Der 31. Dezember des Vorjahres

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Der 31. Dezember des Vorjahres

               „5…4…3…2…1!“, riefen die Menschen im Nebenzimmer und auf der Straße aufgeregt durcheinander.

               Behutsam verriegelte ich die Terrassentür und versuchte die Glückwünsche, das Knallen der Sektkorken und das Zischen der Feuerwerksraketen auszublenden.

               „Happy New Year“, flüsterte ich mir selbst zu und schloss die Augen. Was sollte dieses Jahr nur bieten können, was die anderen nicht schon verheimlicht hatten? Ich hatte doch fast alles, was man sich wünschen konnte, oder etwa nicht?

               Die Tür zu meinem Versteck wurde plötzlich aufgerissen und Steffi holte mich lautstark aus meinen Gedanken.

               „Frohes neues Jahr, Süße!“, brüllte sie über die unterschiedlichsten Geräusche aus dem Büro hinter ihr hinweg. „Kommst du gleich?“ Erwartungsvoll sah sie mich an und küsste mich überschwänglich auf beide Wangen.

               „Natürlich! Ich habe nur eben mit Mutter telefoniert“, log ich sie an, um ihre Feierlaune nicht zu dämpfen. „Ich wollte nur wissen, ob es Harald auch gut geht. Du weißt doch, dass er letztes Jahr an Silvester seine Partnerin aufgefressen hat. Dabei habe ich mich echt gut um ihn gekümmert.“

               „Spinnst du?“, boxte mich meine Freundin in die Seite. „Du machst dir Sorgen um irgend so einen abartigen Zierfisch deiner Eltern, während deine Arbeitskollegen hier die Party ihres Lebens feiern?!“ Steffi lachte ihr helles, herzerwärmendes Lachen, das jede schlechte Laune in wenigen Augenblicken vertreiben konnte.

               „Weißt du was?“, fragte sie mich, „Gleich morgen früh gehen wir in eine Tierhandlung und kaufen dir einen eigenen Goldfisch, oder noch besser: einen einsamen, liebesbedürftigen, kleinen Frosch. Dann ist der immer in bester Gesellschaft und endlich glücklich – genau wie du! Außerdem fressen Frösche ihre Partnerinnen nicht auf. Na, klingt das nach einem Plan?“

               Nun musste ich auch endlich lachen und ließ mich von ihr zu der feierwütigen Meute zurückziehen.

               „… und vielleicht verwandelt er sich ja eines Tages in einen Prinzen, wenn du ihn küsst!“, spann sie augenzwinkernd weiter und drückte mir ein Sektglas in die Hand. „Auf das neue Jahr! – Soll es spannend, lustig, glücklich und immer aufregend werden!“

               Ich wollte ihr schon widersprechen, dass es gar nicht so aufregend sein musste und dass ich auch ohne Prinz ganz zufrieden war, aber meine Kollegen ließen mir keine Zeit dazu, sondern nahmen mich in ihre Mitte, prosteten mir zu und umarmten mich herzlich. Womöglich hatte die durchgeknallte Steffi aber in einem ja doch recht: Wenn ich mir etwas Mühe gab, würde dieses Jahr vielleicht doch zu etwas ganz Besonderem werden …

Januar