Kapitel 1 Hier

Das Geheimnis der roten Tasche #schreibmitdarkdiamonds

Kapitel 1 Hier

Die Sonne brannte. Schweiß lief ihr den Rücken runter. Jemand hinter ihr drückte sie gegen einen Kinderwagen.

»Hey, können sie nicht aufpassen?«

 »T´schuldigung.«

Charly strich sich eine feuchte Locke aus der Stirn. Ihr Kleid klebte an ihrem Körper. Hilfesuchend schaute sie sich um. Es gab kein Entrinnen. Die ganze Stadt zwängte sich durch die schmalen Gassen, auf der Suche nach einem Schnäppchen. Sie saß in der Falle. Ihr blieb nichts Anderes übrig, als sich treiben zu lassen. Sie kapitulierte, ergab sich ihrem Schicksal, überließ sich dem Strom. Inzwischen war es ihr egal, ob sie eine passende Tasche fand oder nicht, sie wollte nur noch nachhause. Die junge Frau wurde weiter geschoben, angerempelt, beschimpft. Sie hatte Durst. Unvermittelt fand sie sich vor einem Tisch mit allerlei Trödel. Immerhin spendete das Dach des Standes etwas Schatten. Charly blieb stehen und betrachtete Ketten. Eine alte Frau mit runzligem Apfelgesicht fixierte sie mit ihren dunklen Augen. Sie schienen ihr direkt in die Seele zu blicken. Lächelnd hob sie eine rote Ledertasche in die Höhe.

»Hier, so eine haben Sie doch gesucht. Ich mache Ihnen einen sehr guten Preis.«

Voll Freude griff sie nach dem roten Beutel. Er fühlte sich unglaublich weich an, roch nach Leder und irgendwie nach Kräutern. Das Futter war aus einem dunkelblauen, glänzenden Stoff mit kleinen gelben Punkten, fast sah es aus wie ein Sternenhimmel. Liebevoll strich Charly über den Stoff. Dann drehte sie das Innere nach außen, um zu prüfen, ob es irgendwelche Risse gab. Nichts. Die Tasche wirkte unbenutzt. Genau so eine hatte sie gesucht. Nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Das tiefe Weinrot war eine tolle Farbe. Passte sie zu fast all ihren Klamotten. In dieser Tasche würde sie alles, was ihr wichtig war, unterbringen können. Ihr Mac würde reinpassen, aber auch ihre Bücher und Stifte würden problemlos Patz finden. Für so ein Schätzchen war sie auf diesen schrecklichen Markt gekommen. In zwei Wochen begann ihr neues Leben. Sie würde die Vergangenheit hinter sich lassen, neu starten. Dafür war die Tasche perfekt.

»So einen wundervollen Beutel finden Sie nicht noch einmal. Wollen Sie darauf achten?«

»Ja, gerne, der gefällt mir sehr. Was soll er denn kosten?«

Die Frau musterte sie. Runzelte die Stirn. Ergriff ihre Hand. Strich mit dem Finger über ihre Handinnenfläche. Dann lächelte sie. »Also gut, ich habe dich gefunden. Du scheinst die Richtige zu sein. Auch wenn du nicht so aussiehst. Egal. Was weiß schon eine alte Frau.« Sie lachte laut und dreckig.

Erschrocken zog Charly ihre Hand zurück. »Keine Angst, wenn du mir versprichst, gut auf sie zu achten, bekommst du sie. Bewahre sie, hüte sie. Sie wird dein Leben verändern, Mädchen, glaube mir. Pass gut auf sie auf. Du musst mir versprechen, dass du gut auf sie acht gibst.« 

Dabei drückte sie feste ihre Hand. Unglaublich, welche Kraft diese kleine Frau besaß.

»Ist ja gut, Sie tun mir weh! Ich verspreche es.«

»Bei allem was dir heilig ist.« Es wurde immer merkwürdiger, aber sie wollte die Tasche. Wenn es die alte Dame beruhigte, würde sie auch schwören. Ihr war sowieso nichts heilig. »Ich verspreche, gut auf sie zu achten.«

»Gut, 

Was versprochen,

wird nicht gebrochen. 

Sollst zu stehen, 

sonst musst du untergehen.« 

Mit diesen Worten drückte sie Charly den Beutel in die Hand. Drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in der Menge.

»Halt, stopp, hallo, halt warten Sie...« Verblüfft starte Charly auf die rote Tasche. Was war das?

»Kann ich Ihnen behilflich sein, möchten Sie vielleicht eine Kette anprobieren? Echt Silber mit Labradorit.« Fragte ein kleiner Mann mit breitem Hut und hielt ihr eine der Ketten hin. 

