Prolog

Königsstern #schreibmitdarkdiamonds

Prolog

»Die dunklen Schwingen der Raben streifen über unsere Lande und hinterlassen nichts als Verwüstung, mein König. Es ist an der Zeit, Maßnahmen zu ergreifen und das Unausweichliche einzuläuten.«
Stille kroch in alle Winkel des Raumes und machte das Atmen schwer wie der Dampf einer heißen Quelle. Anspannung und Sorge lag in den Gesichtern der Anwesenden, die auf eine Entscheidung ihres Oberhaupts warteten.
»Wer brachte diese Kunde?«, fragte die Königsmutter mit einem Seitenblick auf ihren Sohn. Sechzehn treue Männer und Frauen saßen mit ihnen um die steinerne Tafel. Eingravierte Linien führten vom Mittelpunkt der Platte zum Sitz des Königs und acht unbesetzten Plätzen. Seit Sonnenuntergang beriet die Runde besorgniserregende Vorfälle im Königreich Uthram.
Nortrak, der seit Jahren die Kampfausbildung im Lande leitete, ergriff zögernd das Wort. »Drei Monde ist es her, dass die Bauern des Westlandes angsterfüllt von umherstreifenden Kreaturen und dunklen Schwingen berichteten. Ich sah die Angst in ihren Augen und hörte das Zittern ihrer Stimmen. Sie zeigten uns verwüstete Felder und niedergerissene Bäume. Der Gestank von Verwesung verpestete die Luft und kein Leben fand sich mehr in den Flüssen.« Mehrere Anwesende sogen scharf Luft ein, während andere wie gebannt auf die eingravierten Linien starrten.
»Gibt es weitere solcher Vorkommnisse? Berichte der Nachbarländer?« Das Gesicht der Königsmutter glich der weißgekalkten Wand hinter ihr. Alle wussten, dass die rund um Uthram verlaufenden, dichten Wälder die friedlich gesinnten Nachbarländer davon abhielt, Versammlungen beizuwohnen. Schauergeschichten und furchteinflößende Märchen rankten sich um die Bäume, Klammen und Wasserfälle knapp außerhalb des Königsgebietes. Sie zählten zu unbewohnbarem Land und gehörten keinem Königreich an.
»Weiter im Norden macht sich ein Flüstern über Ähnliches breit. Mehrere Familien verließen ihre Gehöfte und suchten in den umliegenden Städten im Landesinneren Zuflucht. Die Lage spitzt sich zu. Ich kenne die Anzeichen und bin nicht der Einzige, der im letzten Krieg Seite an Seite mit unserem verstorbenen König kämpfte.« Abrayas Stimme klang trotz seines Alters so klar wie das Plätschern einer Bergquelle. »Die Entscheidung obliegt nicht mir, sondern dem Höchsten des Landes. Aber wenn ich meine Meinung kundgeben darf?«, er wartete auf ein zustimmendes Nicken, »So bitte ich, dieses Mal die Zeichen nicht zu übersehen. Die Bedrohung zieht auf! Der Feind vergiftet unsere Flüsse und plündert die Grenzländer! Lasst uns nicht zu lange zusehen und auf eine Besserung der Lage hoffen! Dieses Mal sollten wir vorbereitet sein!«
Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Runde, begleitet von Nicken und nach Bestätigung suchenden Blicken anderer Ratsmitglieder.
Mit steinerner Mine erhob sich der König, womit alle verstummten. Die Jugend war aus seinen Zügen verschwunden und Entschlossenheit spiegelte sich in seinen Augen. Er blickte alle Anwesenden der Reihe nach an, bevor er seine Entscheidung verkündete.
