Prolog

Flügel der Gejagten

Prolog

Unter den Hufen des Rappen knirschte der Schnee. Im Vorbeireiten streiften Tannenzweige den zusammengekauerten Reiter, der seine Arme und Beine kaum noch spüren konnte. Eine schwere Kapuze und ein Tuch verbargen sein Gesicht bis auf die Augen, die er erschöpft zum Himmel hob. Es sah aus, als ob es bald wieder schneien würde, und der Tag neigte sich dem Ende zu.

Drei Tage war er nun schon unterwegs und hatte nur die nötigsten Pausen eingelegt, mit unruhigem Schlaf und hastig aufgeschlagenem Lager. Seitdem er die Grenze hinter sich gelassen hatte, schaute er seltener zurück. Nun aber fürchtete er die Kälte und Dunkelheit der herannahenden Nacht.

Ein schneidender Wind ließ ihn das Gesicht in seinem Mantel vergraben. Er überließ sich den schaukelnden Bewegungen des Pferdes - in der Hoffnung, dass das Tier einen Weg in die Zivilisation finden würde.

 

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Dumpf und sich wiederholend. Und es schien nicht weit entfernt. Kurz lauschte er, dann wendete er das Pferd und lenkte es in die Richtung des Geräusches.

Womöglich war das seine nahende Rettung – oder sein Untergang.

Das Unterholz wurde dichter und er hob eine Hand um die Zweige abzuwehren, die ihm ins Gesicht schlugen. Nach mühsamem Vorankommen sah er einen schwachen Schein zwischen den Bäumen und hielt darauf zu.

Kurze Zeit später trat sein Pferd aus dem Wald heraus auf eine weitläufige Lichtung. Zu seiner Linken spaltete ein mit dem Rücken zu ihm stehender Mann ein Stück Holz. Die Axt in seinen Händen blitzte bei jedem Schlag auf.

Er lenkte das Pferd bis auf Rufweite heran.

Seinen Dolch ertastend erhob er heiser die Stimme: „Seid gegrüßt!“

Der Mann fuhr herum.

„Wer seid Ihr?“, fragte er argwöhnisch.

„Wem dient Ihr?“, fragte hingegen der Reiter.

Der Mann runzelte die Stirn, überlegte, beschloss jedoch, die Frage zu beantworten. „Ich diene allein unserem König Lodenon, wie alle hier in Sekarus.“

Hinter ihm öffnete sich die Tür einen Spalt und eine alte Frau steckte ihren Kopf heraus. „Lorus, wer ist das?“, fragte sie mit gepresster Stimme. Von ihrem Rücken verdeckt, hielt sie etwas umklammert.

Der Reiter ritt näher heran. Dann stieg er umständlich aus dem Sattel.

Die Augen der alten Frau weiteten sich, während der Mann den Stiel seiner Axt fester packte.

Mit steifen Fingern zog der Reiter das Tuch vom Gesicht und nahm die Kapuze vom Kopf. Ein dunkelbrauner Zopf und feine Gesichtszüge kamen zum Vorschein.

Verblüfft ließ der Mann die Axt sinken, als er erkannte, dass eine Frau vor ihnen stand.

„Mein Name ist Edonya und ich brauche dringend eine Bleibe für die Nacht.“ Ein Wimmern kam unter ihrem Umhang hervor und sie schlug das Tuch, das sie umgelegt hatte, zur Seite. Ihre Hand strich über ein blasses Kindergesicht.

„Wir brauchen eine Bleibe für die Nacht“, verbesserte sie sich. Als ihr verzweifelter Blick den Blick der alten Frau traf, nickte diese wortlos. Der Mann trat neben Edonya und griff nach den Zügeln.

„Ich versorge dein Pferd“, sagte er. Doch die junge Frau antwortete nicht. Rasch griff der Mann nach dem Kind, das ihr aus den Armen zu gleiten drohte, als sie zusammensackte. „Mutter, nimm das Kind!“, rief er und drückte das Bündel der alten Frau in die Arme, die es ins Innere der Hütte brachte. Dann hob er Edonya vom Boden hoch und folgte ihr.

Kapitel 1 - Ein Missgeschick