Alles brennt

Das Mal des Dämons #schreibmitdarkdiamonds

Alles brennt

Ich will nicht aufwachen, ich klammere mich mit aller Kraft an den Schlaf, will ihn mir wie eine bleischwere Decke über den Kopf ziehen. Mich damit abschirmen, vor dem, was mich erwartet, wenn ich die Augen öffne.

Aber das dumpfe, unbarmherzige Pochen in meinem Kopf lässt keine Ruhe. Es wird schlimmer. So schlimm, dass ich das Gefühl habe, nur noch pochender Schmerz zu sein.

An Schlaf ist nicht zu denken.

Ich bin hellwach.

Ich bin Schmerz.

Es ist ja nicht so, als hätte ich noch nie einen Kater gehabt. Ich weiß, dass eine aus dem Ruder gelaufene Party ihren Tribut fordert. Jedes Mal, wenn ich einen über den Durst getrunken habe, habe ich es am nächsten Morgen bereut und mir bei Kopfschmerzen und Übelkeit hoch und heilig geschworen, nie wieder über die Stränge zu schlagen.

Jetzt wünschte ich mir, dass ich mein Versprechen gehalten hätte.

Wie Säure brennt der Schmerz es in meinen Kopf: Ich werde nie wieder über die Stränge schlagen! Diesmal meine ich es ernst, denn es geht mir so dreckig wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Vorsichtig drehe ich mich auf den Rücken und muss dabei die Zähne zusammenbeißen.

Alles tut weh.

Jede Faser meines Körpers hasst mich.

Ich zähle bis Zehn, dann richte ich mich auf und blinzle gegen den Schwindel an, der Bettpfosten, Tür und Bücherschrank vor meinen Augen durcheinanderwirbelt.

Immerhin ist es mir gelungen, nachhause zu kommen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass ich mich an absolut nichts erinnern kann, von dem, was gestern Nacht passiert ist.

  

Es vergeht eine Ewigkeit, in der ich einfach nur warte. Darauf, dass der Krampf, der meinen Magen zusammenpresst, verschwindet. Darauf, dass der Druck, der auf meinem Herzen liegt, von mir abfällt. Darauf, dass die Erinnerung zurückkehrt.

Wir wollten ins Oddity, das weiß ich noch. Die bestandenen Prüfungen feiern. Endlich wieder ausgehen, Spaß haben, abschalten.

Ich hatte Lynn überreden müssen, denn anfangs wollte sie nicht mitkommen, wollte – unter dem fadenscheinigen Vorwand, »eine Menge zu tun zu haben« – daheim bleiben. Erst die Tatsache, dass Rafael zugesagt hatte, ließ sie ihre Meinung ändern. Natürlich.

Wo er hingeht, geht auch sie hin. So ist das seit Neustem mit Rafael und Lynn.

Lynn und ich kennen uns schon seit Grundschulzeiten. Ich weiß, wie sie tickt. Ich weiß, dass sie an ihrem linken Daumennagel knabbert, wenn ihr etwas unangenehm ist. Ich weiß, dass sie vor dem Zubettgehen die Zimmerwände nach Spinnen absucht. Ich weiß, dass sie einen Talisman hat, den sie zu jeder Klausur und jedem Vorstellungsgespräch mitnimmt: eine kleine Zinnfigur, die ihrem Großvater gehörte.

Ich weiß eine Menge über Lynn. Sie ist meine beste Freundin.

Rafael habe ich erst dieses Frühjahr kennengelernt. In der »Epochen und Stile«-Vorlesung hat er sich neben mich gesetzt, mit den Augenbrauen gewackelt und mich mit frecher Liebenswürdigkeit angegrinst.

