Kapitel 2 - Ungewöhnlicher Amtsbesuch

Little Café Of Magic

Kapitel 2 - Ungewöhnlicher Amtsbesuch

„Mom?“

Kathys Ruf hallte durch die seltsamerweise leere Küche.

Niemand betrat das Smith-Haus durch die Vordertür. Kathy wusste nicht einmal, ob diese sich überhaupt noch bewegen ließ. Sie hatte noch nie gesehen, dass die massive Eichentür jemals geöffnet worden wäre.

„Mom, ich bin es!“, versuchte sie es erneut, zog den Schlüssel aus dem Schloss der Hintertür und trat in den großen, freundlichen Raum. Wie immer tätschelte sie kurz den Keramikhund neben dem Kühlschrank, so war es Brauch.

„Bist du da?“

Von oben ertönte ein Rumpeln, dann eine Salve wüster Flüche, begleitet von noch mehr Lärm. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend warf Kathy ihre Handtasche auf den Küchentisch und rannte den Flur entlang, bog scharf um die Ecke und nahm zwei Stufen auf einmal auf ihrem Weg nach oben.

„Mom?!“ Ihr Atem ging schwer und ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals.

„Verfluchte Beulenpest“, schnaubte ihre Mutter und kroch aus dem Wäscheschrank am Ende des Flurs heraus. Ihre braunen Locken waren aus dem Dutt gelöst und standen ihr wie ein verunglückter Heiligenschein vom Kopf ab. Auch sonst sah sie reichlich derangiert aus, was eigentlich bei ihr nie vorkam.

Kathys Puls beruhigte sich jedoch wieder, denn ihre Mutter war ganz offensichtlich nicht von einem rachsüchtigen Halbgott angegriffen worden, sondern war das Opfer von Bettzeug und der Schwerkraft geworden.

Erleichtert lächelnd ging Kathy auf sie zu und fragte: „Alles in Ordnung?“

„Nein“, seufzte Viola Smith und versuchte ihre Haare zu bändigen. „Ich wäre fast von Kopfkissen erstickt worden.“ Sie sah mit pikiert nach unten gezogenen Mundwinkeln auf besagte Kissen, bevor sie sich Kathy zuwandte und das für sie so typische herzliche Lächeln aufsetzte. „Hallo Fünkchen, komm und gib mir einen Kuss.“

„Mom“, lachte Kathy. „Ich bin erwachsen, kein Kind mehr.“

„Du bist mein Kind“, betonte sie und ließ sich von Kathy auf die Wange küssen. „Komm, wir gehen runter einen Tee trinken.“

Ihre Mutter malte mit den Fingern ein schnelles Muster in die Luft, schnippte und schon begann sich das Durcheinander aus Bettzeug von selbst wieder in den Schrank zu räumen.

Kathy hatte sie das schon unzählige Male tun sehen, das und noch weit kompliziertere Zauber. Sie war in einem Haushalt mit zwei Hexen und einem Hexer aufgewachsen, auch wenn ihr Großvater nun zusammen mit ihrer Großmutter in den warmen Süden umgezogen war.

Die Hexerei ihrer Mutter war also nichts Ungewöhnliches für sie und doch flatterte ihr Herz schon wieder in einem ganz eigenartigen Takt. Das alles ging ihr durch den Kopf, während ihre Mutter sich bei ihr unterhakte und sie zusammen wieder in die Küche hinuntergingen.

„Wie immer?“, fragte ihre Mutter und machte sich schon daran Wasser aufzusetzen.

„Gerne.“

„Hatte ich vergessen, dass du kommen wolltest oder ist das ein spontaner Besuch?“

Kathy lächelte unsicher vor sich hin, nachdem sie sich an den Tisch gesetzt hatte. Sofort stellte ihre Mutter ihr einen Teller Salbeikekse hin, denen sie noch nie hatte widerstehen können.

„Ich bin spontan vorbeigekommen, weil ich dir und Dad etwas Wichtiges sagen wollte. Ach, und wo steckt Großtante Scarlet?“

„Monatstreffen der Hexenortsgruppe“, sagte Viola und rümpfte die zierliche Nase. „Sie wollte mich zwingen mit zu gehen, aber ich habe mich geweigert. Kannst du dir vorstellen, dass Bethany Harper schon wieder schwanger ist? Man sollte doch wirklich meinen, dass fünf Kinder genug sind. Aber nein, sie will unbedingt die magische Sieben voll machen. Dabei ist ihr doch immer von Anfang bis Ende speiübel und sie wird nie müde das zu betonen und sich darüber zu beklagen. Das ertrage ich einfach nicht.“

Ihre Mutter schüttete Kräuter in den Teekessel und stellte ihn auf den Herd, ehe sie sich wieder zu Kathy umdrehte. In ihren haselnussbraunen Augen konnte man deutlich das Unverständnis lesen.

