1. Erinnerungen

Ikai - Red Demon #schreibmitdarkdiamonds

1. Erinnerungen

Spinnenbeinige Finger tippelten über Holz und schnappten den schmalen Dolch. Wirbelnd wie ein Kreisel flirrte er durch Mondstrahlen. Schnipp schnapp, klatschten Silberkleckse auf angenagte Stoffbahnen. Als der Mann den Arm in die Höhe riss, roch es wie in Omas altem Haus – nach Mottenkugeln und Staub. Da war sogar eine Motte! Sie schlüpfte hinten aus seinem Kragen und floh wild zappelnd aus der Dunkelheit des Marktstandes, in dem er stand.

Ritsch, die Klinge durchschnitt sie. Nur ihre kaputten Flügelchen schwebten herab und landeten auf Alices Nase. Vom unerwarteten Kitzeln überfallen nieste sie stark. Fast rutschte ihr der kandierten Apfel aus den Händen.

Halt, halt, halt! Bleib da!

Gerade noch bevor er auf die sandigen Steinplatten fallen konnte, krallte sie die Finger um den schmalen Stil und zog ihn zurück. Wollte sie zumindest.

Ach, wie doof. Der klebrige Guss war an den Stoff ihres Kimonos geraten. Ziehend und wedelnd pflückte sie ihn ab und stierte missmutig auf die kleinen Stofffusseln, die sich nun darauf festgepappt hatten.

Blöde Flusenpanade, mein schöner Apfel!

Jemand kicherte. Alices Blick zuckte zur Seite und suchte die gewaltige Front hochgewachsener Straßenfestbesucher nach dem Lästermaul ab. Doch da war keiner zu sehen, der Alice beachtete und wegen ihr gelacht haben könnte. Scheinbar hatte überhaupt niemand Augen für sie. Statt dessen waren die meisten bleichen Besucher mit ihren viel zu langen Gliedmaßen oder verzerrt wirkenden Proportionen nur an den Ständen und deren Waren interessiert. Im schwach goldenen Schein der Laternen waren die Umrisse viel undeutlicher als gewohnt. Und so manch eine Gestalt schien zu verschwimmen. Oder verschmolz sie einfach mit der Umgebung?

Unschlüssig tippelte sie auf der Stelle. Wo war Shiro eigentlich? Seit sie dem Verkäufer zugesehen hatte, war er irgendwie weg.

Immer läuft er weg! Mürrisch schob sie die Unterlippe vor und durchkämmte weiter die anwesenden Besucher. Da! Eine Frau mit Haaren bis zum Boden zupfte eine schmale Haarnadel aus einem Becher mit Haarschmuck, betrachtete sie kurz und strich mit der Spitze über ihre Lippen. Sofort quoll Blut hervor. Mit einem leisen »Plopp« schloss und öffnete sie fix den Mund und färbte ihn dunkelrot ein. Kichernd bot sie dem Verkäufer ein mit Blättern umwickeltes Päckchen an und steckte die Nadel weg. Danach tauchte sie wie eine Schlange in die Menge ein, wirkte dabei wie ein dahinströmender Fluss, dabei hinterließ sie einen rot schimmernden Nebel. Seltsam. Wenige Schritte davon entfernt stand ein dicker Mann mit Stierkopf und blökte einen Schirm auf einem Bein an, der ihn aus seinem einzigen Auge vorwurfsvoll anstarrte. Eine breite Öffnung klaffte darunter, aus der immer wieder eine große Zunge hervor schnalzte und dabei wie ein nasser Waschlappen klatschte. Knapp daneben ging ein winziger Junge vorbei, der den meisten gerade mal bis zum Knie reichte und somit sogar kleiner war als Alice. Auf dem Kopf wippten lange Hasenohren und er hopste von einem Stand zum nächsten. An einem blieb er schließlich stehen und zog aus den Ärmeln seines Kimonos eine zartrosa leuchtende Kugel. Der Verkäufer nahm das niedliche Etwas mit einem aufgedruckten Hasengesichtchen und übergab seinerseits ein dampfendes Gebäck in Fischform zurück.

Sie tauschten! Langohr drehte sich mit seiner Errungenschaft um und entdeckte Alice. Einige Augenblicke starrte er sie an, schien zu bemerken, dass sie die unbekannte Backware anstierte und biss genüsslich einen großen Happs davon ab. Wie ein Kamel schmatzte er das Stück, während sein Blick an ihr hing.

Der wollte sie ärgern! Eindeutig. Diese kleine Ratte.

Na warte, ich kann mir auch was ertauschen.

Neugierig suchte Alice die umstehenden Buden ab. Zuckerwatte! Perfekt!

Während sie loslief und ihre Getas über die steinernen Platten klackten, sah sie aus den Augenwinkeln erneut die reflektierenden Lichtschmetterlinge, die sie begleiteten. Alice grinste und konnte nicht widerstehen einen aufzufangen, indem sie mit den Fingern nach der Spiegelung griff. Wirbelnd tanzte sie umher, ignorierte, dass sie sich fast in dem Gewand eines anderen Besuchers verhedderte und hopste weiter ihrem fluffigen Ziel aus süßem Zuckernebel entgegen.

