1. Kapitel

Hunted #schreibmitdarkdiamonds

1. Kapitel

Mercy lächelte still in sich hinein, als der kahlköpfige Mann erneut nach seinem Lederbeutel griff und eine Hand voll Kupfer auf die hölzerne Tischplatte donnerte.

"Nochmal! In der letzten Runde konnte ich die Karten nicht vernünftig erkennen", schnaubte er energisch und rückte eine Wachskerze des Tisches näher an sein Blatt heran.

 Er hatte nicht ganz Unrecht. Das schummrige Licht der Taverne wurde lediglich von einzelnen, meist heruntergebrannten Leuchtern durchbrochen. Und das war auch gut so. Wer im ’Toten Schwan’ verkehrte, wollte nicht gesehen werden. Die meisten Abwicklungen die an den Tischen gehandhabt wurden sollten, wie der Raum selbst, im Dunkeln bleiben. Mercy waren die Lichtverhältnisse gleichgültig. Denn sie konnte die Karten in ihrem weit gesäumten Ärmel onehin nicht sehen. Dafür wusste sie, welche Symbole obenauf lagen. Den Papiersymbolen in ihrer Hand schenkte sie nur hin und wieder mal einen Blick, um den Schein zu wahren.

"Allerdings! Man kommt einem in dieser Dunkelheit glatt vor wie eine verdammte Fledermaus. Es muss wohl Glück gewesen sein", bestätigte sie den tätowierten Seemann gegenüber von ihr und gab erneut.

Die Karten fühlten sich mittlerweile nicht mehr an wie Pergament, sondern ähnelten eher einer getrockneten Kaninchenhaut. Wobei man es wohl mit vielen Stichen hätte zur Strecke bringen müssen. Denn die meisten Karten hatten Risse im Papier, waren durch abgeknickte Ecken verunstaltet oder blichen derart aus, dass man die Königin kaum noch vom narrenhaften Buben unterscheiden konnte. Dennoch erfüllten sie ihren Zweck. Alleine an diesem Abend hatte Mercy bereits 10 Kupfer erspielt, was dem dreifachen Lohn einer Bordellhure entsprach.
 In einer beiläufigen Bewegung drückte sie ihren Unterarm auf die dürftig zusammengezimmerte Tischplatte, um noch einmal genau zu prüfen, ob auch keine der gezinkten Karten seitlich aus dem Stapel gerutscht war. Da sie die letzte Runde gesiegt hatte, eröffnete sie die neue Partie mit einer sieben, der niedrigsten Karte im ganzen Spiel. Mit einem hohlen Grinsen, legte der Kahlköpfige eine Dame.

"Na Mädel. Deine Glückssträne ist wohl abgerissen was?"