„Naja, wie auch immer“, winkte sie ab und kam zu ihr an den Tisch. „Was gibt es denn so Wichtiges? Hat es etwas mit deinem Date gestern zu tun?“ Sie wackelte mit den Augenbrauen und gegen ihren Willen musste Kathy lachen.

„Du bist unmöglich“, beschwerte sie sich und konnte doch nicht verhindern rot zu werden. Sie wusste genau auf was ihre Mutter hinauswollte – sie wünschte sich quasi seit Kathys Volljährigkeit Enkelkinder. Sie hatte zwar gestern mit jemandem rumgeknutscht, aber das war ganz anders gekommen als erwartet.

Bei der Erinnerung was so anders gelaufen war verging Kathy das Lachen augenblicklich.

„Das Date gestern Abend…“, setzte Kathy an und erzählte in knappen Sätzen was sich in dem Restaurant zugetragen hatte. Mit jedem ihrer Worte wurde ihre Mutter blasser, ja fast schon kalkweiß. Kathy hatte ernsthafte Sorge, dass sie jeden Moment vom Stuhl fallen könnte.

„Mom, sag doch was!“

„Ein Halbgott“, brachte sie schwach heraus. „Du hattest ein Date mit einem Halbgott.“

Kathy ließ sich auf ihren Stuhl zurückfallen und brummte: „Unabsichtlich, das kannst du mir glauben.“

„Und dieser Hexer… Jonas?“

„Joshua.“

„Dann Joshua. Der hat dich gewarnt?“

„Ja“, bestätige Kathy. Ihr wurde ein klein wenig wärmer, während sie an den Hexer dachte. Wie albern.

„Okay. Aber was ich nicht verstehe ist wie du den Halbgott wieder in seine Dimension geschickt hast.“ Der Kessel pfiff, Viola stand auf und redete weiter: „Du! Du bist ein Mensch, durch und durch. Scarlet, Constantin und ich haben dich allen möglichen Tests unterzogen. Wie soll das möglich sein, dass wir das nicht bemerkt haben?“

„Schlimmer Fall von Spätentwicklung?“, fragte Kathy halb ernst, halb scherzend, und erntete dafür sofort einen tadelnden Blick von ihrer Mutter.

„Das ist nicht witzig Kathy. Du weißt was es für Konsequenzen hat, wenn man als Capacius nicht korrekt registriert ist.“

Capacius – so wurden all die Arten genannt, die nicht rein menschlich waren. Die Kategorien reichten von Hexen und Hexern, über Geisterbeschwörer, Gestaltwandler, Elfen, allen möglichen Nachtgeschöpfen bis hin zu Trollen und dazwischen gab es noch unzählige Untergruppen.

Sobald sich in der Kindheit herausstellte, dass man ein Capacius war, wurden entsprechende Tests gemacht um die Kategorie zu bestimmen. Anschließend erhielten die Kinder speziellen Unterricht zusätzlich zu der normalen Schulbildung. Später war die Klassifizierung ebenfalls wichtig, denn gewisse Capacius durften einige Berufszweige entweder gar nicht oder nur mit speziellen Auflagen ausüben.

Zudem wurden Steuern und Abgaben anders erhoben. Es war ein bürokratischer Albtraum, Kathy kannte das von den Einstellungsverfahren in ihrer Firma, bei denen sie gelegentlich mithalf, wenn Robert aus der Personalabteilung kurz vor dem Nervenzusammenbruch stand.

Also ungefähr vier oder fünf Mal im Monat.

Die Behörden sahen es überhaupt nicht gerne, wenn dabei Fehler begangen wurden und erhoben fast schon drakonische Strafen auf jeden noch so kleinen Fehltritt.

Nicht auszudenken was sie Kathy antun würden wenn herauskam, dass sie fälschlicherweise als Mensch klassifiziert worden war. Im schlimmsten Fall könnte man ihr Vorsatz vorwerfen, dass sie absichtlich ihr Hexenblut verschwiegen hatte, um den Auflagen zu entgehen.

