Kapitel 1 - Hannah

Love forever #newpipertalent2019

Kapitel 1 - Hannah

“Verdammt, Hannah, jetzt mach endlich die Tür auf! Du kannst dich nicht ewig im Bad einschließen und ich muss pissen!”


Zufrieden grinse ich vor mich hin und lackiere weiter in aller Seelenruhe meine Fußnägel, während ich auf dem Rand der Badewanne sitze und neben mir auf dem Handy leise Musik läuft.


Meine beste Freundin ist eigentlich ganz cool und hat alles, was so eine beste Freundin halt braucht. Naja, wenn man davon absieht, dass sie eigentlich ein Er ist und einen Schwanz hat. Aber was für einen. Holla die Waldfee. Nicht, dass er ständig nackt vor mir herumlaufen würde, aber hey, wenn man zusammen wohnt, kann es schon mal passieren, dass man den anderen nackt erwischt und natürlich ist mir sowas dabei nicht entgangen. Ich bin auch nur ein Mensch und keine Heilige.
Und dieser Schwanz ist auch der Grund dafür, wieso er absolut kein Verständnis dafür hat, dass Nägel lackieren Zeit braucht.


“Wenn du nicht innerhalb der nächsten dreißig Sekunden aufschließt, schwöre ich, ich suche mir eine der Topfpflanzen in deinem Zimmer, um meine Blase zu entleeren.”


Soll er. Die bescheuerten Topfpflanzen sind von seiner Mutter, nicht von mir. Meinetwegen können sie gerne weg. Wenn ich mein Gemüse knusprig will, dann auf dem Teller und nicht in meinem Zimmer. Ich vergesse sowieso immer, die Dinger zu gießen. Aber wenn ich es mir recht überlege…


“Tu dir keinen Zwang an. Sie müssen sowieso mal wieder bewässert werden.”
In aller Seelenruhe lackiere ich meine Nägel weiter. Pink. Würde Nevio bestimmt auch gut stehen.


“Du bist manchmal echt so eine Nervensäge, Kampfzwerg. Aber gut, du hast es nicht anders gewollt. Wenn was daneben geht, putzt du es weg.”
In der nächsten Sekunde höre ich auch schon, wie sich seine Schritte wegbewegen, direkt in mein Zimmer hinein, das dem Badezimmer gegenüber liegt.


Wenn es daneben geht? Diese Pissnelke wird doch mit Absicht dafür sorgen, dass es daneben geht. Drecksack. Na warte.
Noch schnell den letzten Nagel lackiert, Zehentrenner rein und schon tripple ich aus dem Bad raus, rüber in mein Zimmer. Nevio ist gerade dabei, den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen, und macht eine riesen Show daraus. Und er steht nicht an der Topfpflanze. Ich wusste es.
“Wenn du mir auf den Teppichboden pinkelst, wische ich es mit deinem Lieblingsshirt auf.”
Um meine Drohung noch zu untermauern, renne ich so schnell ich kann in sein Zimmer und komme mit besagtem Shirt wieder zurück. Nevio steht noch immer regungslos da, mit gerunzelter Stirn und die Hand immer noch an seiner Jeans.
“Ach komm, so groß ist er jetzt auch wieder nicht, dass du ihn ständig festhalten musst.”
Ist er doch, aber das muss ich ihm ja auch nicht unbedingt unter die Nase reiben. Sonst wird sein Ego noch um einiges größer, als es ohnehin schon ist.
“Nimm deine Hand da weg. Oder das da wird dran glauben.”
Ich halte sein Shirt in die Höhe und funkle ihn grimmig an. Sieht sicher beeindruckend aus, wenn man bedenkt, dass meine Zehen den Boden nicht berühren und ich um einiges kleiner bin als die Mistmade vor mir.


Doch statt meine Drohungen ernst zu nehmen, grinst er nur selbstgefällig und kommt auf mich zu.


