Prolog - Drei Jahre zuvor

Seeking Love - Der Deal (Band 1) #newpipertalent

Prolog - Drei Jahre zuvor

„Railey Young“, sagt der Prüfer mit freundlicher Stimme.
Ich atme einmal tief durch und versuche, meine zitternden Hände und mein klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen. Meine Muskeln schmerzen und der Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich bin erschöpft und mein Atem geht stoßweise.
Trotzdem trete ich mit festen Schritten an den anderen Prüflingen vorbei und stelle mich vor die drei in schwarze Anzüge gekleideten Prüfer, die mich lächelnd betrachten. David, mein Trainer hält eine Urkunde in der Hand und sieht mich stolz an. „Herzlichen Glückwunsch zum blau-braunen Gürtel.“
Mein Herz macht vor lauter Aufregung einen Satz. Auf diesen Moment habe ich seit Wochen hingefiebert. Erst letzte Woche war mein vierzehnter Geburtstag, weshalb ich endlich den blau-braunen Gürtel machen konnte. Ich bin mehr als erleichtert, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Die anstrengenden Trainingsstunden und die mühseligen Trainingseinheiten zu Hause haben sich ausgezahlt und waren nicht umsonst. Ich habe mir ein Ziel vor Augen gesetzt und es erreicht. Besser könnte mein Leben nicht mehr verlaufen.
David schüttelt meine Hand und ich nehme überglücklich die Urkunde entgegen. „Du bist eine meiner besten Schülerinnen. Deine Prüfung war sehr gut. Allerdings musst du noch an deiner Beintechnik feilen. Ansonsten kann ich nur sagen: Mach weiter so. Du bist eine meiner besten Schülerinnen.“
Er zwinkert mir vielsagend zu und ich erröte. Dann stelle ich mich zurück zwischen die anderen Prüflinge und der nächste Absolvent wird aufgerufen. Ich schiele heimlich nach links zu Miles und werde knallrot, als er mich ansieht. Er ist ebenfalls vor Anstrengung tiefrot im Gesicht, seine blonden Haare hängen ihm ins Gesicht und seine himmelblauen Augen funkeln mich an. Ein angenehmes Magenflattern breitet sich in mir aus. Er zwinkert mir fröhlich zu und hebt den Daumen.
Ich grinse zurück und bin plötzlich ganz nervös. Er hat meine Prüfung mitverfolgt, weshalb ich mehr als stolz bin, sie bestanden zu haben. Ich habe mich schon in dem Augenblick in ihn verliebt, als ich ihn das erste Mal hier sah. Die ganze Zeit hoffe ich, dass er mich endlich richtig anspricht und mir sagt, dass er mich auch mag. Doch er wendet sich wieder seinem Kumpel zu, der auch eine Urkunde in der Hand hält und ihn zu seiner bestandenen Prüfung gratuliert.
Nachdem jeder Prüfling endlich seine Urkunde erhalten hat - wobei ein Mädchen und ein Junge durchgefallen sind und sich weinend in die Arme ihrer Eltern werfen, renne ich freudestrahlend zu meiner Familie, die stolz in einem Eck steht. „Du hast es geschafft!“, jubelt mein Zwillingsbruder Riley und umarmt mich stürmisch.
„Ja“, gebe ich strahlend zurück, werde dann jedoch traurig. „Schade nur, dass du nicht mitmachen konntest. Jetzt bin ich einen Gurt weiter als du. Dabei wollten wir es doch gemeinsam machen.“
Riley lässt die Schultern hängen, seine dunklen Haare fallen ihm ins Gesicht und die eisblauen Augen ermatten. Es geht ihm in letzter Zeit überhaupt nicht gut. Er ist blass im Gesicht, hat keinen Hunger, ist andauernd müde und hat immer wieder Fieber und Schmerzen in den Knochen. Gestern war er beim Arzt Blut abnehmen, damit sie feststellen können, was mit ihm los ist. Die Blutergebnisse bekommen wir bald und dann werden sie ihn wieder gesund machen.