Das alles ging Kathy innerhalb von wenigen Sekunden durch den Kopf und über ihre Lippen kam nur ein schwaches „Oh Scheiße.“

„Ganz genau“, erwiderte ihre Mutter, die mittlerweile mit zwei Tassen zurück an den Tisch gekommen war und ihnen einschenkte. Sofort erfüllte der Duft von Kamille und Lavendel den Raum. Aber noch bevor Kathy nach ihrem Tee greifen konnte, schnappte sich Viola ihre Hände. Aus einem kleinen Säckchen um ihren Hals, das sie schon immer trug und nur zum Duschen ablegte, holte sie eine Prise Holundersalz und streute es auf Kathys Handflächen.

Binnen Sekunden rieselte es in die Form eines perfekten Pentagramms.

„Bei der großen Hekate“, murmelte sie – und begann zu lachen. Es war erst ein leises Glucksen, dann ein Kichern, das sich schnell zu einem schallenden Lachen steigerte. Kathy saß da, noch immer das Salzpentagramm auf den Händen, und starrte ihre Mutter an, die offensichtlich den Verstand verloren hatte.

„Mom?“

„Tut mir leid Fünkchen, aber das ist einfach zu grotesk.“

„Selbst für unsere Familie?“, fragte Kathy zaghaft und strich sich das Salz von den Händen, um selbige nun doch endlich um die warme Tasse zu legen.

„Ja, selbst für unsere Familie. Ich bin trotzdem immer wieder überrascht, mit welchen neuen Verrücktheiten wir aufwarten können.“

Nun musste auch Kathy leise lachen, ehe sie fragte: „Dann freust du dich?“

„Natürlich freue ich mich“, erwiderte Viola und legte ihr eine Hand auf den Unterarm. Ihre Haselnuss-Augen wurden ernst, als sie hinzufügte: „Aber das bedeutet nicht, dass ich dich vorher nicht genauso geliebt habe, als wir noch dachten du wärst ein Mensch. Du hättest auch ein warziger Gnom sein können und wir hätten dich dennoch bis zu unserem letzten Atemzug geliebt.“

„Ich hab euch auch lieb.“ Ein Knoten platzte in Kathy, von dem sie bisher nicht gewusst hatte, dass er da gewesen war. Sie hatte sich nie minderwertig gefühlt, doch ihre neuerwachten Hexenkräfte hatten sie komplett aus der Bahn geworfen. Auch deswegen hatte es sie an diesem Samstagmorgen zu dem Haus ihrer Familie gezogen wie eine Motte zum Licht. „Wenn Scarlet bei dem Treffen ist, wo steckt dann Dad?“

„Wahrscheinlich noch immer im Baumarkt“, seufzte ihre Mutter. „Er will sich das neue Modell von irgendeiner Heckenschere anschauen. Oder war es ein Rasenmäher? Keine Ahnung. Irgendwas für den Garten auf jeden Fall.“

„Meinst du er würde es mir übelnehmen, wenn ich es ihm erst später sage? Ich würde dich gerne mitnehmen zur Registrierungsstelle.“

„Ich soll deine Testergebnisse mitnehmen?“, fragte ihre Mutter und Kathy nickte. „Kein Problem mein Schatz, dein Vater wird Verständnis haben. Bleib du schön sitzen und trink deinen Tee, ich hole die Unterlagen.“ Und schon war Viola Smith aufgestanden und eilte aus der Küche in das Studienzimmer am anderen Ende des Flurs.

Kathy kam sich etwas verloren vor, auch wenn dafür kein Grund bestand. Sie war sich nicht zu fein dafür mit Ende zwanzig noch ihre Mutter zu bitten sie bei Behördengängen zu begleiten, obwohl sie dafür eigentlich schon lange alt genug war. Aber besondere Umstände erforderten besondere Maßnahmen – und Kathys Lage war nun wirklich mehr als besonders.

Zwanzig Minuten später fädelte sich Kathy mit ihrem kleinen Elektroauto in die letzte Parklücke und betrat neben ihrer Mutter das schlichte Rathaus. Es strahlte so viel Charme wie ein leerer Schuhkarton aus, aber das war bei Verwaltungsgebäuden wohl ein ungeschriebenes Gesetz.