Er grunzte erheitert über seine eigene Floskel und nahm einen deftigen Schluck Met, bevor er den Humpen wieder geräuschvoll auf die Tischplatte abstellte. Mercy hingegen trank nicht, sondern nieste leise, während sie die oberste Karte aus dem verborgenen Stapel in ihre Handfläche rutschen ließ. Als der Seemann die vergilbte Krone auf dem Pergament erkannte, fluchte er leise. Um nicht schon wieder allen Einsatz zu verlieren, musste er den König mit einem Ass überbieten. Nur widerwillig legte er bereits so früh die wertvollste Karte des Spiels. Es war ihm anzusehen, dass er innerlich tobte. Die meisten Seefahrer hielten sich für großartige Kartenspieler und die Tatsache, dass Mercy eine Frau war verletzte seinen Stolz umso mehr. Nicht selten kam es am Ende von Partien mit Menschen dieses Schlages zu Auseinandersetzungen und Handgreiflichkeiten. Doch das junge Mädchen hatte keine Angst. Denn einen Tisch hinter ihr saß Cosper. Ein breitschultriger junger Mann mit tätowierten Oberarmen, der sie fast jeden Abend in die Tavernen begleitete. Zuerst hatte er sich nur bei heiklen Spielpartnern in Sichtweite aufgehalten. Doch seitdem Mercy vor drei Jahren von einer Bande Halbstarker verprügelt worden war, weil sie ihren gesamten Sold an sie verloren hatten, bevorzugte Cosper es jede Nacht zumindest in der Nähe zu sein. Der Seemann musste die Blicke bemerkt haben, die Mercy von Zeit zu Zeit mit dem breitschultrigen Mann wechselte. Denn er murrte nur, als das deutlich jüngere Mädchen ihn nach drei weiteren Zügen ins Matt gebracht hatte und sich mit ausgestrecktem Arm die auf dem Tisch liegenden Münzen in den Beutel schob. Dabei summte sie leise die Melodie des Liedes "Taler wechsle dich" und schenkte dem verärgerten Seemann das schönste Lächeln, was sie aufzubringen vermochte. Da ihr Gegenüber keine Anstalten machte sich zu rühren stand sie selbst auf. Immerhin blockierte er damit ihre Möglichkeit auf einen neuen Gegenspieler und außerdem war es nie gut fürs Geschäft sich zu lange mit verärgerten Spielpartnern sehen zu lassen.
Suchend ließ sie ihren Blick durch die schummrige Taverne gleiten. Schon während des Spiels mit dem Glatzköpfigen war ihr ein hoch gewachsener Mann aufgefallen, der sie neugierig betrachtet hatte. Das Mädchen stieß einen anerkennenden Pfiff aus, als sie ihn am Eingang der Taverne plaudernerweise mit einer Schankmaid  entdeckte. Sein rotbraunes Haar wurde von einem blauen Dreispitz verdeckt, an dessen Hinterseite eine weiße Feder hinab hing und bei jedem seiner Schritte mitwippte. Der Rest seiner Gewandung war nicht von minderem Wert. Mercys Blick war jedoch an der Geldbörse des Fremden hängen geblieben, die aus feinstem Leder prall gefüllt von seinem Gürtel hing. Hastig wendete sie den Blick ab, als jemand sie am Arm berührte. Cosper war neben sie getreten und warf sich mit schelmischem Grinsen seinen erlengrauen Mantel über die Schultern.

"Hat ja länger gedauert als ich dachte." Mercy erwiderte sein Lächeln.

"Ja der alte Bär war zäh. Aber leider hat er nicht all zu viel gesetzt." Cosper zog eine Augenbraue hoch.

"Wieso? 15 Kupfer sind doch eine satte Ausbeute."

"Für dich vielleicht"

Sie zwinkerte dem rund zwei Köpfe größeren Jungen provozierend zu.

"Ich hab meinen letzten Goldesel für diese Nacht schon gefunden. Aber er verlässt die Taverne gerade. Mit Glück kann ich ihn in einem anderen Gasthaus noch zum Spielen verführen."

Cosper schüttelte den Kopf.

"Ich kann dich nicht mehr begleiten. Ein Schiff ist heute Nacht im Hafen eingelaufen und soll noch vor Sonnenaufgang entladen werden."

Cosper arbeitete, wie die meisten jungen Männer in Corona, als Harfenarbeiter und bekam sein hart verdientes Brot durch das Be- und Entladen der Schiffsfrachten, was sich in seiner breiten Statur bemerkbar machte. Mercy seufzte bedauernd, weil sie wusste, dass er eine Reaktion in dieser Art erwartete. Allerdings dachte sie überhaupt nicht daran ihren womöglich goldenen Fang wieder von der Angel zu lassen.

"Geh ruhig. Es wird nicht lange dauern."

Cosper musterte sie besorgt.

"Ich bin 21, Cosper. Nur um es dir in Erinnerung zu rufen: Laut Gesetz bedeutet das, dass ich mich in jeder Taverne fern ab von Corona mit feinstem Met betrinken kann, ohne danach vor den Ordnungshütern fliehen zu müssen"

Sie wusste, dass nun ein innerer Kampf in ihm tobte, der mit aller Mühe versuchte das Schmunzeln zurück zu halten, was sich durch ihre alberne Art auf seine Lippen zu drängen versuchte. Er verlor den Kampf.

"Gut, sei aber vorsichtig. Und sieh zu, dass du nicht weit über die Moder kommst."