Drei Mal sind wir miteinander ausgegangen. Nach einem Abend voller Bun cha, Frühlingsrollen und lustiger Geschichten, die Rafael wie buntes Konfetti aus seinen Hosentaschen hervorzauberte, hatten wir uns geküsst. Es nieselte und wir standen in der Seitenstraße vor dem kleinen Vietnamesenlokal, in das er mich eingeladen hatte. Seine Lippen schmeckten nach Fischsauce.

Der Funke ist nicht übergesprungen zwischen uns. Was, um ehrlich zu sein, keine große Überraschung ist. Ich hätte es wissen müssen – obwohl ich an der irrationalen Hoffnung festgehalten hatte, dass es mit Rafael anders sein könnte.

Leider war es das nicht. Es war wie immer: In dem Moment, als sich seine Hände zärtlich um meine Wangen legten und er seine Nase an meine Stirn drückte, fühlte ich in mir die kalte, sprachlose Mauer, die mich von ihm und von seiner Zärtlichkeit trennte.

An der Mauer prallt alles ab. Ich kann nichts dagegen tun. Sie ist da und sie lässt sich nicht einreißen.

Ich bin liebesunfähig. Das ist die traurige Wahrheit.

Ich werde in wenigen Wochen zwanzig Jahre alt und weiß nicht, was Liebe ist. Noch nie habe ich mich verliebt, habe keine Ahnung, wie sich Schmetterlinge im Bauch anfühlen. Was es bedeutet, den Rest seines Lebens mit jemandem verbringen zu wollen. Oder nachts wach zu liegen, weil man sich so sehr nach der geliebten Person verzehrt, dass es einem den Verstand raubt.

Ich habe eine zweijährige Beziehung hinter mir, in der ich hauptsächlich damit beschäftigt war, so zu tun, als sei ich verliebt und glücklich. Denke ich an diese zwei Jahre zurück, nagen Schuldgefühle an mir, denn Ethan war wirklich verliebt in mich. Wenn wir bei ihm auf der Couch saßen, Händchen hielten und er sich mit glänzenden Augen unsere Zukunft ausmalte, von einem Haus mit Garten und von Kindern sprach, fühlte ich mich furchtbar, weil ich insgeheim wusste, dass es diese Zukunft nicht geben würde.

Aber ich war viel zu lange nicht mutig genug, ihm und mir das einzugestehen. Liebe braucht Zeit, hatte ich mir eingeredet. Ethan ist toll. Er ist das Beste, was dir passieren konnte! Er liebt dich über alles. Du brauchst Zeit, um seine Gefühle zu erwidern. Sie sind irgendwo in dir, du musst sie nur zulassen.

Als Ethan mit mir zusammenziehen wollte und mir bei einem Ausflug zum Eriesee einen Antrag machte, gab ich es auf. Ich trennte mich von ihm, obwohl ich wusste, dass ich damit seinen Traum vom gemeinsamen Haus und der Bilderbuch-Familie zerstörte.

»Es liegt nicht an dir. Es liegt an mir.«

Es liegt an der Mauer, die zwischen uns steht.

Ethan hatte mich angesehen, als hätte ich ihm einen Dolch ins Herz gerammt. Tränen waren ihm über das Gesicht gelaufen.

Ich hatte ihn zwei Jahre lang hinters Licht geführt – ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er mir das niemals verzeihen wird. Und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich mich deshalb ein Leben lang schlecht fühlen werde.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich genau das bin: ein schlechter Mensch, der nie zufrieden ist mit dem, was er hat. Der immer eine Leere in sich spürt und sucht und sucht und sucht. Nach etwas, das diese Leere füllen könnte. Aber nichts findet.


Mit dem Studium an der Columbia University habe ich vor allem deshalb angefangen, um endlich von Zuhause und von den niederdrückenden Erinnerungen an Ethan wegzukommen.

Dass ich mich für Kunstgeschichte eingeschrieben habe, hat meinen Eltern natürlich überhaupt nicht gefallen. Für mich hatten sie andere Pläne.