Da stieß sie mit der dicken hölzernen Sohle gegen eine Unebenheit. Vor Schreck fiepte sie wie ein panisches Meerschweinchen auf, doch da kippte auch schon die Welt um sie herum. Das Letzte, was sie erkennen konnte, war die Zuckerwatte, die der Mann aus wolkenhaften Fäden zu einem seidigen Zuckertraum spann. Dann zerschmolz ihre Umgebung und verwandelte Stände und Gestalten in einen Strudel, nur durchbrochen vom Schein bunter Lampions. Bestimmt riss die Kette, an der die zahllosen Laternen befestigt waren, so nervös wie die Lichter um sie hüpften. Umstehende Schemen beugten sich in alle Richtungen und verzogen sich in dem Wirbel aus chaotischen Farben. Irgendwo war ein Auge, das durch einen rötlich schimmernden, haarigen Schleier schielte und geisterhaft zerfließende Hände huschten an ihr vorbei.

Schmerzhaft übersprang ihr Herz einen Schlag, als sie wild wedelnd dem Boden entgegen segelte. Ihren eigenen panischen Schrei in den Ohren wappnete sich ihr Körper automatisch gegen den kommenden Aufprall.

Mein Apfel!, durchfuhr es Alice, dann prallte sie gegen … Holz? Verwirrt öffnete sie die Augen. Was war passiert? Im ersten Moment hatte sie Schwierigkeiten einen klaren Gedanken zu fassen. Dann wurde es auch nicht besser, als ihre Gefühle Karussell fuhren und sie nicht entscheiden konnte, was schlimmer war: Der Umstand, dass sie nicht auf einem steinernen Grund, irgendwo bei Dämmerung zwischen zahllosen Beinen lag oder dass sie den Apfel vermisste, der trotz seines Fusseltopping ihre Lust auf Süßes angestachelt hatte. Nur langsam fand sie ins Jetzt zurück, und das war der Bahnhof von Nagano am späten Nachmittag. Um sie herum wuselten etliche Japaner in Alltagskleidung. Keine Kimonos, keine unnatürlichen Körperformen, auch keine Marktstände, sondern lediglich die kühle, moderne Aufmachung des Stationgebäudes.

In ihrem Kopf dröhnte es, als hätte sich dort ein Hornissennest einquartiert. Nannte man das einen Jetlag? Vermutlich. Es wäre schließlich kein Wunder nach dem ewig langen Flug von England nach Japan und der abenteuerlichen Odyssee durch japanische Fernbahnennetze. Noch etwas benommen rappelte sie sich auf und schaute sich um. War dort hinten ein weißes Kaninchen in den Kiosk gerannt, oder überpinselten die letzten Schwaden ihres Tagtraums die Realität?

Weiße Karnickel an Naganos Bahnhof, klar. Jetzt hör auf zu spinnen!

Orientierungslos sprang ihr Blick umher, suchte eine Uhr, während sie sich wieder ordentlich auf die Bank setzte, auf die sie seitlich gekippt war.

»Traum«, murmelte sie und ohne ihr Zutun huschten ihre Gedanken zurück zu den bizarren Bildern. Nein, es war nicht einfach ein Traum gewesen. Es war mehr wie eine Erinnerung. Wirklich? Ein Mann mit Stierkopf, ein redender Papierschirm, das freche Langohr und andere komische Gestalten konnten unmöglich eine Erinnerung sein. Wie alt war sie gewesen? Sechs, maximal.

»Du bist sowas von durch«, sagte sie zu sich selbst und rieb sich über die Stirn. Bestimmt vermischten sich einige Details aus Filmen und Serien mit dunklen Kindheitserinnerungen. Immerhin hatte sie die ersten sechs oder sieben Jahre mit ihren Eltern in Japan gewohnt, war sogar hier geboren. Erst danach waren sie zurück in Papas Heimatstadt nach England, wo Alice weiter aufgewachsen war.

England. Ein Seufzen entglitt ihr. Die Zeit dort war erst einmal vorbei. Sie hob den Blick. Über ihr zeigte ein gewaltiger Monitor unentwegt Szenen diverser Sehenswürdigkeiten der Region: einen Park, eine traditionelle Herberge in den Bergen mit Onsen, ein hergerichteter Tempel und schließlich ein Straßenfest. Junge Mädchen zogen lächelnd in ihren kunstvoll gewickelten Kimonos zwischen den Buden umher. Essensstände wechselten sich mit Spielbuden ab. Männer in sommerlichen Yukatas lachten und Kinder hatten ihren Spaß beim Goldfischfangen.

Süß, aber irgendwie langweilig, stieg der Gedanke in ihr auf, da sie automatisch die Werbeszenen mit ihrem erträumten Markt verglich. Alles hatte dort anders gewirkt. Nicht nur die obskuren Besucher, die ein Produkt ihrer Fantasie sein mussten, auch die vielen angebotenen Waren und Snacks waren nicht so alltäglich erschienen. Alice glaubte, sich zu erinnern, dass der Apfel leuchtender gewesen war, die Glasur wie Sirup ohne dabei zu tropfen. Das Bild der Zuckerwatte im Kopf war sie überzeugt, dass diese mehr wie eine wogende Wolke gewesen war und weniger Festigkeit besessen hatte. Auch das Taiyaki, – inzwischen kannte sie da Gebäck – das dieses kleine, fiese Langohr sich geschnappt und vor ihren Augen verspeist hatte, hatte mehr geglänzt, als sie es gewohnt war. Eigentlich hätte sie mit ihm tauschen sollen; den Fusselapfel gegen sein Fischtaiyaki. Sicher hätte er dann nicht mehr ganz so genüsslich geschmatzt, sondern sich die Flusen aus den Zähnen geklaubt.

Verdammt jetzt will ich Jahrmarktnaschkram.

