Sweet 21

Das Erbe der Sarah Godwell

Sweet 21

Ich weiß einfach nur genau, was es bedeutet“, hörte Sarah bereits die Stimme ihrer Mutter aus dem Wohnzimmer, bevor sie sie überhaupt sah. Schwungvoll öffnete sie die alte hölzerne Doppeltür und sah ihre Eltern mit einem Glas Rotwein in der Hand vor dem Kamin sitzen. Das heruntergebrannte Feuer sagte ihr, dass sie dort den ganzen Abend verbracht haben mussten. Ihre Mutter trug eine ihrer geliebten weiten Marlene Hosen und hatte die Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Da ihre Haare jedoch wie immer machten was sie wollten, hingen sie ihr an beiden Seiten ins Gesicht und verliehen ihr eher ein verträumtes Aussehen als ein strenges. Für Strenge war schon immer ihr Vater zuständig, was er auch jetzt wieder bewies.

„Wie siehst du denn wieder aus?“, entfuhr es ihm, als er Sarah mit offenem Mund anstarrte. „Deine Hosen? Und was ist mit deinen Haaren passiert?“

„Toll oder?“, erwiderte Sarah, „für die Party am Wochenende.“ Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und strahlte ihre Mutter an.

„Ich weiß du wirst 21, Liebes. Aber über deine Party müssen wir noch einmal reden, auch wenn dir die violetten Haare wirklich gut stehen.“ Ihre Mutter sah sie mit einem traurigen Lächeln an.

„Sie sind streichholzkurz und lila! Sie sieht aus wie eine Landstreicherin.“ Ihr Vater ereiferte sich mal wieder und Sarah verkniff sich ein Grinsen. Sie hatte sich, wie so oft, alle Mühe gegeben, die Geduld ihres Vaters auf eine harte Probe zu stellen. Ihre bisher schulterlangen dunkelbraunen Haare waren raspelkurz und gefärbt, ihre Beine steckten in zerfetzten Jeans und ein Ring zierte ihre Nase.

„Was hast du da überhaupt für ein Ding in der Nase?“ Bevor ihr Vater weiter ausholen konnte unterbrach Sarah ihn. „Ich bin noch auf eine Party eingeladen. Wartet nicht auf mich, wir feiern in meinen Geburtstag rein. Die große Party am Wochenende können wir ja dann morgen besprechen.“

„Es wird keine Party geben.“ Sarah nahm die Worte ihres Vaters nicht sehr ernst. Sie kannte ihn und wusste, wie er sein konnte, wenn er sich aufregte. Am nächsten Morgen sah seine Welt sicher wieder ganz anders aus und sie konnten endlich die riesige Party, die sie sich vorstellte planen. Schließlich waren es nur noch fünf Tage und es gab viel zu tun. Sie wollte, dass alle in der Stadt nur von ihrer Party sprachen.

Es war bereits Mittag, als Sarah am nächsten Tag die geräumige Küche betrat.

„Alles Gute zum Geburtstag mein Schatz“, flötete ihre Mutter für Sarahs aktuellen Zustand ein wenig zu hell.

„Du bist hier?“, war das erste was ihr dazu einfiel.

„Wenn meine Tochter Geburtstag hat, nehme ich mir frei, so wie jedes Jahr. Dein Vater ist übrigens auch zuhause. Er wartet nur darauf, dass du ausgeschlafen hast.“

„Es war eine lange Nacht“, brummte Sarah und sah sich in der Küche um.

Als ihre Mutter ihren Blick bemerkte lud sie ihr einen Teller mit Toast und Rührei voll und brachte ihn ihrer Tochter.

„Dein Lieblingsessen.“

„Danke. Was die Party betrifft. Können wir sie heute planen?“

„Das muss warten“, hörte Sarah eine Stimme in ihrem Rücken.

