Prolog (Luke)

The Beauty in the Broken ll #newpipertalent2019

Prolog (Luke)

Einen Wimpernschlag. Es benötigte einen Wimpernschlag, um alles zu verändern. Um ein Leben zu zerstören, dass nie vorhergesehen war zu existieren. Eine reine Wunschvorstellung, eine leise Hoffnung, die wie ein Keim erstickt wurde und nie bedeutungsvoll war. Das Leben war hässlich, wenn es gnadenlos zuschlug und keine Chance bot, sich zur Wehr zu setzen. 

Atmen. Ich wollte bloß endlich wieder atmen. Allerdings existierte kein Ventil, um mich von dem Gewicht zu erlösen, das mich immer weiter erdrückte. Ich suchte nach einem Ausweg, der nicht zu finden war. Selbst wenn ich schrie, gab es niemanden, der mich hörte.

Seit acht Wochen versuchte ich meine Familie zusammenzuhalten, die längst zerbrochen war. Nun versuchte ich den Schein zu bewahren und mir weiterhin einzureden, dass alles gut wurde. Am Ende aber belog ich mich jeden Tag aufs Neue und das war die Wahrheit, die mich nachts kein Auge schließen ließ. Von heute auf morgen hatte sich mein komplettes Leben verändert und ich wurde mit der alleinigen Verantwortung zurückgelassen. Diese bereitete mir in dunklen Stunden Angst, weil ich ihr niemals gerecht wurde. Egal wie sehr ich mich auch bemühte.

Mit einem Wimpernschlag hatte Erin alles von mir mitgenommen und einen gebrochenen Mann zurückgelassen. Die Liebe, Hoffnung und Freude, die ich einst für unsere Zukunft empfand, existierte nicht mehr. Stattdessen lebte ich mit einer unersättlichen Leere in mir und funktionierte für meine beiden Töchter wie ein Roboter.

»Luke?«

Mein Kopf dröhnte, die Stimmen um mich herum erreichten mich kaum. Mit müden Augen starrte ich meine Schwester an, die mich ungeduldig musterte.

»Du wirst das hier doch sowieso nicht essen«, spottete sie. »Ich weiß gar nicht, warum sich Mom jeden Sonntag die Mühe macht. Am Ende landet die Hälfte von dem Essen im Müll.«

»Hailey!« Die Stimme meiner Mutter zischte über den Tisch, doch diese zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

»Ist doch wahr. Andere Menschen hungern und wir verschwenden das Essen, weil Luke es nicht schafft, den Arsch hochzukriegen.«

 Hailey hatte noch nie ein Blatt vor den Mund genommen, so war sie nun mal. Dad zog angespannt mit seiner Gabel Muster durch die Soße und ich spürte, wie Nia neben mir unruhig auf ihrem Sitz zappelte. Es war nicht immer ein Segen, mit diesen zwei Schwestern verwandt zu sein. Die eine sprach zu viel und die andere schwieg aus Angst vor Konflikten.

»Hailey, es reicht!« Mom wurde lauter. 

Sie legte die Hand auf meine, aber ich zog sie ruckartig unter den Tisch. Enttäuscht sahen mich ihre blauen Augen an, in denen unausgesprochene Worte lagen. Fragen nach dem Warum, nach einem Grund. Antworten, die ich ihr nicht geben konnte, weil ich selbst nach ihnen suchte.

»Luke … Ich weiß nicht, wie oft ich dir noch sagen muss, dass wir dir alle helfen. Zusammen schaffen wir das.«
Ich unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Gott, ich hasste die Sonntagsessen bei meinen Eltern. Seit acht Wochen liefen sie immer nach dem gleichen Schema ab. Ich benahm mich wie ein Arsch, Hailey ließ so lange schamlose Kommentare ab, bis wir uns stritten, und jedes Mal enttäuschte ich meine Eltern ein kleines Stückchen mehr. Sie wollten nur helfen, aber sie begriffen nicht, dass dazu niemand in der Lage war, wenn ich es selbst nicht mal schaffte.

