Kapitel 1

The Forgotten Princess #schreibmitdarkdiamonds

Kapitel 1

Das erste, an das ich mich erinnerte, nach der alles verschlingenden, nichtssagenden Dunkelheit, war eine tiefe, dunkle Stimme, die in einem monotonen Singsang meinte: „... eine etwa 18 bis 22 Jahre alte Frau, deren Identität im Moment noch nicht geklärt werden konnte. Ebenso wie die des Mannes, der eng umschlungen mit ihr am Unfallort....“

Halt! Dagegen musste ich intervenieren. Das konnte, das durfte nicht so im Raum stehen bleiben. Das war falsch! Ich und eng umschlungen?! Ging’s noch?! Aber.... obwohl ich sehr wohl wusste, dass unmöglich war, was die Stimme da behauptete, konnte ich nichts dagegen vorbringen. Weder öffnete sich mein Mund, noch fielen mir irgendwelche Worte ein, die er hätte aussprechen können. Entrüstet wollte ich wenigstens meine Augen aufschlagen, doch noch ehe mir das gelang, drifteten meine Gedanken fort und die alles verschlingende Dunkelheit hüllte mich erneut ein.


Als meine Augen mir wieder gehorchten und ich sie nun endlich doch öffnen konnte, erschrak ich erstmal bis ins Mark, denn da war wieder nur eine schwarze Finsternis um mich herum!

War ich etwa immer noch in ihr gefangen? Doch da hörte ich ein kurzes Piepen, drehte meinen Kopf etwas schwerfällig in Richtung der Geräuschquelle und sah ein kleines grünes Licht an einem viereckigen Kasten blicken. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an das wenige Licht und ich konnte erkennen, dass mein linker Arm über mehrere Stricke mit diesem Ding verbunden war. Ich wusste zwar nicht, warum das so war, war aber seltsamerweise darüber keineswegs besorgt, flüsterte mir eine innere Stimme doch sehr überzeugend zu, dass das alles so schon seine Richtigkeit hatte. Anstatt weiter darauf zu achten, erkundete ich also lieber meine Umgebung etwas mehr. So konnte ich die Umrisse eines Bettes, in dem ich ruhte, ausmachen, des Weiteren gab es hier noch einen Stuhl mit Armlehnen und einen Tisch. Durch ein großes Fenster zu meiner Linken brach nun das Licht des Vollmondes herein, vor dem gespentische Wolkenfetzen gerade die Flucht ergriffen.

Nun lag alles klar vor mir: Das Zimmer, gerade groß genug für mein Bett, die wenigen Möbel und das Nachtkästchen direkt neben mir, über dem der blickende Schnur-Kasten hing.

Doch irgendetwas hier störte mich gewaltig. Mein Kopf begann schon pochend zu schmerzen so angestrengt versuchte ich herauszubekommen, was es nochmal genau gewesen war. Da echote der Nachklang des Störenfrieds in meinem Geiste wieder: „eng umschlungen“! Genau, diese Worte hatten das falsche Gefühl in mich hinein gepflanzt! Konzentriert versuchte ich nun herauszufinden, warum das so war. Aber außer diesem seltsam ziehenden Unbehagen in meiner Brust wollten sich keine weiteren Anhaltspunkte dafür in meinem Kopf herauskristallisieren. Als wäre in meinem Inneren das Licht immer noch aus und alles Wissen mitsamt den dazugehörigen Erinnerungen weit weggesperrt. Frustriert fuhr ich mit meinen Fingern durch meine Haare und verfing mich mit der blöden Schnur in den langen, im Mondlicht rötlich schimmernden Locken. Daraufhin piepste der Kasten leider nicht mehr gemütlich leise vor sich hin, sondern begann laut zu jaulen und sogleich schwang eine große Tür zu meiner Rechten auf.

Eine weiß gekleidete, recht kleine, in ihrem Umfang jedoch keineswegs bescheidene Frau, mit einem silbern glänzenden Dutt auf dem Kopf trat ein und schien die Lage sofort richtig einzuschätzen. Resolut trat sie auf mich zu und befestigte den Knuppel mit der Schnur wieder an meinem Finger, beschwichtigte kurz den Kasten und schon ward wieder Ruhe eingekehrt.

Aufmerksam prüfend sah sie mich an und fragte: „Ist sonst alles in Ordnung?“

Wie automatisch nickte mein Kopf. Zu mehr war ich gerade nicht imstande. Irgendwie überforderte mich im Augenblick jede weiter Handlung!

„Versuchen sie noch etwas zu schlafen! Ja!“, meinte sie mir nun beruhigend über den Arm streichend, „Morgen Früh kommt der Arzt wieder vorbei und wir sehen weiter!“

Immer noch bewegte mein Kopf sich zustimmend. Nur gut, dass sie nicht gerade vorgeschlagen hatte, dass ich mich von dem höchsten Turm kopfüber in die Tiefe stürzen sollte, wahrscheinlich hätte da mein Wackelkopf auch noch zugestimmt!


Bis der Morgen endlich graute, hatte ich mir eine ellenlange Liste von Fragen in meinem viel zu leeren Kopf zurecht gelegt, um endlich aus all dem hier schlau zu werden. Fest hatte ich mir vorgenommen, sogleich den erst besten Menschen, der wieder durch diese Tür eintreten würde, mit dieser zu bombardieren.