„Guten Morgen Dad. Aber wenn wir heute nicht anfangen zu planen bekommen wir nicht alles bis zum Wochenende. Es soll die Party der Stadt werden“ Missmutig stocherte Sarah mit ihrer Gabel im Essen herum. Warum konnten Eltern nie verstehen, dass so eine Party zu planen wirklich problematisch ist, wenn man mindestens für einen Monat das Gespräch der ganzen Stadt sein will.

„Die Party muss warten. Geh und pack einige Sachen ein.“

Klappernd fiel Sarah die Gabel aus der Hand und landete auf dem Fußboden. Ihre Mutter hob sie auf und brachte Sarah eine Neue.

„Wieso das?“ Mit einem Mal war sie hellwach.

Ihre Mutter setzte an, aber bevor sie etwas sagen konnte, antwortete ihr Vater bereits: „Das erfährst du noch früh genug. Pack dir einen Koffer mit deinen Lieblingssachen und ab zum Auto. Der Flieger wartet nicht ewig.“

„Eine Reise? Ihr schenkt mir eine Reise zum Geburtstag?“

Ihre Mutter nickte still, was eigentlich so gar nicht zu ihr passte. Normalerweise war sie ein weitaus größeres Plappermaul als Sarah selbst.

„Aber ich weiß doch nicht einmal, was ich einpacken soll. Badesachen bestimmt? Oder brauche ich dicke Wintersachen? Wehe ihr sendet mich auf so einen komischen Selbstfindungstrip irgendwo nach Asien ins nichts. Ich bin 21, ich muss etwas erleben.“

„Pack einige Pullover mit ein und eine Jacke“, antwortete ihr Vater knapp.

„Wenn ihr mich auf eine Skireise schickt, habt ihr hoffentlich auch an einen Kurs gedacht, ich bin seit acht Jahren nicht mehr Ski gefahren.“

„Nun geh und pack deine Sachen endlich. Du hast 30 Minuten Zeit.“

Kam es Sarah nur so vor oder wurde ihr Vater nervös. Egal! Eine Reise war ein perfektes Geburtstagsgeschenk und dafür durfte auch die Party noch eine oder zwei Wochen warten.

Sie aß schnell das restliche Rührei auf und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer, nicht ohne nebenbei ihren Freundinnen eine Nachricht zu schicken. Selbstverständlich mit aussagekräftigen Fotos.

Eine Stunde später, eine halbe Stunde war für Sarah einfach unmöglich um fertig zu werden, saßen sie im Auto. Auch hier war sie noch voll und ganz damit beschäftigt, allen von ihrem tollen Ausflug zu erzählen. Natürlich mit dem Versprechen, etwas ganz Besonderes für die Party mitzubringen.

„Sarah“, setzte ihre Mutter an. Doch irgendwie war ihr Vater heute wohl der nervöse Part ihrer Eltern, fiel er ihrer Mutter doch erneut ins Wort: „Hast du auch alles?“

Natürlich“, antwortete Sarah.

„Pullover?“

„Vier oder Fünf.“

„Das sollte wohl fürs erste reichen. Hast du auch an eine Zahnbürste gedacht?“

„Ich denke an meine Zahnbürste, seit ich fünf bin, Papa.“

„Gut, gut“, erwiderte er,“ und die Uni?“

„Ich nehme sicher nichts zum Lernen mit in den Urlaub! Die Prüfungen sind vorbei.“

„Das meinte ich nicht. Hast du dich für das nächste Semester zurückgemeldet?“

„Das wollte ich eigentlich diese Woche machen. Aber das geht auch problemlos per WLAN. Mach dir keine Gedanken. Das mach ich aus dem Urlaub. WLAN gibt es wohl überall auf der Welt.“

Als Sarah aus dem Fenster sah, merkte sie, dass sie aus der Stadt herausfuhren, der Flughafen lag jedoch am anderen Ende.