Aber wenn ich eines aus meinen Fehlern gelernt habe, dann das: Es hat keinen Sinn, jemand zu sein, der man nicht ist. Ich muss auf meine innere Stimme hören. Und meine innere Stimme sagt mir, dass es keine gute Idee ist, es Dad nachzumachen und Jura zu studieren, um später in seine Anwaltskanzlei einzusteigen. Meine innere Stimme rät mir auch davon ab, Ärztin zu werden oder Finanzanalystin an der Wall Street. Oder irgendetwas, das meine Eltern stolz und mich unglücklich machen würde.

Ich will keine Heuchlerin mehr sein.

Also habe ich in mich hineingehorcht und mich für Kunstgeschichte entschieden. Weil mich Kunst schon immer begeistert hat.

Ich bin nach Harlem gezogen, in ein kleines, heruntergekommenes Ein-Zimmer-Apartment, für das ich viel zu viel Miete zahle. Aber das ist es mir wert.

Ich habe meine Zelte in Michigan abgebaut und in New York aufgeschlagen, um meine Vergangenheit hinter mir zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. In einer neuen, aufregenden Stadt. Mit neuen Menschen. Mit neuem Licht und neuer Hoffnung.

In lumine tuo videbimus lumen. Das ist das Motto meiner Universität: In deinem Licht werden wir Licht sehen.

Die Colorado University hat mir schon ein kleines Licht geschickt: Rafael. Er leuchtet. Mit seiner guten Laune schlägt er alle Sorgen und negativen Gedanken in die Flucht. Es ist einfach unmöglich, in seiner Nähe Trübsal zu blasen, denn er schöpft aus einem nie endenden Reservoir an Witzen und komischen Anekdoten und gibt erst dann Ruhe, wenn er dich herzhaft zum Lachen gebracht hat.

Vielleicht hat sich Rafael in der Kunstgeschichte-Vorlesung auch deshalb neben mich gesetzt: Er hat gespürt, dass ich sein Licht brauche.

Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Er mag zwar nicht in der Lage sein, die Mauer in mir einzureißen. Gut möglich, dass das niemand kann und ich für immer auf der Suche sein und mich bis zu meinem Lebensende eingemauert und unvollständig fühlen werde. Weil das mein Schicksal ist.

Aber das ändert nichts daran, dass ich in Rafael einen Freund gefunden habe, der mir lieb und teuer ist. Mit ihm ist es wie mit Lynn: Ich möchte ihn nicht verlieren.

 

Lynn ist die einzige Person aus meinem alten Leben, die ich nicht hinter mir gelassen habe. Zur gleichen Zeit, in der ich meine Bewerbung für die Universität losschickte, bewarb sie sich am City College of New York für den Studiengang Informationstechnologie.

Wir haben schon immer gewusst, dass wir auch nach der High School zusammenhalten werden. Und es hat geklappt! Lynn ist angenommen worden und hat sich bei ihrer Schwester Catharine einquartiert, die hier schon seit über fünf Jahren zuhause ist und in einer Unternehmensberatung arbeitet.

Ja, ich habe in New York City neu angefangen. Ich habe Freunde an meiner Seite, die mir Halt geben und mich aufmuntern, wenn ich down bin. Ich habe meine ersten Prüfungen in Kunstgeschichte mit Bravur bestanden.

Es könnte also alles gut sein.

Aber das ist es nicht. Das ist es ganz und gar nicht. Ich liege bewegungslos in meinem Bett und wünschte, ich wäre nicht aufgewacht.

Der Schmerz, der in mir pulsiert, zerstört mich. Frisst mich von innen auf.

Ich verliere mich, franse aus. Weiß nicht mehr, wo ich anfange, wo ich aufhöre. Wer ich eigentlich bin.

