Kapitel 1

Scarlett Letters - Follow Me or Fade

Kapitel 1

#powerbreakfast

Seufzend setzte ich ein „Guten Morgen, ihr Lieben!“ unter das Foto meiner Müslischüssel, schickte den Post ab und legte das Handy neben mich auf den Marmortresen. Während die ersten Likes eintrudelten, begann ich zu essen.

Wie konnten sich die Leute immer noch so für mein Frühstück interessieren? Ich aß jeden Morgen das Gleiche. Wütend hackte ich mit dem Löffel auf den hübsch arrangierten Bananenscheiben auf meinem Müsli herum. Jeden Tag verschwendete ich mindestens zehn Minuten darauf der Welt mitzuteilen, was ich frühstückte.

Auf dem Bildschirm trudelten die ersten Kommentare ein. Die Leute posteten Smileys mit Herzaugen, lobten mich für mein gesundes Frühstück oder waren neidisch. Der übliche Wahnsinn.

Ich schaltete den Bildschirm aus, um in Ruhe essen zu können. Seufzend schloss ich die Augen und genoss die Stille in meiner Wohnung. Es würde der einzige Moment Ruhe sein, den ich heute bekommen würde.

Nachdem ich aufgegessen hatte, stellte ich die Schüssel in die Spülmaschine unter der Marmorarbeitsplatte. Dann überprüfte ich meinen Rang. Siebenhunderteinundvierzig. Viel zu nah an siebenhundert. Ich ging aus der Küche, die nur durch eine Theke vom Wohnzimmer getrennt wurde, und betrat mein Schlafzimmer.

Hastig schüttelte ich die helle Decke aus und ließ sie auf das Bett sinken. Dann verteilte ich die bunten Dekokissen, die ich jeden Abend auf den Boden warf, darauf. Zufrieden betrachtete ich mein Werk. Jetzt war das Zimmer präsentabel.

Ich betrat meinen Kleiderschrank und zog die ersten beiden T-Shirts hervor, die mir in die Hand fielen. Dann steckte ich mein Handy in die Halterung, die an der Wand neben der Tür zum Schrank angebracht war. Ich hielt die beiden Shirts hoch und zwang ein Lächeln auf mein Gesicht. Sobald ich stillhielt, schoss mein Handy ein Bild.

Ich nahm es aus der Halterung und betrachtete das Foto. Gut genug.

„Rot oder blau?“, schrieb ich unter das Bild, „Ihr dürft entscheiden, was ich heute anziehe! Ihr habt zehn Minuten Zeit! Go!!!“

Während ich darauf wartete, dass meine Follower sich für ein T-Shirt entschieden, sah ich mir die Beiträge meiner Freunde an. Ich postete fröhliche Kommentare unter ein halbes Dutzend Müslischüsseln, bevor ich weiteren drei Freundinnen mitteilte, dass sie morgens direkt nach dem Aufstehen fantastisch aussahen. Mit jedem Post stieg mein Kommunikations-Rang. Zusammen mit den Likes meiner beiden Posts kletterte ich auf siebenhundertdreiundsiebzig. Erleichtert atmete ich auf. Die Plätze, die ich über Nacht verloren hatte, hatte ich jetzt wieder aufgeholt.

Wie von meinen Followern bestimmt, zog ich mir das blaue T-Shirt an. Kritisch betrachtete ich mich in dem großen Spiegel in meinem Schrank. Gut genug. Dann packte ich meine Tasche und machte mich auf den Weg zu meiner ersten Vorlesung. So früh morgens waren die Straßen Sky Citys noch sehr leer. Autos fuhren hier sowieso kaum, doch es waren auch noch nicht viele Fußgänger unterwegs. Mein Weg führte mich an hellen Hochhäusern mit großen Fensterfronten vorbei, bis ich schließlich die große weiße Treppe zum chemischen Institut hochlief und den richtigen Semniarraum betrat.

Ich schlängelte mich durch die Reihen, bis ich einen Stuhl im mittleren Teil fand, der mir eine gute Sicht ermöglichte.