Sie waren gerade an den Empfang herangetreten und warteten bis sie an der Reihe waren, als Kathy ein elektrisches Prickeln auf ihrer Haut spürte. Kaum hatte sie sich in die Richtung des eigenwilligen Gefühls gedreht, sah sie einen großen Mann mit blonden Locken und hellen Augen auf sich zukommen. Er lächelte sie an und verwandelte damit ihre Knie in Pudding.

„Hallo Kathleen“, sagte Joshua, das Lächeln sogar noch eine Spur breiter. „Ich wusste du würdest heute hier auftauchen und da dachte ich, dass ich dich hier abpasse. Du bist gestern im allgemeinen Trubel so schnell verschwunden, dass ich dich gar nicht nach deiner Telefonnummer fragen konnte.“

„Kathy?“, fragte ihre Mutter neben ihr und man konnte ihr schon anhören, dass sie gleich etwas furchtbar Peinliches sagen würde. Und tatsächlich, ehe Kathy es verhindern konnte, fragte Viola Smith: „Ist das der hübsche Hexer mit dem du rumgeknutscht hast?“

„Mom“, stöhnte Kathy und ließ den Kopf in die Hände fallen. An ihren Fingern vorbei nuschelte sie: „Bitte hör einfach nicht auf sie.“

Als sie sich wieder traute Joshua anzusehen funkelte der Schalk in seinen blauen Augen. „Hübsch also, hm?“

„Ich wünschte der Halbgott hätte mich mitgenommen“, klagte sie, woraufhin ihre Mutter ihr auf den Oberarm schlug.

„Schäm dich so etwas auch nur zu denken.“

„Willst du uns nicht vorstellen?“, fragte Joshua und jetzt war sie sich ganz sicher, dass er sich königlich über sie amüsierte. Bravo. So viel zu einer Wiederholung der Knutscherei, wie ihre Mutter es so vorpubertär beschrieben hatte.

„Ja natürlich.“ Kathy atmete tief durch und versuchte so viel von ihrer Würde zu retten wie möglich. „Joshua, das ist meine Mutter Viola Smith. Mom, das ist Joshua… tut mir leid, wie ist dein Nachname?“

„Mitchell“, er streckte ihrer Mutter die Hand hin und sagte: „Mein Name ist Joshua Mitchell und ich freue mich Sie kennenzulernen Ms Smith.“

„Ganz meinerseits“, flötete ihre Mutter, als wäre sie Anfang zwanzig und nicht Anfang fünfzig. „Ich muss mich bei Ihnen bedanken, dass Sie meine Kathy gerettet haben. Sie hat mir alles erzählt und ich und meine ganze Familie stehen in Ihrer Schuld. Wenn ich das meiner Tante Scarlet erzähle, dann wird sie mir da sicher zustimmen, dass Sie von jetzt an immer in unserem Haus willkommen sind.“

„Moment, Viola und Scarlet Smith?“, sagte Joshua und sah mit einem Mal ganz ernst aus. Er wandte sich zu Kathy. „Dein Großvater ist aber nicht Constantin Smith, oder?“

„Doch“, antwortete Kathy. Resignation machte sich in ihr breit. Sie hatte Gespräche wie diese schon unzählige Male geführt und konnte fast schon Wort für Wort vorhersagen, was Joshua als Nächstes sagen würde.

Und tatsächlich, seine Augen wurden groß und er fragte ehrfürchtig: „Der Constantin Smith? Der Professor für theoretische und angewandte Magie, der die Wissenschaft quasi über Nacht revolutioniert hat?“

„Ja, das ist Grandpa“, sagte Kathy mürrisch, woraufhin ihre Mutter ihr wieder auf den Oberarm schlug.

„Sag das nicht so undankbar.“ An Joshua gewandt und in freundlicherem Ton fuhr Viola Smith fort: „Mein Vater ist schon einige Zeit im Ruhestand, aber er freut sich immer, wenn ich ihm von Bewunderern seiner Arbeit erzähle.“

„Wirklich?“, entwich es Joshua und er sah tatsächlich ein wenig verlegen aus.

„Natürlich“, antwortete Kathys Mutter.

Wenn ich jetzt nur noch in Unterwäsche dastehe ist der Albtraum perfekt, dachte Kathy – und hoffte sofort, dass ihre erwachte Hexengabe den Gedanken nicht in die Tat umsetzte. Doch ein Blick an ihr hinunter beschied ihr, dass sie noch immer Jeans und ihren Lieblingspullover trug, dessen burgunderroter Stoff schon ganz ausgeblichen war vom vielen Waschen.