„Habt ihr keinen Flug für mich gebucht?“

„Du fliegst mit einer privaten Maschine.“

„Ich bin 21, Papa. Ihr müsst euch nicht ständig Sorgen um mich machen.“

Nach einem kurzen Blick aus dem Fenster fügte sie hinzu: „Außer ihr habt doch einen Selbstfindungstrip in irgendeinem komischen Kloster geplant, dann könnte es sein, dass ich meine Reise etwas umgestalte.“

Mittlerweile konnte Sarah den kleinen Flughafen in der Ferne sehen. Sie war mit ihren Eltern oft in der kleinen Privatmaschine geflogen und hatte es eigentlich immer sehr genossen. Keine schwitzenden Sitznachbarn, die den halben Flug Schnarchen oder beim Essen schmatzen. Sie hatte genug Platz, konnte so laut Musik hören wie sie wollte und die Minibar war stets gut gefüllt. Früher mit Süßigkeiten für sie, jetzt freute sie sich auch über den flüssigen Inhalt.

Ihr Vater hob ihren Koffer aus dem Auto, der bei jeder normalen Airline einen ordentlichen Aufschlag für Übergepäck erhalten hätte. Noch ein Vorteil. Ein weiterer kam da gerade über das Feld auf sie zu und sorgte dafür, dass ihr Gepäck verstaut wurde, ohne dass sie sich um irgendetwas kümmern müsste.

„Wir fliegen in zwölf Minuten“, rief er noch über die Schulter, bevor er mit Sarahs Gepäck beladen zum Flugzeug marschierte.

„Ich liebe dich mein Schatz. Pass gut auf dich auf.“ Ihre Mutter gab ihr einen Kuss auf die Stirn und Sarah sah die kleine Träne in ihren Augen ganz deutlich.

„Mama, in ein bis zwei Wochen bin ich zurück, du musstest schon viel länger auf mich verzichten. Ich schick dir Selfies, ok? Kein Grund zu weinen.“

„Pass auf dich auf“, sagte ihr Vater in seiner typisch kurz angebundenen Art und Sarah nickte ihm zu.

„Sieben Minuten“, dröhnte da die Stimme des Piloten vom Vorfeld.

„Ich muss dann langsam,“ sagte Sarah in Richtung ihrer Mutter. Aber zu ihrer Verwunderung nahm ihr Vater sie kurz in die Arme. Der Moment dauerte nur einen Wimpernschlag, so dass Sarah im ersten Moment überlegte, ob sie sich das nur eingebildet hatte.

„Sarah“, setzte ihre Mutter an und warf einen kurzen Blick auf Oliver, ihren Mann.

„Hier sind deine Reiseunterlagen.“ Ihre Stimme wurde leiser und Sarah lachte.

„Ich bin doch bald wieder da, Mama. Was bist du denn so bedrückt? Es war doch eure Idee mir den Urlaub zu schenken. Steht da auch alles zu meiner Rückreise drin? Bleibt der Pilot die ganze Zeit bei mir?“ Sarah bekam große Augen. „Kann ich ihn vielleicht die ganze Zeit nutzen und fliegen wohin ich will?“

„Der Pilot, Ian Delling, bringt dich nur zu deinem Ziel und muss dann wieder los.“

Bevor Sarah weitere Fragen stellen konnte, fügte er hinzu: „Alles andere steht in den Unterlagen, du musst jetzt los. Der Pilot wird schon nervös.“

Sarah umarmte ihre Mutter stürmisch und gab ihrem Vater noch einen Kuss auf die Wange, bevor sie in das Flugzeug stieg und sich umsah. Aus dem Fenster sah sie, wie ihr Vater liebevoll seinen Arm um ihre Mutter legte und sie zum Auto gingen.

Dann hörte sie bereits die Durchsage des Piloten, dass sie anschnallen und ihr Handy ausstellen sollte. Sarah warf den Umschlag auf den Tisch, lehnte sich in ihrem Sitz zurück und lächelte in sich hinein. Das würde ein toller Urlaub werden und die Party danach würde noch grandioser. Irgendetwas ganz besonderes für die Feier würde sie aus dem Urlaub mitbringen müssen. Sie würde das Gespräch der Stadt sein.


Ein ganz besonderes Geschenk