#vielzufrüh #Chemie #Hauptgruppenelemente

Sobald ich meine Sachen ausgepackt hatte postete ich erstmal, um meinen Rang halten zu können. Warum studierst du überhaupt Chemie? War eine der ersten Fragen, die ich bekam. Ich verdrehte die Augen. Schon wieder diese Frage. Nachdem ich während meiner Schulzeit immer zu den Leuten mit den höchsten Rängen gehört hatte, hatten alle erwartet, dass ich irgendetwas mit Mode oder Medien studieren würde, so wie alle meine Freundinnen. Allein meine Entscheidung zu studieren, was mich wirklich interessierte, hatte mich tausende Follower und viel zu viele Punkte meines Beliebtheits-Rangs gekostet. Inzwischen hatte mein Account sich wieder etwas erholt, aber an die Ränge meiner Schulzeit kam ich trotzdem nicht wieder heran. Dabei hatte mein Content sich kaum verändert.

Hastig sah ich mir die Posts in meinem Feed durch, likte und kommentierte.

#Uni #Gym #Fashion #Morgenmuffel #erstmalKaffee #soaufgewacht

Als ich den Kopf wieder hob, sah ich, dass der Dozent mir einen bösen Blick zu warf. Schuldbewusst legte ich das Handy weg. Dabei war ich längst nicht die einzige, die den Blick aufs Smartphone gesenkt hatte.

Doch mein Rang würde es verkraften, wenn ich mich für den Rest der Stunde auf den Stoff konzentrierte. Immerhin waren bald Klausuren. Ich zog mein Tablet zu mir heran und begann mir Notizen zu machen. Der Dozent wirkte fast dankbar. Von den dreißig Studenten im Raum war ich die einzige, die ihm den Rest der Stunde zuhörte.

Sobald die Stunde vorbei war, zog ich mein Handy hervor und fotografierte meine Notizen.

#lernen #Chemie #SkyCityTech #besteUni

Hastig packte ich meine Sachen ein und machte mich auf den Weg zur nächsten Vorlesung, während mein Post die ersten Likes sammelte.

@ScarlettLetters #besteUni #sotrue SkyCityTech ist mein größter Traum! Irgendwelche Tipps?

Ich seufzte, als ich den Kommentar sah.

Lernen, lernen, lernen, antwortete ich, dann schaffst du das schon. Ich glaube an dich!

Doch wenn Meghansaysitall so weiter machte, würde sie es niemals ans Sky City Tech schaffen. Ihr Rang lag unter fünfhundert. Egal, wie viel sie lernte, egal wie intelligent sie war, um studieren zu dürfen musste sie mindestens einen Rang von siebenhundert haben. Ich war hier nicht wegen meiner guten Noten angenommen worden, sondern weil mein Rang über neunhundert gelegen hatte, als ich die Schule beendet hatte.

Oh mein Gott, Scarlett! Danke für deine Antwort. Du bist mein großes Idol!, schrieb Meghansaysitall.

Ich verdrehte die Augen. Sie hatte keine Ahnung, was ich wirklich draufhatte. Ich postete immer nur oberflächliche Sachen, weil das einfach viel besser ankam als etwas, bei dem die Leute wirklich nachdenken mussten.

Ich markierte ihren Post als Favorit, damit er in meinem Feed erschien. Darunter schrieb ich #honored Danke, Meghan, das bedeutet mir so viel!

Innerhalb der nächsten Minuten stieg Meghans Rang über fünfhundert, während meiner in die Achthunderter katapultiert wurde. Die Leute liebten so etwas. Ich wurde mit Lob überhäuft, weil ich meine Follower ja so sehr unterstützte.

Die nächste Vorlesung gab mir eine Ausrede, das verdammte Handy endlich mal für ein paar Minuten in die Tasche zu stecken.

Als ich mittags die Cafeteria betrat, winkte mir meine Freundin Jennifer von einem der runden Tische aus zu. Ich holte mir an der Theke einen Salat und setzte mich zu ihr.

„Halt!“, sagte sie, als ich meine Gabel in die Hand nahm.

Sie zog ihr Handy heraus. Ich unterdrückte ein Seufzen, lehnte mich zu ihr, zeigte den Daumen hoch und grinste, als sie das Bild schoss.