Bevor ihre Mutter ansetzen konnte noch mehr zu sagen, für das Kathy sich am liebsten lebendig begraben lassen würde, fragte sie übertrieben fröhlich: „Du wolltest meine Telefonnummer?“

„Ja“, erwiderte Joshua, für einen Moment sichtlich irritiert. Als hätte er ganz vergessen, dass sie neben ihm stand.

„Hast du etwas zum Schreiben dabei?“

„Sicher.“ Er zog sein Handy aus der Gesäßtasche seiner Jeans und reichte es ihr. Als sie es von ihm nahm berührten sich ihre Finger und sofort flogen wieder die kleinen Blitze hin und her.

Erschrocken zuckte Kathy zusammen, was ihre Mutter zum Lachen brachte.

„Das ist ja herrlich“, kicherte sie und grinste von einem Ohr zum anderen. „Sie sind ein Wetter-Hexer, nicht wahr?“

„Gut erkannt“, erwiderte Joshua lächelnd.

Ihre Mutter wandte sich an Kathy und erklärte: „Dann ist es ganz eindeutig, dass du eine Elementar-Hexe bist.“

„Das hat Joshua gestern auch gesagt“, murmelte sie schwach, einen kurzen Blick auf den blonden Mann werfend.

„Wetter-Hexerei ist eine abgeschwächte Form der Elementar-Hexerei, darum diese Blitze. Keine Sorge, dass sollte aber nach einer Weile aufhören. Dann könnt ihr euch ohne dieses kleine Feuerwerk berühren. Naja, ohne das sichtbare zumindest.“

„Mom, bitte!“, zischte Kathy.

Joshua lachte, ein tiefer und durchweg männlicher Laut, was Kathy auch noch das restliche Blut in die Wangen trieb.

Schnell tippte sie ihre Nummer in sein Handy – unnötig, denn nach dem Auftritt von Viola Smith würde er sie eh nie wieder anrufen wollen – und gab es ihm zurück. Dieses Mal nahm sie die Blitze kommentarlos hin, auch wenn sie ihr eine wohlig-kribbelige Gänsehaut verschafften.

„Wir müssen leider weiter bevor die Behörde schließt“, sagte Kathy und zwang sich Joshuas Blick zu erwidern. „Sag Gail Grüße, ja? Man sieht sich…“

Mit diesen Worten zog sie ihre Mutter hinter sich her zum Empfangstresen und achtete weder auf Violas empörte Beschwerden noch auf Joshuas belustigte Abschiedsworte.

Die Empfangsdame sah sie skeptisch und ein wenig irritiert an, als sie den Ordner mit den Unterlagen auf den halbhohen Tisch schnallte und verlangte: „Hi, mein Name ist Kathleen Smith und ich muss eine Umklassifizierung beantragen.“

In den nächsten zwei Stunden, die sich wie eine endlose Achterbahnfahrt gestalteten, wurde Kathy von drei verschiedenen Sachbearbeitern befragt, von zwei Inspektoren geprüft und schließlich zu einem umfangreichen Gesundheitscheck geschickt, bei dem ihr so viel Blut abgenommen worden war, dass sie Angst hatte innerlich zu vertrocknen.

All das ließ sie klaglos über sich ergehen – bis auf die fünfte Blutampulle – und musste doch die ganze Zeit daran denken, dass ihr Leben nie wieder so sein würde wie zuvor.

Sie hatte sich gegen einen Halbgott aufgelehnt und es überlebt.

Sie hatte einen Mann geküsst, der sie nun garantiert für eine unfreundliche Verrückte hielt, die zufällig die Enkelin des berühmtesten Hexers der letzten zweihundert Jahre war. Und dessen Küsse und dessen Lächeln sie nicht vergessen konnte.

Aber die gravierendste Veränderung war, dass sie kein einfacher Mensch mehr war, sondern eine waschechte Hexe. Noch dazu eine der mächtigen und seltenen Elementar-Hexen. Sie musste lernen ihre Kräfte zu kontrollieren, je schneller desto besser. Und wo andere Jahre dafür Zeit hatten, musste sie es in wenigen Monaten lernen. Denn das war ihr zuständiger Sachbearbeiter nicht müde geworden ihr einzubläuen: Capacius ohne lizenzierte Fähigkeiten wurden hart bestraft.

Ihr Leben war alles, aber langweilig würde es nie wieder sein.