»Nein, aber können Sie mir bitte sagen, wer die Frau mit den eichhörnchenroten Locken ist, die mir diese Tasche gegeben hat. Wann kommt sie zurück?« 

»Hier arbeitet niemand, der so aussieht. Der Stand gehört mir, ich verkaufe keine Taschen, nur Schmuck.«

»Entschuldigen Sie, dann muss ich weiter.« 

Feste drückte Charly ihren Schatz an sich und versuchte, die Frau in der Menge zu entdecken. Nach einer Stunde gab sie, völlig entnervt, auf. Was soll’s, sie hatte ein wunderschönes Geschenk erhalten. Das war alles, was zählte. Es war zwar etwas merkwürdig, aber warum sollte ihr nicht auch mal etwas Gutes passieren. Weil du ein Pechvogel bist, sagte die kleine Stimme in ihrem Inneren, doch Charly ignorierte sie geflissentlich. Irgendwann begegnete jedem einmal sein Glück. Daran wollte sie glauben. Vielleicht war ja ausgerechnet heute ihr Glückstag. Wer wusste das schon. Charly kämpfte sich weiter durch die Gassen. Jemand drückte sie gegen eine Hauswand, Ellbogen bohrten sich in ihren Bauch, Menschen schoben und drängelten. Ihren Schatz feste an sich gepresst, kämpfte sie sich vorwärts.

»Hey, passen Sie doch auf!!!« schimpfte eine ältere Dame mit Hut.

»T´schuldigung.«

Ihr Kleid war nass geschwitzt. Es hing wie ein Lappen an ihr herunter. Die Sonne knallte unbarmherzig. Zwischen ihren Schenkeln bildete sich ein Rinnsal. Schmerzhaft rieben ihre Beine aneinander. Ihre Sandalen drückten. Das Kopfsteinpflaster machte das Laufen zu einem Eiertanz. Menschen überall. Sie wollte nur noch raus. An der Gerichtsstraße bog sie links ab, nach fünfhundert Metern erreichte sie endlich die Bushaltestelle. Hier war der Markt zu Ende und die Massen lösten sich auf. Ab hier konnte sie den Bus nehmen. Die Linie 19 würde sie von der Oberstadt in die Unterstadt bringen, wo sie mit ihrem Vater in einem der zahllosen Hochhäuser wohnte. Eine Traube Menschen wartete. Von der mysteriösen Frau weit und breit keine Spur. Es stank nach Erbrochenem. Ein Penner schob seinen Wagen mit Tüten an ihr vorbei. Unruhig ging sie auf und ab. Die Hitze flirrte auf dem Asphalt. Die Minuten krochen dahin. Endlich kam der Bus. Sie stieg ein. Der einzig freie Platz war neben einer Mutter mit einem quengelndem Kind. Der Kleine beschmierte ihr Kleid mit den Resten eines aufgeweichten Orio-Keks. Die Mutter sagte nichts. Zumindest musste sie die lange Strecke nicht stehen. Bis zu ihrer Wohnung waren es noch 10 Stationen. Wahrscheinlich würde ihr Vater noch Akten wälzen in seinem öden Bürojob. Freitagsabends kam er gewöhnlich erst spät nachhause. Der Wochenendstau hielt ihn auf. Schon oft hatte sie ihn gebeten, doch am Freitag den öffentlichen Nahverkehr zu nehmen, doch dann hätte er auf sein geliebtes Auto verzichten müssen, und das wollte er nicht. Da stand er lieber eine Stunde im Stau, bevor er sich mit Fremden den Platz teilte.