Sehnsüchtig schaute sie ihre Finger an als hielte sie noch den Stil mit der kandierten Frucht. Wer hatte ihr den überhaupt gekauft? Papa? Nein, jemand anderes. Oder hatte ihn ihr ein Verkäufer geschenkt? Aber irgendwer musste dabei gewesen sein. Vielleicht war auch Langohr ihr Begleiter gewesen. Dieser Lausejunge kam ihr merkwürdig bekannt vor.

War er Shiro? So sehr ihr Gehirn auch durchforstete, wollten ihr die Details einfach nicht genauer einfallen. Den Namen kannte sie, aber zu wem hatte er nur gehört? Eigentlich verband sie damit eher irgendetwas … flauschiges. Weich, weiß, verdammt, wer oder was hatte denn so geheißen?

Jetzt hör endlich auf, schalt sie sich selbst und schüttelte entschieden den Kopf. Wahrscheinlich war alles von vorne bis hinten ein Traum gewesen, darum ergab es an manchen Stellen keinen Sinn.

Sie schnaufte und schob die Unterlippe etwas vor. Kein Wunder, hielten sie viele für spleenig, wenn sie auf so unheimliches Zeug stand.

Wann kam Hayato denn endlich?

Müde lehnte sie sich zurück und beobachtete unter halb geschlossenen Lidern die emsigen Passanten. Immerhin hatte sie den Weg bis hierher geschafft. Das war gar nicht so einfach gewesen wie gedacht. Und auch wenn die Japaner stets sehr freundlich reagiert hatten, so waren die meisten Reaktionen mäßig hilfreich gewesen. Bereits in Tokyo hatte es angefangen, als sie zu den Bahnstiegen wollte. Alice hatte generell keine Scheu sich durchzufragen. Das Problem war jedoch, dass einige Japaner in holprigem Englisch geantwortet hatten, obwohl sie diese extra in deren Landessprache angequatscht hatte. Das war nett, klar. Aber manchmal auch verdammt anstrengend aus dem starken Akzent und verkrüppelter Grammatik den eigentlichen Inhalt herauszuhören. Bei anderen, gerade älteren, hatte sie Angst gehabt, die würden augenblicklich vor Schreck umkippen, weil sie angesprochen wurden. Gelächelt hatte jeder, aber das wilde Fuchteln und dauerhafte Verbeugen, während sie wie ein gehetztes Tier nach dem Schaffner Ausschau gehalten hatten, hatten Bände gesprochen. Rückblickend war es wirklich erstaunlich, dass sie es bis hierher geschafft hatte.

Hätte ich mal besser aufgepasst, als ich mit meinen Eltern hier war. Sofort schnürte ein Kloß ihren Hals zu. Sieben Monate, so lange war es her, dass Mama und Papa …

»Alice«, unterbrache eine ihr wohlbekannte Stimme ihre Gedanken und sie riss die Augen auf. Den Blick noch getrübt blinzelte sie ein paar Mal den Nebel ihrer Tagträumerei weg und mit jedem Lidschlag gewann die Realität wieder an Festigkeit. Als würde jemand die Schärfelinse einer Kamera einstellen schälte sich die vertraute Gestalt ihres Paten Hayato aus der Umgebung heraus. Ungewöhnlich groß für einen Japaner, kam er mit weit ausgreifenden Schritten auf sie zu, ohne dabei Hast oder Unruhe auszustrahlen. Auch wenn das Hemd seinen Körperbau eher kaschierte und ihn fast schon schmächtig wirken ließ, wusste Alice, dass dieser Schein mehr als trügte. Selbst vor wenigen Jahren hatte er sie immer noch spielerisch über die Schulter geworfen und herumgetragen, als wäre sie nicht schwerer als ein Sack Federn.

Hayato kam heran, begutachtete sie aus seinen manchmal golden schimmernden Augen und nickte nur knapp. Beiläufig strich er sich durch sein graues, kinnlanges Haar, das durch die Bewegung leicht wie Spinnweben flatterte. Sie allein waren die einzig sichtbaren Zeugen seines höheren Alters, denn sonstige Altersspuren weigerten sich konsequent, bei ihm Fuß zu fassen.

Wie alt war er überhaupt? Den Kopf schief gelegt musterte sie ihn ihrerseits; seinen schmalen Kiefer, die spitze Nase. Eigentlich verwies wenig an seinem Aussehen auf japanische Wurzeln, außer vielleicht die Form seiner Augen.

So lange sie sich erinnern konnte war er stets im Haus ihrer Eltern gewesen und hatte sich seit damals auch kein bisschen verändert. Verdammt, das hieß, dass er bestimmt schon um die vierzig war. Dann wiederum, so grau wie er bereits war, konnte er auch gut auf die fünfzig zugehen.

»Was … ist los?« Jetzt mischte sich Sorge in seinen Blick und ihr wurde bewusst, dass sie ihn mit aufgerissenen Augen angestarrt hatte.

»Nichts«, grinste sie.

»Nichts«, wiederholte er und seine Miene verwandelte sich zu einer Kopie einer bekannten mürrischen Internetstar-Katze. »Darum starrst du mich auch an wie ein panisches Eichhörnchen, dem die Nuss geklaut wurde.«

»Ich bin kein … panisches Eichhörnchen.« Jetzt nahm auch sie den pampigen Ausdruck an. Jedoch nicht für lange, denn im nächsten Augenblick sprang sie voller Elan von der Bank auf. Erschrocken zuckte Hayato vor, als wollte er nach ihr greifen. »Ich kipp schon nicht um.« Aus schmalen Augen schielte sie auf ihn hinab. Dass er immer bei allem so sehr den Aufpasser mimen musste.