Plötzlich ist der Neuanfang belanglos. Die bestandenen Prüfungen machen mich nicht mehr stolz. Lynn und Rafael sind mir egal. Meine Eltern sind mir egal. Ethan und der stumme Vorwurf in seinen Augen sind mir egal. Meine Träume, Ziele und Wünsche haben keine Bedeutung. Die Zukunft ist egal.

Alles ist egal, weil nur noch der Schmerz existiert. Er zerfetzt mir die Seele.

Ich kann nicht mehr. Ich halte das hier nicht länger aus! Ich will, dass es aufhört. Bitte.

Wie Regentropfen fallen Tränen auf den blauen Stoff meines Kleids, färben das Blau dort, wo sie auftreffen, dunkler. Mein ganzer Körper schüttelt sich.

Ich weiß, dass ich keine Chance habe. Ich weiß, dass ich nicht stark genug bin, dagegen anzukämpfen.

Wogegen?

Gegen etwas, das mächtiger ist als ich. Das mich verschluckt. Das mich wünschen lässt, niemals geboren worden zu sein.

Ich taste nach dem Bettpfosten, kralle mich an ihm fest, so, als sei ich auf tosender See und der Pfosten der Mast meines kleinen Segelschiffs.

Ich mag dem Sturm ausgeliefert sein. Aber ich werde mich nicht einfach so geschlagen geben. Nein, das lasse ich nicht zu. Das darf ich nicht zulassen!

Übelkeit steigt in mir auf, ich versuche den Würgreflex zu unterdrücken. Dann schießt ein Schwall saurer Flüssigkeit meinen Rachen hinauf, ich lehne mich über die Bettkante und übergebe mich auf dem zerkratzten Linoleumboden.

 

Dass ich mich jetzt ein ganz kleines bisschen besser fühle, zündet ein flackerndes Licht der Hoffnung in mir an.

Der Schmerz, der mich von einem Augenblick auf den anderen überfallen hat, wird nicht ewig anhalten. Irgendwann wird er abklingen. Irgendwann ist er vorbei.

Ich muss nur durchhalten und weiterleben. Von Sekunde zu Sekunde, von Atemzug zu Atemzug.

Erst als ich mir mit dem Handrücken über die nassen Wangen und den Mund wische, bemerke ich die Farbflecke auf meinen Armen. Ich will die Farbe abreiben, aber es funktioniert nicht. Weil es keine Farbe ist. Es sind Blutergüsse, die sich wie rote, bläulich umrandete Aquarellblumen um meine Handgelenke und Oberarme winden.

Wieder verkrampft sich mein Magen.

Jemand hat mir wehgetan. Jemand hat mich brutal an den Armen gepackt. Auch wenn ich keine Erinnerung daran habe, lässt sich die Brutalität deutlich an meiner Haut ablesen.

Hat man mich im Oddity unter Drogen gesetzt? Mir K.O.-Tropfen in den Drink geschmuggelt?

Ist es das, was passiert ist?

Ein ersticktes Schluchzen dringt aus meiner Kehle.

Ich stehe auf und habe das Gefühl, meine Zähne zersplittern, so heftig malmen meine Kiefer gegeneinander. Mein Rücken brennt, als stünde er in Flammen und jede noch so kleine Bewegung treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Jeder Wimpernschlag kostet Überwindung.

Das ist nicht normal! Ich muss unter Drogen stehen, anders lässt sich mein Zustand nicht erklären. Und man hat mir Leid zugefügt! Man hat mich …

Mit zitternden Fingern taste ich nach dem Reißverschluss meines Kleids. Ich habe Mühe, mich herauszuschälen. Endlich rutscht mir der seidig weiche Stoff von den Hüften, fällt mit einem leisen Rascheln zu Boden, landet halb im Erbrochenen.

Lynn hat mir das rückenfreie Dress letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt; schnell ist es zu meinem Lieblingskleid geworden. Jetzt ist es Zeuge eines Verbrechens, und ich weiß, dass ich es deshalb nie wieder anziehen werde. Als hätte sich meine Qual auf das Kleid übertragen. Als hätte es Schuld an dem, was mir geschehen ist, an dem, was ich gerade durchmache.