Der Bus entfernte sich aus der Innenstadt und fuhr durch das Industriegebiet. Zahlreiche Schornsteine ragten in den Himmel und verpesteten die Luft. Eine schleimige Sonne zierte den Himmel. Es folgte ein Viertel mit alten fünfgeschossigen Wohnblöcken. Die Frau mit Kind stieg aus. Der Bus rumpelte weiter. Die Farben an den Häusern verblassten. Nur die Graffiti wurden größer und bunter. Nach der Siedlung ragten die Wohntürme in den Himmel. Sie war mit Dad hier her gezogen, nachdem ihre Mutter sie einfach verlassen hatte. Wie jeden Abend beim Essen hatten ihre Eltern gestritten. An sich nichts Ungewöhnliches, sie stritten meistens. Sie erinnerte sich noch genau an die Szene, wie in einem schlechten Film kannte sie die Handlung, nur die Gesichter waren verblasst. Es hatte Spagetti mit Bolognese gegeben. Ihre Mutter war eine phantastische Köchin. Pasta ihr Lieblingsgericht. Es hatte harmlos angefangen. Ihre Eltern hatten sich über den nächsten Urlaub unterhalten. Sie waren bis zum Nachtisch gekommen. Dann begann das Donnerwetter. Für sie völlig unerwartet. Seitdem spulte sie das Gespräch vor ihrem geistigen Auge immer wieder ab. Sie fragte sich, ob sie irgendetwas hätte tun können, um den Verlauf des Abends aufzuhalten. Doch ihr fiel nichts ein. Was hätte sie mit sieben Jahren schon ausrichten können. Noch heute hörte sie die ruhige Stimme ihrer Mutter. So leise und bestimmt wie das Amen in der Kirche. Charly sah, wie sie ins Schlafzimmer ging und ihren Koffer packte. Wie sie ihre Klamotten aus den Schränken nahm, alles ordentlich faltete, in den Rolli legte. Sie hörte heute noch das Rattern der Räder auf den Dielen, als sie zur Tür ging und für immer verschwand. Ihr Vater saß im Esszimmer, sagte kein Wort. Irgendwann stand er auf und räumte den Tisch ab. Am nächsten Tag brachte er sie in die Schule. Abends kochte er. Sie aßen schweigend. Ob er Angst hatte, dass sie auch von der Bildfläche verschwand? Sie wusste es nicht. Er kochte, wusch, brachte sie zur Schule und trank. Zunächst nur eine Flasche. Dann mehr. Sie brachte die Flaschen zum Container. Er verlor seine gut bezahlte Stelle als Projektleiter. Sie ihr Zuhause, ihre Schule und ihre Freunde. Jetzt arbeitete er als Assistent in einem kleinen Büro für ein mickriges Gehalt. Deshalb wohnten sie im vierzehnten Stock in einem der Türme außerhalb der Stadt. Den aromatischen Duft der Wälder konnte sie nicht mehr riechen. Dafür thronte sie wie in einem Adlerhorst weit über allem. Häufig saß sie alleine an ihrem Fenster und träumte sich in den Wald. Stellte sich vor, wie dort von Menschen unentdeckt Feen, Elfen und magische Wesen lebten. Mit Papier und Stiften hauchte sie ihnen Leben ein. Schaffte sich ihre eigene Welt. Der Bus hielt. Charly stieg aus. Sie folgte dem Weg zwischen den Büschen zum ersten Turm. Auf dem Spielplatz inmitten der Häuser saßen drei Frauen. Sie rauchten, unterhielten sich angeregt. Die Brünette gestikulierte wild mit den Händen. Ihre Kinder tobten auf dem Klettergerüst, das aussah wie ein vor Jahren gestrandetes Piratenschiff. In der Ecke standen zwei Typen mit Basecap und dunklem Bart. Ein untersetzter Mann überholte sie und schritt über den Rasen auf die beiden Jungs zu. Charly presste die neue Tasche an sich und eilte ins Haus. Hoffentlich funktionierte der Lift. Im Hausflur roch es nach einer Mischung aus Kohl und abgestandener Pisse. Sie fuhr nach oben. Mit einem lauten Quietschen öffnete sich die Tür. Der Flur war weiß gestrichen. Es roch nach Farbe. Das Haus sollte renoviert werden. Wahrscheinlich würden dann auch hier die Mieten steigen. Ihr konnte das egal sein, bis dahin Studierte sie und lebte in einer WG. Das Stipendium an der Kunsthochschule hatte sie bereits in der Tasche, nur die WG musste sie noch finden. Es war nicht mehr viel Zeit, bis das neue Semester begann. Zur Not würde sie zu ihrer Oma ziehen. Die Mutter ihrer Mutter kannte sie nicht persönlich, eigentlich durfte sie auch keinen Kontakt zu ihr pflegen, dennoch sie war ihre einzige Anlaufstelle in Berlin. Es war zwar keine dauerhafte Lösung, aber sie konnte erst einmal in Ruhe eine passende Bleibe suchen. Alles würde sich finden, wenn sie hier raus wäre. Charly schloss die Wohnung auf. Ihr Dad war noch nicht da. Gut, dann konnte sie in aller Ruhe duschen. Ihre Locken klebten am Kopf. Das Kleid haftete auf ihrer Haut. Sie fühlte sich