»J…ja«, murmelte er. »Das kann man sich bei dir allerdings nie sicher sein.«

»Na danke.«

»Wie war dein Flug?«, wechselte er das Thema, schaute sich um und schnappte sich ihre Koffer, bevor sich Alice auch nur danach bücken konnte.

»Lang.«

Die folgende Stille zeigte an, dass er offensichtlich eine andere Antwort erwartet hatte, und ließ sie schelmisch grinsen.

»Hast du gut hergefunden? Oder dich wieder zig mal verlaufen?« Am Zucken seiner Mundwinkel erriet sie die Schadenfreude, die in ihm aufstieg. War ihm also klar wie schwierig es hier als Ausländer sein konnte den Weg zu finden? Natürlich war es das. Schließlich hatte er ihr sogar vorgeschlagen ihr ein Langstreckentaxi zu organisieren. Hätte sie sein Angebot doch nur angenommen. Aber nein, ihr Teenagerstolz hatte sie davon abgehalten. Vor allem nachdem sie schon zuvor mit ihren Eltern hier gewesen war, hatte sie geglaubt es wäre alles gar nicht so kompliziert. Pustekuchen!

»Hat hervorragend geklappt«, erwiderte sie, bemüht sich ihre späte Erkenntnis nicht anmerken zu lassen, und streckte die Nase in die Luft. Oh nein, sie würde ihm gegenüber nicht eingestehen, dass er mit seinen Warnungen Recht gehabt hatte. Niemals! Wer weiß, wie lange sie sich das sonst von ihm anhören konnte. Hinter sich hörte sie ihn nachkommen. Trotz der Last, die er trug weiterhin in ruhigem Gang und offensichtlich nicht im mindesten angestrengt. Etwas neidisch warf sie einen Blick über die Schulter zu ihm zurück. Sie hatte sich an den beiden Koffern, die ihre restlichen Habe fassten, fast den Rücken ausgerenkt.

»Bist du erschöpft und willst erst mal nach Hause? Hast du Hunger?«

Hunger! Ihr Magen kam ihr knurrend mit der Antwort zuvor. Kein Wunder, immerhin war ihr Proviant bereits in Tokyo zur Neige gegangen, genau wie ihr nötiges Kleingeld. So hatte sie ihre letzten Yen für alle Fälle aufgespart und den Snackwagen im Zug nur traurig hinterhergesehen.

»Ich hab schon eingekauft und auch den Reis vorbereitet.« Da! Erneut das wissende Grinsen begleitet von dem schelmischen Funkeln in seinen wölfischen Augen, beides unzweifelhafte Indizien, dass er genau das erwartet hatte und in ihrem Gesicht las, dass er mit seiner Annahme richtig lag.

»Hast du auch was Leckeres gekauft?«

»Definiere lecker.«

»Süß«, gab sie mit großen Augen zurück, als sie sich im Gehen tänzelnd einmal drehte und die nächsten Schritte rückwärts laufend weiterging. Offensichtlich arbeitet es hinter seiner Stirn, derweil gefror seine Mimik und sie ahnte die Antwort bereits: Dass er vermutlich hauptsächlich irgendwelches Gemüse und sonstigen langweiligen Kram besorgt hatte.

»Ich habe … Saft.«

»Saft.« Ernsthaft? Das war alles? Das konnte anstrengend werden.

»Was ist auszusetzen an Saft?«

»Nichts, aber …« Sie drehte sich wieder um und zielgenau wie ein Hund der Drogenfahndung erhaschte ihr Blick durch das Fenster eines Kiosk dessen Süßwarenauslage und klebte daran wie Fussel an einem Lutscher. »Da! Ich meinte eher sowas.«

Stille. Hayato starrte einige Sekunden regungslos auf das Sortiment bunter Leckereien und ihm war anzusehen, wie er nach Argumenten suchte, die einen Teenager überzeugen würden, sich gesünder zu ernähren. Kurz darauf erschien der erst leichte dann sich verdichtende Schatten von Resignation.

»Wir können wohl … eine Kleinigkeit … kau…« den Rest bekam Alice nicht mehr mit. Schwupps war sie schon ins Ladeninnere gehuscht und kaschte sich freudestrahlend Traubenbonbos und rotbackige Apfeltäschchen, Orangenbiskuits und etliche Fruchtlollipos. Bei den Hasenmochis hielt sie inne. Die aufgedruckten Öhrchen riefen ihr kurz wieder das Langohr in Erinnerung und energisch packte sie eines der Päckchen ein. Da! Sogar ihre geliebten, handgemachten Apfelbonbons waren dabei. Kein Wunder, denn Nagano war bekannt dafür das größte Apfelanbaugebiet des Landes zu sein. Darum fand sich viel aus besagter Frucht und auch das Maskottchen der Gegend war ein pummeliger, pausbackiger Apfel, der einen aus fast jeder Ecke des Souvenierladens angrinste. Fix schnappte sie zwei der niedlichen Anhänger und tippelte vergnügt weiter, bis zur Kasse, wo sie die Ausbeute ihrer Jagd auf dem viel zu kleinen Platz auftürmte. Den Verkäufer ließ das umfangreiche Süßkramsammelsurium zwar kalt, Hayato jedoch stand das Entsetzen wie eine Leuchtreklame ins Gesicht gestempelt.