Hoffe ich zumindest, denn ich habe ein ungutes Gefühl im Magen, wenn ich ihn so sehe. Gestern hatte er Nasenbluten und sah in Kombination mit seinem bleichen Gesicht aus wie ein Zombie. Irgendetwas stimmt mit seinem Körper nicht und das scheinen auch unsere Eltern zu bemerken. Sie sind seit Tagen sehr angespannt und wirken besorgt, auch wenn sie es vor uns zu verbergen versuchen. Ich bekomme trotzdem mit, wie sie sich leise unterhalten.
Deswegen bin ich froh, dass ich Reece habe, meinen großen Bruder, der an Riley vorbeitritt und mich feierlich in seine Arme zieht. Seine Hände ziehen auf meinem Rücken beruhigend Kreise. Dabei strömt der Duft seines Aftershaves gepaart mit seinem eigenen an meine Nase und ich schließe glücklich die Augen. Er riecht nach zu Hause. Bei ihm fühle ich mich sicher und geborgen. Er ist nicht nur mein großer Bruder. Er ist mehr als das. Er ist mein bester Freund.
Reece löst sich wieder von mir und legt seine Hand auf meine Schulter. In seinen Augen erkenne ich den unverhohlenen Stolz auf mich. „Ich bin so stolz auf dich, Railey. Ich wusste, du würdest es schaffen“, lächelt er.
Obwohl Riley und ich Zwillinge sind, sehen wir alle uns ziemlich ähnlich. Wir alle haben dieselben dunkelbraunen, fast schwarzen Haare und eisblaue Augen. Manchmal denken die Leute, wir wären Drillinge. Dabei haben wir unsere Augenfarbe von Mum geerbt. Von Dad wiederum haben wir unsere Haarfarbe und unseren Sinn für schlechten Humor.
Mein Dad steht neben meiner Mum und hat ebenfalls ein glückliches Strahlen im Gesicht. Er kam erst letzte Woche von seinem Einsatz zurück und hat jetzt für ein paar Wochen frei, ehe er wieder auf Afghanistan zurückmuss. Dann ist er wieder für vier Monate weg und mein großer Bruder nimmt seinen Platz ein. Mein Vater ist nicht direkt an der Front, sondern eher an der Grenze, wo er die Einsätze koordiniert. Trotzdem habe ich Angst um ihn.
In dieser Zeit ist mein großer Bruder für uns da, sowie er immer für uns da ist. Er ist vier Jahre älter als ich und fängt jetzt sein letztes Jahr an der High School an. Seine Kumpels feierten gestern eine große Party, doch er ging nicht hin, damit er mir heute bei meiner Prüfung zuschauen konnte. Dafür liebe ich ihn nur umso mehr, weil ich weiß, dass er gern feiern geht. Ich stehe bei ihm an erster Stelle. Für mich lässt er oft seine Freunde sitzen. Sogar Olivia, seine feste Freundin und große Liebe.
„Dann lasst uns heute zur Feier des Tages Essen gehen. Ich schätze mal, du willst dich noch schnell von deinen Freunden verabschieden, deshalb warten wir am Auto auf dich“, meint mein Vater und zwinkert mir verschwörerisch zu, sodass ich mich mit glühenden Wangen abwende. Er weiß, dass ich schon lange in Miles verknallt bin, sowie es meine Brüder wissen.
Meine Mutter zieht verärgert die Brauen zusammen. Ihrer Meinung nach bin ich noch zu jung, um mich mit Jungen anzufreunden. Dennoch gibt sie nach, als mein Vater ihre Hand ergreift und ihr etwas ins Ohr flüstert, das sie rot anlaufen lässt. Meine Eltern sind richtig süß und verhalten sich wie ein junges, frisch verliebtes Pärchen, weshalb ich nicht verstehen kann, warum meine Mutter so spießig ist, wenn es um Jungs geht.