Die Entdeckung, dass meine schwarze Feinstrumpfhose noch ganz ist, lässt mich hoffen. Doch vergeht eine Weile, bis ich den Mut finde, auch meinen Slip herunterzuziehen.

Ich schicke ein Stoßgebet in den Himmel.

Ich bin nicht verletzt. Bin nicht wund. Alles scheint in Ordnung zu sein.

Gott sei Dank.

Erleichterung durchflutet mich. Kurz lässt sie mich den namenlosen Schmerz vergessen, der unaufhörlich auf mich einhämmert. Trotzdem bleiben die Fragen und sie bohren sich wie lange, rostige Nägel in meinen Kopf: Was ist in der Nacht vorgefallen? Warum erinnere ich mich an nichts? Gab es einen Streit? Wurde ich angegriffen? Und wie geht es Lynn und Rafael? Waren sie es, die mich nachhause gebracht haben?

Ich muss sie anrufen. Sie werden wissen, was passiert ist.

Dieser Gedanke gibt mir Kraft: Lynn und Rafael werden wissen, was passiert ist!

Auf der Suche nach dem Handy taumle ich durchs Zimmer. Der Schwindel hat sich gelegt, aber noch bin ich schwach und wackelig auf den Beinen. Mir ist, als müsste ich nach Jahren der Bettlägerigkeit erst wieder Gehen lernen.

Ich wühle in der Handtasche, die neben der Zimmertür liegt, und bekomme zuerst mein Portemonnaie zu fassen. Wer auch immer mich außer Gefecht gesetzt hat, war nicht darauf aus, mich auszurauben. Das Geld und die Kreditkarten sind noch da. Dann krame ich das Smartphone hervor. Es ist 10:44 Uhr. Bislang keine eingegangenen Anrufe. Keine Nachrichten.

Ich tippe zwei Mal daneben, bis ich im Kontaktbuch Lynns Namen erwische und endlich auf das Telefon-Symbol drücke. Sofort schaltet sich ihre Mailbox an. Ich versuche es ein zweites Mal, wieder ohne Erfolg.

»Das ist die Mailbox von Lynn Witham …«

Sie hat ihr Handy ausgeschaltet. Das tut sie sonst nie.

»Lynn.« Meine Stimme bebt, obwohl ich mich zusammenreiße. »Bitte melde dich. Ich weiß nicht, was heute Nacht passiert ist. Ich … ich glaube … da sind Flecken auf meinen Armen! Blutergüsse. Ich muss wissen, was los ist. Melde dich. So schnell du kannst.«

Ob Lynns Handy-Akku den Geist aufgegeben hat? Ob sie gerade bei Rafael ist?

Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass die beiden in Wakefield sind, arglos schlafend, eingewickelt in Rafaels Spiderman-Bettlaken.

Mit angehaltenem Atem wähle ich Rafaels Nummer und lausche auf das unbarmherzige Tuten in der Leitung.

»Jetzt komm schon! Nimm ab!«

Doch Rafael nimmt nicht ab.

Frustriert werfe ich das Handy in hohem Bogen auf das Bett. Was soll das? Warum sind die beiden nicht erreichbar?

Ich bin in einem Albtraum, aus dem ich nicht mehr aufwache.

 

Ich lehne mich über das Waschbecken und betrachte mein Gesicht in dem mit Zahnpastaspritzern besprenkelten Spiegel. Abgesehen davon, dass ich blass und Mascara-verschmiert bin und eine eher harmlos aussehende Schramme über der linken Augenbraue habe, sehe ich aus wie immer. Was mich überrascht, weil dieses ruhige, vertraute Gesicht nicht zu dem Sturm passt, der in mir wütet und alles, wirklich alles, auf den Kopf stellt. Ich verziehe meine Lippen zu einem Lächeln. Es sieht verstörend echt aus.