»Lange Jahre der Waffenruhe liegen hinter uns«, sprach er ruhig. »Doch der Feind rückt zusammen, um sich das zu holen, was er das letzte Mal nicht bekommen hat – unser Königreich! Deshalb rufe ich die Acht zu mir, die die leeren Plätze dieses Saals füllen sollen! Als von den Göttern Auserwählte werden sie gemeinsam mit meinem Blut den Stern unseres Volkes neu erstrahlen lassen. Wir werden nicht nur unser Land verteidigen, sondern auch zurückholen, was man uns vor vielen Jahren raubte!«
Ein Jubeln ging durch die Menge und entschlossene Blicke begegneten sich. Man spürte förmlich, wie die Anwesenden begannen die kommenden Schritte zu planen. Der König lächelte und wandte sich seiner Mutter zu, die erschrocken und betreten zugleich zur Seite blickte.
»Darauf sollten wir trinken!«, rief Nortrak aus und holte eine Flasche mit durchsichtiger Flüssigkeit aus seinem Lederrucksack. »Bester Brand aus meinem eigenen Garten. Auf unseren Sieg!« Erneut jubelte die Menge und er nahm den ersten Schluck, bevor er sie dem König übergab, so wie es seit Generationen im Königreich gehandhabt wurde. Noch während dieser trank, entfernte sich seine Mutter aus dem Versammlungsraum. Der junge König reichte das Getränk an seinen rechten Sitznachbarn weiter und setzte sich wieder. Sobald der erste Durst der Runde gestillt war, verlegte er die Versammlung in die oberen Stockwerke des Palastes und beauftragte den Kellermeister damit, den besten Wein zu kredenzen. Doch bevor er sich zu den anderen setzte, suchte er seine Mutter in ihren Gemächern auf.
»Ich wusste, dass du kommen würdest«, sagte sie mit leiser Stimme, ohne sich ihrem Sohn zuzuwenden. Sie stand am Fenster, den Blick der dunklen Nacht zugewandt.
»Du weißt, weshalb?«, fragte er und gesellte sich an ihre Seite.
Sie nickte. Ein lauer Wind spielte mit ihren offenen Haaren und als sie ihn anblickte, erkannte er Hilflosigkeit und Kummer darin.
»Du möchtest diesen Krieg nicht«, stellte er fest. »Er reißt zu viele alte Wunden auf. Das Ableben meines Vaters. Die vielen Toten. Der Wiederaufbau des Reiches.«
Die Königsmutter atmete tief durch, presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht.«
Er runzelte die Stirn. »Was ist es dann, das deinem Herzen solche Sorgen bereitet?«
»Amira.«
Er erstarrte. Amira. Wenige Monate nach dem Ende des Krieges und dem Ableben ihrer Eltern war sie spurlos verschwunden. Seine beste Freundin, die bis dorthin Schritt für Schritt mit ihm durchs Leben gegangen war. Alle grundlegenden Ausbildungen hatten sie in ihren Kindertagen gemeinsam mit den anderen Sternträgern absolviert. Viele Jahre hatte er mit der Suche nach ihr verbracht und dabei die entlegensten Winkel seines Königreiches mit dem Pferd bereist, zumeist inkognito und ohne lästige Wachen. Das brachte ihm zwar die Liebe und Achtung seines Volkes, doch Amira blieb unauffindbar. Irgendwann hatte er sich damit abgefunden, dass sie in den Weiten des Königreichs eine ruhige Zufluchtsstätte gefunden hatte und wiederkommen würde, wenn ihr Königreich sie brauchte.
»Sie wird dem Ruf folgen, der über die Lande verbreitet wird und sich wie die anderen im Palast einfinden«, sagte er ohne sich sicher zu sein, ob er damit mehr sich selbst oder seine Mutter beruhigen wollte.
»Das wird sie nicht.«
Die Worte trafen ihn wie einen Tritt in die Magengrube. »Wie? Woher?« Unkontrolliert sprudelten die Fragen aus seinem Mund während ein Kribbeln seinen ganzen Körper durchfuhr.