„Perfekt“, murmelte sie. Während sie noch damit beschäftigt war, Hashtags unter das Bild zu setzen, begann ich zu essen.

„Wie war dein Vormittag so?“, fragte ich sie.

Sie zuckte die Achseln. „Wie dir wahrscheinlich schon aufgefallen ist, hatte ich keine Lust auf die Vorlesungen und war stattdessen im Fitnessstudio.“

Ich nickte. Natürlich hatte ich ihre Posts gesehen. Die meisten hatte ich wahrscheinlich sogar geliked, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern konnte.

„Aber du gehst heute Nachmittag schon ins Labor, oder?“, wollte ich wissen.

Sie verzog das Gesicht. „Ich muss ja wohl.“ Da hatte sie recht. Dieses Semester war sie so oft nicht da gewesen, dass sie es sich kaum leisten konnte noch mehr zu verpassen. „Ich wünschte, ich wäre auch schon fast fertig, so wie du.“

Anstatt ihr zu sagen, dass sie das auch sein könnte, wenn sie nicht ständig schwänzen würde, schenkte ich ihr ein Lächeln. „Du packst das schon.“

Sie sah auf ihr Handy. „Immerhin muss ich mir keine Sorgen um meinen Rang machen. Hast du gehört? Anna Smith hängt schon seit Tagen knapp über siebenhundert. Die sind wir wahrscheinlich bald los. Wird auch Zeit.“

„Erbärmlich“, murmelte ich, obwohl ich Anna mochte. Sie war nicht nur nett, sondern auch wirklich intelligent. Sie hatte es verdient hier zu sein.

Nach der Mittagspause machten wir uns auf den Weg ins Labor. Sobald wir eintraten, wehte mir der omnipräsente Geruch nach faulen Eiern entgegen. Schwefelwasserstoff, der wohl eindeutigste Nachweis für Sulfide, wenn auch nicht der angenehmste oder gesündeste. Das Labor war der einzige Raum hier, der nicht perfekt sauber und steril wirkte. Auf dem Boden waren einige braune Flecken, die keine Putzfrau mehr entfernen konnte. Die Arbeitsflächen neben den Abzügen waren von Müll und Glasgeräten übersäht, obwohl der Saal gerade erst geöffnet worden war. In den meisten Abzügen sah es noch viel schlimmer aus. Wie immer gewöhnte ich mich schnell an den Geruch, auch wenn ihn weiter wahrnahm.

Vor unseren Abzügen posteten Jennifer und ich ein Bild von uns in Kittel und Schutzbrille. #Labor #Ionenlotto

Ich brauchte zwei Anläufe, damit mein Lächeln überzeugend wirkte.

„Was ist los mit dir?“, fragte Jennifer, „Du machst doch sonst immer perfekte Selfies.“

Ich zuckte die Achseln. „Habe nicht so gut geschlafen.“

Sofort senkte sich ihr Blick wieder auf ihr Smartphone. „Ich habe da neulich erst einen Artikel drüber gelesen. Da waren ein paar Tipps drin. Warte, ich schicke ihn dir.“

„Danke.“ Das nächste falsche Lächeln verzerrte mein Gesicht. „Ich hole unsere Analysen.“

Im Moment brauchte ich dringend etwas Abstand von ihr. Ich bahnte mir einen Weg durch die anderen Studenten. Die meisten waren damit beschäftigt Fotos zu machen, anstatt zu arbeiten. Zweimal wurde ich für ein Selfie angehalten. Von mir aus. Dann würde wenigstens mein Rang etwas steigen, ohne dass ich mehr dafür tun musste.

Am Tisch mit den Mörsern angekommen, suchte ich Jennifers und meinen heraus und trug sie zurück zu unserem Abzug.

„Hier.“ Sobald ich ihr den Mörser vor die Nase stellte, machte sie ein Foto davon. Ich unterdrückte ein Seufzen, tat es ihr aber nach. #8.Analyse #WasistinmeinemMörser?

Nachdem ich das Bild gepostet hatte, beugte ich mich über die kleine Schale. Sie war gefüllt mit einer Vielzahl verschiedener Salze, die ich analysieren musste. Ich griff nach meiner Pinzette und begann mir einige der verschiedenfarbigen Kristalle herauszupicken.