Die Moder war unter anderem Namen einst ein reißender Fluss gewesen, der den nordöstlichen Teil vom Rest der Stadt trennte.
Heute im Jahre 1200 war der rauschende Bach zu einem stinkenden kleinen Rinnsal verkümmert, den selbst die Ratten mieden, wenn sie fiepend durch die Straßen huschten.
 Mercy wusste nicht, ob man sie daher "Moder" genannt hatte. Allerdings erschien es ihr in Anbetracht des modernden Geruches, der einem unablässig von dem bräunlich gefärbten Brackwasser in die Nase stieg, für wahrscheinlich.
Zum Verdruss der Stadtverwaltung hatte es der nordöstliche Stadtteil der Moder gleich getan und war zu einem Sumpf aus Dreck, Elend und Gewalt verkommen. Die Häuser waren marode und verfallen, doch noch schlimmer waren die Gestalten, die darin hausten.
Während bei Tage noch in Lumpen gehüllte Kinder im Schmutz der Straßen spielten, sollte man bei Nacht keinen Fuß mehr über die Moder setzen. Denn dann machten gesetzlose Banden, gedungene Mörder und Aussätzige die schmalen Gassen unsicher. Wenn man nicht sein Leben verlor, dann zumindest den Geldbeutel und alles was man an wertvollem Hab und Gut bei sich trug.
Kein Mann der Stadtwache betrat jemals den Randbezirk Coronas, der unter dem Volk auch als ’Das Schänderviertel’ bekannt war. Mercy hielt das für etwas theatralisch und vermutete, dass die Bewohner ihn sich selbst ausgedacht hatten, um ungebetene Gäste freizuhalten.
Dennoch gab es einen ungekrönten König, der Gosse. Sein Name war Wesir und auf ihn dichteten die Barden genauso viele Lieder und Gedichte, wie auf den König des Landes selbst. Sein Name wurde hinter hervorgehaltener Hand von Tür zu Tür geflüstert und mit zittrigen Fingern auf die Art Pergamentbögen geschrieben, deren Schicksal es war direkt nach dem lesen verbrannt zu werden. Auch wenn nur die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen hatten, war er der anerkannte Herrscher der Unterwelt. Wen allerdings die meisten einmal zu Gesicht bekamen, waren seine Männer. Sie alle trugen das gleiche Tattoo auf der linken Brust. Einen gespaltenen Diamanten. Man konnte es allerdings nur erkennen, wenn ihre meist dunklen Hemden am Kragen offen waren und somit tiefe Einblicke auf den Oberkörper gaben. Daraus hatte sich sogar ein Sprichwort entwickelt, das selbst Adelige in ihren prächtigen Diplomatenzimmern verwendeten. ’Den Hemdkragen öffnen.’, bedeutete so viel wie jemandem zu offenbaren, wem seine Loyalität wirklich galt oder welche Absichten man in Wahrheit verfolgte. Mercy dachte nicht daran ihre wahren Absichten offen zu legen, als sie dem Mann durch die vom ’Toten Schwan’ abführenden Gassen folgte. Diese Gegend war an einigen Stellen schwer von der Gosse zu unterscheiden. Dennoch zählte sie offiziell zum Gebiet der mittelständischen Handwerksleuten, in der auch Mercy ihre Behausung hatte. Sie beeilte sich nicht dem Mann zu folgen. Mit der weißen Feder am Hut, die wie der Schweif eines Einhorns hin und her wippte war er selbst in der Dunkelheit noch gut zu erkennen. Das Mädchen konnte hören, wie bei jedem seiner Schritte der volle Geldbeutel verlockend klimperte. Ob er ein frisch angereister Handelsmann war? Oder vielleicht sogar ein Kapitän? Zumindest versprach er reiche Beute.
Das Mädchen stockte kurz, als der Fremde die Moder mit einem langen Schritt überquerte und das Gasthaus ’Zum friedvollen Pfad’ ansteuerte, das rund fünfzig Schritt hinter dem dreckigen Rinnsal lag. Als der Wirt dem Gasthaus seinen Namen gegeben hatte, war das ein grotesker Scherz gewesen. Denn bevor die Geistlichkeit vor ein paar Jahren mit den Priestern aus dem Schänderviertel vertrieben worden war, hatte das Haus als kleine Kapelle gedient. Der Gossenkönig, so hieß es zumindest, war der Kirche schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Denn sie verdammte freie Männer dazu, sich ihrer Gelüste zu schämen und machte sie zu Sklaven der Schriften. Also stiftete er seine Männer dazu an, die Priester und Kleriker zu vertreiben. Nicht zuletzt um sich ihre Anwesen unter den Nagel zu reißen. Doch der Prediger, dem die Kapelle gehörte, hatte sich als sehr widerspenstig erwiesen. Anstatt das Unvermeidbare zu zulassen und das Gebäude zu räumen, versuchte er Wesirs Männer zu bekehren, indem er ihnen vom friedvollen Pfad erzählte, den sie noch immer einschlagen konnten. Anstelle des Weges, schlugen die Gesetzlosen den Priester ein und schickten ihn anschließend selbst zum ’Friedvollen Pfad’. Aus purem Hohn hatte der jenige, der sich die Kappelle anschließend unter den Nagel gerissen hatte das Gasthaus ’Zum Friedvollen Pfad’ genannt. Allerdings war der Name auch ohne diese Vorgeschichte von Sarkasmus durchtränkt. Denn in der ehemaligen Kapelle gab es jeden Tag mindestens eine Schlägerei, wobei die Messerklingen selten in den Tasche gelassen wurden. Der wohlhabende Mann schien von all dem nichts zu wissen, denn er trat unbesorgt ein. Das Mädchen fluchte. Eigentlich wollte sie sich in der Schänke nicht blicken zu lassen. Dort herrschten die Männer des Gossenkönigs. Andererseits hatte sie keinen Händel und es wäre nicht das erste Mal, dass sie für eine Partie die Moder überqueren musste.
Schließlich gab sie sich einen Ruck und folgte dem Mann in das spärlich beleuchtete Gasthaus. Zu Mercys Überraschung hatte er Glück und die Taverne war kaum besucht. Nachdem sie eingetreten war, wartete das Mädchen einen Moment, bis sich der Fremde einen Tisch gesucht hatte. Dann gesellte sie sich zu ihm.

