Ankunft

Die Pforte des Waldes #newpipertalent2019 (Leseprobe)

Ankunft

Mein Wagen rumpelt über den Kiesweg, der tiefer und tiefer hinein führt in das Grauen, das sie verschluckt hat. Als die Steigung zunimmt fluche ich darüber, kein glücklicher Besitzer eines Allradantriebs zu sein. Mit Ach und Krach schafft es meine Klapperkiste den Hügel zu überwinden, dann breitet sich Erleichterung in mir aus, als ich die Ebene vor mir ausmache.

Vorerst erwartet mich keine weitere Steigung und ich bete innerlich, dass mir wenigstens der Weg ab hier keine Schwierigkeiten bereitet. Mein GPS hat längst den Geist aufgegeben, Google Maps ist machtlos, auf meinem Handy prangt statt der üblichen Balken ein X, das meinen Mund trocken werden lässt. Nicht dass ich viel Hoffnung hatte in dieser Gegend Empfang zu haben, aber die Gewissheit, vollkommen auf mich allein gestellt zu sein, wiegt letztendlich doch schwerer als ich dachte.

Auf WLAN kann ich in der Hütte, die ich gemietet habe, kaum hoffen. Der Besitzer hat mich bereits darauf vorbereitet, dass ich von Glück sprechen kann, wenn der Strom funktioniert.
Einen Moment bin ich abgelenkt, mein Blick hängt an dem Foto fest, das auf der Beifahrerseite in der Sonnenblende klemmt. Ihr Lächeln, seine funkelnden Augen… mein Herz friert für eine Sekunde ein und ich kann gerade noch das Lenkrad herumreißen bevor ich gegen einen Baum krache.

»Scheiße«, murmle ich und fahre mir mit der Hand durchs Gesicht. Ich stoppe das Fahrzeug, lege meinen Kopf auf das Lenkrad und zwinge mich durchzuatmen. Zwar bin ich erst seit eineinhalb Stunden unterwegs, aber meine Augen sind von den letzten zwei Wochen noch zu geschwollen, um lange konzentriert bleiben zu können.

Als ich die Tür öffne und aussteige, um mir die Beine zu vertreten, erwarten meine Lungen Ströme frischer Herbstluft, die ihnen die nötige Erfrischung bringen. Doch die Erwartungen meines schmetterlingsförmigen Organs werden nicht erfüllt. Die Luft, die hier zwischen den Bäumen hängt, drückt den Schmetterling zusammen, statt ihn auszudehnen. Schweißperlen sammeln sich auf meiner Stirn und ich laufe ein Stück, komme aber nicht weit.

Ununterbrochen muss ich mich umsehen, habe das Gefühl, als würde hinter jedem Baumstamm ein Paar Augen lauern. Einerseits ist da die Hoffnung, eines davon könnte Lina oder Tom gehören, andererseits weiß irgendetwas in mir, dass die Blicke des Waldes nicht von vertrauten Personen ausgehen.

»Das ist doch bescheuert.« Ich schüttle den Kopf über meine Paranoia, doch als es hinter mir knackt, drehe ich mich so schnell um, dass sich das Knackgeräusch in meinem Nacken fortsetzt. Mein Atem geht stoßweise und ich sprinte zurück ins Auto, knalle die Tür hinter mir zu und taste mit meinem Finger nach dem Knopf der Zentralverriegelung. Ohne zurückzuschauen starte ich den Motor. Erst nachdem die falsch eingestellte Zeitanzeige unter meinem Tachometer zwanzig Minuten weitergezählt hat beruhigt sich mein Herzschlag.

»Total bescheuert.« Erneut schüttle ich den Kopf. Ich kann es mir nicht erlauben, schon auf der Anreise verrückt zu werden. Weitere zehn Minuten später schlängelt sich der von Laub bedeckte Kiesweg um eine so enge Kurve, dass ich froh bin nicht bei Regen und entsprechend auf nassen Blättern unterwegs zu sein.

Von Weitem kann ich jetzt die Hütte ausmachen, vor der der Besitzer bereits auf mich wartet. Sie sieht noch heruntergekommener aus als auf den Fotos im Internet, so wie man es von der Urlaubsplanung gewohnt ist. Nur dass das hier alles andere als Urlaub ist. Ich parke vor meiner Behausung auf unbestimmte Zeit und kämpfe gegen das beklemmende Gefühl an, das sich bei deren Anblick in mir breit macht. Den Besitzer schätze ich auf Mitte 50 und staune nicht schlecht, als er sich mir mit perfekt gestylter Gelfrisur, Anzughose, gebügeltem Hemd und Krawatte vorstellt. Ich erwidere seinen festen Händedrück.

»Frau Höffner, schön Sie kennenzulernen. Haben Sie gut hergefunden?«
»Danke, ja.« Offenbar bemerkt er meine fragenden Blicke.
»Ich komme direkt von der Arbeit, so laufe ich normalerweise nicht durch den Wald.«
Ich ringe mir ein Lächeln ab. Warum habe ich daran nicht früher gedacht? »Verstehe.«

»Wollen wir?« Er zeigt in Richtung der Eingangstür und wir setzen uns in Bewegung. Das Interieur der Hütte wirkt erstaunlich gemütlich und ist moderner als ich erwartet hatte.
»Wie gesagt fällt der Strom manchmal aus, dagegen ist man hier oben leider machtlos. Im Schrank«, er zeigt auf einen dunkel angestrichenen Schrank im Landhausstil an der Wand uns gegenüber, »finden Sie Kerzen und Feuerzeuge.«
»Perfekt.« Mein Lächeln kommt mir jetzt da ich sehe, dass ich wenigstens besser untergebracht sein werde, als ich dachte, leichter über die Lippen.

»Wasser sollten Sie durchgehend haben, nur warm wird es leider nicht sein.«
»Ich dusche sowieso kalt.«
»So eine sind Sie also. Das erklärt auch, warum Sie sich ganz allein hier hoch trauen, Sie sind mutig. Meine Frau würde sterben vor Angst.« Nun ist er es, der lächelt. Ich weiß nicht was ich antworten soll, also lasse ich es.
»Was führt Sie eigentlich her? Ich muss zugeben ich hatte noch nie nur einen einzelnen Gast hier, immer Paare.«

»Ich wollte einfach mal meine Ruhe.« Ich spüre wie die Lüge sich in mir ausbreitet wie ein Virus und ignoriere den stechenden Schmerz in meiner Brust als sie mein Herz erreicht.
»Na die werden Sie hier auf jeden Fall haben. Handtücher sind im Bad, das Bett ist frisch überzogen und Wanderkarten finden Sie in der Kommode da drüben. Brauchen Sie noch was?«
»Nein, danke. Ich denke ich habe alles.«

Er schüttelt mir erneut die Hand und begibt sich zur Tür. Seine polierten Anzugschuhe lassen die Dielen knarzen beim Gehen.
»Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Ach ja, hier oben gibt es kein Netz, daher benutzen wir das Funkgerät, um mit unseren Gästen zu kommunizieren.«
Ich folge seinem Blick zu dem Gerät, das auf der Kommode liegt. »Wenn Sie also irgendwas brauchen, oder auschecken möchten, funken Sie mich einfach an.«

Nickend begleite ich ihn zum Ausgang. »Erholen Sie sich gut«, sagt er noch, dann schließe ich die Tür hinter ihm. Aus dem Fenster sehe ich seinem Mercedes nach bis er um die enge Kurve verschwunden ist. Dann verschluckt mich die unendliche Stille dieses Ortes und lässt die Schreie in meinem Inneren umso lauter wirken.