Eins

Project: Delta

Eins

Eins


Vier Wochen zuvor

13. August 114 nach dem großen Krieg

2593 nach Christus

In den Ruinen der alten Stadt

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Ich rannte durch die Straßen und hielt abermals das Funkgerät an meine Lippen. 

»Wo seid ihr?«, fragte ich, bekam jedoch keine Antwort. Meine Brüder hatten es einfacher. Wir hatten alle ein Upgrade bekommen. Zumindest nannte Joseph Mayer - unser Ziehvater – es so. Meine Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen. Es funktionierte bei mir nicht. Ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, aber mein Verstand wusste nicht, wie er es einsetzen sollte. Wochenlang hatte ich geübt, aber es brachte nichts. Telepathie war eben nicht für jeden gemacht. Mit diesem Satz zogen mich meine Brüder auf und ich fühlte mich wieder wie damals mit Sechs, als ich neu hier war und alle auf mich herumgehackt haben. 

»An der großen Bibliothek. Erhöhtes Rebellenaufkommen.« Endlich eine Antwort, aber Joes Stimme war nur ein zaghaftes Flüstern. Noch ein Grund, weshalb wir die Möglichkeit bekamen, uns telepathisch zu unterhalten. Zumindest, wenn man es konnte. Funksprüche konnten abgehört werden – Gedanken nicht!

Seufzend machte ich mich auf den Weg zur alten Bibliothek. Ich kannte mich in den Ruinen aus wie in meiner Westentasche. Stundenlang hatte ich mich hier herumgetrieben, eine Straßenkarte erschaffen und sie meinen Brüdern zur Verfügung gestellt. Wenn ich etwas konnte, dann war es, mich an alles zu erinnern das ich jemals gesehen hatte. Alles was nach meinem sechsten Geburtstag geschehen ist. Die Zeit davor ist wie ausgelöscht. Egal wie sehr ich mich anstrengte, ich sah keine Bilder in meinem Kopf wie sonst. Da es zu gefährlich war, die Straße zu nutzen, entschied ich mich dazu, über die Dächer zur Bibliothek zu gehen. Die Kybernetik in meinem Kampfanzug erlaubte es mir, weiter zu springen, als ein normaler Mensch es je getan hat. Außerdem konnte ich damit Wände hochgehen, wie Spiderman in den Comics. Ein Tribut der Vergangenheit, die sich in besagter Bibliothek noch befand. Ich habe jeden Comic gelesen, den es dort noch gab. Batman, Spiderman, die XMEN, die wahrscheinlich die Vorlage für uns selbst waren, nur das wir einen cooleren Namen haben. Projects klingt um eines besser, als XMEN.  

Elias konnte das Feuer kontrollieren. Außerdem war ich mir sicher, dass er wirklich in die Zukunft sehen konnte. Er vermied es, Menschen anzufassen. Er redete nie darüber, aber wir trainierten viel miteinander und er wusste immer, was ich tun würde, selbst wenn ich selbst es noch nicht wusste. 

Joe war das Gegenteil von ihm. Alleine mit seinen Gedanken konnte er die Temperatur in der Umgebung nach unten Schrauben und alles eingefrieren. Außerdem konnte er alleine mit seinen Gedanken Gegenstände bewegen und kontrollieren, zumindest solange irgendwie moderne Technologie verbaut war. Was in so gut wie jedem Gegenstand war, den es, seit dem großen Krieg, gab. 

Die Kybernetik, die den Krieg erst so eskalieren hat lassen, war danach trotzdem hoch gelobt. Sie wurde in der Medizin verwendet und die Menschheit dadurch fast unsterblich geworden. 

Ich hatte die Bibliothek erreicht, allerdings konnte ich keinen meinen Brüder sehen. Oder irgendeinen Rebellen. Hatte Joe eine andere Bibliothek gemeint? Das konnte ich mir nicht vorstellen, wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir die Dinge so benennen, wie es auf dem Straßenplan stand. 

»Joe, wo ...«, weiter kam ich nicht. Ich spürte jemanden hinter mir, doch als ich mich umdrehte, war da niemand. Erlaubten sich die Rebellen einen Spaß? Oder war es gar ein schlechter Scherz meiner Brüder? Zuzutrauen war es Ihnen, einzig die Tatsache, dass auch Elias bei dem Ganzen mitspielte, sprach dagegen. Er hatte sich noch nie an den Streichen der Älteren beteiligt. 

’Pass auf!', hallte es in meinem Kopf wieder. Elias' Stimme. Ich konnte zwar die Telepathie meines besten Freundes meistens Empfangen, aber antworten ging nicht. Mein Körper stellte sich auf Kampfmodus ein, doch es war zu spät. Ich spürte mehrere Kugeln an mir vorbeiziehen, ehe ich die Schüsse hörte. Es war eine Falle, allerdings von den Rebellen. Sie hatten sich das falsche Opfer ausgesucht. Kugeln konnten mir nichts anhaben. Solange sie nicht aus organischem Material stammten. Ich musste mich mittlerweile nicht mal mehr anstrengen, um meine Fähigkeiten zu benutzen. Die, die ich konnte, beherrschte ich perfekt. Darunter war es auch, durch Wände zu gehen, oder nicht-organisches einfach durch mich durch gehen zu lassen. 

Ich ließ mich durch den Boden gleiten und landete in einem alten Bürogebäude. Ein modernder Schreibtisch stand in der Mitte und Aktenschränke zierten die Wände. Von einem Stuhl war nichts mehr übrig. 

Ich hörte Schritte und flüsternde Stimmen. Irgendetwas wurde umgeworfen, was wie ein Mülleimer klang und danach war alles still. Bis auf das Adrenalingetränkte atmen, das an mich herantrat. Ich wusste nicht genau, wo meine Gegner waren, aber sie waren hier in diesem Stock. Mein Gehör wurde verbessert, ebenso wie mein Gedächtnis. Es war meistens eher ein Fluch, aber in solche Situationen wusste ich es zu schätzen. 

Ich ging zur Tür, öffnete sie soweit, bis ich hindurch kam und blickte mich um. Nur wenig Licht erhellte die Räume, aber das machte mir nichts aus. Wir hatten alle eine besondere Art der Nachtsicht. Eine kleine Operation mit zwölf, bei der uns eine zweite Netzhaut auf die Pupille gelegt wurde. Sie filterte Licht und verwandelte es, bei ungenügender Beleuchtung, in Infrarot. Der Gang des Bürokomplexes erstrahlte in allen möglichen Rottönen, die Geräusche kamen von links, also ging ich in diese Richtung. Zwei Türen weiter konnte ich Stimmen hören, sie unterhielten sich sehr leise, aber ich verstand trotzdem jedes Wort. 

»Du musst still sein, Liza.«

»Aber ich habe Angst, Sora. Die bösen Männer sind hier!« 

Es waren zwei Stimmen, die fast gleich klangen. Eine eher weinerlich, die andere rebellisch und tapfer. Aber das konnte auch nur die Äußere Schale sein. 

Ich öffnete die Tür, trat ein und holte meine Taschenlampe heraus. Ich richtete sie auf die Ecke, in der die Zwei Mädchen saßen und schaltete sie an. Erschrocken wie aufgescheuchte Rehe, sahen sie mich an.

Eins - 2. Teil