wie ein Steak, das man auf Niedertemperatur stundenlang gegart hatte. Im dunklen Flur stand eine Kiste mit diversen leeren Flaschen. Inzwischen machte er sich nicht einmal mehr die Mühe, seine Trinkgelage zu verstecken. Am Anfang hatte sie die Flaschen entsorgt, dann fing er an, nicht mehr jeden Tag, sondern nur noch am Wochenende zu trinken. Zunächst versuchte er, eine möglichst normale Fassade aufrecht zu erhalten. Versteckte die Pullen, bemühte sich, nüchtern zu wirken. Doch ihr konnte er nichts vormachen. Sie durchschaute ihn. Inzwischen war es ihm gleichgültig, was man von ihm dachte. Auf dem Kasten lagen einige alte Zeitungen. An der Wand befand sich eine schmale Garderobe aus hellem Holz. An ihr hingen diverse Jacken. Sie gehörten alle ihm. Man kam kaum daran vorbei. Auf der gegenüberliegenden Seite hing ein Bild an der Wand. Schief. Es zeigte einen Zauberwald mit Schmetterlingen. Im Vorbeigehen rückte sie es grade. Sie hatte es ihm zu seinem Geburtstag geschenkt. Mehr als einen Monat hatte sie daran gemalt und die Details ausgearbeitet. Wenn man genau hinsah, konnte man zwischen den Bäumen Feen und Elfen erkennen, die auf einer Lichtung tanzten. Sie hatte wochenlang Flaschen gesammelt, um den Rahmen kaufen zu können. Am Ende des Flurs befand sich die Küche. Rechts davon sein Zimmer, das eigentliche Wohnzimmer und links davon ging es in ihr Zimmer. Unschwer zu erkennen an der fliederfarbenen Tür. In deren Mitte eine zarte Elfe zwischen Ranken von wilden Orchideen hervorlugte. Charly betrat ihr Zimmer. Es war angenehm kühl. Die heruntergelassenen Jalousien tauchten den Raum in ein weiches Licht. Die Möbel waren weiß. Auf dem gemachten Bett lag eine gehäkelte Tagesdecke in Flieder. Passende Kissen verwandelten das Podest in eine Chill-out Zone und luden zum Verweilen ein. Hier verbrachte sie die meiste Zeit mit Zeichnen. In einer Ecke stand ihre Staffelei. An den Wänden hingen surrealistische Bilder von Drachen, Elfen und Feen. Charly stellte die neue Tasche unter das Bett, nahm sich ein frisches Handtuch aus ihrem Schrank und schlüpfte aus dem feuchten Kleid. Sie stopfte alles in die Wäschetonne. Es war bereits kurz nach 17:00 Uhr. Sie musste sich beeilen. Ihr Vater konnte bald zurücksein. Es würde wieder Krach geben, wenn sie länger duschte und sich die Haare wusch. Schnell hetzte sie ins Bad. Die Tür ließ sich nur schwer öffnen, Handtücher lagen auf dem Boden, Zahnpasta und kurze schwarze Haare zierten das Waschbecken. Er hatte geduscht und sich rasiert. Vielleicht hatte er eine neue Freundin und blieb bei ihr. Dann hätte sie wenigstens ihre Ruhe. Sie reinigte den Waschtisch. Dabei sah sie sich im Spiegel. Lilafarbene Mandelaugen blickten sie kritisch an. Ihre Stupsnase ragte keck in den Himmel. Wilde dunkle Locken umrahmte ihr herzförmiges Gesicht. Warum konnte sie nicht aussehen wie die anderen Mädchen? Niemand, den sie kannte, hatte solche Augen. Es war unnatürlich. Unwillkürlich schaute sie auf ihre Füße. Sechs Zehen, auch das war nicht normal. Sie hatte von allem etwas zu viel. Die Haare zu dunkel, die Haut zu Weiß, die Lippen zu dick, alles etwas zu üppig, wie ein Barockgemälde. Dabei wollte sie einfach so sein wie alle anderen. Ihre einzige Freundin sagte immer: „Du bist speziell, Charly. Wahrscheinlich gehörst du in eine andere Welt oder bist von einem anderen Planeten.“ Das war natürlich Quatsch, sie gehörte leider nicht in eine andere Welt, sondern in genau diese, in die so überhaupt nicht passen wollte. Charly quetschte sich in die Duschkabine. Drehte das Wasser auf. Es lief warm über ihre Schultern, plätscherte wie ein Bergbach. Sie wusch sich die Haare, rasierte die Beine und seifte sich ausgiebig ein. Es roch nach Vanille und Honig. Eine neue Seife, die Lotta ihr geschenkt hatte. Charly aalte sich in dem frischen Nass. Es tat gut, endlich etwas abzukühlen. Nach der Dusche cremte sie sich ausgiebig ein. Dabei musterte sie sich prüfend im Spiegel. Ihr üppiger Busen ragte keck in die Höhe. Brustwarzen wie kleine Himbeeren. Zaghaft berührte sie sich selbst. Streichelte ihre Brüste. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es fühlte sich gut an. Wie sich das wohl anfühlte, wenn ein Junge sie dort berührte? Lotta hatte einen festen Freund. Paul, ein hübscher Kerl. Etwas zu großkotzig für Charlys Geschmack aber Lotta schwärmte von seinen Fähigkeiten.

