Wasser

Die Kristallwächter [ #newpipertalent2019 ]

Wasser

„Hilfe!"

Der Ausruf hallte wie ein Echo. Er war bestimmt von Klarheit und Verzweiflung. Seine Eindringlichkeit überwand Kilometer. Zweifelsohne spürte man, dass es um Leben oder Tod ging.

„Hilfe!"

Jedem wäre bei diesem Klang ein Schauer überkommen. Man hätte sofort seine vollkommene Aufmerksamkeit zur Quelle gerichtet. Die Sinne wären schärfer geworden, um sich vor möglichen Gefahren zu schützen.

Doch wie reagierte man, wenn die Stimme einem sehr vertraut vorkam? Wenn dieses Wort aus dem eigenen Mund drang?

„Hilfe!"

Niemand schien mich zu hören und aus meiner misslichen Lage befreien zu können.

Stille.

Mein Mund füllte sich mit etwas Salzigem und Warmen zugleich. Es füllte jeden einzelnen Zwischenraum aus. Sogar den Weg zu meiner Luftröhre bahnte es sich. Reflexartig überfiel mich ein Hustenreiz. Ich wollte es ausstoßen. Doch nur noch mehr von dieser Flüssigkeit durchströmte mich, als ich meinen Mund öffnete. Es musste sich um Salzwasser handeln und ich war vollkommen davon umhüllt.

Wasser war der Stoff, aus dem ich zu rund 70 Prozent bestand, ohne den ich nicht leben könnte und nicht einmal existieren würde. Genau dieser Stoff sollte nun für meinen Tod sorgen? Ertrinken? Ist es das, was mein Leben beenden sollte? NEIN!

Meine Lunge fing an zu brennen vor Schmerz. Das Zeichen meines Körpers, dass mir die Luft ausblieb und der Ausdruck seines Verlangens nach Sauerstoff.

Ich musste dringend an die Wasseroberfläche gelangen. Doch wo war sie? Über mir? Unter mir? Neben mir? Ich hatte völlig die Orientierung verloren. Das Wasser donnerte in meine Ohren und verursachte einen ohrenbetäubenden Lärm. Sie fingen an zu schmerzen. Doch diesen Schmerz blendete ich aus. Nichts durfte mich ablenken. So war mir eines bewusst: Ich musste selbst einen Ausweg finden.

Viel Zeit blieb mir nicht mehr. Mein Körper reagierte wie von selbst mit hektischen und unkontrolliert wirkenden Bewegungen meiner Arme und Beine. Sie schienen kräftiger zu werden, als sich das ausgestoßene Adrenalin seinen Weg durch mein Inneres gebahnt hatte. Eine gefühlte Ewigkeit wand ich mich umher, bis ich endlich den erlösenden Schmerz spürte, der durch meine Arme schoss, als diese auf die Wasseroberfläche aufprallten. Durch Husten konnte ich das zuvor verschluckte Wasser ausstoßen, um meine Atemwege für den rettenden Sauerstoff wieder frei zu bekommen. Ich schnappte mehrmals nach Luft, bevor wieder ein wenig Wasser in meinen Mund floss. Lange konnte ich mich nicht mehr über Wasser halten.

Mein Körper fing nach dem Untertauchen wiederholt an, hektische Bewegungen auszuüben. Diese brachten mich immer wieder für kurze Augenblicke über die Wasseroberfläche.

„Hilfe."

Erneut rief ich. Diesmal klang es jedoch verzweifelter und atemloser. Ich hatte kaum noch Kraft, um erneut aufzutauchen. Jede einzelne Faser meines Körpers schmerzte aufgrund der Anstrengungen.

Ohne eine Möglichkeit, mich an etwas festzuklammern oder durch Hilfe einer anderen Person, konnte ich diesen Überlebenskampf wohl nicht mehr gewinnen.

Eine Hitzewelle breitete sich ausgehend von meinem Kopf in mir aus. Das Beben meines Herzens rief einen stechenden Schmerz hervor. Mein Körper suchte vergebens nach den letzten Reserven, die noch nicht aufgebraucht waren. Ein letztes Mal stieß er einen Schub Adrenalin aus, welcher nichts mehr bezwecken konnte. Meine Gliedmaßen fühlten sich viel zu schwer an. Dieses Mal würde es kein Entkommen mehr geben. Ich blieb unter Wasser gefangen und ich sank in die Tiefe des Meeres. Sie verschlang mich förmlich. Alles war plötzlich so ruhig und friedlich um mich herum. Je tiefer ich sank, desto mehr verabschiedeten sich meine Gedanken von mir. Es war als würde ich ins Land der Träume überführt werden.