»Was …« Als er einen der breit grinsenden Stoffäpfel mit spitzen Fingern auffischte, verzogen sich seine Gesichtsmuskeln als würde er ein eklig voll geschneuztes Papiertaschentuch vom Boden einer Mülltonne klauben. »Warum um alles in der Welt brauchst du zwei?«

»Eins ist für dich, als Dankeschön«, entgegnete sie mit dem zuckersüßesten Grinsen, das sie in ihrer Schadenfreude aufzusetzen imstande war. »Du kannst es immer an deinem Schlüsselbund tragen und vergisst so nie, wie glücklich du mich heute gemacht hast.«

Wie zu Stein erstarrte stierte Hayato sie einen Herzschlag lang an. Nervös pochte es an seiner linken Augenbraue, ein klares Indiz, dass er mit einem derartigen Angriff nicht gerechnet hatte. Auch seine Finger krampften und sie bemerkte, dass sich einige Muskeln, vor allem um Schulter und Hals, vor Anspannung zusammenzogen. Doch die ihm eigene japanische Höflichkeit untersagte es ihm, ihr Geschenk abzulehnen. Alice wusste das und klimperte einige weitere Male mit den Augen.

»Hast du überhaupt genug Geld dabei?« Scheinbar suchte er eine Ausrede, die ihn davor bewahren würde zukünftig mit dem peinlichen Anhänger gesehen zu werden.

Ha! Denkste! Ohne viel Federlesens, zupfte sie die zwei Pummeläpfel aus dem schiefen Turm zu Naschhausen und grinste noch breiter. Sie hatte gewusst, dass der zurückgehaltene Notgroschen noch gebraucht werden würde. »Dafür reicht es. Kaufst du mir den Rest? Ich zahl die dann extra.«

Der Kassierer arbeitete so schnell, dass Hayatos keine Möglichkeit blieb, weitere Einwürfe anzubringen. Dann war es zu spät, er erhielt die erste Rechnung und Alice bezahlte anschließend ihre Beute. Kaum hatten sie den Laden verlassen, stülpte sie den kleinen Ring, an dem der pausbackige Apfel baumelte, um einen seiner Finger. Jetzt zuckte es noch mehr in seinem Gesicht. Deutlich auffallend vor allem an der verkrampften Augenpartie, doch auch der angestiegene Puls wurde durch die hektisch pochende Halsschlagader sichtbar.

»Danke …«, war alles, was er herauspresste. Zuvor noch so jugendlich, verfinsterten jetzt Mimikfältchen der Zerknirschtheit seinen Ausdruck und verliehen ihm den zweifelhaften Charme eines missgelaunten Sturmgottes, der seine Laune mit einer Gewitterfront untermalte. All das nur wegen seiner Verzweiflung, dass er Pausbäckchen nicht hatte entkommen können. Pausbäckchen selbst grinste zufrieden, während es im Takt von Hayatos Gang an seinem Finger hin und her schwang.

Bevor ihr jedoch selbst das Lachen aus der Kehle brach wie Wasser durch einen baufälligen Damm, drehte sie sich um und hüpfte vergnügt zum Bahnhofsausgang. Weit kam sie nicht, denn kaum die Schwelle zum Vorplatz erreicht plättete sie die Hitze wie ein Vorschlaghammer.

Von wegen unter dreißig Grad! Gefühlt war es eher wie im Tropenhaus: Stickig, luzifermäßig heiß und so feucht, dass sie glaubte, durch die Luft schwimmen zu können.

Nachdem Alices Augen sich an die stechende Helligkeit gewöhnt hatten, mit der der glühende Himmelskörper die Erde aufheizte und ihre Haut augenblicklich grillte, schweifte ihr Blick über die Straßen, die sich in mehrere Richtungen abspalteten. Die wuselige Menschenmasse hätte eine hervorragende Vorlage für ein Wimmelbild geboten: Schüler und Studenten, womöglich auf dem Weg nach Hause, Hausfrauen, die Einkäufe besorgten, Angestellte auf ihrer zeitlich stark begrenzten Jagd nach etwas Essbarem und etliche Touristen, lechzend nach Naganos Sehenswürdigkeiten, wie der Teufel nach der armen Seele. Am meisten fiel ihr jedoch ein Mädchen auf, das mit einem Lächeln, das selbst der Sonne Konkurrenz machte, im traditionellen rot-weißen Mikogewand und höflichsten Gebärden Flyer verteilte.

Alice starrte sie unverhohlen an. Die Haare reichten der Kleinen, die vermutlich trotz ihres kindlichen Aussehens bestimmt in ihrem Alter war, bis weit über den Hintern. Mit jedem Schritt wallte der viele Stoff der Priesterinnenkluft um ihre zierliche Figur. Irgendwie erinnerte sie Alice an die Frau aus ihrem Traum, jene mit den langen Haaren und dieser fließenden Art sich fortzubewegen, obwohl sie eindeutig ein viel sanfteres und unschuldigeres Gesicht hatte.

»Bitteschön!« Im nächsten Augenblick hatte sie einen bunten Zettel vor der Nase, auf den in großflächigen Kanji etwas geschrieben stand, das ihr Gehirn erst mal außerstande zu entziffern war. Verwirrt blinzelnd sah sie an dem Papier vorbei auf die Unbekannte, die sie weiterhin angrinste und deren Augen funkelten wie Gischt im Sonnenschein, immer wenn ihr Blick sehnsüchtig auf Alices langen Pferdeschwanz glitt.

Ah, ja stimmt. Japaner und ihre Begeisterung für ausländische Haarfarben. Sprich alles, was anders war als Schwarz. Selbst ein dunkles Braun war hier schon eine Sehenswürdigkeit und brachte die Einwohner dazu einen zu betrachten, als wäre man ein exotisches Tier in einem Zoo. Mit ihrem Blond war Alice daher bereits bei ihrer Ankunft aus der Menge gestochen wie ein pulsierendes Glühwürmchen im nächtlichen Wald.