»Und wie, Mom? Du und Dad arbeiten beide, Hailey ist den ganzen Tag am College und ich in der Schule. Wer soll auf Sophia und Lou aufpassen, wenn niemand da ist?« Nia meldete sich nur selten zu Wort. Gegen Hailey zu argumentieren war reine Zeitverschwendung, aber wenn die Jüngste von uns dann doch die Stimme hob, verstummten alle anderen.

Entschuldigend sah Nia mich an, in der ich einen Teil von mir erkannte, den ich derzeit so schmerzlich vermisste. Obwohl wir zwölf Jahre auseinanderlagen, standen wir uns von alle Geschwistern am nächsten. Hailey und ich waren uns manchmal zu ähnlich, weshalb es immer wieder Konflikte gab.

 »Du musst dir etwas einfallen lassen, Luke«, sagte sie leise und warf mir ein schwaches Lächeln zu.

Die Beurlaubung endete in wenigen Tagen und es führte kein anderer Weg daran vorbei, als der Realität ins Gesicht zu sehen. Mein Leben, so wie ich es kannte, existierte nicht mehr. Das einzige, was mich jeden Tag daran erinnerte, dass es ein Leben vor dem ganzen gegeben hat, saß links am Tischende und bisher vermied ich jeden Blickkontakt zu ihm.

Dean scheute sich hingegen nicht, das Kinn nach oben zu strecken und sich aufzurichten. Schließlich war es nicht er gewesen, der einfach abgehauen war. Nein, Dean war geblieben, während seine Schwester sich sonst wo herum trieb. Er blieb, obwohl ich ihn nie darum gebeten hatte und dafür hasste ich ihn. Sein Anblick erinnerte mich jede Sekunde an Erin, auch wenn er deutlich jünger war als sie. Wir lieferten uns einen stummen Austausch aus provozierenden Blicken, bis ich ihm nicht mehr standhielt und es aus mir herausplatzte: 

»Wenn du helfen willst, Mom, dann lade den hier nicht mehr ein. Er gehört nicht zur Familie.«

Jeder andere wäre empört und verletzt über meine Worte gewesen, Dean aber schenkte mir ein nonchalantes Lächeln.

»Weißt du was, Luke? Ich habe da so eine Idee, wie dir mit allem geholfen wird. Du wirst schon sehen und am Ende bist du mir dafür dankbar.«

»Beinhaltet das unter anderem auch, dass du dich endlich aus meinem Leben verpisst? Denn das scheint ihr besonders gut in  eurer Familie drauf zu haben«, knurrte ich und ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten.

Einen kurzen Augenblick lang blitzte Schmerz in Deans dunklen Augen auf, aber sein Stolz ließ es nicht zu, ihn offen preiszugeben. »Nimm dir am Freitagabend nichts vor.«

Alle Augen waren fragend auf den Mann gerichtet, der vielleicht in einer anderen Zukunft, in einem anderen Leben mein Schwager hätte werden können. In dieser Realität aber war er bloß der Bruder einer Frau, die drei Leben zerstört hatte. Der Bruder, der sich für eine Familie entschieden hatte, die ihn ein kleines Stückchen für den Fehler, für die Entscheidung hasste, die ein anderer Mensch getroffen hatte. Trotzdem aber blieb er, lebte mit der unverzeihlichen Bürde, die Erin ihm auferlegt hatte. Vielleicht wollte er damit die Lücke füllen, die jeden Tag zu spüren war. Dean versuchte, ihre Fehler rein zu waschen, aber das war unmöglich. Insgeheim wünschte ich mir für ihn etwas, dass ich selbst nicht schaffe – mit dem Leben fortzufahren. Zu vergessen und zu anzufangen. Niemand würde ihn dafür verurteilen. Schweigend widmete sich jeder wieder seinem Essen zu, das längst kalt geworden war.

Ich hasste diese verfluchten Sonntagsessen.