“Na, sieh einer an, wie schnell du aus dem Bad gehumpelt kommst, wenn man dir nur den richtigen Anreiz gibt. Wer weiß, wie lange sich der Geruch hier gehalten hätte. Echt eklig.”
Sobald er vor mir steht, legt er eine Hand an meinen Hinterkopf und gibt mir einen kurzen Kuss auf die Schläfe, während er mir mit einer schnellen Bewegung das T-Shirt aus der Hand reißt.


“Das brauchst du dann ja nicht mehr.”


Und dann schiebt er sich auch schon an mir vorbei und huscht ins Bad, wo die Tür laut hinter ihm ins Schloss fällt.


Ein bisschen perplex starre ich auf meine leere Hand und dann ihm hinterher. Oh dieser Arsch… schnelle tripple ich ihm wieder nach, will schon ins Badezimmer rein und renne prompt gegen die Tür. Autsch. Verdammt, der Trottel hat abgesperrt.
“Sobald du dieses Zimmer verlässt, wirst du was erleben!”
Was das sein wird? Weiß ich doch nicht. Warum? Ja ich brauche keinen Grund dafür, um ihm die Leviten zu lesen. Aber ein Blick auf meine Zehen liefert mir dann doch einen. Verschmiert. Die ganze Arbeit, alles umsonst.
“DU BIST EIN TOTER MANN, NEVIO!”


“Was habe ich denn jetzt schon wieder getan?”


Seine Stimme dringt nur gedämpft durch die Tür, aber trotzdem höre ich, dass er genervt ist. Die Klospülung rauscht und nachdem er seine Hände gewaschen hat, öffnet er die Tür und bleibt ihm Rahmen stehen - nur noch mit seiner Unterhose bekleidet.


Fragend sieht er mich an und ich strecke ihm mit Schwung meinen Fuß entgegen und deute mit dem Zeigefinger darauf, ohne diese ziemlich gut definierten Bauchmuskeln vor mir überhaupt zu beachten.
“Mein Nagellack ist verschmiert. Deinetwegen. Das sieht doch scheiße aus. Genau so wie du, wenn ich das mal anmerken darf.”
Schmollend sehe ich ihm finster ins Gesicht.
“Was hast du vor? Kriegst du Besuch? Musst du weg?”
Der hat es doch eilig. Sonst stresst er mich auch nicht so, wenn ich im Bad bin. Naja, doch. Tut er doch. Aber er hält es für gewöhnlich schon ein bisschen länger aus, darauf zu warten, dass ich das Badezimmer verlasse. Außer er hat noch etwas Wichtiges vor.


Als er meine Füße sieht, verdreht er bloß die Augen und sieht mir wieder ins Gesicht.
“Hör zu, ich mache dir das später neu, okay? Inklusive Fußmassage, weil ich dir vorgestern die saure Milch angedreht habe. Aber ja, ich bekomme gleich Besuch und ich will vorher noch duschen. Kann ich mich darauf verlassen, dass ich die nächsten Stunden meine Ruhe habe?”


Pikiert sehe ich ihm in die Augen und rümpfe die Nase.


“Du musst ja wirklich stinken wenn du so viel Zeit zum Duschen brauchst.”


Probehalber schnüffle ich vor ihm herum, nicke dann entschlossen mit dem Kopf und deute auf das Badezimmer hinter ihm.
“Du brauchst definitiv eine Dusche. Sonst rennt dir dein Besuch gleich schon weg, bevor sie überhaupt über die Türschwelle tritt. Wobei, lass es vielleicht doch sein. Dann weiß sie wenigstens, dass sie in der richtigen Wohnung ist, wenn sie dich riecht.”
Lachend mache ich einen Satz zurück, als er mit der Hand ausholt, um mir eine Kopfnuss zu verpassen.


“Nervensäge. Bleib einfach in deinem Zimmer oder geh irgendwo nen Kaffee trinken oder so, so wie sonst auch immer. Außer du willst mitmachen, dann bist du herzlich eingeladen. Wir finden bestimmt noch Platz für dich.”


