#herstory

Die Kritikerin #herstory

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Ich möchte es dir ins Gesicht schreien, meine Finger in deine Schultern krallen und dich schütteln, bis du hörst, was ich dir sagen will. Die Worte sollen dir um die Ohren fliegen, dich umschwirren mit Zuneigung, dich so verwirren, dass du all deine Sorgen vergisst. Ich will dich fesseln mit meinem Bild von dir, aber du siehst mich nicht. Du bist so weit weg von mir, nicht nur im Raum, auch in der Zeit.

Ich war du, und du wirst ich sein. Doch obwohl  du deine Reise noch nicht angetreten hast, hat sich die Müdigkeit in deine Augen geschlichen. Die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die du doch noch gar nicht kennen kannst, weil noch nichts angefangen hat. In jeder Ecke deines Gesichts liegt ein Schatten und seine Dunkelheit bringt keinen traumlosen Schlaf, nein! Sie wartet nur, bis du kurz wegsiehst, um dich zu überfallen wie ein Dieb in der Nacht.  Für dich ist es schon vorbei, aber für mich fängt es grade erst an.

Deswegen musst du mir zuhören, du musst verstehen, was ich dir zu sagen habe. Denn ich will mich schützend vor dich stellen, will dich umarmen, dich erdrücken mit Liebe, dir sagen, dass alles gut wird. Du musst verstehen, dass es nicht leichter wird, aber besser. Du musst erkennen, dass du zwar die erste bist, aber nicht die einzige, und nicht die letzte. Was vor dir noch keine erreicht hat, was dir noch keine gezeigt hat, das darfst du dir erlauben falsch zu machen. Auch wenn es niemand sonst so sieht. Keine Generation vor dir war so frei und so einsam. Keine von ihnen war so gebildet und so allein in ihrem Wissen darum. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, nicht so viele, oder keine, dann wäre das nichts. Aber so ist die Welt voller Stimmen und keine ist lauter als die andere, nur deine schweigt.

Du kannst auf deinen Kopf, deinen Bauch oder dein Herz hören. Aber ein Kopf kann irren, ein Bauch verkrampfen und ein Herz brechen. Wo blickst du hin, wenn du nicht weiter weisst. Sieh hoch, sieh zu mir – schau mich an! Sie werden dich formen und färben, nach altem Muster, mit Kind und Kegel. Die Freiheit, die sie predigen, kommt mit Verfallsdatum, und es ist das deinige. Deine Mindesthaltbarkeit, bevor sie dich in die Knie zwingen und du ihre Kinder gebierst und ihre Häuser bewohnst. Der Baum ist gepflanzt, lange bevor du ihn wässern musst, und wässern musst du ihn, sonst geht das letzte Leben ein.

Auf deinen Lippen sehe ich die Worte, die sie dir zu Füssen legen. Worte der Weisheit, Bildung macht frei. Du saugst sie auf, spuckst sie aus, sie schmeckt fahl. Du drehst dich im Kreis und gehetzte Blicke treffen auf Wände, die du nicht hast kommen sehen. Anstatt die Tür in die Freiheit öffnest du ein Fenster, und wünschst dich hinaus, hinaus, hinaus in die Welt. Die Welt voller Träume, so weit weg von dir. Heb den Kopf, recke das Kinn – erkenne mich doch! Ich bin das, was du erschaffst, bin jeder Augenblick, der dich in der Luft zerreisst. Du bist ein Teil von mir und das, was elend war, ist hell und schön. 

Schau an, was du erschaffen hast, was du erkämpft, ertrotzt, erarbeitet hast. Schau auf die Frau, die du sein wirst, weil du nicht aufgabst. Da hinten steht sie und blickt auf dich, voller Stolz, voller Liebe, voller Dankbarkeit. Und jede Stunde Einsamkeit hat sich gewandelt in Minuten der Kraft. Sie ist noch immer du, du bist noch nicht sie.

Jetzt erst hebst du den Kopf, jetzt erst vernimmst du eine Stimme, die lauter ist als alle anderen. Jetzt erst löst sich der Knoten, und ihr beide zieht am gleichen Strang. Die Erlösung rauscht über dich hinweg, ein Lächeln, so schmal, so fein. Du siehst, was frei sein bedeutet und nimmst dir die Worte der Welt vom Herzen.  Nur für den Hauch eines Augenblicks sind deine Augen offen, aber es reicht, um dir neue Kraft zu geben. Der Junge, den du verzweifelt liebst wird ein Mann wie alle anderen. Die Ideen, die wie Feuerwerke in deinem Kopf explodieren, werden zu Staub zerfallen und all die, denen du sehnsüchtig hinterherblickst, weil sie so viel mehr zu sein scheinen als du, werden in der Menge verschwinden, sobald du den Blick abwendest. Du bist nicht mehr, nicht weniger, als sie alle zusammen. Du bist der Anfang eines vollen Lebens und das Ende einer kleinen Kindheit. Voll Genuss, mit neuer Stärke, schliesst du die Augen und lächelst ins Ungewisse hinein. Lächelst, weil du die Zukunft kennst. Lächelst, denn du bist ich.