1. Kapitel

Nebula (#dtvfantasynewcomer)

1. Kapitel

Bis auf einen einzigen Mann ist die Straße verlassen. Nur ein paar flackernde Laternen erhellen seinen Weg, aber ihr tatsächlicher Nutzen ist zweifelhaft. Irgendwo in der Ferne ertönt eine heulende Polizeisirene und der Mann beschleunigt seine Schritte. Oder zumindest versucht er es, doch die Last des riesigen Sacks, den er auf der Schulter trägt, verlangsamt ihn.
Ich kneife die Augen zusammen, um das Logo auf dem Beutel zu erkennen. Ich habe mich nicht geirrt. Der Mann hat Medizin bei sich.
Ich werfe einen Blick über meine Schulter. Mein kleiner Bruder Jen schläft ruhig und selig, zusammengerollt wie ein Kätzchen. In letzter Zeit ist er erschöpfter als sonst. Er braucht dringend Hilfe.
Wie unzählige andere Menschen ist er Opfer der Krankheit Nebula, die erst vor wenigen Jahren ausbrach und schnell zur Epidemie wurde. Sie hat das Leben aller Menschen radikal verändert. Die Kranken werden zu Schatten ihrer selbst, sie verblassen, als würde ihnen langsam das Leben ausgesaugt werden. Das einzige Heilmittel ist extrem selten und umso teurer. Und nicht einmal mit dieser Medizin ist eine Heilung garantiert. Meistens zögert sie das Leiden einfach nur ein bisschen weiter hinaus.
Ich blicke wieder auf die Straße, wo der Mann sich immer weiter entfernt. Zähneknirschend wäge ich meine Chancen ab. Er hat die Arznei wahrscheinlich gestohlen und braucht sie selbst. Wahrscheinlich befindet er sich in einer ganz ähnlichen Situation wie ich.
Ich schiebe meine moralischen Bedenken beiseite. Ich tue es für meinen Bruder.
Aber soll ich einfach ohne ihn aufbrechen? Eigentlich planen wir unsere nächsten Schritte über Wochen, wir handeln nie überstürzt. Im Gegenteil, wir arbeiten stets akribisch und wägen immer ab, welche Schritte uns am ehesten wieder nach Hause bringen.
Umgekehrt bietet sich mir vielleicht nie wieder so eine Chance. Das Heilmittel ist hier draußen so selten, dass es töricht wäre, diese Gelegenheit auszulassen. Immerhin habe ich keine Ahnung, wie viel Zeit Jen noch bleibt.
Ohne noch länger nachzudenken, fasse ich einen Entschluss. Wenn ich meinen Bruder retten will, muss ich das Risiko eingehen.
Hastig verlasse ich die Wohnung und klettere aufs Dach. Von dort aus folge ich dem Mann in das Straßenlabyrinth. Ich blicke nicht zurück.
Schließlich finde ich mich vor einer verlassenen Kirche wieder. In solchen Zeiten ist Religion keine Priorität, aber irgendwie hat dieses Gebäude es geschafft, den harten Zeiten zu trotzen und ist noch praktisch vollständig vorhanden. Ganz im Gegenteil zu den unzähligen Ruinen, die normalerweise das Straßenbild beherrschen. In dieser Gegend sind es noch mehr als in dem Viertel, in dem ich Jen zurückgelassen habe.
Wachsam folge ich dem Mann durch die dunkle Holztür ins Innere. Sofort habe ich den typischen Geruch nach Weihrauch und altem Holz in der Nase. Das Kirchenschiff ist ins schummriges Licht getaucht, die einzigen Lichtquellen sind ein paar magere Kerzen, die auf dem Altar aufgestellt wurden, sowie einige weitere Kerzen, die den Gang zwischen den Bankreihen spärlich beleuchten. Davor steht ein Mann, es sieht so aus, als würde er beten. Ich runzle die Stirn. Wie gesagt, die wenigsten Leute interessieren sich noch für den Glauben.
Der Lieferant geht auf den Altar zu und der betende Mann dreht sich um. Hastig ducke ich mich hinter einer Säule, als der erste sagt: „Hier ist die Medizin, Sir.“
„Gut“, erwidert eine kalte Stimme. „Gab es Komplikationen?“
Langsam schiebe ich mich an den kühlen Steinen entlang, um die beiden Männer besser sehen zu können.
Der Lieferant lacht kurz auf. Seine Stimme klingt rau und erinnert mich irgendwie an einen Felsen. „Kaum. Sie haben sich natürlich gewehrt, aber es hat nicht viel gebracht. In dem Labor war sogar eine Hexe, aber sie ist geflohen, bevor ich sie erwischen konnte.”
Langsam beginnt Angst in mir aufzusteigen. Wo bin ich hier hineingeraten? Nur speziell ausgebildete Menschen, die Jäger, wagen es, sich mit Hexen anzulegen. Aber die Jäger sind für gewöhnlich Angestellte des Staats und greifen nicht dessen Labore an. Und sie schleppen auch keine Säcke mit Medizin in zwielichtige Stadtteile.
Meine Augen zucken zu dem Eingangstor hinter mir. Da der linke Türflügel fehlt, könnte ich ungehindert hinauslaufen, aber dafür ist der Ausgang direkt im Blickfeld der beiden Männer. Ich bin zwar eine exzellente Läuferin, aber ich will mich nicht unbedingt mit jemandem messen, der sich mit Hexen anlegt.
Im Geiste verfluche ich mein überstürztes Handeln. Ich sollte schleunigst von hier verschwinden und zu meinem Bruder zurückkehren, damit wir uns etwas anderes überlegen. Diese Typen sind nicht mein Kaliber und tot nütze ich meinem Bruder noch weniger als ohne Heilmittel.
„Was werden Sie als nächstes tun, Sir?“
Ich höre, wie einer der Männer eine Kerze ausbläst, dann noch eine. Schließlich kommt die Antwort: „Nun, da du auf eine Hexe gestoßen bist, werden wir sie suchen und auf die eine oder andere Art dazu bringen mitzukommen. Das übliche Prozedere.“
Ich erschaudere. Niemand droht einfach so einer Hexe. Wer auch immer diese Kriminellen sind, sie sind definitiv etwas größere Fische als die Diebe und Räuber, die man normalerweise hier draußen trifft.
„Aber wir brechen erst morgen auf. Und bevor wir uns ausruhen, warum begrüßt du jetzt nicht unseren Gast? Hat dir nie jemand beigebracht, dass es unhöflich ist, andere Leute zu belauschen, Kleine?“

2. Kapitel