Kess zwinkert er mir zu und lacht, denn wir beide wissen, dass dieses Angebot nicht ernst gemeint ist.


”Du bist ekelhaft. Ich verstehe gar nicht, was die Frauen an dir finden. Und jetzt geh duschen. Wird’s bald? Aber glaub ja nicht, dass du dich vor meiner Massage drücken kannst. Die werde ich bald schon einfordern.”


Und ich werde sie genießen. So wie ich es immer tue. Denn wenn er eines kann, ist es Füße massieren. Ich liebe das und kann mich dabei immer so richtig gut entspannen.


Schnell schiebe ich ihn ins Badezimmer und verschwinde dann in mein eigenes Zimmer. Wenn er Besuch bekommt, will ich davon selten etwas mit bekommen. Seine Weiber sind einfach so nervig. Wenn man sich wenigstens mal mit denen unterhalten könnte. Aber nein. Da gilt das Motto ‘Rein, raus und der Rest ist nicht so wichtig’. Ernsthaft, selbst beim Sex bekommen die nichts auf die Reihe. Dieses ständige Gequietsche und komische Gestöhne… Es macht mich wahnsinnig. Das ist so, als würde er Daisy Duck vögeln. Wobei ich mir vorstellen kann, dass selbst die Ente weniger nervig ist.


Es schüttelt mich allein bei dem Gedanken, dass eines dieser hirnlosen Weiber gleich wieder hier auftaucht, und ich sollte mich wirklich schnellstens verziehen, bevor es klingelt. Fehlt noch, dass ich dem Weib des Tages die Tür öffnen muss und dann auch noch ein Gesicht zu dem aufgesetzten Gestöhne habe, das mir dann bei diesen Lauten vor dem inneren Auge vorschwebt.


Außerdem stört es mich maßlos, dass er sich niemals die Namen der Frauen merken kann, mit denen er Sex hat. Ich meine, das macht ihn nicht gerade intelligenter als die Damen selbst. Irgendwie heißen sie immer alle Baby, Babe, Wow, oh ja, genau so.
Das sind eigentlich die einzigen Worte, die man von ihm dabei zu hören bekommt. Und der Kerl will Schauspieler werden. In Stummfilmen wäre er sicher perfekt einsetzbar.


Etwa zehn Minuten, nachdem Nevio das Bad verlassen hat, klingelt es an der Tür und ich werfe mich auf mein Bett. Scheiße, ich habe mein Handy im Bad vergessen. Aber wenn ich da jetzt rausgehe, muss ich Doofie des Tages begrüßen. Darauf habe ich echt keinen Bock.


“Scheiße, Hannah?! Kannst du die Tür aufmachen? Ich bin in zwei Minuten fertig.”


Schade, dass sich sein Zimmer nicht am anderen Ende der Wohnung befindet, denn dann hätte ich ihn garantiert nicht gehört. Ich hätte einfach die Musik laut aufdrehen sollen.


Stattdessen überlege ich wirklich, ihn zu ignorieren, aber das Klingeln reißt einfach nicht ab. Toll, sie weiß, wie man sich bemerkbar macht.


"Dafür schuldest du mir was, Dumpfbacke."


Mit neutralem Blick gehe ich zur Tür, öffne sie und sehe nichts als Haare. Oha. Okay? Da hat es jemand mit der Lockenpracht übertrieben. Plattgedrückt sehen die nämlich gar nicht mehr so gut aus. Ob ich ihr das sagen soll?


“Hey… äh… ”
Ihr strahlendes Lächeln weicht einem Stirnrunzeln und sie lässt ihren Blick noch mal zu unserem Klingelschild neben der Tür schweifen.


“Ich wollte zu Nevio. Ist er da? Wir sind verabredet?”