»Er katapultiert mich in den siebten, ach was sag ich, zehnten Himmel, du weißt nicht, was du verpasst, für wen willst du dich aufheben??« sagte sie oft.

Ja… für wen, das wusste sie nicht. Sie konnte ihren Mr. Right nicht beschreiben. Sie wusste nur, was sie nicht wollte. Die Liste war lang. Definitiv wollte sie keine Beziehung wie ihre Eltern. Die waren wie Katz und Maus. Einfach nicht kompatibel. Charly vertraute darauf, dass sie ihren Seelenpartner erkennen würde. Leider entsprach sie so gar nicht dem gängigen Schönheitsideal.

Sie war klein, ihre Taille schmal, ihr Hintern ausladend rund und Ihre Schenkel waren kräftig. Es spielte keine Rolle, wie wenig sie aß, ihre Figur war absolut diätresistent. Sie würde keinen Freund finden. Ihre kleinen Entenfüße waren da auch keine Hilfe. Sie kuschelte sich in das frische Handtuch, bürstete ihre Mähne, schlang sich ein weiteres Handtuch um den Kopf und ging zu ihrem Zimmer. Dabei hinterließ sie feuchte Abdrücke auf dem Laminat. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Tür knarzte und öffnete sich. Sie roch ihn, bevor sie ihn sah. Schnell verriegelte sie die Tür zu ihrem Raum. Ganz leise legte sie sich auf ihr Bett und zog die Decke bis zum Kinn. Vielleicht ging er ja einfach in sein Zimmer. »Charlotte, hast du geduscht?«, hallte es aus dem Flur.

»Du sollst doch nicht einfach duschen, wie oft muss ich das noch sagen, verdammt. Das kostet viel zu viel.«

Charly hielt die Luft an, ignorierte ihn. Manchmal fand er schnell etwas zu trinken, dann ließ er sie in Ruhe. Eine Tür schlug. Schränke klapperten. Sie hörte schwere Schritte in der Küche. Der Kühlschrank wurde geöffnet, geschlossen. Die Schritte entfernten sich wieder.

»Like a Bridge Over Troubled Water...« Ertönte es aus seinem Zimmer.

Charly atmete erleichtert aus. Gut. Er hatte sich versorgt, so schnell würde er nicht mehr auftauchen. Sie zog sich an. Schnappte ihr Handy und schrieb Lotta eine Whats App

»Komme gleich runter, wollen wir uns auf dem Spielplatz treffen? Ich muss dir etwas zeigen. Küsschen Charly.«

Eilig räumte sie ihre alte Tasche aus und stopfte alles in den neuen Beutel. Taschentücher, Tampons, einen Lippenstift, ihr Kajal, einen Kamm, ihre Haargummis, ihre Taschenlampe, ihr Nähzeug, ihr Handy, einen kleinen Spiegel, ihren Notizblock, ihre Stifte, die Zeichenkohle, den Skizzenblock, ihr Portemonnaie und zu guter Letzt auch noch ihr MacBook. Die Tasche war nicht mal voll. Liebevoll streichelte sie über das weiche, dunkelrote Leder. Sie drückte sie an sich. Brrr...,  Brrr..., Brrr... Ihr Handy vibrierte. Sie fischte es aus den tiefen des Beutels. Eine Nachricht von Lotta.

»Ich bin in 5 Minuten unten. Meine Mutter hat Lasagne gemacht, ich bringe etwas mit.«

Sie schnappte sich ihre Campinggabel und packte sie in die Tasche. Oft gab es bei Brunellis reichlich zu Essen. Ihre Freundin brachte ihr dann immer etwas mit. Zu diesem Zweck hatte sie ihr extra dieses praktische Outdoorbesteck geschenkt. Lotta war die Beste. Seit sie auf die neue Schule ging, waren sie befreundet. Aufgrund ihrer Namen - Charlotta und Charlotte - hatte man sie an einen Tisch gesetzt. Sie ergänzten sich perfekt. Leise schlich sich Charly aus dem Haus. Inzwischen war ihr Vater bei „Suzanne“ von Leonard Cohen angekommen. 