Innen herrscht Chaos, äußerlich bin ich noch immer Jessica Brooks. Unverändert – von den Blutergüssen an den Armen einmal abgesehen. Und irgendwie fällt es mir schwer, das zu glauben.

Was ich erwartet habe? Keine Ahnung. Ein Veilchen vielleicht? Eine gebrochene Nase und ein paar ausgeschlagene Zähne?

Ich drehe mich zur Dusche. Mein Badezimmer ist klein. Es hat ein winziges Waschbecken, eine winzige Toilette und eine winzige Duschkabine, die so knapp bemessen ist, dass man als ausgewachsener Mensch noch gerade so hineinpasst.

Eine kurze, kalte Dusche, das ist, was ich jetzt brauche. Sie wird meine brennende Haut beruhigen und mich wieder zur Besinnung kommen lassen.

Ich schiebe die Kabinentür auf und will in die Dusche steigen, als ich im Augenwinkel etwas erhasche, das mich innehalten lässt.

Ungläubig starre ich – über meine Schulter hinweg – in den Spiegel und begreife, woher die flammenden Schmerzen auf dem Rücken herrühren.

Ich schüttle den Kopf.

Ich schließe die Augen und öffne sie wieder.

Nein, das Spiegelbild täuscht mich nicht: Ein feuerrotes Mal bedeckt meinen gesamten Rücken. Es beginnt direkt unter meinem Nacken und endet wenige Zentimeter über dem Steißbein. Zögerlich nähere ich mich dem Badezimmerspiegel, betrachte das Zeichen genauer.

Obwohl es sich anfühlt, als würde es sich wie Feuer in mich hineinfressen, übt das Mal eine seltsame Faszination auf mich aus und ich kann nicht anders, als es zu bewundern: den eleganten, selbstsicheren Schwung der Linien. Die Perfektion, mit der sie sich in meinen Rücken gebrannt haben – mit der Genauigkeit eines Lasers.

Behutsam fahre ich mit den Fingerspitzen über die leicht geschwollene Haut und zucke zusammen. Der Schmerz geht tief. Es ist derselbe Schmerz, der meine Seele zerreißt.

Erst jetzt begreife ich, was es mit dem Mal auf sich hat: Es ist ein großes, himmelschreiendes Unrecht. Gewalt gegen mich. Eine Demütigung. Eine Strafe!

Und ich bewundere es?!

Wut und Angst prasseln abwechselnd auf mich ein, stummes Entsetzen zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Meine Knie geben nach und ich sacke kraftlos zusammen.

Wer tut so etwas? Warum?

Und warum ich?

Wie ein Häufchen Elend liege ich zusammengekauert da, die Stirn auf die kühlen Fließen gepresst, die Hände zu Fäusten geballt.

Ich warte auf die Tränen, aber sie kommen nicht. Ich kann nicht weinen. Ich kann nicht wimmern. Ich kann nicht schluchzen. Ich kann nur mit den Fäusten auf den Boden einschlagen und schreien.

Ich muss Anzeige erstatten! Aber gegen wen? Gegen Unbekannt.

Was aber soll ich sagen, wenn man mich fragt, was passiert ist? Dass ich mich an rein gar nichts erinnern kann? Dass irgendwer mit einer heißen Klinge ein Zeichen in meinen Rücken geritzt hat?

Als leises Handyklingeln zu mir ins Bad dringt, springe ich auf und rutschte dabei fast auf meiner Strumpfhose aus, die wie schwarze Schlangenhaut zusammengerollt auf dem weißen Kachelboden liegt.

Wieder flackert das Licht der Hoffnung in mir: Lynn wird wissen, was passiert ist.


Vor meinen Augen wirbeln grelle, zuckende Punkte, als ich ins Zimmer renne und mich aufs Handy stürze, um den Anruf noch rechtzeitig entgegenzunehmen.