Ein verschlagenes Grinsen schleicht sich in mein Gesicht. Na warte, dem vermassel ich heute die Tour. Er sollte bei dem ständigen Verkehr in seinem Bett sowieso mal ein bisschen kürzer treten.


“Nevio? Ja, der ist da? Ihr seid verabredet? Komisch, davon hat er vorhin im Bad nichts erwähnt. Komm doch rein.”
Also ich wäre ja spätestens nach dem Spruch mit dem Bad gegangen, der mit einem übertrieben freundlichen Grinsen über meine Lippen gekommen ist. Sie aber nicht. Natürlich nicht. Wie blöd kann man eigentlich sein.
“SCHATZ? DU HAST BESUCH!”
Ein Rumpeln aus Nevios Zimmer ist die einzige Antwort, die ich vorerst zu hören bekomme, inklusive einem mehr als komischen Blick von Barbie, die sich nebenbei bemerkt noch nicht einmal vorgestellt hat. Ja gut, habe ich auch nicht. Aber ich will ja auch nichts von ihr. Dafür sieht sie mich jetzt mit merkwürdigem Blick an und mustert mich abschätzig von Kopf bis Fuß.
“Schatz? Und ich dachte, du bist nur seine komische Mitbewohnerin.”


Ich blinzle ein paar Mal heftig und hebe die Augenbrauen an. Wie hat sie mich gerade bezeichnet? Auf der Beliebtheitsskala rutscht sie gerade noch weiter nach unten und stürzt sich quasi kopfüber hinunter, denn ich kann es gar nicht leiden, wenn man mich beleidigt.


“Komisch? Wie bitte? Ich bin nicht komisch. Und was heißt hier NUR Mitbewohnerin?”
Das ist ja wohl die Höhe. Was bildet sie sich überhaupt ein?


“NEVIO! SCHWING SOFORT DEINEN ARSCH HIER HER!”


Er zieht sich gerade sein T-Shirt über, als er aus seinem Zimmer tritt - natürlich sein Lieblingsshirt, das ich vorhin in der Hand hatte - und sieht mich fragend an.


“Was ist denn los, Hannah? Hey Babe.”


Lächelnd gibt er Barbie einen Kuss auf die Wange und legt einen Arm um ihre Taille, während er mich ansieht.


“Was los ist? Sie sagt, ich bin komisch. Bin ich komisch, Nevio? Was hast du ihr erzählt? Weiß sie, dass wir Freunde sind? Nein warte, nochmal. Weiß sie, dass wir die besten Freunde sind? Nein? Vermutlich hat es auch keinen Sinn, ihr das zu sagen, denn…”


Mein Blick fällt auf die Möchtegern-Prinzessin.
“... sie wird es sich vermutlich sowieso nicht merken.”

Da ich den Anblick nicht länger als nötig ertragen möchte, verziehe ich mich ohne ein weiteres Wort ins Bad, um mein Handy zu holen, und damit ins Zimmer zu gehen. Na warte, du wirst heute keinen Treffer landen, Kumpel. Nicht wenn ich es verhindern kann. Warum ich das werde? Weil ich Nevio noch einen hübschen Dämpfer schulde für die Party am letzten Wochenende. Da war so ein richtig süßer Kerl, der war wirklich… genau mein Typ. Und er wollte mich küssen. Nur küssen. Naja, zumindest erst noch. Keine Ahnung, was passiert wäre, wenn Nevio sich nicht eingemischt hätte. Der hat mich einfach kurzerhand hochgehoben und nach Hause getragen. Trottel. Warum ihn das ausgerechnet da so gestört hat, weiß ich nicht, denn egal wie oft ich gefragt habe, er hat mir keine Antwort gegeben. Ist ja nicht so, dass ich nicht auch mal jemanden mit nach Hause nehme. Zwar nicht so oft wie er, aber immerhin.

Und genau das werde ich ihm heute heimzahlen. Ich weiß noch nicht wie, aber mir fällt schon was ein.