»Äh … danke«, erwiderte sie perplex und nahm den Flyer an sich. Das Mädchen grinste noch breiter, hüpfte aber sofort weiter zum nächsten Passanten und bot auch diesem ihr Flugblatt an.

Wie ein kleiner rot-weißer Flummi, dachte sie bei sich und musste über die Art der jungen Japanerin grinsen.

»Was hast du da?« Hayatos Stimme zog ihre Aufmerksamkeit von der Priesterin ab und sie studierte diesmal den Zettel genauer. Anstelle einer Antwort hielt sie ihm das Papier jedoch vor die Nase.

»Ein Schreinfest«, murmelte er. »Ich meine, das ist gar nicht weit von deiner Uni entfernt, wo du angenommen wurdest.«

»Oh wirklich?«

»Glaube schon. Jetzt komm aber, du bist sicher erschöpft.«

»Mhm«, machte sie nur, während sie sich automatisch in Bewegung setzte. Noch einmal schaute sie über die Schulter zu dem Mädchen. Auch diese ließ es sich ihrerseits nicht nehmen Alice nachzuspannen und lächelte, als sich ihre Blicke begegneten.

Alice spürte ein Schmunzeln, das über ihre Lippen huschte. Nur eine Frage blieb offen: Wie schaffte es die Japanerin überhaupt, in dem vielen Stoff und bei der Hitze so unbeschwert und frisch zu wirken? Dann verlor sie die Priesterin aus den Augen und tapste schneller, um ihren Paten einzuholen, der ebenfalls ungeachtet der Affenhitze ein unmenschliches Tempo vorlegte.
Immerhin hatte der Wagen eine Klimaanlage gehabt und auch in ihrem neuen Zuhause hatte sich zumindest etwas Kaltes zu Trinken gefunden. So ausgedörrt und verschwitzt wie sie war, war ihr sogar egal, was sie trank, Hauptsache es war flüssig und gekühlt. Ohne Umschweife hatte Alice daher die Kanne ungesüßten Malztee aus dem Kühlschrank geleert. Den warmen Tee, den Hayato ihr ernsthaft vorsetzen wollte, allerdings nur mit einem abfälligen Blick gestraft. Es hatte den Tee nicht gestört, er hatte einfach unberührt ob ihrer Abneigung vor sich hingedampft. Selbst als es auf das Abendessen zuging, stand die Tasse nach wie vor in stillem Vorwurf neben ihr auf dem Tisch. Wie ein Sinnbild eines erhobenen Mahnfingers, der sie erinnern wollte, wie gesund dieses Gebräu doch war. Alice beschloss auch weiterhin das immer noch zu warme Gesöff konsequent mit Ignoranz zu behandeln. Ja, sie war Engländerin, ja, sie mochte Tee, aber nur, wenn es draußen winterlich war! Oder wenn der Tee selbst kalt und mit einer ordentlichen Dosis Süßungsmittel versetzt war.

Generell war das Essen jedoch eine kleine Überraschung gewesen. Neben einer opulenten Auswahl an Gemüse und Fleisch kombiniert mit dem obligatorischen Reis, hatte Hayato sich sogar um ihre heißgeliebten Inari-Sushis bemüht. Die süßen, reisbefüllten Tofutäschchen waren als erstes in ihrem Bauch verschwunden. Blöd nur, dass Hayato seine Portion eisern zu schützen wusste. Fast glaubte sie, er mochte die mehr als sie. Was natürlich faktisch betrachtet gar nicht möglich war. Aber die kompromisslose Art wie sehr er gerade diesen Essensbestandteil vehement verteidigte, machten sie zumindest einen Augenblick stutzig.

Auch das restliche Essen befand sie als ziemlich lecker, überraschenderweise. Vielleicht wäre sogar ein Lob angebracht, dachte sie, sprach es glücklicherweise nicht aus, denn später fand sie zufällig die vielen Packungen in der Küche. Tatsächlich war jede Komponente bereits fertig zubereitet gewesen und seine Meisterleistung hatte lediglich darin bestanden alles aufzuwärmen. Einzig den Reis hatte es frisch aus dem Reiskocher gegeben, aber den zu bedienen war auch keine Wissenschaft.

Jetzt lag sie hier, Arme und Beine weit von sich gestreckt, wie ein überfahrenes Tier. Das Gesicht halb vergraben schnorchelte Alice in ihr Kissen ohne Schlaf zu finden. Träge schielte sie in die Dunkelheit des Zimmers. Im Mondschein erkannte sie in der Ecke ihre Koffer, beide geöffnet und den Inhalt schlampig heraus gezupft. Aufräumen konnte sie auch morgen noch oder am Wochenende oder wenn sie die Lust dazu fand.

Daneben nahmen Wandschränke eine ganze Seite ein. Immerhin hatte Hayato Rücksicht genommen und ihr ein Bett im westlichen Stil besorgt. Dieses jedoch beanspruchte einen Großteil des Raumes.

Kein Platz, für nix. Sie seufzte und ihr Atem verteilte sich warm im Kissen, das an ihrer Wange klebte. Die Vorurteile stimmten doch: In Japan war einfach alles kleiner. Schon auf der Fahrt hatte sie bemerkt, dass selbst die meisten Autos wie geschrumpft wirkten, so dass ein Mini Cooper als Normgröße durchging. Kein Wunder bei den engen Straßen, wo zwei handelsübliche Wagen fast nicht aneinander vorbeikämen.