»And you want to travel with her, 

and you want to travel blind

And you know that she will trust you

For you've touched her perfect body with your mind...«

Schallte es volle Kanne aus seinem Zimmer. Er sang mit. Offensichtlich hatte er eine Abfuhr erhalten und musste sich jetzt trösten. Warum er immer wieder auf den gleichen Typ Frauen hereinfiel, war ihr ein Rätsel. Ihm musste doch inzwischen klar sein, dass diese aufgetakelten Blondinen, auf die er so stand, nicht wirklich etwas von ihm wollten. Spätestens wenn sie merkten, dass er zwar ein Auto sein Eigen nannte, aber ansonsten nicht viel zu bieten hatte, servierten sie ihn ab. Ihr sollte es recht sein, sie wollte keine Mutter. Weder einen Ersatz, noch ihre leibliche Mutter. Sollte sie ihr jemals begegnen, oder Oma doch noch ihren Aufenthaltsort rausrücken, würde sie ihr sagen, was sie von ihr hielt.

Der Fahrstuhl rumpelte abwärts. Es ruckte verdächtig. Krampfhaft klammerte sie sich an ihre neue Tasche. Das Licht flackerte kurz, dann öffnete sich die Tür mit lautem Kreischen. Charly atmete auf. Das Ding war so marode wie das ganze Viertel. Nicht mehr lange, und sie würde all das hinter sich lassen. Würde ihr neues Leben beginnen. Würde endlich frei sein!


Mit großen Schritten eilte sie auf den Spielplatz. Lotta saß wie meistens unter der Kastanie auf der Bank. Sobald sie sie bemerkte, sprang sie auf und stürmte auf sie zu.

»Hey, Charly, da bist du ja endlich, ich warte schon. Deine Lasagne wird noch kalt. Erzähl mal, was musst du mir zeigen, hast du einen Typen kennen gelernt?«

Charly umarmte Lotta. Sie war einen Kopf größer. Lang und schlank. Mit ihren dunklen Haaren sah sie aus wie die moderne Version von Schneewittchen. Oft sagte sie auch Schee-witch-Chen zu ihr. Witch für Hexe, weil sie ihre kleine Hexe war.

»Du erdrückst mich noch, Charly!« Lotta löste sich aus der Umarmung.

»Sorry, es ist einfach schön, dich zu sehen.«

»Ich mag dich auch, du Eumel, nur wenn du mich zerquetschst, hast du nichts mehr von mir.«

»Schau mal, was ich auf dem Trödelmarkt in der Oberstadt geschenkt bekommen habe!« 

»Wow, das ist echt Leder, Chico bello.«

»Toll, nicht? Aber du musst erst mal das Futter sehen. Dunkelblau, schimmernd mit kleinen gelben Sternen.« 

Lotta strich über die Tasche. 

»Wie weich sie ist, voll schön, echt krass. Wo hast du sie her. Geklaut?«

»Nein, spinnst du, das mache ich nicht, Klauen bringt schlechtes Karma. Eine wunderliche runzlige Frau hat sie mir geschenkt. Sie sah aus wie ein verschrumpelter Apfel mit eichhörnchenroten Locken auf dem Kopf. «

»Sicher, dass sie nicht deiner Phantasie entsprungen ist?« fragte Lotta grinsend. »Nein, ich habe sie wirklich gesehen. Es war merkwürdig. Zuerst hat sie die Linien auf meiner Hand betrachtet.«

»Echt jetzt, das ist seltsam, war es eine Wahrsagerin?«

»Nein, ich dachte, sie gehört zu einem der Stände. Sie hat mir richtig tief in die Augen gesehen, es war so, als ob sie in mir lesen konnte wie in einem Buch, es war sonderbar. Dann hat sie gesagt, dass ich die Richtige bin. Ich musste ihr versprechen, auf die Tasche aufzupassen. Sie hat noch einen ulkigen Spruch gemurmelt, bevor sie mir den Beutel in die Hand drückte und einfach verschwand.«

»Hast du sie nicht gefragt, warum du auf die Tasche aufpassen sollst, vielleicht ist sie ja mit einem Fluch belegt oder so etwas.« 

Lotta entfernte die Alufolie von der Schüssel, knüllte sie zusammen und warf sie in den Mülleimer, den sie knapp verfehlte. Charly lachte. Bückte sich und beförderte die Alukugel mit einem gezielten Wurf in die Tonne. »Guter Wurf, du solltest es mit Handball versuchen!« 