„Wie hübsch“, sagte Jennifer, als sie meine Kristallhäufchen sah, „Willst du das nicht posten?“

Erneut zwang ich ein Lächeln auf mein Gesicht. „Natürlich.“

Der Post bekam sofort einen ganzen Haufen Likes. Solange es nur hübsch bunt war, interessierten sich doch die meisten Leute für Chemie.

Ich war voll und ganz damit beschäftigt verschiedene Nachweisreaktionen durchzuführen, als einer der Betreuer neben mich trat.

„Und wie läuft‘s bei dir?“, fragte er mich.

„Geht so“, murmelte ich. Bisher hatte ich erst zwei Anionen nachgewiesen.

„Hm.“ Er zog seinen Analyzer aus der Tasche und zielte damit auf meine Probe. Das Gerät zeigte ihm sofort an, welche Substanzen sich in meinem Mörser befanden. Während wir Studenten dämliche Nachweisreaktionen machen mussten, die seit Jahrhunderten niemand mehr benutzte, konnte er unsere Aufgabe in Sekundenschnelle lösen. Was für eine Zeitverschwendung.

„Das Rosafarbene ist Mangansulfat und das Grüne ist Chromchlorid“, sagte er.

Ich runzelte die Stirn. „Danke.“

Als er sein Handy hervorholte, zwang ich mich zu grinsen.

Sobald er weiterging, rief ich seinen Post auf. Ich wusste, was von mir erwartet wurde.

So macht Labor Spaß! #BesterBetreuerever postete ich unter das Bild. Als ich sah, wie sein Rang von fünfhundertvier auf fünfhunderteinundfünfzig stieg, konnte ich ihm die Aktion nicht mehr übelnehmen. Um seinen Job zu behalten, brauchte er mindestens einen Rang von fünfhundert.

Dank seines Tipps war ich nur ein paar Stunden später fertig mit meiner Analyse, schrieb meine Ergebnisse auf und gab mein Laborbuch ab.

Als ich das Ergebnis bekam, postete ich sofort ein Bild von mir mit meinem Laborbuch.

Nur ein Fehler, Leute! Damit bin ich für dieses Semester fertig mit dem Labor! #Ionenlotto #Labor #Chemie #Freiheit

Oh nein, dann muss ich mich ja von meiner Lieblingslaborpartnerin verabschieden, schrieb Jennifer darunter.

Wann hatten wir eigentlich das letztes Mal nicht öffentlich über Social Media kommuniziert? Ich konnte mich nicht daran erinnern.

Erleichtert begann ich meine Sachen zu putzen, wovon Jennifer natürlich auch wieder Fotos machte.

Ich war heilfroh, als ich endlich fertig war und ohne sie das Labor verlassen konnte. Im Spindraum angekommen, pfefferte ich mein Laborbuch in meinen Spind, zerrte meine Tasche heraus und knallte die Tür zu.

Ich hastete die Treppen hinunter in Richtung Eingangstür. Alles, was ich wollte, war für ein paar Stunden Ruhe zu haben.

Sobald ich in die kühle Abendluft trat, schloss ich die Augen und atmete erstmal tief durch. Als ich sie wieder öffnete, fiel mein Blick auf einen großen dunkelhaarigen Typen, der auf der anderen Straßenseite an einer Hauswand lehnte und mich anstarrte. Unsere Blicke trafen sich, doch anstatt peinlich berührt wegzusehen, schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Sein Blick hielt mich gefangen, während sich ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend ausbreitete. Was wollte er von mir?

Er machte keine Anstalten auf mich zuzukommen, sondern starrte mich einfach nur an. Wer war er? Ich war versucht ein Bild von ihm zu machen, damit ich sein Profil suchen konnte, aber ich konnte mich nicht bewegen.  

Endlich überwog meine Skepsis die Faszination, die mich erstarren lassen hatte, und ich wandte den Blick ab. Ich eilte die Straße entlang in Richtung meiner Wohnung. Immer wieder blickte ich über die Schulter. Er sah mir einfach nur hinterher, mit diesem geheimnisvollen Lächeln. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich um die Ecke bog und ihn endlich hinter mir ließ.

Kapitel 2