»Hey Jess«, sagt eine Stimme, die nicht Lynns ist. Es ist Catharine, ihre große Schwester. Ich schlucke meine Enttäuschung herunter. »Ist Lynn bei dir?«, will sie wissen.

»Nein«, antworte ich heiser.

»Ihr wart doch feiern, oder?« Cathy klingt genervt und besorgt zugleich. »Lynn ist heute Nacht nicht nachhause gekommen. Sie hat mir versprochen, dass wir den Samstagmorgen damit verbringen, endlich Dads Geburtstagsfeier zu planen, da sind wir sowieso schon viel zu spät dran! Ich warte und warte, aber sie kommt nicht. Das sieht ihr überhaupt nicht ähnlich, mich einfach so zu versetzen, ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen. Und auf dem Handy kann ich sie auch nicht erreichen. Na ja, ich dachte, sie hat vielleicht bei dir übernachtet?«

Ich weiß nicht, was ich auf Cathys Frage erwidern soll. Hat Lynn bei mir übernachtet? Ich werfe einen Blick auf die alte, abgewetzte Couch, die neben dem Kleiderschrank steht und als bescheidenes Gästebett herhalten muss. Sie sieht nicht so aus, als hätte jemand darauf die Nacht verbracht.

»Sie … ist nicht hier.«

Lynns Schwester seufzt. »Langsam beginne ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Hast du eine Ahnung, wo sie stecken könnte?«

»Bei Rafael«, presse ich hervor.

»Rafael? Denkst du, die beiden haben was am Laufen?« Ich kann das Lächeln in Cathys Stimme hören.

Ein kalter Schauer erfasst mich. Was, wenn Lynn und Rafael gerade dieselben Qualen durchleiden wie ich?

»Ich muss Schluss machen, Catharine.«

»Ist alles in Ordnung? Du hörst dich komisch an.«

Cathys Fürsorglichkeit treibt mir Tränen in die Augen, von denen ich glaubte, sie seien längst versiegt.

»Ich bin … verletzt.«

»Du bist was

Mit einer fahrigen Bewegung wische ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Jetzt ist nicht die Zeit, rührselig zu werden. Ich muss reagieren. Ich muss die Scherben, die von mir übrig geblieben sind, zusammenkehren und das Beste daraus machen.

»Jemand hat mir … ein Zeichen in den Rücken gebrannt. Es ist ziemlich verrückt, aber ich kann mich an überhaupt nichts erinnern. Ich weiß nicht, was im Oddity passiert ist. Ich weiß nicht, wie ich nachhause gekommen bin. Ich weiß gar nichts mehr!« Am anderen Ende der Leitung hat es Catharine die Sprache verschlagen. Ich hole tief Luft. »Ich muss zu Rafael. Bei ihm wird auch Lynn sein, ganz sicher. Ich sag dir Bescheid, wenn ich bei ihnen bin.«

»Jessica, wenn du ernsthaft verletzt bist, musst du –«

Bevor Cathy weitersprechen kann, lege ich auf und ziehe mir in Windeseile Jeans und Boots an. Mit der Subway bin ich in einer Dreiviertelstunde in Wakefield.

Weil das Mal auf meinem Rücken bei jeder noch so leichten Berührung höllisch wehtut, streife ich mir mit größter Vorsicht ein Bustier und ein locker sitzendes T-Shirt über. Zuletzt schlüpfe ich in die schwarze Lederjacke, um die Blutergüsse auf meinen Armen zu verdecken.

Das Handy klingelt wieder und wieder. Es ist Catharine, aber ich gehe nicht dran.

Ich werde zu Rafael fahren und nachsehen, wie es ihm und Lynn geht. Und dann werde ich die Person aufspüren, die meinen Rücken ungefragt als Leinwand benutzt hat – und alles dafür tun, dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Gezeichnet