»Nein Danke, Sport ist Mord. Ich schwinge lieber meine Stifte.« Der Geruch von geschmolzenen Käse, Oregano und Tomaten erfüllte die Luft. Charly lief das Wasser im Mund zusammen. Ihr Magen knurrte. »Ich habe sie leider nichts mehr fragen können, sie war sofort weg. Ich verstehe immer noch nicht, wo sie abgeblieben ist. Über eine Stunde habe ich nach ihr gesucht.« 

»Was für eine Geschichte! Was glaubst du, was es mit der Tasche auf sich hat?« Die Sonne schien durch die Zweige. Sie saßen im Halbschatten. Auf der Rutsche spielten einige Kinder und schrien laut. Zwischen den Bäumen stand ein Mann.

»Wenn ich das wüsste - ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich denke, es ist einfach eine schöne Tasche und ich habe Glück gehabt. Was soll es sonst sein?«

»Wenn es jemand verdient, dann du. Hier, magst du etwas Lasagne, sie ist noch warm.« Mit diesen Worten hielt ihr Lotta die Schüssel hin. »Ich habe totalen Kohldampf, mein Magen hängt bereits in den Kniekehlen. Toll, dass du an mich gedacht hast.« Lotta lächelte. »Immer gerne, hast du Besteck dabei?«

»Klar, es ist in der Tasche.« Charly öffnete ihren Beutel und suchte das Besteck. Sie wühlte immer tiefer, beförderte ihr Portemonnaie hervor, die Stifte, den Block. Dann schaute sie auf. »Verdammter Mist, ich kann es nicht finden, es muss da sein, ich habe es in letzter Minute eingepackt. Es muss in der Tasche sein.« Sie wühlte weiter, wie ein Hund, der nach einer Maus gräbt.

»Vielleicht hat sie ein Loch.«

»Das kann nicht sein, ich habe sie genau geprüft, das Futter war in Ordnung.«

»Kein Problem Charly Schatz, hier, nimm meins.« Damit reichte die Freundin ihr eine pinkfarbene Plastik Gabel. »Als Steve Hawkins seine Theorie mit den Schwarzen Löchern entwickelt hat, haben ihn bestimmt Handtaschen inspiriert.«

»Du hast manchmal seltsame Gedanken. Weshalb sollte er ausgerechnet daran gedacht haben?« Charly schob sich ein Stück Lasagne in den Mund. »Mhmmmm, sau lecker. Ich glaube, wenn du mit deinem Studium in Physik fertig bist, wirst du noch Astronomie studieren.«

»Schon möglich, ich hatte daran gedacht, es würde mich interessieren. Jetzt habe ich aber erst einmal einen Platz für Physik. In zwei Wochen muss ich packen, ich darf gar nicht daran denken.«

»Wir bleiben in Kontakt, skypen, schreiben uns, in den Semesterferien sehen wir uns wieder. Ich komme dich besuchen. Wenn du dann fertig bist, entdeckst du ein neues Sonnensystem oder einen Stern. Das wäre cool. Du könntest ihn Charly nennen. Wenn die Reporter dich fragen, wie du auf diesen Namen gekommen bist, sagst du, deine Freundin hat dich dazu inspiriert.« Lotta rutschte unruhig auf der Bank hin und her. Immer wieder schaute sie auf ihr Handy. 

»Erstmal muss ich anfangen zu studieren. Es sind fast fünfhundert Kilometer von dort bis Berlin. Das ist verdammt weit weg. Was soll ich ohne dich da machen. Paul kommt nicht mit. Er bleibt hier.« Im Hintergrund schrien Kinder. Die Luft war inzwischen feucht schwül. Gewitterfliegen umkreisten die Freundinen. Setzen sich, forderten ihre Aufmerksamkeit. Dann vibrierte Lottas Handy. Gebannt blickte sie auf das Display. »Sorry, ich muss gleich weg, das war Paul.«

»Kein Problem Schatz, sehen wir uns später nochmal?«

»Nein, ich denke nicht, wir sind auf die Party bei Marc eingeladen. Eine Poolparty. Komm doch mit.«

»Nein, lieber nicht, die wollen mich da nicht. Das letzte Mal war ein Desaster, darauf habe ich keinen Bock. Geh du nur auf die Party, viel Spaß.« Lotta zögerte. »Jetzt zisch ab. Wir sehen uns.« Charly gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Willst du nicht vielleicht doch...?«

»Nein, auf keinen Fall, das ist nicht meine Welt.«

Lotta drückte sie und entfernte sich. Die Sonne verschwand. Der Himmel verdunkelte sich. Die Wolken formten riesige Burgen, Drachen und allerlei phantastische Gestalten. Bestimmt würde es bald gewittern. Das passte zu ihrer Stimmung. Auf keinen Fall würde sie je wieder mit auf eine dieser bescheuerten Partys gehen.