"Verzeiht die Störung. Darf ich mich setzten?"

Mercy setzte ihr schönstes Lächeln auf. Der hoch gewachsene Mann beantwortete ihre Anfrage mit einem freundlichen Nicken. Ungefähr so hatte er auch ausgesehen, als er zu der blonden Schankmaid gesprochen hatte.

"Ihr seht so aus als würdet ihr viel rumkommen", begann sie die Unterhaltung.

 Der Mann lachte. "Ja, das kann man wohl sagen."

"Dann seid ihr gewiss mit der Kunst des Kartenspielens vertraut", erwiderte Mercy absichtlich hoch gestochen. Bei Männern aus den höheren Gesellschaftsklassen war es wichtig, ihnen nicht das Gefühl zu geben, als würden sie mit Menschen verkehrten die deutlich unter ihrem Stand waren.

"Gewiss bin ich das", gab er ebenso förmlich zurück.

 "Dann beweist es", sagte das Mädchen mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen und legte einen Stapel auf den Tisch.

"Dann lasst uns die Spiele beginnen", sagte er schmunzelnd.


 Dem Kaufmann war das Schmunzeln schnell vergangen, als Mercy ihn nach drei Zügen bereits um den Großteil des Einsatzes gebracht hatte. Sie wusste, dass es riskant war die gezinkten Karten bereits nach den ersten Zügen ins Spiel zu bringen. Die meisten Männer empfanden ihre rasche Niederlage als herbe Demütigung, die nicht selten in rasender Wut mündete. Doch der Fremde machte nicht den Eindruck, als würde er zu dem Schlag von Mann gehören. Der  Hauptgrund für ihr rasches Spiel war ein Anderer. In der hintersten Ecke der Taverne waren dem Mädchen zwei dunkle Gestalten ins Auge gefallen. Keiner der Beiden hatte seinen Krempenhut abgenommen. Dennoch konnte Mercy erkennen, dass sie öfter als es gewöhnlich gewesen wäre von ihren Blicken gestreift wurde. 
2. Kapitel