»Du hast das größte Zimmer gleich nach dem Wohnzimmer«, hallten Hayatos Worte in ihrem Kopf, als er ihr ihr neues Domizil gezeigt hatte.

Half nichts. Wie sie ihren gesamten Besitz hier unterbringen sollte, würde noch in einem gewaltigen Abenteuer ausarten. Na ja, vorausgesetzt der kam irgendwann überhaupt an. Doch ihr immer durchdachter und strukturierter Pate war zuversichtlich erschienen, dass alles in den kommenden Tagen hier eintrudeln würde.

Unzufrieden rollte sich Alice herum, stoppte am Bettrand und schwang nach kurzem Überlegen die Beine über die Kante. Hinter ihr spielten die Vorhänge im leichten Luftstrom, der durch das geöffnete Fenster etwas frische Luft hereintrug, und kitzelten ab und an ihre Schulter. Noch einige Sekunden unschlüssig stand sie schließlich ganz auf. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich bereits eine Stunde herumwälzte. Vielleicht half etwas zu trinken.

Auf leisen Sohlen schlich sie zur Tür, öffnete diese mit einem fast unhörbaren Klicken und lugte nach draußen. Aus dem Wohnzimmer drang der schwache Schein einer Lampe. Offensichtlich war Hayato ebenfalls noch wach, dabei hatte er vorhin auch ausgesehen als hätte er Schlaf dringend nötig.

Ohne das kleinste Geräusch zu verursachen, tippelte sie bis zum Eingang des Wohnraumes und spähte durch einen schmalen Spalt hinein.

Dort saß er, ein wenig zusammengesunken. Den Rücken zur Tür hatte sich Hayato vor den Altar gesetzt, auf dem sich ein Foto ihrer Eltern befand. Nun ja, »Altar«. Es handelte sich um eine Kommode mit dem gerahmten Bild und zwei Kerzen – je eine davon rechts und links. Davor hatte er einen zarten Ahornzweig mit filigranen roten Blättern platziert, daneben ein Glas mit einer bräunlichen Flüssigkeit – nur einen Fingerbreit eingeschenkt.

Alice kniff die Augen zusammen, erkannte, dass er selbst auch eines in der Hand hielt und neben ihm eine Flasche Whiskey stand – Papas Lieblingswhiskey.

Der Anblick schnürte ihr die Kehle zu. Er vermisste sie eindeutig so sehr wie sie und hatte sich damals sogar noch um den ganzen organisatorischen Kram kümmern müssen. Nicht nur die Beerdigung, auch das Aufräumen auf dem Schreingelände samt Wohngebäude, wo ihre Eltern den Rest ihres Lebens hatten verbringen wollen, sowie das Auflösen ihres restlichen Hab und Guts in England. Dazu war die Vormundschaft für Alice gekommen. Mit ihren damals noch achtzehn Jahren blieb das Gesetz unerbittlich. Obwohl sie nicht alles mitbekommen hatte, so wusste sie, dass Hayato viel mit den englischen Vorschriften hatte kämpfen müssen. Ein alleinstehender Mann ohne Blutsverwandtschaft und dazu …

Womit verdiente er eigentlich sein Geld? Hinter ihrer Stirn arbeitete es. Tatsächlich konnte sie sich nicht entsinnen, jemals gehört zu haben, was für einen Job er überhaupt hatte. Nun, sie hatte angenommen, dass er wie Papa Ethnologe war, vielleicht sogar sein Assistent. Häufig genug hatten die beiden zusammengesessen und über Papas Arbeit gesprochen. Manchmal hatte sich Alice auf den Gang vor das Wohnzimmer geschlichen und ihnen gelauscht. Alte Legenden und Bräuche aus Japans Vergangenheit hatten selbst auf ihr kindliches Ich eine fesselnde Faszination ausgeübt. Im Schatten hatte sie so neben dem Ständer mit der Vase gesessen, bis Mama sie erwischt hatte. Als wäre es gestern gewesen, sah sie ihr Gesicht vor sich. Mit den langen karamellbraunen Haaren, den dunklen Augen und geschwungenen Lippen, über die fast immer ein Lächeln getanzt hatte. Geschimpft hatte sie nicht, nur mit einem Zwinkern den Finger auf den Mund gelegt und sie schließlich an der Hand führend zurück ins Bett gesteckt.

Während die Erinnerung wieder blasser wurde, fiel Alices Blick erneut auf Hayato. Irgendwie hatte er immer zur Familie gehört. Irgendwie war er immer da gewesen. Bis auf die letzten sieben Monate, in denen er so viel um die Ohren gehabt hatte, derweil sie in England trotz ihrer Trauer um einen Abschluss gekämpft hatte. So wie er jetzt dasaß, hatte er genauso zu kämpfen gehaben. Und jetzt war er alles, was von ihrer Familie übrig geblieben war.

Stechend krampfte sich ihr Herz in ihrer Brust zusammen und der Kloß in ihrem Hals hüpfte träge auf und ab. An ihm vorbei schob sich ein Laut, den sie nur halb unterdrücken konnte, und der als fiependes Hicksen schließlich ihre Lippen verließ. Sofort fuhr Hayato herum und starrte sie an – bedrückt, mitleidig, aber auch irgendwie … erleichtert?

»Du bist noch wach?« Seine Stimme klang fahl, als würde ihr Substanz fehlen. Unsicher spielte Alice am Saum ihres Trägertops und sah unruhig umher, brachte nicht mehr als ein Nicken zustande. »Entschuldige Alice.« Plötzlich ließ er den Kopf sinken, fixiert auf einen Punkt, den sie nicht genauer bestimmen konnte. Aber es wirkte, als würde er gar nicht etwas Bestimmtes ansehen, sondern einfach ins Leere blicken – oder vielleicht auch wie sie zuvor in die Vergangenheit?