Und die mir wichtigst und somit erste Frage würde lauten, wer dieser Typ denn nun eigentlich wäre, mit dem ich gefunden worden war? Seltsam, das interessierte mich bei weitem mehr als die Fragen, was überhaupt passiert war, wo genau ich hier war, wie es nun weiter gehen sollte, wer uns gefunden hatte, etc... Ich sagte ja, eine überlange Fragenliste hatte sich in diesen einsamen Nachtstunden in meinem Kopf zusammen summiert. So unvorbereitet wie heute Nacht wollte ich nicht mehr dastehen, beziehungsweise daliegen.


Als die Sonne langsam hinter dem Horizont auftauchte, trat wieder eine weiß gekleidete Frau ein. Jedoch eine andere wie in der Nacht, diese hier war groß, schlank und hatte dunkle, äußerst kurze Haare.

„Guten Morgen, ich bin Schwester Libby! Wie geht es uns denn heute?“, begrüßte sie mich fast schon etwas zu freudig lächelnd.

Und brachte mich damit etwas aus meinem vorbereiteten Konzept, so dass ich etwas holprig meinte: „Wer... mir... ich... äh... Gut, mir geht es, glaube ich, soweit ganz gut“, dass mir alles irgendwie noch weh tat, vor allem mein Kopf, verschwieg ich geflissentlich, denn sonst würde ich wohl nie die Gelegenheit erhalten, all meine Fragen beantwortet zu bekommen.

„Dann schauen wir mal, was ihre Vitalwerte so zu sagen haben“, dabei griff sie zwischen Zeige- und Mittelfinger auf der einen und ihrem Daumen auf der anderen Seite nach meinem Handgelenk und sah dabei auf das filigrane Armband an ihrem anderen Arm.

„Ich... ich hätte da ein paar wichtige Fragen...“

„Das glaube ich Ihnen gern! Ich weiß nur nicht, ob ich die Antworten dafür alle habe. Aber ich werde mein Bestes versuchen“, sagte sie während sie sich etwas notierte.

„Könnten Sie mir vielleicht sagen, wer der Mann war, der mit mir am Unfallort gefunden wurde?“

Überrascht sah sie von dem dunklen Stück Stoff auf, den sie mir gerade um einen Oberarm legen wollte. „Heißt das,“ fragte sie nun wiederum mich, „Sie wissen nicht, wer der Mann war?“

Außer einem Kopfschütteln konnte ich darauf nichts sagen und so erzählte Schwester Libby weiter: „Wir hatten nämlich sehr darauf gehofft, dass Sie uns das sagen könnten. Denn er hat sich, nachdem er im Krankenwagen erstversorgt worden war, einfach unerlaubt von der Unfallstelle entfernt, bevor seine oder Ihre Personalien aufgenommen werden konnten. Was alles ungemein erschwert hat, da Sie keinerlei Papiere bei sich hatten. Aber das mit Ihren Personalien können wir ja wenigstens jetzt gleich erledigen“, freundlich lächelnd tätschelte sie dabei meine nicht verschnürte Hand. „Außerdem will die Polizei noch mit Ihnen sprechen, warum Sie beide überhaupt in der abgesperrten Burgruine waren. Jeder weiß doch, dass sie bei dem kleinsten Windhauch und der geringsten Erschütterung restlich einzustürzen droht. Habt ihr jungen Leute wieder mal nichts besseres mit eurer Zeit anzustellen gewusst, als eine Mutprobe zu veranstalten?“, eine vorwurfschwangere Resignation schwang deutlich in dieser letzten Frage mit.

Das konnte ich so auf keinen Fall stehen lassen. Das war nicht richtig, flüsterte die Stimme in meinem Kopf mir überzeugend zu. Und außerdem, was hieß hier denn „ihr jungen Leute“, sie sah auch nicht viel älter als Mitte Zwanzig aus und ich, ich war... Mist, wie alt war ich? Intensiv begann ich zu grübeln, musste dabei jedoch einen etwas verzweifelten Gesichtsausdruck aufgesetzt haben, denn nun sah mich die Schwester besorgt an.

Daher fühlte im mich genötigt, etwas zu antworten, mehr als, „Ich... ich weiß nicht...“, kam dabei jedoch nicht heraus.

Was sie jedoch auf ihre Aussage mit der Mutprobe zu beziehen schien, als sie schon wieder etwas freundlicher meinte, „Keine Angst, es wird schon alles wieder gut!“ Zuversichtlich nahm sie bei diesen Worten ein Stück Papier zur Hand und machte sich bereit etwas zu notieren. „Sollen wir erst mal Ihre Eltern verständigen, die werden sich eh schon zu Tode sorgen, nachdem Sie mittlerweile fast schon zwei Tage hier liegen und wir trotz polizeilicher Unterstützung und Einschaltung der Medien, nicht herausfinden konnten, wie Sie heißen“

„Ich... weiß nicht...“ und jetzt war ich wirklich vollkommen verzweifelt, Tränen stiegen in meine Augen, denn ich wusste einfach nichts, gar nichts. Nichts war da in meinem Kopf außer einer gähnenden, nichtssagenden Leere. Nicht einmal dieses nutzlose Flüstern konnte ich jetzt mehr hören. Komisch, dass ich auch die Frage nach meinem Namen, Alter, Herkunft, nach meinem ganzen Selbst auf die ellenlange Liste setzen müsste, war mir heute Nacht gar nicht in den Sinn gekommen. Dafür trafen sie mich jetzt um so härter.

„Wer bin ich?“, fragte ich mit tränenerstickter Stimme.

Kapitel 2