Noch sehr deutlich war ihr die letzte Poolparty in Erinnerung. Ein beknackter Freund von Paul drängte ihr die Erdbeer-Bowle auf. Als sie ablehnte, beschimpfte er sie als frigide Milchkuh. Er war betrunken. Doch das war noch nicht alles. Später ging sie schwimmen. Jemand versteckte ihre Klamotten. Sie musste nachts im nassen Badeanzug mit dem letzen Bus nach Hause fahren. Lotta war zu diesem Zeitpunkt mit Paul beschäftigt. Sie hätte ihr geholfen – bestimmt - doch sie wollte ihre Freundin nicht stören. Noch heute hörte sie das gehässige Lachen der Jungengang, hörte ihre blöden Bemerkungen.

»Kann das Walbaby seine Haut nicht finden? Seht mal sie hat sechs Zehen, ihhh das ist aber eklig ...«

Charly schluckte. Ihr bestes Kleid blieb verschwunden. Ihr BH tauchte wieder auf. Sie hatten ihn mit zwei Bällen gefüllt in der Schule über die Tafel gehängt. Darunter stand:

»Melonen Halter!«

Ihr Slip war mit zwei Klammern am Stuhl des Lehrers befestig. Auf dem Tisch stand ein Schild.

„Waal - Schlüpper aussterbende Rasse“.

Noch heute wurde sie rot, wenn sie nur daran dachte. Wochenlang machte das Bild davon die Runde auf Facebook und Instagram. Es war schrecklich. Nie mehr würde sie zu einer Party gehen. Nie, Nie mehr.

Charly packte ihre Stifte aus. Sie begann zu zeichnen. Malen half. Es vertrieb ihre düsteren Gedanken. Schon bald weilte sie im Wunderland der Drachen. Auf dem Papier entstand eine Burg mit wehenden Fahnen. In einem der Fenster schaute eine Fee zum Himmel empor. Dort kämpften zwei Drachen miteinander. Ein roter Feuerdrache und ein blauer Wasserdrache. Die Menschen reckten die Köpfe und betrachteten das Spektakel.

Ein Lautes Donnergrollen rief Charly aus ihrer Welt. Erste Tropfen fielen auf die Zeichnung. Blitze zuckten über den Himmel. Schnell stopfte sie Block und Stifte in ihre Tasche und rannte nach Hause. Kurz vor der Tür stieß sie mit einem Mann zusammen. Er versuchte, ihr die Tasche zu entreißen. Wütend warf sie sich gegen ihn. Er stolperte, rutschte auf den nassen Waschbetonplatten aus und musste sie loslassen. Wie ein Käfer lag er auf dem Rücken. Mit zwei Schritten war sie an ihm vorbei, schloss auf und stürzte zum Aufzug. Sie presste den Knopf, die Tür öffnete sich. Ihr Herz klopfte, ihr Atem brannte. Sie presste ihren Schatz an die Brust und drückte den vierzehnten Stock. Die Tür schloss sich, der Lift rumpelte nach oben. Unter lauten Ächzen und Stöhnen überwand er die Distanz. Sie lehnte sich an die Wand. Schnaufte. Was war das? Jemand wollte ihre Tasche stehlen! Wo war der Typ so plötzlich hergekommen? Was, wenn er sie verfolgte? War es möglich, dass er im Flur auf sie wartete, wenn der Lift hielt? Ihr Herz schlug bis zum Hals. Zwölfter Stock. Dreizehnter Stock. Sie fummelte ihren Schlüsselbund aus der Tasche. Nahm jeden einzelnen Schlüssel zwischen die Finger. Ballte die Hand zur Faust. Jetzt hatte sie eine Waffe. Zumindest war das im Film so. Vierzehnter Stock. Der Aufzug quietschte, ruckelte, bis er zum Stillstand kam. Charly presste ihren Schatz fest an die Brust, ihr Herz hämmerte hörbar. Laut. Der Schweiß lief ihr den Nacken hinunter. Sie bereitete sich drauf vor, den Angreifer in die Flucht zu schlagen. Es ruckelte, der Lift stoppte. Kreischend öffnete sich die Tür.


Kapitel 2 Dort