»Sie ist nicht hier.« Die Worte seiner Mutter klangen klar und endgültig. Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, bis sie sich ihrem Sohn zuwandte. »Sie wird den Ruf nicht hören.«
»Was soll das heißen?« Plötzlicher Zorn wallte in ihm hoch und er ballte die Hände zu Fäusten. Es fühlte sich an, als würden alle Gefühle der Verzweiflung und des Schmerzes über ihre Abwesenheit auf einmal hochkochen und sich einen Weg in die Freiheit suchen. Zu lange waren sie in seinem Innersten, versteckt in den Schubladen und Truhen seines Unterbewusstseins, im Verborgenen gelegen.
Die Königsmutter sprach jedes Wort betont ruhig, als sie fortfuhr: »Sie ist in einer anderen Welt.«
Mit wutverzerrtem Gesicht starrte er sie an, kämpfte mit der Beherrschung und suchte nach Worten. Nichts konnte beschreiben, was in ihm vorging. »Wann kommt sie wieder?« Die Worte kamen gepresst zwischen seinen Lippen hervor. Die Kieferknochen mahlten und er musterte sie mit den Augen eines Henkers.
»Aus eigener Kraft? Niemals.«
Ein Gefühl der Leere und Kälte ergriff sein Herz. Die bösen Geister seiner Vergangenheit eilten herbei und ergötzten sich an seiner Angst, schnitten alte Wunden auf und zerrten an dem Gerüst der Sicherheit, das er mühevoll in den vergangenen Jahren um sich herum aufgebaut hatte.
Der junge König setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand. Bleich starrte er auf die reich verzierten Tapeten. Sein leerer Blick folgte den dunkelgrünen Linien, als suche er Halt in ihnen. »Wieso?« Die Hände in die offenen Handflächen legend wirkte er wie ein kleiner, hilfloser Junge.
»Erinnerst du dich an das Begräbnis ihrer Eltern?«, fragte seine Mutter. Er nickte. Die Bilder des Krieges ruhten eingebrannt auf seiner Seele und bescherten ihm nach wie vor so manch schlaflose Nacht. »Amira kam in einer Vollmondnacht zu mir, vollkommen aufgelöst und wie gelähmt von Trauer und Schmerz. Sie bat mich um meine Hilfe und ich bot ihr lindernde Kräuter an. Doch das war es nicht, was sie sich erhoffte. Sie wollte fort. In diesem Moment. Ich erklärte ihr die Risiken und alles, was ihr auf dieser Reise geschehen konnte. Doch sie ließ sich nicht abbringen.
»Woher wusste sie, dass du ihr das erfüllen kannst?«
»Vermutlich durch ihre Mutter. Sie war eine meiner engsten Vertrauten, genauso wie ihr Vater einer deines Vaters war.«
»Und du bist ihrem Wunsch nachgekommen«, flüsterte ihr Sohn. Ein bitterer Geschmack legte sich auf seine Zunge. »Ohne mich danach zu fragen, hast du sie fortgeschickt und mir nie etwas davon gesagt.« Sein kalter Blick traf die Königsmutter wie ein Pfeil.
»Sie wollte es so«, war das Einzige, was sie zu ihrer Verteidigung sagte.
»Dann hol sie zurück!« Ein Flehen erklang in seiner Stimme.
»Ich weiß nicht, was geschieht, wenn ich das jetzt tue.« Ihre Worte legten sich sanft um seine Schultern, wie ein Schleier aus Geborgenheit und Liebe.
»Ohne sie ist dieser Krieg verloren. Der Stern erstrahlt nur, wenn die Acht vollständig sind!« Hilflos blickte er in ihre Augen.
Seine Mutter nickte. »Ohne Amira wird die Dunkelheit über unser Königreich herfallen wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe.«
Wortlos erhob sich der junge König von seinem Stuhl und ging in Richtung Türe. »Du musst sie finden«, waren seine letzten Worte, bevor er ihre Gemächer verließ. Als das Türschloss hinter ihm klackte, atmete er tief durch und machte sich auf, um mit Nortrak und den anderen die ersten Schritte des bevorstehenden Krieges zu planen.

Kapitel 1