Ich spürte meinen Körper nicht mehr. Er schien wie gelähmt. Kein Schmerz zerstörte diese Friedlichkeit. Es gab nur noch das Etwas, was den Körper, diese Hülle, ausfüllte. Manche nannten es Seele, andere Bewusstsein. Es schien sich von dieser Hülle zu lösen. Alles verlief automatisch. Auch wenn die Zeit scheinbar stehen blieb, verging sie viel zu schnell. Die ersten Erinnerungen erschienen mir. Meine Mutter lächelte mich herzlich an. Ein erfülltes Gefühl durchfuhr mich. Alles schien so paradiesisch. Keine Angst zerstörte diesen letzten Schritt, weil er sich auf eine unbekannte Art und Weise richtig anfühlte, denn diese von mir geliebte Person sollte mich im Reich der Toten willkommen heißen. Was war also so schrecklich am Tod, wenn man all seine geliebten verstorbenen Verwandten und Freunde wieder treffen konnte? Ich streckte sehnsüchtig meine Arme nach ihr aus und freute mich ihr endlich wieder nahe zu sein. Unsere Finger berührten sich fast. Es fehlten nur noch wenige Zentimeter. Ich konnte es kaum erwarten. An ihrem liebevollen Gesichtsausdruck erkannte ich, dass sie ähnlich fühlte. Sie war so hübsch mit ihren tiefen braunen Augen und ihrem langen braunen Haar, viel schöner als Vater sie jemals hätte beschreiben können. Mit ihrem weißen Leinengewand, welches sich sanft um sie schmiegte, sah sie unschuldig aus. Ihr Lächeln ließ all meine Sorgen in Vergessenheit geraten. Doch ihre Miene versteinerte sich. Ihre Gestalt begann zu verblassen, sich förmlich aufzulösen.

„NEIN! Bleib bei mir! Verlass mich nicht wieder!", schrie ich verzweifelt und wand mich vergebens. Ich wollte sie erreichen, nach ihr greifen, sie berühren. Schockiert schaute ich mich um. Doch erblicken konnte ich sie nicht mehr. Auf einmal schlangen sich zwei kräftige Arme um meine Taille und...

Ich befand mich anscheinend in keinem Gewässer mehr, denn ich war zwar noch nass, aber nicht mehr von Wasser umhüllt. Mir lief ein kalter Schauer über meinen Körper. Ich spürte ihn wieder. Jede einzelne Faser tat mir von meinem Überlebenskampf weh. Trotz des Schmerzes war es ein schönes Gefühl, welches mir weiterhin bestätigte, dass ich lebte. 

Wie ich jedoch letztendlich hier hergekommen war, konnten mir meine Erinnerungen fürs Erste nicht mehr zeigen. Da fielen mir die starken Arme, die sich um mich geschmiegt hatten und die Todesangst, die ich zuvor verspürt hatte, wieder ein.

Meine Hand streifte über meinen Körper, wobei ich bemerkte, dass sich überall eine Kruste aus kleinsten Teilchen gebildet hatte. Diese kratzte ein wenig, wenn man sie auf der Haut verrieb. Was war das? Waren das Sandkörner? Lag ich auf einem Strand? Da nahm ich auf einmal die Wellen wahr, die an den Strand strömten. Manchmal berührten mich sogar ein paar Wassertropfen dieser Wellen an meinen Füßen. Ich spürte die Wärme einzelner Sonnenstrahlen, die sich anfühlten als würden sie auf meiner Haut tanzen. Manche Strahlen durchdrangen meine Augenlieder. Es wirkte so schön hell. All dies ließ die Umgebung friedlich und freundlich erscheinen.

Doch es wurde wieder dunkler und bedrohlicher. Mein Magen verkrampfte sich. Mir wurde schlecht. Die Angst kehrte zurück. Ich blinzelte, konnte aber nichts erkennen. Zu stark blendeten mich die Sonnenstrahlen, die an etwas vorbei direkt in meine Pupillen strahlten. Was war das? Der Schatten einer Palme? Oder war es ein anderes Lebewesen? Ich spürte einen warmen Atem auf meiner Haut. Am liebsten wäre ich sofort aufgesprungen und weggerannt. Mein Überlebensinstinkt schien nach meinem Überlebenskampf in jedem Geschöpf eine weitere Gefahr zu sehen. Doch mein Körper fühlte sich zu schwach an, um diesem Befehl zu gehorchen. Weshalb ich versuchte erneut Etwas zu erkennen. Erst nach ein paar Zwinkern, während denen ich eine Hand wie ein schützendes Schild an meine Stirn legte, so dass mich die Sonne nicht mehr blendete, erkannte ich verschwommene Umrisse. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen scharf gestellt hatten.

