewegung, sodass ich meine Koffer neben mir absetzte und die Türklinke hinunterdrückte.
Delores blieb im Türrahmen stehen, als ich das Zimmer betrat, das für die nächsten Wochen mein Rückzugsort sein würde.

Es war erstaunlich spärlich eingerichtet, dafür verliehen die vielen Kissen auf dem einfachen Doppelbett dem Zimmer eine gemütliche Atmosphäre.
Direkt unter dem Fenster befand sich ein Schreibtisch, daneben ein doppelflügeliger Kleiderschrank.
Doch eine Sache viel mir sofort auf: Es gab keinen Fernseher und innerlich stöhnte ich auf. Somit hatten sich meine Ps3 und die geplanten Spielnächte erledigt.
Ich bemerkte, wie Delores mich erwartungsvoll ansah, sodass ich meinen Schock über das fehlende Unterhaltungsprogramm zu verstecken versuchte und meinte: „Dankeschön.“

Delores nickte und legte eine Hand auf den Türgriff.
„Ach dafür nicht, Max. Wie wäre es, wenn ich dich jetzt erstmal alleine lasse, damit du in Ruhe auspacken und dich ausruhen kannst? In einer Stunde gibt es im Speisesaal Mittagessen, dann hast du immer noch genug Zeit alle anderen kennenzulernen.“

Ein letztes Lächeln schenkte sie mir noch, bevor sie aus dem Zimmer trat und hinter sich die Tür zu zuzog.
Somit war ich alleine und seufzend ließ ich mich auf der Bettkante nieder. Ich starrte gegen die weiße Wand und fragte mich, warum mich meine Eltern unbedingt hier hin schicken mussten. War es eine Art der Bestrafung oder ein letzter verzweifelter Versuch, mich, nach all den gescheiterten Sommercampaufenthalten, für ein Ferienprogramm begeistern zu können  Mein Blick fiel auf meine Koffer und aufgrund meiner geringen Motivation entschied ich, dass das Auspacken auch noch warten könnte.

„Verdammter Mist“, flüsterte ich, während ich mit dem Kopf schüttelte. „Warum zur Hölle habe ich mich nicht hier gegen gewehrt?“

Ich schloss meine Augen, als ich mich nach hinten auf das Bett fallen ließ. Als dann auch noch mein Magen anfing zu knurren, begann ich, das Ende dieser Sommerferien herbeizuwünschen.
Und als mir dann auch noch auffiel, dass Delores zwar gesagt hatte, dass das Mittagessen im Speisesaal stattfinden würde, aber mir nicht erklärt hatte, wie ich überhaupt dorthin finden sollte, schlug ich mir stöhnend gegen die Stirn.

Es war definitiv nicht die Art von Sommerferien, die ich mir gewünscht hatte.

 


꧁Zara꧂