»Was? Wofür?«

»Fremdes Land, fremde Sitten, fremde Sprache«, er seufzte und seine Stimme sank weiter herab. »Fremdes Zimmer. Kein Wunder, dass du keine Ruhe findest.«

»Das Zimmer im Internat war auch fremd.«

Etwas träge drehte er wieder den Kopf zu ihr, musterte sie und ganz zaghaft, als wagte er nicht zu lächeln, zuckten seine Mundwinkel.

»Ich bin froh, dass du … dass du hier bist. Bei mir.«

Jetzt krallte sich der Kloß erneut in ihre Luftröhre und ein unkontrollierbares Zittern durchlief sie, als hätte sie jemand an einen Stromkreis angeschlossen. Sie spürte die Tränen schon bevor diese mit unbändiger Kraft in ihre Augen schossen.

»Hayato.« Es war nicht mehr als ein ersticktes Krächzen, doch kaum war es ihrer Kehle entfleucht, hob er den Arm und winkte sie heran.

Ohne ihr bewusstes Zutun reagierte ihr Körper von allein. Die wenigen Meter flog sie regelrecht zu ihm hinüber, ehe sie in einer Bruchlandung in seinen Arm endete. Mit einem Schlag brachen all die Gefühle heraus, die sie sieben Monate zurückgehalten hatte. Sieben lange Monate, in denen sie, nach dem ersten Schock, versucht hatte ihr Leben weiterzuführen, weil sie wusste, dass ihre Eltern sich das gewünscht hätten. Doch jetzt, wo endlich wieder jemand hier war, jemand, der ihre Qual teilte, riss die Mauer ein, die sie so sorgfältig Stein um Stein um ihre Trauer gebaut hatte, als wäre sie aus nassem Papier.

Warum hatte das Schicksal ihr Mama und Papa so früh genommen? Warum beide gleichzeitig? Warum hatte sie nichts dagegen ausrichten können?

Als hätten sich Millionen Tränen angestaut brachte sie einige Zeit nichts weiter als Schluchzen zustande und tränkte Hayatos Hemd mit dem salzigen Wasser aus ihren Augen. Nur ganz langsam ebbte es ab. Zurück blieb ein dumpfer Schmerz, der ihre Organe umklammerte und ihr unmissverständlich zuflüsterte, dass er nie wieder gehen würde. In ihrem Kopf schwebten die durchscheinenden Abbilder der zwei Menschen, die sie über alles liebte. Wie ein seidenes Tuch im Wind flatterte deren Bildnis vor dem Schrein, den die beiden als neues Heim erkoren hatten. Sie wandten Alice den Rücken zu, lächelten jedoch über die Schulter zu ihr zurück und dann …

»Warum … warum weiß ich nichts mehr?«, wisperte sie schließlich. Da waren sie wieder, diese Schatten, die immer ihre Gedanken angriffen, wenn sie an das Ende ihrer Eltern dachte. Es war ein Biest, das tief in ihr lebte und ihr jedes Mal die Bilder entriss.

Warum nur? Damals war sie dabei gewesen, hatte den Schrein ihrer Eltern ebenfalls begutachtet, der auch ihr zukünftiges Zuhause hatte werden sollen. Anfangs war Alice natürlich eingeschnappt gewesen, sie hatte England nicht verlassen, schon gar nicht ein schönes Haus gegen dieses unbekannte japanische Schreingelände mitten im Wald tauschen wollen. Doch nach wenigen Wochen, die sie dort zusammen verbracht hatten, war sie etwas ruhiger geworden. Auch wenn die Umgebung ungewohnt war, war es doch hübsch gewesen. Vor allem an jenem Abend als sie zu dritt auf dem überdachten Gang vor dem Gebäude gesessen hatten. Angelehnt an Mama hatten sie einer von Papas Erzählungen gelauscht bis …

»Alice!« Hayatos Stimme schnitt die Empfindungen ab wie eine Schere. Erst jetzt merkte Alice wie schwer sie atmete und sich an seiner Brust zusammengekrümelt hatte. »Es war …« Ein Stocken. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht und sanft strich er ihr Haar hinter ihr Ohr zurück.

»Ich war … doch da …« murmelte sie erneut.

»Manchmal«, seufzte er nach einer kurzen Pause und sie spürte, wie er sich straffte und die Arme enger um sie zog. »Quäl dich bitte nicht damit. Manchmal sind Erlebnisse zu schrecklich, als dass man sich erinnern will.«

Aber ich will …

Will ich wirklich?

Allmählich übermannte sie doch der Schlaf. An ihn gelehnt fühlt es sich nach so langer Zeit endlich wieder an wie … zu Hause. Müde senkten sich ihre Lider und löschten langsam ihr Umfeld aus. Das letzte, was sie sah, war die leuchtende Scheibe des Mondes, über die sich ein Schleier legte – ein Schleier aus Rot.

»Hayato«, sie war schon gar nicht mehr Herr ihrer Zunge, doch etwas trieb sie an die Frage auszuhauchen. Und während sie wisperte, merkte sie noch wie sich jeder Muskel in ihm dermaßen verhärtete als würde er zu Stein erstarren. Aber sie war zu matt um nachzuhaken und so glitt sie von ihren eigenen Worten begleitet ins Traumland: »Warum, Hayato, wird … der Mond … rot?«

2. Wunderland