Nachdem sie endlich gegangen sind, schlendere ich mit klopfendem Herzen zu Miles und seinem Kumpel. Beide sind zwei Jahre älter als ich, weshalb es mir sehr viel Überwindung kostete, ihn anfangs anzusprechen und mich mit ihm anzufreunden.
Er hat mir den Rücken zugedreht, trotzdem höre ich, was er sagt. „Meinst du Railey? Sie ist echt gut, aber sie ist nicht mein Typ. Sieh sie dir an. Sie sieht aus wie ein kleines Mädchen. Sie könnte meine kleine Schwester sein. Ich würde sie niemals küssen oder sie vögeln. Ich stehe nicht auf kleine Mädchen, die aussehen wie ein kleines Kind. Ich stehe auf Frauen mit langen Beinen und großen Brüsten.“
Ich erstarre und halte mitten in der Bewegung, ihn anzutippen, inne. Tränen schießen mir in die Augen und mir bleibt vor lauter Schreck die Luft weg. Mein Herz, das gerade eben noch sehr schnell schlug, bleibt stehen und zerbricht mit einem lauten Knall in Millionen von Scherben, die wie feiner Staubregen vor mir zu Boden rieseln.
Verletzt drehe ich mich um und laufe davon. An der Außentür der Turnhalle wartet Reece auf mich, der lässig an der Wand lehnt, die Hände in seine Hosentaschen geschoben.
Ich sehe schon lange zu ihm auf. Er ist cool, beliebt und für alle da. Ich will so werden wie er.
Sowie er mich bemerkt und die Tränen in meinen Augen sieht, verändert sich sein Gesichtsausdruck. Er stößt sich von der Mauer ab, kommt auf mich zu und schließt mich in seine Arme. Willig lasse ich es zu und kralle mich schluchzend an seinem Pullover fest.
„Hey Shorty, was ist denn los?“, will er wissen und streicht mir zärtlich durch die Haare. Es ist sein Spitzname für mich, weil ich so klein bin. Ich bin die Kleinste in meiner Familie, weil meine Mutter auch so klein ist. Das habe ich von ihr geerbt. Sie ist nicht kleinwüchsig, aber auch nicht sehr groß. Bisher störte mich meine Größe nicht sehr. Aber jetzt?
„Er... er... er hat gesagt, dass er mich zu klein findet und dass er mich deswegen nicht mag. Er findet mich hässlich, weil ich aussehe wie ein kleines Kind!“, jammere ich und weine sein Shirt voll. Reece legt seine Hände auf meine Oberarme und sieht mich fest an, seine Miene ist erschüttert.
„Sag so etwas nicht. Du bist halt kleiner als andere Leute in deinem Alter, aber das ist doch nicht schlimm. Es gibt noch kleinere Mädchen und Jungen. Du bist hübsch, Railey. Wenn er dich nicht mag, dann hat er dich nicht verdient. Du hast etwas besseres verdient, glaub mir. Den Idioten kannst du vergessen, der weiß nicht, was ihm entgeht. Irgendwann wirst du schon den Richtigen finden. Genau dann, wenn du es am wenigsten erwartest.“

In dem Augenblick, in dem ich hörte, was Miles über mich sagte, dachte ich, die Welt bricht zusammen. Dabei brach sie nicht in diesem Moment zusammen. Miles Worte rissen lediglich Risse in mein Herz. Es brach erst auseinander, als wir Tage später die Blutergebnisse von Riley bekamen. Ab da veränderte sich mein Leben. Meine Eltern waren nicht mehr dieselben, Reece war nicht mehr derselbe. Ab da verlor ich nicht nur mein Selbstbewusstsein für meinen Körper, sondern meinen großen Bruder, meine Familie. Mein Leben.

Kapitel 1