Mein Herzschlag beschleunigte sich, denn über mir lehnte eine menschliche gut gebaute Gestalt, die mich begutachtete. Seine rechte Brust war mit einem schwarzen Tribal Tattoo geschmückt, dass sich bis zu seinem Oberarm zog. Verworrene Linien bildeten eine Schildkröte und Gesicht. Tiefblaue Augen starrten mich an. Ich bewegte mich nicht mehr, verlangsamte sogar meine Atmung und versuchte so still wie möglich zu sein, um wie ein kleines Kind zu hoffen, dass mir diese Person dann nichts antun würde. Seine Augen zogen mich in einen Bann, der mich meinen Blick nicht mehr abwenden ließ. Ich versuchte seinen Ausdruck zu deuten. Sie wirkten so liebevoll. In ihnen spiegelte sich seine Besorgnis und Hilflosigkeit wider. War er mein Retter in Not gewesen? Hatte ich ihm mein Leben zu verdanken? War er es gewesen, den ich das letzte mal vor meiner Bewusstlosigkeit gespürt hatte? Ein Gefühl von Sicherheit breitete sich in mir aus und auf irgendeine unbekannte Art und Weise fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Als würde sich ein guter Freund in meiner Nähe aufhalten, der auf mich aufpasste und niemals zulassen würde, dass mir etwas zustoßen würde.

Ich verspürte das Verlangen, mich bei ihm zu bedanken. Doch über mir lehnte keiner mehr, stattdessen strahlte die Sonne nun direkt in mein Gesicht. Wo war er auf einmal hin? Damit ich endlich erkennen konnte, wo ich mich befand, versuchte ich mich aufzusetzen. Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, weil mich der Kampf um mein Überleben stark beansprucht hatte. Doch niemand befand sich in der Nähe, der sich über mich gelehnt haben könnte. War es doch nur eine Einbildung gewesen? Eine Art Fata Morgana am Strand? Nein, meine Augen konnten mich nicht getäuscht haben. Außerdem habe ich seine Nähe gespürt. Mein wohliges Gefühl, welches ich entwickelt hatte, als ich ihn als meinen Retter identifiziert hatte, war immer noch nicht abgeklungen. Er musste noch irgendwo hier sein. So schnell konnte keiner wegrennen, geschweige denn schwimmen. Verstecken konnte man sich hier auch nicht gut, wie ich bemerkte, als ich mich umschaute. Dieser Strand, auf dem ich nun einsam und verlassen saß, bot kaum Versteckmöglichkeiten. So gab es nur wenige Palmen und die Felsen, hinter denen man hätte verschwinden können, lagen so weit zurück, dass es unmöglich gewesen wäre, in solch kurzer Zeit dahinter zu verschwinden. Im Meer konnte auch niemand sein, der vielleicht gerade untertauchte, denn niemand war aufgetaucht, als ich für längere Zeit über die Weite der offenen See blickte. Ich verstand nicht, warum diese Person, für mich schon ein richtiger Held, einfach so verschwand, obwohl er überhaupt nichts Schlimmes angestellt hatte. Ganz im Gegenteil: Er hatte sogar ein Leben gerettet. Meine Erklärung klang ernüchternd. Möglicherweise war mein Held ein zurückgezogener Mensch, der die Öffentlichkeit mied und durch diese Rettungsaktion auf keinen Fall zu viel Aufsehen erregen wollte.

Mein Wille, ihm zu danken, war ungebrochen, auch wenn ich ihn nicht sah, denn er hatte mein Leben gerettet. Da war ich mir zu hundert Prozent sicher. Mir blieb also nur eine Möglichkeit übrig: Einfach auf das offene Meer, auf welches ich noch immer blickte, ganz laut >Danke< zu rufen. Er musste meine Worte hören. Ich öffnete den Mund und wollte gerade anfangen so laut wie möglich zu rufen, als mich ein >piep< unterbrach. Ich wunderte mich und schaute mich wieder um, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen, was dieses merkwürdige, aber dennoch bekannte Geräusch erzeugt haben könnte. Als ich nochmals zum Rufen ansetzte, unterbrach es mich wieder, >piep<. Die Abstände in denen es auftauchte wurden immer kürzer. 









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